Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 9 (1927)
- Issue
- Heft 2946 (11.5.1927)
- Date
- 1927-05-11
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 294b Wien. Mittwoch Wiener Morgenzeitung 11. Mai 1S27 Gelte 3 1926/27 die Summe von 9740 Pfund bereits zur Verfügung gestellt; er glaube, daß in naher Zukunft der Jahresbeitrag der Regierung aus 20.000 Pfund erhöht w-erden wird. ' In Uebereinstimmung mit dem Beschluß des Aktionsi komitees im August 1926 wurden weitere 206 Familien auf dem Lande angesiedelt. Die Lage in den Kolonien ist verhältnismäßig gut, sowohl im Emek als auch in Judäa. Stärker erschüttert hat die Krise nur die junge I n d u st r i e; diese Erschütterung brachte es aber auch mit sich, daß man sehen konnte, was feststeht und was nicht. Nun kann man sehen, auf welcher Grundlage man mit Sicherheit bauen könne. Die Stadt T-elAwiw hat eine kritische Periode durchgemacht. Es hat sich aber gezeigt, daß man zu der Stadt Vertrauen haben kann; dieses Vertrauen soll sich anläßlich der Tel-Awiw-Anleihe ,',^'kgen. Gegenüber einer Einwanderung von 76.000 Personen, sagte Colonel Kisch, ist — die jüngste Periode der Depression inbegriffen — eine Rückwanderung von 17.600 Personen zu verzeichnen; d. i. ein Verlust von 23 Prozent der Einwanderer. Was die allgemeine Finanzlage der Exekutive betrifft, so läßt sich sagen, daß es so nicht weiter gchen könne. Es sei eine Etappe erreicht, da die Exekutive die Finanzlage nicht mehr meistern könne, sondern von ihr gemeistert werde. Die finanzielle Stabilität ist eine Frage von L ebenundTod jeder jüdischen Arbeit im Lande; es müsse darum die Schaffung einer sicheren Grundlage für die finanziellen Verpflichtungen der Exekutive als Hauptziel angesehen werden. Er glaube.fest, daß in P a l ä st i n a der Höhepunkt der Schwierigkeiten übersch ri t t e n wurde. ein englisches Kriegerdenkmal in Ferusalem. Telegramm Weizmanns an Allonby. j Jerusalem, 10. Mai. Anläßlich der Einweihung des Kriegerdenkmals am Skopusberg durch Feldmarschall Lord Allenby richtete der Präsident der zionistischen Weltorganisation Dr. W e i z m a n n an diesen folgendes Telegramm: „Namens der zionistischen Organisation wie auch im eigenen Namen ist es mir ein Bedürfnis, Ihnen zu sagen, daß die Gedanken des Judentums der Welt heute bei Ihnen auf dem Skopusberg weilen. Wir können jener, die für die Befreiung des heiligen Landes ihr Leben opferten, niemals vergessen, und geben foer Zuversicht Ausdruck, daß Palästina, wieder aufgebaut unter der britischen Flagge, ein würdiges Monument für ihre höchste Selbstaufopferung sein wird." Mar «nd Stahlhelm, eine Inteceffante SAHenersaMxse. Berlin, 10. Mai. Die Direktion ldes Zirkus Busch hat, wie die „Nachtausgabe" erfährt, «ine Schadenersatzklage gegen den preußischen Fiskus angestrengt, weil sich das Unternehmen durch die Absperrungsmaßnahmen, die Sonntag aus Anlaß des Stahlhelmtages getroffen worden waren, schwer geschädigt fIHlt. Montevideo. Don H. E. Fischer. In der sehr bemerkenswerten Bücherreihe „Ferne Zonen" des Berlages Neufeld u. Henius Berlin, erscheint soeben H. E. Fischers farbenreiches, lebensvolles Buch „Durch Meere, Häfen und Spelunken". Wir bringen mit Erlaubnis des Verlages als Probe das gekürzte Kapitel über Montevideo. Was der Frankentvein unter öett Weißweinen, das ist Montevideo mtter den Städten des Süderrs. Unter der selben Sonne blühend, die alle bescheint, ist es doch ganz erfüllt von den salzigen, quecksilbrigen Winden des Meeres, das es mit leise rollenden, zartweißköpsigen, tiefgefärbten Wellen umspült. Und wenn die Springflut im Hochsommercnde wie unter Hieben gehetzt, die Küste Südamerikas entlang Peitscht, dann steht Montevideo, eingehüllt in den grünschäunmrden ©turnt, trotzig und grau wie sein Berg, gegen den wütigen, zerrissenen Hiumrel. » Ms der Abend kam, Und der letzte müde Wind noch einen Gruß des Ozeans in den Hafen warf, startden wir „frisch in Schale" an der Reeling, tmfähig, uns von dem Anblick eines Dampfers trennert zu können, der direkt neben uns sestmachbe. Sattst und zärtlich tvehte von dent Prolinenadendeck dieses eisernen Schimmels gl äsernt und wiegend, der jubelnd tvehntütige Sang einer Geige, der dmnpfschwere Baß eines Cellos: Tango du rede, tango d'auwur, berce mon ame, berce toujours.- Vier elegante Schornsteine fanbteu zitternden Rauch über das Kerzenmeer. Phantastische Helligkeit strömte wie ein sonnenglänzender Mittag durch die Räume, in denen viele Metijfchm standen, Männer, gekleidet nach den letzteu Pariser Modellen, Frauen, knisteritd und blitzend in in namenlosen Stoffen zwischen dressierten, flitzenden Stewards. Mahagonigetäfelte, seideuüberzogerte, handgemalte Wände in eisglatten, parkettspiegeluden Sälen, graziöses Porzellangeschirr, Kabinen mit wollüstige»« Luxus gefüllt, Tagesbericht. Mar Portheim - 70 gahre alt. Der Geschichtsforscher der jostfittischen Zeit. Morgen feiert der Privatgelehrte Max Portheim seinen 70. Geburtstag. Geboren am 12. Mai 1857 in Prag als Sohn des Großindustriellen Wilhelm Porges Edlen von Portheim und seiner Gattitt Bertha geb. Goldschmidt hat dieser allzu bescheidene, jeder äußern Ehrung abholde Main: seit 40 Jahren eine große Arbeit geleistet, welche jedem aufrichtigen Gelehrten sympathisch ist. Er ist ttämlich der josefinische Geschichtsforscher par excellence und die Zeit Maria Therefiens und Kaiser Josefs kennt »vohl in der ganzen Welt keinen Forsche^ der diesen Stoff mehr und tiefer beherrscht als Herrn Portheim. Ein Arbeiter, der unermüdlich dabei ist, nicht nur die Zest, sondern, noch mehr die österreichischen Personen des 18. Jahrhunderts vor unseren Augen in vollem Leben erstehen zu lassen. Alle Menschen, die 1740—-1820 von irgendwelcher Bedeutung in Oesterreich waren, wurden vott ih»n ausgezeichnet, ebenso alle Bücher und literarischen Erfcheiilungelt, die sich auf das Oesterreich dieser Zeit beziehen. Wenn man zu Portheim kommt, so braucht man nur zu fragen: Haben Sie etwas von X? Dann greift der immer hilfsbereite, selbstlose Gelehrte aus feinem Zcttclkaste»: ein schmales. Blättchen heraus und nennt uns wie ein Lexikon: „Geboren, verheiratet, geschieden, gestorben, Eltern, Kinder usw. Kommt vor in dem Werke, in dieser Zejtuttg usw." Ueber 300.000 Natnett sind verzeichnet, «dt unschätzbares Material für jede historisch? literarische, biographische, ökonomische oder persönlich einschlägige Arbeit. Es gibt keinen Dichter, Musiker, Maler, Schriftsteller,. Kaufmann ustv. aus dieser Zeitepoche, der bei PorthHmj nicht gefuttden wird, keine Ersirtdung, kein Buch, welches hier nicht mit Sicherheit bestimmt werdett könnte. Professoren der hiesigen inländischen und ausländischen Msittel- und Hochschulen, die Verfasser von Doktor-Arbeiten literarischer und historischer Art, Mufikgelehrten, Forscher der Aufklärung oder Familiengeschichte, des Theaters, der Oper, des Balletts, Archivs- und Bibliotheksbeamte aus der ganzen Welt, sie alle kennen den Goldschatz Portheims, schöpfen aus diesem nie versagenden Horte und werden so von dem oft vergeblichen monate-, selbst jahrelangem Suchen in 100 Nachschlagewerken und Archiven enthoben. Seit einem halben Jahrhundert versammelt der bescheidene Gelehrte dessen Stammbaum in gerader Linie auf die altehrwürdigen Rabbi Jechiel Mechel Spira und Glücke! von Hammeln zurückgeht, in seinem stillen Döblinger Heim an jedem Freitag „die Jauseniften", »vie seine Freunde von nah und fern genannt werden, leitet, unterstützt von einem außergewöhnlichem Gedächtnisse und feinen Takt, die Erörterungen, die alle Gebiete der Epoche in ihren Kreis ziehen, und weiß in geradezt: bestechender Weise Meinungsverschiedenheiten oft durch ein harmloses Witzwort zu beseitigen. Möge d,em jugendlichen Jubilar, d!er in der Vorkriegszeit auch für öffentliche Zwecke ettte überaus rege Wirksamkeit entfaltet hat, noch eine lange Reihe von Jahren für seine so ersprießliche Lebensarbeit beschieden sein. Zas heimgesuchte Amerika. Das Hochwaffer steigt weiter. — Wirbelftürme. New Do rk, 10. Mai. Das Hochwaffer des Mis-fiffip-- pis ist, entgegen allen Voraussagen, immer moch im Steigen begriffen. Nach einer Meldung aus New-Orleans sind die Einwohner von Mittel- und Südlouisiana, einem Gebiet, das wegen seiner riesigen Zuckerplantagen bekannt ist, ernstlich von einer Katastrophe durch die Fluten des Mississippis bedroht, da der Red River gleichfalls starkes Hochwaffer führt und die Deiche auf einer Länge von 75 Meilen gefährdet sind. Sollten die Dämme, an deren Befestigung fieberhaft gearbeit »vird, nachgeben, so würden etwa 2 Millionen Hektar Land unter Wasser gesetzt und 250.000 Einwohner zirr Räumung des Gebietes gezwungen »vevden. mmm zerstörte gestern abends fast alle Gebäude des Geschäftsvierlels von Poplar Bluff (Missouri). Nach den ersten Meldungen sind mehr als 100 Personen getötet und 250 verletzt worden. Der Sachschaden wird auf mehr als 1 Million Dollar geschätzt. Die Stadt war infolge der Unterbrechung der Stromversorgung ganz in Dunkelheit gehüllt, was die Panik unter der Bevölkerung noch mehr vergrößert!'. Die Gewitter und WirdelstAme die im Mittelweft und Südweft in den letzten beiden Tagen geherrscht haben, drohen marmornen Becken entströmt dantpfendes Wasser — endlos zu beschreibendes Wunder, dieser fashionablen Bergnügungsdampfer Buenos Aires. Flinke Burschet: fangen die Taue und legen ihn fest. Lichtkegel schießen paartveise heran. Die Treppe senkt sich behüt am z»tr Pier und wir rennen chin, um Idle Passagiere zu beäugem Eine Frau schreitet Herunter. Ihr Gesicht leuchtet in dem sommerfrischen Rot ddr Lippen, den glühenddunklen Augen t:nd den pechschtvarzen Haaren, die sich an durchsichtig feitre Backen legen. Ihre Knie sprangen tobend gegen den engen mattbraune Rock, wetm.sie ging. Sie stieg in ein wartendes Auto; ich stierte sie an »vie ein Kaffer eine Taschenuhr. Sie drehte sich um, während das Auto lospfiff und winkte mit einem kleinen »veißen Tuch zum Schiff. Da riß ich in kühner Besoffenheit meine Mütze vom Kopf und schrie: „Mivs!" Das weiße kleine Tuch flog ihr vor Schreck aus der Hand. Und um mich herum lachten wiehernd die Menschen. Tetje schintpste: „Aus dich »vird nie »vas. Du versatrst dir jeden Eindrtrck urit deines* unstandesgemäßem Benehrnen!" Wir verabredeten uns für ein Cafe, uttd ich wartete trnter einem dunklen Schuppen eine Sttmde lang, dann ging ich einem kleineit weißen Punkt entgegen, der unbeachtet auf dem Pflaster lag. Das Tuch roch nach tveichem Parfüm und schönen Händen- Adios, nobla setwra, adios! An der nächstert Ecke nahm ich einen dreifachen black md white. Dann öffnete sich vor mir, lichtvellamepreifenk gefährlich utld droheitd, steil »vie eine Granate in den Hinrltml schießend: der erste Wolkenkratzer. Tvuf feinem Dackloderte flammend ein magisches Quadrat in den Hintmel: Kreuzworträtsel, Purzelnde, schwankende, grellbtinte Wcmderschrist schrie in rasenden Farben gvell Firmen- Und Warennamen über die Plätze. Wie ein Feuerwerkspuk zieht ein Flugzeug über die Häuser mit taghellen Tragflächen, auf denen in scheußlichem Grün die Worte: Raucht 33! stehen. Eine »Uite Straße, vom brausenden Ternpo des Verkehrs erfüllt, »virst tnlch auf den Platz. Ueberall au de»t an Schrecken die Lag« am Mississippi noch zu überbieten. Die Zahl der Toten seit Samstag wird »nit 260 angegeben, während die Zahl der Verletzten bereits 1000 überschreitet. Der Materialschade wird nach Millionen geschätzt./" Me Wirkungen des Tornado aus die großen Gebäude sind mit denen eines G rangtseuers zu vergleichen. Balken wurden »vie Papier, zerknittert, Bäume entwurzelt und in die Luft geMeuhert, Verletzte und Obdachlose verstecken sich vor den . Sturmfluten von Regen unter den Trümmern. Das Rote Kreuz trifft große Vor« bereitungen, um den Obdachlosen Nahrung und Wohnung' zu bieten. Wo ist Nungefstr? Ile vekmltzte» SzeaMeier. Paris, 10. Mai. Nach übereinstmrinelcken Meldlusu-I gen aus Amerika ist bis zur'Stunde noch keine Spur von den französisch,en Trausoz eaufliegerN; entdeckt tvorden. Die ame.rikanische Regierung hat'nach Fühllunguahme mit der französischen Regierung beschlossen, 18 Zer störerboote auf die Suche nach den verschob« lenet: Fliegern auszusenden. Auch eine größere '.Artzahl von Flugzeugen wird sich an den Nachforschungen 'beteiligen. Man rechnet damit, daß die Zerstörerbvote ' zwei Tage ... Läden: On parle francais! Ansichtskarten von Paris, Marseille und Cannes. Frankreichs Kurse zuerst auf den Da-, bellen der Börse. Speisekarten auch itt französischer Sprache. Modesalons: Les oreations nouvelles de Poiret, Paris-! schreit ein geschliffenes Glas. Uruguay ist Frankreichs kleiner Bruder. Kreise kugeln, Schaufenster strahlen, Häuserfronten bretmen Und selbst der feierlich tropische Himtnet »vird rellantegeschändet. Ich fahre zum Cafe Tippicca durch eine lange breite Avenida. Plötzlich, krtrz »vie ein Het^- schlag, unsichtbar gestoppt, knirschend stockt der tobende Puls der Straßen. Auf lautlosem Gummi, in teufliHeM Rot, stürzen Wagen vorbei, Aexte, Schläuche, Leitern tauchen bereits »vieder unter in der reglosen Straße. Kein Klingeln irritierender Alarnrglocken, der Signalarm eines Soldaten, der „garda munieipal" und die vom Tempo besessene Straße liegt tot: Los hombervs! Feuerwehr! — * Tippicca. Lift Neben List. D-'Zug. Personenz'ttg. Gold- Lrcffsettistrotzende Boys reißen an Hebeln Und ttrit einem schneidenden „Hui!" surrt der List an neun Etagen vor-! bei, Mt, dann »vieder netm und man ist da. Wolkeitkratzerdachgartencafe! Unter märchentmnkenert Tropenhim-! anel, glitzernden Sternen, reifem quellendem Mond, fern von der lichtlärmenden Stadt; Hafe»t tmd Meer tu der butrtm Weite, wie ein Glühwurm kriecht der Dantpser Buenos flires vierschornisteinig in den La Plata. Dtrmpfes Licht an schöngedecktM Tischen, sachte gehende Kelsirer, flüsternde Meuscheir ttM über allent »vie ein Rausch, lähmend und peitschend, ekstatisch Und schmerzlich, trillmphatorisch und siegesstünnend: Porfirio Guarrestros argentinisches Natkottakorchester. Gurrettde, schrammende, hohle Banjos, wt-, heimliches polterndes Klopfett auf langer Twmmel, tMtnelnde ziellose Geige, Helles sprühendes Piano, knackendes Xylophon und kreischendes Becken vevemigett sich zu nie wieder in so bacchantischer Vollkommenheit gehörten Melodien. In dumpfem, dunkelblauem Kreis tanzen fließend akrobatisch, formvolleirdet, leicht und graziös, bald schlertz-. kernd, bald schiebe,id, ba'd fslegend und springend, ktnckend