Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 9 (1927)
- Issue
- Heft 2946 (11.5.1927)
- Date
- 1927-05-11
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6 Wien, Mittwoch Wiener Morgenzettung 11. Mai 1927 Nr. 2946 legte in einer scharf profilierten Ansprache ans Grund der <&* schichte fctv Vereines Die Ziele seiner Tätigkeit dar, dir er als „Versachlichung Lrr jüdischen und zionistischen Arbeit" formuliert. Nachdem die anwesenden Delegationen ihre Glückwünsche zur Eröffnung des neuen Heimes durch ihre Vertreter dargebracht hatten, wurde die eindrucksvolle Feier nrit dem Absingen des ..Tikwah" und des Wtndrsl'edes des Vereines „Theodor Hepzk" geschlossen. Ans der Dchachwelt. Aus Warschau wird uns geschrieben: Das allpolnische Schachturnier in Lodz hat, wie dorauszusehen war, mit dem Siege des Großmeisters Akiba Rubin st ein geendet, der nrit llVa Zählern den ersten Preis von 1000 Zloty gewann. Den zweiten Preis errang Dr. Savillh Ta rtakvwer nrit M/s Punkten. Die Auswanderung aus Polen. Im Vergangenen Jahre sind aus Polen tagg&tofc 166.593 Personen ausgenmndert, davon 117.136 nach dem übrigen Europa und 49.457 nach überseeischen Ländern. Die nreisten Auswanderer wandten sich nach Frankreich' (68.534), dann folgen Deutschland (43.391), Belgien (1958) usw. Nach Kanada wunderten 15.795 Personen aus, nach Argentinien 14.034, nach den Bereinigten Staaten 8249, nach Palästina 6839 und nach Brasilien 2471. Scelsorgerinnen. Aus-Berlin wird gemeldet: Die Generalshnode hat das Kirchengcseh über die Vorbildung und Anstellung von Bikarrnnen in dritter Lesung angenommen. Die weiblichen Theologen werden ihren Beruf bei Kindorgotte? Mcnftcu und in der Bibelstunde zur Lehrtätigkeit an Bcrufsschulen zur Seelsorge ft'ir die weibliche Jugend in Mädchenheimen und in Frauenavteilungen von Kranken- und Gefangenenhäusern ansüben können. Dagegen ist die Bikarin zur pfarramtlichen Tätigkeit im Gomeindcgottesdienst, zur Verwaltung der Sakramente und zur Vornahme anderer vom Pfarrer im Ornat zu vollziehender Handlungen nicht berechtigt. Wer hat den Phonographen erfunden? In Paris wurde am Sterbehaus eines gewissen Charles Cros, der vor fünfzig Jahren den Phonographen erfunden haben soll, eine Gedenktafel angebracht. Die Franzosen behaupten nämlich, daß Cros der eigentliche Erfinder des Phonographen und daß. die Erfindung dann von Edison praktisch verwirklicht worden sei. E Weltzundettsechsundllchtzlgtausend Kilogramm verschiedener Waren wurden bisher von der Polnischen Luftverkehrs-A.-G. „Aerolot", Wien, 1. Bezirk, Tegetthoffftraße 7 (Telephon 71-0-84), ohne die geringste Beschädigung oder Ber^ lust befördert und einige Stunden nach der Aufgabe dem Adressaten zugestellt. Etwaige Nachnahmebetrage waren oft schon am übernächsten Tage in den Händen des Absenders. * 1 1 JÜDISCHE WEIT | * Mödchenhaude! und Politik. Sure Anklage der jüdischen Frauettschnp-GefrÜschüft <m ' den Völkerbund. Aus Genf meldet die I.T.A.: Nach mehrtägigen Beratungen wurde hier am 6. Mai die Konferenz des Internationalen Komitees zur Bekämpfung des Frauen- und Mädchenhandels geschlossen. Den Beratungen wohnte von jüdischer Sejte Herr S. Cohen, der Generalsekretär der Jüdischen Gesellschaft für den Schutz von Frauen und Mädchen in London, bei- Herr Cohen war der Anreger mehrerer vom Komitee angenommener Beschlüsse. Im ersten Teil des Sachverständigen-Berichtes waren besondere Angaben über die Rolle von Juden und Jüdinnen im „Weißen Sklaven-Handel", sei es als Händler und Helfershelfer, sei es'als Opfer, enthalten. Es wurde in diesem Znftyrünienhang großes Gewicht darauf gelegt, daß dieser Frevel insbesondere auch aus jüdischen Kreisen bekämpft toftfr. In dem von der Jüdischen Gesellschaft für den Schutz von Frauen' und Mädchen vorgelegten Bericht war darauf hingrwiesen worden, daß Herr Cohen in diesem Jahre die Länder Mittel- und Osteuropas besucht hat, um Informationen zu saMmeln. Herr Cohen fand die Unterstützung der jüdischen Gemeinden. Doch standen einer durchgreiferöen Durchführung dieser sozialen Aufgabe politische und wirtschaftliche Verhältnisse hin- >rnd im Wege. Die durch den Krieg herbeigeführten Grenzverschiebungen in Osteuropa, wie auch der Wechsel der offiziellen Sprache, erhöhten die Schwierigkeiten. In Betüncht zu zichen ist auch die große Zahl der jüdischen Arbeitslosen, Staatenlosen und Kriegswaisen. Besondere Schwierigkeiten schaffen, die noch immer gespanMen Beziehungen zwischen den Nichtjuden und den Juden. Die Juden sind noch immer, was das Recht auf Arbeit Mwr den Unterricht betrisst, schädigenden Beschränkungen unterworfen. Die „Bürgerschastsfrage" ist noch intMer nicht befriedigend gelöst. Es kamen -'viele Fälle vor, da durch die Vorenthaltung des ''Bürgerrechts wurzellos gewordene Frauen, Mädchen und Kinder der Unfittlichkeiit in die Arme fielen. Zwar hat sich'dev Völkerbund mst dem Rechte der Minderheiten bestrßt, allein die Minderheitsverträge sind noch bis heute nicht verwirklicht morden. Dies müsse dem Völkerbund zur Kenntnis gebracht werden. Der Berichs des Herrn Cohen wurde mit BeifaN ausgenommen, der Vorsitzende drückte den freiwillig mitarbeitenden Organisationen für ihre Unterstützung der guten Sache seinen Dank aus. Swift im Hause des Adopiivsohue» des Baron Hirsch. Man weiß, daß der Ende des vorigen Jahres verstorben« reiche jüdische Philanthrop Baron Moritz Hirsch einen junge,: Christen namens de Forest adoptierte und ihn zu seinen, Universalerben einsetzte. Baron de Forest lebt in London, ist liberales Mitglied des englischen Unterhauses und nimm als sehr reicher Mann eine bevorzugte Stellung in der Londoner Gesellschaft ein. Der Zug nach links in der englischen Politik, der schon manchen Sprossen englischer Toryfamilien mit sich riß, hat nunmehr, wie uns aus London geschrieben wird, auch den Neunzehnjährigen Sohn, John, des Adoptivsohnes des Barons Hirsch in Zwiespalt zu seiner Familie gebracht. John de Forest ging seinen Eltern einfach durch, erklärte, auf feine Baronie zu verzichten, und ergriff, da er das Heim ohne Gekd verließ, den Kutscherberuf, und ist heute einer der eifrigsten Sozialisten. Er sagt, er wolle von den Millionen, die seinein Vater ohne jede Arbeitsleistung in den Schoß gefallen.» feien, nichts wissen und sei glücklich, sich durch pigene Arbeit er- '■'irtn zu können Für die Falaschas. Das neu konstituierte reichsdeutsche Pro- Falasch a-K0m i tee sendet uns einen Ausruf, in welchem es heißt: Seit 20 Jahren ist der Blick der Judenheit wieder auf die Falaschas gerichtet, jenen Stamm im schwer zugänglichen absssini scheu Hochland, der mit vorbildlicher Treue an der jüdischen Religion festhält. Obwohl seit 2000 Jahren ohne Verbindunng mit der Gesamtheit der Juden, haben die Falaschas allen Bekehrungsversuchen christlicher Missionäre zähesten Widerstand entgegengesetzt. Erst als um 1970 die in ihnen erweckte Hoffnung auf eine Verbindung mit der Judenheit sich nicht verwirklichte, hatte die Mission Erfolge — aber kaum war 1903 diese Verbindung durch Dr. I. Faitlovich wirklich angeknüpst, als die Falaschas wieder Mut schöpften und mit ihrer erprobten Festigkeit den alten Glauben vertraten. Seitdem hat Dr. Faitlovich wiederholt ihr Land bereist, die Schwankenden gefestigt, ihnen Belehrung und Bücher gebracht. Junge Falaschas wurden in Italien, in Deutschland und neuerdinM in Palästina, als Lehrer der jüdischen Religion ausgebildet, die, in die Heimat zurückgekehrt, die Lehre der Bäte? verbreiten und bereits viele Mtrünnige wieder zu ihr zurückgeführt haben. Um die Lehrtätigkeit intensiver und weniger' kostspielig gestalten zu können, ist neuerdings in Addis Abeba unter Leitung eines gut vorgebildeten Falascha ein Lehrerseminar eingerichtet. Es ist geplant, einen tüchtigen Fachmann aus Deutschland dorthin zu schicken, der insbesondere den hebräischen Unterricht übernehmen soll. Die Hauptkosten des jüdischen Missionswevkes unter den Falaschas werden von Amerika getragen. Geldsendungen für das Falaschawerk nimmt die Firma Gebrüder Oppler, Bankkommandite, Berlin W. 16, Kurfürstendämm Nr. 167/168, Postscheckkonto 11038, Berlin, entgegen. Antisemitische Anschrist aus dem Lenkmal fflr einen Anden. ßfoiä Warschau meldet I. T. A>: Demnächst wird hier ein Denkmal für den jüdischen Helden des polnischen Befreiungskrieges unter KosciuRo, Berel Josselowiez, errichtet werden. Das Denkmal-Komitee beschloß, in den Stein einen Bers einzumeißeln, der besagt, Josselowiez hätte seinen Ruhm nicht durch Handel, sondern durch Blut errungen. Die Warschauer jüdische Gemeinde, die zu den . Kosten des Denkmals beigesteuert hat, erhob Beschwerde gegen die Anbringung dieser Inschrift, die eine Verhöhnung aller anderen Juden in Polen darstellt. Schließung von Synagogen in der Ukraine. Aus Kiew wird gemeldet: Die ukrainische Regierung beschloß neuerdings, eine Anzahl Gotteshäuser in der Westularine zu schließen. Davon betroffen werden neben einigen orthodoxen Dorftirchen auch zwei Synagogen in Shytomir und Mnnitzo, ferner zwei katholische Kirchen der polnischen Minderheit. Die geschlossenen Kirchen sollen für BollSbildungszjwecke verwendet werden. 'os Arbeitsgebiet de» -ilirdereiner der deutschen Anden. Am 4. Mai hat in Berlin eine Sitzung des geschäfts- Mrendei. Musses des Hilfsvereins der deutschen Ju^e.n stattzesimden, in der beschlossen wurde, die Arbeit in Rußland auszunehmen und sich auch an dem Hilfswerk für die ruffisch-jüd" hen Flüchtlinge in Deutschland zu beteiligen. Ferner wurde boschlosien, die Hilfsaktion auf den Orient mit Einschluß. Palästinas auszudehnen. Sühne und Kunst. Sie Tänzerin Senta Maria Kamme rspieve. Stur wenige Menschen kamen an diesem herrlich-en Frühlingsnkittag in den Saal. Wer auch hier, auf der Theatcrbühne, rvar der Frühling. Mit seiner jungen Kraft nnd Fülle, mit aller Lust und süßen Trauer. Der deutsche Lenz. Senta Maria scheint mir die deutsche Tänzerin zu sein, wie Busch der deutsche Geiger, Hartmann der deutsche Schauspieler ist. „Tänze und Pantomimen" nennt sie ihre stummen Lieder, Episoden, Szenen. Labsal nach den vielen, allzu vielen Tänzerinnen, Tauzakrobatiunen, Tauzsymbolikerinnen und, ach, „tänzerisches Neuland" mit der Seele und mit Gliederverrenknngen Suchenden. Auf die Fachausdrücke der Zünftigen verstehe ich mich nicht. Aber die übliche Frage nach Technik, Auffassung, „Richtung" erübrigt sich diesmal. Denn Senta Maria ist eine Persönlichkeit. Bon dieser: t'larerr Augen, von diesem edelschönen Antlitz liest du in jeder Tanzsekunde die Beivegnngen des herrlichen Körpers ab, sie bleiben mit Blick mrd Geste des schmalen blonden Mädchenkopfes in steter Harmonie. Als sie im eirrfachen Kleid „Alte Weisen" mittMe, sieben internationale Volkslieder —- es war der Höhepunkt der Matinee — ging mir das Dichterwort durch den Sinn: „Was kein Verstand der Verständigen sieht, das findet im Einfalt ein kindlich Gemüt." Keusch und heiß die „Erwartung", gretchenhaft tragisch das „Wre> genlied", ein ergreifendes Mädchengeständnis, das kleine Lied „Hoffnungslos", aufschlußreich die Ballade „Der Pfeifer kam in unsere Stadt". Senta Maria kennt ihre Grenzen, und sie rveiß, wer ihre Tonschöpser sind: Schumann, Grieg und der Bvllsmund. — Es war eine Stunde der Freude und Rührung, das Auge war entzückt und das Gemüt bewegt. Alfred Wanek, der Klavierbegleiter der Münchner Gastin, ist ein feinfühliger Musiker. O. A. Ans den Theatern. Burgtheater. Morgen, halb 8 Uhr „Der Diktator Akademietheater. Morgen, halb 8 Uhr „Komtesse Mizzi", hierauf „Das Veilchen". Opernthealer. Morgen, 7 Uhr „Die Königin von Saba" mit Karl Fischer-Niemann a. G. K a m m e r s p i e l e. Samstag, um 4 Uhr nachmittags, Tanz- Vorstellung der jugendlichen Tänzerin Maryla Gr emo. Raimundtheater. Freitag Erstaufführung der Operette „Musik im Mai" von Heinz Merley und Kurt Breuer, Musik von Emil Berte. . Lustspieltheater. Freitag beginnt Hansi Niese ihr Gastspiel in „Ern süßes Geheimnis" von Michael Feuerstein. - Modernes Theater. Infolge Erkrankung des Direktors Körner tritt eine Spielplanänderung ein. Heute bis.inklusive Sonntag „Die Art, sich hinzugeben...", nur Samstag, den 14., und Montag, den 16. Mai „Absteigequartier An Neuaufführungen werden vorbereitet: „Der Herr von St. Ob in", Lustspiel von Adre Picard und H. M. Harwood; ferner eine Sonderausführung des Schauspiels „Der Heimatlose" von Cadera. Vereine. Borträge nnd Bersamminngen. Jüdische Tischgesellschaft Landstraße. Heute Mittwoch, präzise 9 Uhr, im Cafe Lovrana, 3. Bez., Löweirgasse 36, Vortrag Bruno Rabinowitz: „Mein Bekenntnis, ein Beitrag zur Frage des Zwiespaltes zwischen modernem und traditionellem Judentum." Anschließend Zlussprache. — Zionistische Jugendgruppe Leopoldstadt, 8. Bez., Zirkusgasse 33. Heute um 7 Uhr Hebräisch, 6 Uhr Plenarversammlung. Morgen, 8 Uhr abends, Sichah, 7 Uhr Hebräisch. — Wiener Bet Ha Midrasch Verein, Men, 2. Bez., Dempelgasse 3. Vorlesungen im Sommersemester 1927. Sonntag, 5—6 Uhr: Rabbiner Lektor Dr. GelbhauS:,-Geschichte des Judentums." 6—7 Uhr: Rabbiner Lektor Dr. Rubin: „Pirke Awoth." Montag, 6—7 Uhr: Rabbiner Lektor Dr. Rubin: „Talmud." Dienstag, 6—7 Uhr: Rabbiner Lektor Dr. Gelbhaus: „Psalmen." Mittwoch, 6—7 Uhr: Rabbiner Lektor Dr. G e l b h a u s: „Liturgie, Tun Aurech Chajem", besonders geeignet für Lehramtskandidaten und Cantoren. 7—8 Uhr: Rabbiner Lektor Dr. Rubin: More Nebuchim." Donnerstag, 6—7 Uhr: Rabbiner Lektor Dr. Gelb Haus: „Psalmen." Samstag, 3—4 Uhr: Rabbiner Lektor Dr. Rubin: „Parascha der Woche." Sämtliche Vorträge sind öffentlich und für die Hörer unentgeltlich. Mitglied erausnahme täglich. Jahresbeitrag 6 Schilling. — Maimonides-Jnftitut, 3. Bez., Hetzgasse 40. Heute, 6 Uhr, Rabbiner M H 0 r 0 w . tz : „Ethik des Choboth halcwawoth." — Gremium österreichischer Handelsvertreter, reisender llansleute und Kommissionäre. Heute, 6 Uhr, im Wiener Bürger-Cafe 8. Bez., Praterstraße 11, Hauptversammlung. Predigten in den israelitischen Gemeindetempeln. DamStag bei dem nm Uhr bemnnenoen Morgengottesdienste exegetische Borträge: 16. Bez., Schopenhanerstrqße 39 (Rabbiner Dr. D. Feuchtwang); 21. ÄH., Holzmeisteraasse 12 (Rabbiner Dr. M. Rosenmann). — Samstag, 3 Uhr nachmittags, Jugend- Gottesdienst. Jüdisches Realgymnasium (mit Oeffentlichkeitsrecht), 2. Bezirk, Castellezgasse 35. Aufnahme m die erste bis achte Klasse täfflicftjjtoifdfren 12 und 1 Uhr in der Dlrektionskanzlei. „Tyeologia." Bei der am 5. Mai stattgesundenen Gerwral- Versammlung der „Theologla", Verein Mischer Hochschüler an der ifraelitisch-theologllchen Lehranstalt in Wien, wurden folgende Herren in den Ausschuß gewählt: B. Murmelstein, Präsident; 0. Rappaport, Vizepräsident; H. Frostig, 1. Schriftführer; Dr. B. Klar, 2. Schriftführer; Dr. Serebren)f, Kassier. L a yk. 4 7ns jüdisdke Maus das lüdtsdke (Blatt vww ii> ii (i ii ü ik 4V. -iv imz\