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Wiener Morgenzeitung · 1927-05-13 · Heft 2948 (13.5.1927) · p. Seite 2

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
9 (1927)
Issue
Heft 2948 (13.5.1927)
Date
1927-05-13
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Wien, Freitag Wiener Morgenzettung 13. Mai 1927 Nr. 2948 S?it-e 2 Kn unbekanntes Problem» —y, Wien, 13. Mai. Die Weltwirtschastslonferenz trat sich in eine Anzahl von Komnr.lssivncn aufgelöst, nachdem di<- graste Generaldebatte vier Tage lang dje Aufniertsamleir des Plenums gefesselt hatte. Den Mittelpunkt bildete der Kampf gegen den Schutzzoll, und es zeigte sich, das; die überwiegende Mehrzahl der Delegierten gerade hierin das Mittel gegen den allgemeinen Wittschaftsverfall zu erkennen glaubt und daß alle anderen Fragen, die sich aus der anfänglich etwas chaotischen Redeflut herauZkristallisiertcn, schließlich doch gegenüber dem Protektionismus zurücktraten. Indem dieses System bekämpft lvird, zeigt die Konferenz, daß sic auf einer ziemlich gleichartigen Basis der politischen An°- schauuna ^.eht, denn der Hochschutzzoll ist zunächst eine poli' fische EruartunL der Nachkriegszeit, eine direkte Jolge des ariaewandten Nationalismus oder, wie er sich gern mit einem lvirtschastlich-wrss e n j chaft l ich e u Ternnnus nennt, der ArrtarAc. Djes ist vvtt den eiitzelnerr Redrvern nicht so deutlich ausgesprochetl worden, um cs vielleicht zu besorgen, daß die Kommissionsbeschlüsse sich nicht mit der so Wünschenswerten Energie für die unbedingte Verkehrsimb Handelsfreiheit uttb für eine nröglichst allgemeine SchenlMisiertlng des Zollwesens aussprechen werden, daß also auch sie einen politischen Fingerzeig unterlassen werden. Mit voller Schärfe aber wurde ein politisches Problem in die Debatte gestellt, das der internationalen Wan-' vermag. Im offiziellen Prograrmn -der Konferenz fehlt dieser Punkt, und es ist ja berichtet worden, daß das vorbereitende Komitee es abgelehnt hatte, diese Frage in die Tagesordnung attszunehmen. Die Gründe liegen klar auf der Hand. Es war zunächst die Rücksicht ans die Empfindlichkeit Amerikas, dann aber auch die Besorgnis vor einer 'alle Schmerzen und alle Not entladenden Debatte aus den Ländern,'ln denen lsie. allgemeinen Verhältnisse noch durch Haßpolitik verschärft werden, die sich gegen Minderheiten richtet. Aber die Frage ist so wichtig, daß sie sich trotz der Ausschließung Eingang verschaffte, und so nahm eine ganze Anzahl von Rednern die Gelegenheit toahr, auch die Wanderung als einen- Teil der Weltwirtschaft qn dse gebührende Stelle zu setzen. Es kamen sowohl Auswandernngswie Einwanderungsländer zu Wort. Der Vertreter Polens setzte den Zusammenhang der Fragen ins Licht; die Henrmnng der Auswanderung treibe die Lander mit überschüssiger Bevölkerung geradezu zum Protektionismus; es wüßten alte Industrien geschützt und neue künstlich erzeugt werden, bloß tnrt ein Ansteigen der Arbeitslosigkeit zu verhindern. Der Vertreter Chiles-zeigte dann die Kehrseite- Während in Europa die Arbeitslosigkeit wächst und sich sogar zu stabilisieren scheint, verhindern die Einwanderungsgesetze, daß Länder mit Mangel au Händen der großen Armee von Unbeschäftigten' Arbeit und Brot geben, und dieser Uebelstand verhindert wieder eine Initiative ihres Kapitals zur- Schaffung von Industrien. Eine Seite der Wanderungsfrage blieb unberührt, die Mische, und diese wohl deshalb, weil sie sich iu keines der gebräuchlichen Schemen einordnen läßt. Die Frage gehört mit zur Erörterung der Wirtschaftsordnung, aber IjK geht sehr west über den wirtschaftlichen Rahmen in das Gebiet der Polstst hinein. Unter den Theorien, die die abnormale Lage des Judentums erklären wollen, gibt es auch eine, die von rein wirtschaftlichen Erwägungen, von dem Gegensatz zwischen vem rrichtjMschen Produzenten und dem jüdischeil Händler, zwischen statischem und agrarischem Denken ausgeht. Aber das ist heute längst nicht mehr wahr, und Kategorien, dst einstmals als jüdisch galten, wie gerade der Zwischenhandel und gewisse freie Beruft, haben die jüdische Marke nicht mehr. Es handelt sich aber um Schlagworte, die unausrottbar sind, und so tpisst die Wanderungsgesetzgebung dort, wo sie jüdische Existenzen streift, gerade die produktivsten und arbeitshungrigsten Elemente, schaltet sie gerade willige Menschen aus denr Arbeitsprozeß aus und wird so wieder! zu einem, Problem der Wirtschaft, das besteht und nach Lösung ruft, obzwar es in dieser Form beharrlich totgeschwiegen wird. Die vom nationalen Judentum geforderte Normalisierung drrrch Aufbau eines freien jüdischen Wirtschaftsgebietes in; Palästina ist vom Völkerbund angenommen und unter Mandat gestellt worden. Die Ausführung hätte wohl damit begonnen werden nrüsftn, daß die Völkerbundstaaten und die Mandatsmacht dem jüdischen Volk hätten die Mittel ^rr Verfügung stellen müsftn, seine große Aufgabe durchzuführen, die Wandererströme zu organisieren und an Ort und Stelle Mit Land und Arbeit zu versorgen. Das jüdische Volk, respektive die zionistische Organisation, ist sich selbst überlassen geblieben, und ein Voll, das in seinen Wohnlandern seine Armenpflege und sein WohlfahrtSweftn selbst ^streiten muß, kann dem Aufbau eines Staates nur sehr Mzulänglrche Mittel widmen. Die Finanzierung durch die kräftigeren Völkerbundstaaten würde aber eine sehr produktive Aufgabe lösen, dse zugleich auch die Wirtschaft der Well von einer schwierigen nationalen und sozialen Belastung befreit. Dies klar zu machen, wird eine sehr bedeutungsvolle Pflicht des nächsten Zionistenkongresses sein. □Pinn np n nnpn niaiGiaiaininp Me Leleilhonnummeru der Redaktion lauten jetzt abbUhrabends 38*5-89 Serie, ab i/29 U1) x abends 38-5-83. Sie Sitzung des zionistischen Attiouskomvee». das neue Arbritshrosramm der Exekutive. — Ae Arbeitslose und die städtische stutwicklung in PaiSsüna. — Ae Frage des »gudenstaates" und der gewlsh Baeach. London, 10. Mai. (I. T. A.) In der gestrigen Sitzung des Zionistischen Aktionskomitees untcrbreitqtc Herr Louis Lipsky, Mitglied der Exekuttde, die Vorschläge betreffend die zur Linderung der Krise zu ergreifenden Maßnahmen. Die Exekuttde tat ihr Aeußerstes, um die Kttft zu mildern, sie war aber nicht imstande, der Entwicklung ihren Weg vorzuschreibcn. Plötzlich stand sie dem Problem der ArVeitsloWeit gegenüber. Sie suchte nach einem Ausweg zur Lösung des Problems auf produktivem Wege und beschloß, eine Anleihe in Höhe von 140.900 Pfund aufzunehmen; 80.000 Pfund sollten allein für öffentliche Arbeiten in Jerusalem, Haifa und Afuleh ausgegeben werden. Die Exekuttde hat bereits Schritte zur Sicherung der Anleihe unternommen, die zu gutem Erfolge geführt haben. Es ist aber unbedingt notwendig, daß das Aktionskomttee zur Realisierung der Anleihe seine helfende Hand reicht. Diese Anleihe stellt nur eine zeitweilige Maßnahme dar. Gürte Summe von 140.000 Pfund reicht ja nicht hin, die Lage in Palästina wesentlich zu beeinflussen. Die Exekutive beschloß, ohne erst den Bericht der Expertenkommission, die im Zusammenhang mit dein Jewish-Agency-AbkoMmen nach Palästina geht, abzu - warten, von sich aus eine Kommission nach Palästina zu entsenden, die mit der folgenden Mission betraut werden soll: 1. Ausstellung des Budgets für das kommende Arbeitsjahr; 2. Herbeiführung des Züsammenarbeitens der verschiedenen Institutionen in Palästina zwecks Erzielung von Ersparnissen; hierzu sollte die Kommission mit den weitesten Machtbefugnissen ausgestailtÄ sein; 3. Unterbreitung von Vorschlägen und eines umfassenden Planes konstcukttver Arbeit, die dem kommenden Kongreß vvrgelügt werden soll. Werden wir in der Lage sein, schon am 1. Oktober dieses Jahres mit einem System der Ordnung in unsererer Wirtschaft zu beginnen, dann wird unsere Position gegenüber der Vereinheitlichung der Kräfte derWeltjndenhert, die sich in der Bildung der Jewish Agency ansdrücken wird, eine viel günstigere sein. Das MttgVcd der Palästtna-i^ekuttve in Palästina, Herr Sprruzak, referierte über die Lage in Palästina. Er führte arts: Wir leiden an dem Mangel an „Macht". .Die zionistische Organisation stellt nach außen eine machtvolle Körperschaft dar, und sie ist es auch in der Tat. Der Keren Haftssod ist ebenfalls ein mächtiger 'Faktor. iAber mit nicht mehr als 600.000 Pfund Jahresbudget können wir die Macht in Palästina nicht behaupten. Unsere Machtlosigkeit hat den beschämenden Geist des Separatismus in Palästina zur Folge. Was wir jetzt brauchen, ist Arbeit und Brot sowie eine minimale Unterstützung unserer gesunden Unternehmungen. Ern Erfolg der Anleihe von 140.000 Pfund wird ja nur eine Atempause bewirken; dies wird aber der erste Schritt zur Gesundung unserer Lage sein. Das Mitglied der Exekuttde und Leiter des Departements für städtische Kolonisation, Herr Dizengoss, führte aus: Mein Departement wurde erst im vorigen Jahre eingerichtet, ich-übernahm dessen Leitung im November 1926. Es ist darum zu früh, über die Arbeit dieses Departaments abschließend zu sprechen. Die Mische Stadtbevölkerung Palästinas macht 75 Prozent der allgemeinen jüdischen Bevölkerung des Landes aus. Älbgeschen von den arbtttslosen Lohnarbeitern gibt es etwa 1900 Handwerker, die ohne Arbeit sind. Auch dieses Problem muß uns beschäftigen. In den Städten sind 16 Millionen Pfund jüdischen Kapitals investiert. >Mein rn Tel Uwiw sind fünf bis sechs Millionen Pfund in unbeweglichem Eigentum investiert. Die Lösung der Kttft liegt in der Richtung der Erhöhung des Einflusses jüdischen Prlvatkapitals. AKr tznüssen ferner auf Mittel bedacht sein, wie unserer abnormen Situation abzuhelfen ist, die sich! darin ausdrückt, daß Wir nur eine ausgehende, nicht aber auch eine ein-' nehmende Behörde sind. Mr bezahlen alles, wir tragen die Kosten des Imports, zahlen für die Araber, gebe« der Regierung jährlich 1,600.000 Pfund iu Form von Steuern und Zöllen, ohne irgendein Aequivalent hiesür zu bekommen. Mr müsse» den Export jüdischer Produkte aus Palästina organisieren. Aegypten und Sytten beziehen einett guten Teil ihrer Ware aus Griechenland; bei einer guten Konkurrenzbasis würden sie die gleichen Waren ans Palästina beziehen können. Nach einem Bericht des Herrn Federbnsch (Misrachi) über die Tätigkeit des Einwandemngs-Depattetrttznts der Palästina-Exekutive wurde die allgenftine Aussprache fortgesetzt. Herr Furcht sagte, nran werde mt „Anleihen" allein nicht-aMAmmen. Man müsse die jüdischen Gemeinden der gaitzen Welt zu Leistungen heranziehen. Jede jüdische Genreinde soll in ihr Jahresbndget einen Posten für Keren Hajeffod einstellen. Aaplansty (Palästina-Exekutive) bettchtete, daß 1926 im ganzen 8000 Personen nach P«tästina kamen; das bedeutet, daß vott den bewilligte» 10.000 Zettifikaten kaum 4000 benutzt wurden. Von den Arbeitslosen, die von der Exekutive unterstützt wurden, warfen 35 his 40 Prozent nicht eingetragene Mitglieder djer Histadruch. Robert Stttcker richtete an die Exekutive die Frage, ob sie die gegen die Idee des Judenstaates gerichtete Propaganda bekämpfen wolle. Er wies auf die Rede des Exekutivmitglftdes Felix Rosenblüth auf der Konferettz der österreichischen Zionisten hin; in dieser Rede habe Herr Rosenblüth als offizieller Vertreter der Exektttive den Standpitnkt der ,,Jüdischen Rundschau" vertreten, die das Zentrum der Anti-Judenstaatspropagattda ist. Stricker gttff auch das zionistische Hauptorgan „Haolam" an, das die Wiener Kontroverse nicht entsprechend interpretiert hat. Wefters fragte er unter gleichzeitiger Feststellung, daß Dr. Weizmann die ilM von der Organisation ertejlten Machtbefugnisse nicht überschritten habe, ob es zutrifft, daß Mitglieder der Jewish Agency das Recht haben werden, sich durch andere von ihnen ttamhaft gemachte Personen vertreten zu las sen, und ob es bei der früheren Entscheidung bleibt, daß der Präsident der Zionistischen Organisation auch der Präsident der Jewish Agency sein muß. Herr Felix Rosenblüth sagte, wenn Stricker die deutschen Zionisten des Verrats an der Idee des Judenstaates bezichtigt, so wende er sich gegen die herrschende Richtung Lm ZioniÄmtus. Er, Rosenblüth, habe in Men gesagt, daß die Formel „Judenstaat" aus verschiedene» Gründen sch-otr in das Baseler Programm, das von dem ersten Kongreß ftrmNliert worden war, nicht ausgenommen worden sei. Unter den gegenwärttgen Umständen und nachdem das Churchill-Memorandum von der Zionistischen Organisation angenommen worden ist, wäre es politisch Unklug, auf die Formel „Judenstaat" wieder xurüc^ugreifen. Unerwünscht ist es äüch, diese Formel auch nur auf einer Landeskonferenz öffentlich zu erheben; ist sie doch von keinem einzigen Kongreß mehr akzepttert worden, und zwar aus einer höheren Verantwortung heraus. Herr Rosenblüth drückte sein Bedauern darüber aus, daß die Presse damlls sein« Bemerkung nicht registrierte, daß seiner persönlichen Meinung nach eine jüdische Mehrheit in Palästina eine EjMttdbedingung für das Wiedererstehen des Jüjdöi scheu Nattonalheims sei. Die zwttte Frage Strickers beantwortete Dr. W e sz-> mann wie folgt: Detaillierte technische Organisationsfraigen der zUkünsttgen Jewish Agency wurden in seinen Verhattdllmgen in Amettka nicht erörtert. Die Besprechungen wurden auf der Basis der Beschlüsse des 14. Kongresses geführt, laut denen der Präsident der Zionistischen Organisation zugleich auch der Präsident der Jewish Agency ist. Vwersky fragte, welche Schritte unternommen wurden, Um die Ratifizierung der Gemeiindeord- NUNg in Palästina zu beschleunigetr. - Colonel Kisch erivrderbe: Der Entwurf der Genreindeordttung ist fertig, aber bei seinem weitläufigen koMpllzierten CHsarakter ist es selbstverstäMjch, daß ein UnH gehendes Studium längere Zeit erfordert; dies verzögert etwas die Rattftkation >tmd Veröffentlichung. Landeskonferenz der glonfsten-Revifionisten in Sefterrelch. .Am 28. Und 29. Mai d. I. wird in Men der lVerbandstag der Zionisten-Revisionisten Oesterreichs abgehalten werden. Auf der Tagesochlttung stehett Reftraie über Pobittk und Organisation revisionistischer Palästtüaarbttt, Aufgaben der revisionistischen Jugendorganisation, sowie ein Bericht über die Tättgkell des Zentralkomitees in Berlin. Auch die Frage des Zusammetrgehens mll de>t radikalen Zionisten Oesterreichs ckuü Anlaß der bevorstehenden Kongreßtvahlen steht $it ®vör* tSÄMtz. Sie Pklgersahrt nach Mekka. Jbn Saud verbietet bewassuete Mkorten. London, 12. Mat. „Times" melden aus Kairo-: Der König von Hedfthas Jbn Saud hat auf Anfrage der äghpttfchen Negierung die Bedingungen mitgeteilt, untrer denen er die Pilgerfahrt nach Mekkla dieses Jahr gestatten will. Unter anderem dürfen die Pilger mV: dem heiligen Teppich von keiner vewafftteten Eskorte be* glellct fein und es ist ihnetl veröoten, die Gravftättvn zu küssen. In gutunterrichteten Kreisen glaubt man, daß die ägypttsthe Negierung diese Bedingungen nicht annehmen werde und daß somit die Pilgerfahrt in diesem unterbleiben wird.

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