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Wiener Morgenzeitung · 1927-05-11 · Heft 2946 (11.5.1927) · p. Seite 7

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
9 (1927)
Issue
Heft 2946 (11.5.1927)
Date
1927-05-11
Page
Seite 7 (sequence 7)
Language
German
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Nr. 2046 Wien, Mittwoch tolCIICV aWQcy?UjVUQng ff. WbeA ml Der Sohn des Moses Mautner Ein Wiener Roman von Leopold Hiohler. Copyright 1927 by R. Löwit Verlag, Wien — Leipzig Unten int Hofe war alles still mrd starr, und blickte tfuf Gikshw. Er stand eirven Augenblick/ als überläge er; dmm regte der fange Chef die Flügel in ihm, Mid er sprach entschlossen: „Ich iver' kurzen Prozeß brachen! Entweder sie fahrt zur Post — vder..." Er vollendete nicht, denn er lief schon über den Hof Und über das Stiegenhaus zur Küche hinauf. —> — Und als er oben Hrnd, Und Zhreu gjraUML Klopf über Schüsseln und Töpfe gebeugt sah, da — er wußte nicht wie — schnwlz das harte Herrenrecht. — War es' die Ehrfurcht vor der alten Frau, die ihn noch als Kind gekannt; als er klein gewesen, i« jedem Sinne klein gewesen!? War's ein Schimner der Vernmrft, daß der alte Wiener, Und sei er noch so anmaßend Und widersetzlich, im Gründe an seinen: Herrn hängt? Oder — war's eine höhere Gewalt? Drrm ich glaube: Ter alte Herr oben liebt die alten Diener, Und schnobt zuweilen unsichtbar besänftigeird, aUSgleichend um Herrn und Knecht.-Und' so sprach Gustav sanft, 'und staunte selbst darüber: „Wer Frau Fanny! Was soll das heißen? Wenn ich Sie ruf', wollen Sie nicht kommen?!" — „Sie sind e Kind, HerrGusti! Sie verstehen das nix! — Da schau'n Sie her: Wie kann ich weggeherk, wenn ichzrtgestellt Hab'?! Soll ich vielleicht das Essen! anbrennen lassen?" — „Aber was soll ich tun, Frau! Fanny? Die Pakete müssen aufgegeben werden, Und von den Burschen kann keiner weg!? Soll ich jemand dazu aNfnelMen?" — „Nahrr. Das dürfen Sie nix. Sie haben schon genug Leut'!" — „Was soll ich aber tun? Ich muß doch die Pakete expedieren?" — „Wenn es e so is!" sagte Frau Formt), Und schnitt mit der rechten Hand durch die Lust. „Grrt-; tvcr' ich das Essen ivegstellen und fahr' zur Post." — „Das is auch das Gescheiteste!" sagte Herr Herpvann, der während der letzten Worte FvaU Fannys in' die Küche gekommen war, denn er tvar seinem erregten Sohne gefolgt, Unr zu vermitteln. — Gustav ging wieder in -den Hof hinunter, 'und Frau Fanny beeilte sich, Herrn Hermann zU versichern: „Ich hätt' nix nachgegeben, aber -— ich kann mir nicht helfen: Wenn ich ihn so anschaU'..." Sie minie. „Was haben Sie, Frau Fanny?" fragte Herr Hernrann. „Warum weinen Sic?" — Statt einer Antwort zeigte sie 'durchs Ferrster in den Hof hinunter: „Schau'n Sie ihn an, wie er da unten geht! So jung. .'So frisch! — So Hätt' meiner ansgesehen. Er wär' jetzt auch über zwanzig Und hätt' gesagt: Mutter... und is nicht." FvaU Fanny hatte Vor zwanzig Fahren ein außereheliches Kind gehabt; dessen Vater hatte sie nach der Geburt des Kindes verlassen, und mittellos blieb sie mit den: Kinde, es war ein Bub' — zurück. Aber sie liebte (das Und, Und war tüchtig Und brav und obwohl sie einst bessere Tage -gesehen — ging sie in den Dienst. Den! 'Buben gab sie iu die Kost aUfs Land hinaus; und jeden «dritten Sonntag, wenn Frau .Fanny „Ausgang" hatte, fuhr sie am Nachnittag zU ihrem Kind, Und abends kam sie wieder , in die Stadt zurück: Reich voll Seligkeit und Glück, denn der Knabe gedieh Und wurde groß und stark. —- In seinem vierten Lebensjahre spielte er einmal ohne Aussicht beim Teich, siel ins Wasser Und ertrank. — — : FvaU Fanny bekam drei Tage Urlaub — den einzigen ihres Lebens — fuhr zU ihrem toten Kind, und als Ks begraben war, kehrte sie wieder in ihren Dienst zurück. —> Der Unglücklichen Mutter war nichts geblieben als die Er-, innerUng, Und im Laufe der Jahre sonnte die Phantasie ein Wkd: „So hätt' er ausgesehen!" — — W. Fsktsetznogh Diebeften Neuerscheinungen der modernen Literatur stets vorrätig 1,003 / Blondinen bevorzugt / S 10’8Q JOSEPH ROTH / Juden auf Wanderschaft S 3*20 MARCELL PROUST / Im Schatten der junget) Mädchen / S 21*60 JACK LONDON / Jerry / S 8*40 BRYAN / Edison / S 16*20 DOSTOJEWSKI / Beichte eines Juden S 10*80 DEKOBRA / Der Philosoph und die Dirne S 7*50 ALFRED POLGAR / Orchester von oben 8 14*40 KISCH / Kriminalistisches Reisebuch / S 3*20 Buchhandlung R. Löwit Wien, 1., Rotenturmstr. 22 So war es eine Art Mnttergesühl, das sie für Gustav empfand, aber er wußte nichts davon. — Jetzt wartete er unten im Hofe mit großer Ungeduld. „Frau Fanny! Ich bitt' Sie, was is denn?" rief er zum Küchenfensiev hinauf; da kam sie schon über den Hof gehimnpelt irrib Gustav drängte: „Fahr'n mr, fahr'n mr! Höchste Zeit!" Frau Fanny stieg auf den Bock des grünlackierten Wagens, Herr Schwalm faßte die Zügel Und — schnalzte mit der Zunge. Schlackt spitzte die Ohren, zog an Und — war die Last zu groß oder Schackl so konservativ, daß er dem neuen Herrn noch nicht dienen wollte? Kurz — er ließ es beim Versuch und blieb stehen; sehr zum Verdruß Herrn Schwalms, welcher dem Parterre der Zuschauer — Gustav, Herr Hernrann, Herr Panigl Und die drei Gehilfen standen noch immer Unr den Wagen herum — das Bild eines kühnen Rennfahrers vorzUtäuschen gedacht hatte. „Hüöh!" schrie er ärgerlich. Und griff zur Peitsche, worauf Schackl anzog, haß seine bräunen Hüften wie geblähte Luftpolster heraustraten, aber „wenn ich nicht will, will ich.nicht-" meinte.der Wagen und blieb stehen, wie in den Boden geschraubt. Herr Panigl, der ErwsrLer Schackls war — sehr gedrückt. „Dehß versteh' ih nefytt" sagte er urä» rUnzelte feine Stirne wie ein Faltengebirge. „Dehß versteh' ih neht, daß dehß Roß neht anzihrgn wühl!" Er ging Um Schackl herum, er ging um den Wagen herUm uwd plötzlich — es klang wie ein Halkelujah —i rief er: „No ja! Wann Sah eing'fchliffen habn! Dehß Und den Vollen Wagen kann dehß Roß natürli neht drzahn!" —- „Was hat er geschliffen, Herr Paninger!" fragte Herr Hermann. Herr Pamgl wendete sich zu Herrn Hermann und viel: „A so a Knödl!" Damit meinte er aber Herrn Schvalm. „Eing'schliffn hat er ghobt! Eing'schliffn! Berstengens dehß neht?!" sprach er fast drohend zu Herrn Hermann, unhi dieser, obwohl nvch immer ahnimgslvs, versicherte rasch: „Natürlich, Natürlich!" — „No sehngs!" sagte Herr Panigl, und Herr Schwalm nun aufgeklärt, drehte die Kurbel der Bremse mit einer Schnelligkeit, als wären's die letzten Bohnen in der Kaffeemühle, Und gleich darauf rollte der Wagen unter dein Hallo der drei Gehilfen aus dem Hause. — Bezugspreise der „Wiener Modenzeitung“: Monatlich Wien und Oesterreich ..:.8 5 — Tschechoslowakische Republik. öK 22— Jugoslawien. Dinar 60 — Polen ..Zloty 6 — Deutschland ..Goldmark 4 — Frankreich, Belgien .... . . *... . . . . . Pres 35*— Italien Lire 20 t Rumänien.. . ..Lei 170*— Bulgarien.. Lewa 100*— Amerika . .. Dollar 1*— Schweiz und das übrige Ausland.Frcs 5.— Oesterr. Postsparkassenkonto 150.693. SCHUHMODENHAUS DORN Echte Schlangen- Eidechse* u.Kroko<H!- lederschube SISH^ . kgm Smgnk ab vom md atttm ge$thmatk* Taborstraße Herren* Schuhe in fabelhafter Ausführung und Auswahl Gustav ging zum Tore und blickte dem Wagen Lange nach. Senn rastloser Geist eilte voraus': Zum Pvstcmtte, zum Zuge, zu den verschiedenen Empfängern! Er sah sie die »Mete öffnen, die Ware prüfen, urä>. er bangte Um die Znsiiedenheit der Klmden. — Er seufzte ein wenig. — Uber so wie die liebe Sonne durch trübe Wolken, so drang schließlich das Glücksgefühl der Selbständigkeit aus seinem Herzen, und zog als mildes, bescheidenes Lächeln über semi lGesicht. — Er schloß das' Tor und rief: „Vater! ^Schjön iS auf der Welt!" 18. Kapi tet Der Liebesgott zielt auf die Herzen der Menschen. Nicht jeder fühlt, nicht jeder faßt, nicht jeder genießt den Pfeil. — Mancher fordert zu viel: Er will alles in der^Liebe, - tatb gibt selbst so wenig. Und manches zarte, edlere Herz wagt nicht zUi KeVen. - Es fürchtet den Brosamen, den es für seine Hingabe emp- . fange« wird. ' Und viele Menschen — es sind die ernsten, die Aul erbflen Menschen — errichten einen Wall von Arbeit Ulm ihr Herz. — Sie wollen in Ordnung lieben, zunächst ihr Haus gründen, dann — mag es sein. — Wer über ihrem Aufbauen und Erwerben schwindet die Zeit, Und bis sie endlich spät und gesichert zum Blumenhain der Liebe streben, haben sie deren Wesen, die Jugend verloren. —< Ihre > trüberen Augen sehen den Glanz der Blumen nicht mehr, und sie wandleln in dem blühenden Garten der Liebe. Mlangweilt und verdrossen, wie zwischen Herbstlichem Sdufi'. Und manche faßt der flehte Gott wieder An früh. —> Ich sehe ihn um Gustav schweben uitb — ich zage. i Lass' ihn Amor! Er ist Unerfahren. — — Ich weiß tzsr, Er wird bald vierunjd^wanzig Jahve! Dennoch. — Was. weiß er von Frauenherze»? Last' ihn Noch in der Mcklichen Unbefangenheit!" — : * Aber der kleine Schalk beachtet tven^ des Dichters, Wjünjsche! — Lustig lächelnd segelte er geradeaus zur ra!u^ chigen, dunstigen Werkstätte Gustavs'. — „Komm', kvMmN" . — Gustav ließ Messer und Streicher auf die T-asel fallen,/ starrte in die Luft; das Herz war ihm plötzlich schwer worden; er wußte nicht, was ihn bedrücke. Er strebte nach. «Lust, verließ die enge Werkstätte, tat£> trat in dien Hof.'!Auch dort war es ihm noch zu schwül; weiter, weiter trieb's > ihn, hinaus ins Frese, ins Grüne des Wi-ewerwaWes, Waus auf die Höhen, näher zum Hinüniel! — :— V Da stand er open am Berg Und die Sonne Und dik lguen Lüfte schmeichelten Um ihn. Die Wiesenblumen dus-i teten, die Schmetterlinge Und Vogel schwirrten und jubelten. Alles war Freude und Liebe. Da wnrh>e ihm sogW der Himmel Au enge. .Sehnsüchtig ahnend, verlange;^ hob er seine Ariue. — Er ivahnte, im Paradies Aui sein, Urchj ihm war, als spräche djer Herr: „Es ist nicht gut,- daß der Mensch allein ist!" — — (Fortsetzung folgt.) ■HMiiwNiiiMuiniiinaNiimniiiift iihiibbiiiiiiihiiiiiiiiihibiiiiiiii Gerichtssaal. Sin ehemaliger Landesgerichtsrat unter Anklage der »eraatretmag. Bor einem Schbffenfenat unter Vorsitz >des OLGR. Dr. B l a s o n i hatte sich gestern der vor dem Umsturz in Galizien tätige chemalige LGR. Karl Hamm wegen des Verbrechens der Veruntreuung zu verantworten. Hamm war seit dem Jahve 1922 Geschäftsleiter und Buchhalter der Kreditkafse für Handel und Landwirtschaft in Obernberg am Inn und beging in dieser Eigenschaft Veruntreuungen in der Höhe von 21.500 Schilling. Zu der verbrecherischen Handlungsweise ließ er, sich infolge verfehlter Spekulationen hinreißen. In der Anklageschrift, die Staatsanwalt Dr. Tupph vertrat, heißt es, daß Hamm die versprochene Schadensgutmachung nicht, geleistet ha'be. Nach seinen Verfehlungen verließ Hamm Obernberg und zog nach Bisamberg. Hier trat er im Herbst 1925 mit Josef Königshofer in Verbindung und gründete mit ihm einen Eier- und Butterhandel im 16. Bezirk. Auch seinen Kompagnon beschwindelte Hamm, doch machte er den Schaden durch Ueberlassung seiner Wohnungseinrichtung wiÄer gut, so Paß die Staatsauwaltfchast dieses Faktum nicht unter Anklage stellte. Dagegen wurde die Anklage gegen ihn wegen Uebertretung der Fälschung öffentlicher Urkunden schoben, well Hamm auf dem Postaufgabefchein die Ziffern auf jenen Betrag echöht hatte, den er nach Weisung Königshofer hätte absenden sollen, aber nicht ab-, geschickt hat. Der Angeklagte, verteidigt von Hofrat Dr. B a r a s ch, bekannte sich s ch u ld i g. Er gab an, er habe sich in Spekulationen nur deshalb eingelassen, weil er Hoffnung auf Provisionen hatte, die er dann später nie echalten habe. Schließlich habe er ungefähr 13.000 Schilling Schadensgutmachung an die geschädigte Gesellschaft abgeführt. Nach Einvernahme einiger Zeugen wurde die Berhandlung in später Nachmittagsstunde unterbrochen. Sie dürfte heute zu Ende geführt werden. '. . ' Statt Sttyder and ihr Seliebler zum Lode vettttteitt. Newyork, 9. Mai. (Wolff.) Im Mordprozeß gegen Frau Snyder und Gray gaben die Geschworenen heute ihren Wahrspruch ab. Er lautete gegen beide Angeklagten auf schuldig wegen gemeinen Mordes.Auf dieses Verbrechen steht die Todesstrafe. Frau Snyder und ihr Geliebter Gray haben, wie erinnerlich, den Gatten der Frau Snyder, einen Sportjournalisten, wngebracht. Wimpaffinger verliert seine Wohmmg. Wie erinnerlich, hat der von den Geschworenen sieigesprochenL Gattenmörder Johann Wimpaffinger nach seinem Freispruch eine,: erbttterten Kampf pm jene Räume vegorrnen, in denen er seine Frau efschlagett hatte. Der Hausherr hatte ihm über Ersuchen Iwr Miel« Parteien mit der Begründung gekündigt, den übrigen Mietern könntt nicht zugemntet werden, mit einen: Mörder unter pinem Dache zu wohnen, auch wenn es ein freigesprochener Mörder sei. Das Bezirksgericht Leopoldstadt wies das Kündigungsbegehren ab» weil Wimpaffinger, da er ja sveigesprocheu wurde, nicht mchr als Mörder zu qualifizieren sei. Das Berufungsgericht hatte dieses Urteil aufgehoben und die Kündigung als zu Recht bestehend erklärt, indem es sich der Ansicht des Klagebegehrens anschloß, auch der fteigeiprochene Wimpasfinger sei keine Persönlichkeit, mit der unter einem Dache zu yirufen z« den Annehmlichkeiten zähle. Nun hat auch der Oberste Gerichtshof, an den Wimpaffinger reknriertq, im Sinne der zivetten Jnstaliz entschiedeir und in der Begründung angeführt: Daß es Wimpassiirger über sich gebracht hat, den Leichnam seiner Gatttn — mag er ihren Tod zu verantworten haben ober rricht — zu zerstückeln, ist an sich ein Berkalten, das bei den Mitbewohnern des Hauses mit Recht Grauen uud Enrpörung erwecken. muß, dir bei jeder Begegnung mit ihm nen orioachen mÜßtem Im Übrigen ist diese Entscheidung des Obersten Gerichtskost« für Mmpassinger derzeit gegenstandslos, da ec erst kürzlich nrt Prater wegen eines AtttlichLeitSdellkwS verhaftet >vurde. t

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