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Wiener Morgenzeitung · 1927-05-11 · Heft 2946 (11.5.1927) · p. Seite 2

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
9 (1927)
Issue
Heft 2946 (11.5.1927)
Date
1927-05-11
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Sette 2 Ä8en, Mittwoch Wiener Msrgenzettnng VL Mm KS7 Nr. SSW Uneotschloffenheit und Revolution. zwei Richtungen im Wische» Lenken. Von Dr. EMm WeiFMKNn- ,, Ich. üLL'-rn etttM ungünstiger Lage. Ich gehöre nicht .M^K«tzr Kkckfsi von Inden, die die jMsche Situation pWMv und leidenschaftslos \a betrachten vermögen oder doch glauben, es Zn können. Ich gehöre ujchh zu jenen, dir kern Smckerinteresße verfolgen. Ich habe eines und unter- Mejöde mich von jene», dft keins haben. Es gibt in der Mischen Denkweise eine Tendenz, die -Ärrrach strebt, aus jeder vom Kvei widerstreitenden Wetten -Wh LoA Beste dadurch M ^en zu machen, daß sie alles oaf den kleinsten gemeinsamen Nenner bringt. Ader t^che Wnzierung ist doch nicht das Gegebene. Eine Anekdote möge dies illustrieren. Es gab einmal einen großen jüdischen KmrsRer. Er wnr geboreu urck erzogen worden in einer Stadt;, die als dvs litarristhe Jemsa^m bekannt ist, in Wilna> eiruer Sdrdt, die gesättigt ist mit der Tradition des Gmm von Mttm, der stärksten Annäherung innerhalb des Ghettos an den außerhalb des Ghetto stehcicken Daruch Spinoza — SNe große TrrüMw, um welche das Leben der GrN^indc wob. Der Künskttr war nahe der Synagoge gckorerr, fast ürnerhalb ihres Bereiches, wo diese Tradition lebte. Er war von chr durchtiÄnkd Als er ein großerl Bildhauer geworden omr, ging er hinaus in ine roeite Wett außerhalb. 'Sec Ghettomauern. Seine erste Schöpfung — die erste ^Ähöpfiing esres jungen Menschen, in dem das Leben! nach Ausdruck rang — war Iwan der Schreckliche, der Gegensatz zu allem, was die Seele des jungen Juden geformt uMd gebildet hatte. Ueberall in seinen künstlerischen Schaf- -ZW, Wvarckte er zwischen dem Gaon von Wiluq und Iwan LemSchrecklichen. Einfobches Paradox ist bei einem Künstler Merans intereßant. Es ist ein KonsM, der bei einem -begnadeten Geist Schönheit schaffen kann. Es wirkte in Heine, der zwischen dem Gaon von Wilna und Siegfried schwankte. Manchmal ist dieser Kampf wundervoll. Er schuf die Lyrik Heines, die, wie ich, ohne chauviniMfch zu : «Meinen, glaube, in der lyrischen Produktion der Wett > mEertwfsen dastcht. .! In Amerika, hat Man diesen speziellen Konflikt „An-?GaKmg" genannt. Was „Anpasftmg" ist, rver sich an-! qncht und wem'er sich anpaßt, und was das Ergebnis dieser! Anpassung ist, wttd vermutlich Laufe der Zeit klar;Hoeckeu. Es scheint eine stillschweigende Annahme zu sein, überall, sek es in Europa oder sonstwo, die „An-! pcDmrg" bereits stattgefunden hat, daß sie ein Resultat ist, l dem die 'amerikanische Judenheit sich nähert, natürlich unter ZMundelegung amerikanischer Behältnisse. Ich meinerseits mochte es so formulieren, daß das, . was sich in der Wett ^getragen hat, und das kann ehrlich zugegeben werden, keine Anpassung, sondern eine Wechte Eirwrdnung des Juden ist. Ich will hiermit nicht : -in eine Diskussion unserer Beziehungen zum Staat cfin- Loeten, auch nicht über die etwas trivialen und vulgär HMrrulierten ständigen Apologien der Juden über ihren Patriotismus sprechen. All dfes sei zugegeben, Unsere Be- . Ziehung zum Staat sit norMal, unser StaatEürgertuw ist gkeiMlls rwrmal. Aber wir geben zu und müssen es ' Mgeben, daß wir eine Minorität sind, stark genug, um uns von andere« zu unterscheiden, und zu schwach, nrn tzr unserem Leben original zu sein. Unser heutiges Leben K eine Funktion dieser etwas merkwürdigen Lage. Täefle rVerschdckenheit ist in vollem Maße auf unsere eigenen-; Fehler oder Eigenschaften zurückznführen. Wir sind deswegen weder bester noch schlechter als die anderen — wir sind eben zufällig anders. Wir versuchen es ernstlich, wir . bemühen uns, nicht zu existieren, und es mißlingt uns. Es Mißlingt, uns ^auf der ganzen Linie; es hat keinen Zweck, Glossen darüber zu Machen. Wir versuchen, die Qncckratur des Kreises durchzuführen, nick wir müssen uns daun ewgestehen, daß dies nur annäherungsweise möglich ist. Daher werden wir uns zwar immer an irgend etwas annähern, aber stets wird ein unbefriedigtes ungelöster Rest übrig bleiben. Die Hebräische Nniversüät möge dazu dienen, merine Ansichten klar zu machen. Natürlich glaube ich nicht, daß es eine jüdische Chemft oder eine jMsche MakheMaA gibt. Es ist nicht das Wesentliche für einen jüdischen Schriftsteller, daß er über jüdische Gegenstände schreibt; es ist nicht notwendig, in alles Jüdischkejtt zu bringen. Mer es gibt so etwas wie eine jüdische Art des Herangehens ftn Probleme und an bie Welt. Dieses jüdische Herangehen ist eine Möglichkeit, die an der jüdisches Universität . zur Wirklichkeit überführt werden soll. Wir berechtigen nicht, die jüdische Universität zu einem Zentrum zu machen, von dem aus wir uns jüdischer Erruirgenfchasten rühmen können. Wir versuchen, einen Ort in der Welt zu schaffen, wo et« normaler Standard unter normalen Bedingungen in einer Umgebung schaffen werden könnte, wo toir nicht mehr di« psychische 1 Reaktion einer Minorität haben. Wir hoffen, daß dieses Schwanken zwischen dem jüdischen Leben und einem dauernden Sühannähern an etwas anderes aufhören wird, daß das jüdische Leben ursprünglich, in sich abgeschlossen, werden, und sich nur der allgemeinen Kultur der Welt annühern wird. Dies, und nur dies altern, macht dm Wert der Universität aus. Dtt Frage: Wie könrren wir Juden sein und als eine (HnHpe, als M»en, in Amerika, in Italien oder England, wo wir zufällig als Gruppe leben, unseren Anteil zollen, ist oft gestellt worden. Ich ftnde, solche Kommentare hören sich an wie Zionisten ohne Zion> toffee Zionisten, die sich vor einer langen Reise, vielleicht vor der 'Seekrankheit, fürchten. Ich selbst habe das Suchen nach einer genügend biegsamen Definition durchlebt, um diese beiden Fragen zu beantworten. Ich habe das Experiment unternommen, den Dienst an der Kultur, in der wir als! eine Gruppe leben, in Einllang zu bringen mit der Aufrechterhaltung eines Gruppcnbewußtseins positiver, aggressiver, schöpferischer Art. Es hat solche Bewcgrmgen auch in der Vergangenheit gegeben, so z. B. den Bund, der versuchte, am Leben Rußlands mitzuarbvtten und doch ein jüdisches Sein, ein jüdisches Programm ausrechtzichatten. Das damalige Streben des Bundes unterschied sich von dem jetzigen Streben insofern, als der Bund das ungeheure Pathos des Levdens mck der Tragödie hatte^ Er wurde durch das furchtbare Leiden der 'Juden unter dem russischen Bott sanktioniert. Ans einer Gemeinschaft des Leidens zogen wir ein gemeinsames Programm. Was aber war das-Ergebnrs des Bundes trotz des schöpferischen rrrck befruchtenden Pathos eines gwßcn LFd^nS? Als jMsche Gruppe verschwand er im Strome Rußlands. Und ich Ambe, als jüdische Gruppe, als jMsch schöpferische, aggressive, positive Gruppe müssen ähnliche Gruppen sich im Ärome des amerikanischen "schöpferischen'Lebens aüflösen. Sie werden entweder rückwärts schvanken oder sie werden von dem großen Strom des amerikanischen Lebens hinweggespült werden. Mit anderen Worten, um es weniger zart auszudrücken, ich glaube, einzelne Inden und einzelne Gruppen mögen weiter träumen und leiden, aber schöpferisches Judentum, das weder Religion noch Nationalismus sein will, muß notwendigerweise absorbiert und aufgesogen werden von einer gesunden^ mächtigen, entwickelten Zivilisation. In solch einem Falle sind wir, wie der Geist in Hamlet, dazu verdammt, durch die Weltgeschichte zu schwanken, uns selbst ein Rätsel und sichtlich ein Rätsel für die anderen. Wir sind im Begriff, das Rätsel zu lösen. An den Toren einer "jeden 'jüdischen "Gemeinde -oder jeder 'Gv° mornde, in der Juden sind, wird eine Figur 'stehen, die den Juden auftockert: ,Zöse das Unlösbare, sonst gehst du zugrunde l" Diese Ungewißheit fühlen wir in der schöpferischen Anstrengung des Juden in der ganzen Welt. Wir fühlen, daß der Jude z. B. in der Wissenschaft seiner besonderen Stellung wegen etwas von "dem "Nichtjudm äbwejcht. Ich möchte dies wie folgt beleuchten: England bringt eine Reiho von wissenschaftlichen Leistungen hervor; von Mit zu Mit bringt England einen 'Mann hervor, der, wie ich es bezeichnen möchte, wrssenschäftlich eine Eiche darstellt, eine Kraft, die fähig ist, eine große Schule zu gründen, die die' Arbeit urck die Errungenschaften dieses Mannes werterführt, so znm Beispiel Newton oder Farraday oder Huwe. -Solch ein Baum will Zweige schlagen und wissenschaftliche Früchte tragen, Generation um Generation. Nur eine lange, ungebrochene Tradition intellektueller Anstrengungen kann einen solchen Typus hervorbrrngen. In unseren wissenschaftlichen Bemühungen sind toir Juden mehr oder weniger — mit einigen chrenvvllen AusnWnen — das, was 'die Deutschen ,chodenlos" nennen. Unsere wissenschaftlichen Bemühungen liegen oft im Grenzgebiet zweier Wissenschaften. «Sie dauern manchmal yluen Ta^ und manchmal erneu Monat Ä>er ein Jahr; sie haben -aäae nW den EHaraAer der Kontinuität. L o nch o n, 8. Mm. Das Zionistische MtionSkomitee 'hat die Generaldebatte noch nicht begonnen, um den K o mm iss i o n e n die Zeit für ihre Beratungen zu schaffen. Es wurden am 5. Mai vier IZgliedrige Kommissionen gebildet: eine politische, eine organisatorische (die auch bezüglich der Einberufung und Vorbereitung des lv. Ziomstenkougresses die Entscheidungen zu treffen hat), eine Kommission zur Erörterung der Wirtschaftsl a ge in Palästina und eine F i u a n z k o m m i s s i o tt. Die politische Kommission, deren Mitglieder noch nicht gewählt wurden, beginnt ihre Arbeiten nach der Erstattung deS poüttschen Berichtes durch den Präsidenten Weizma n n. Das Plenum des Aktionskomitees hat seit der WaW der Kommissionen noch keine Sitzungen eckgehalten. Was die Einberufung des 15. Zionistenkongresses anbelaugt, so gcht bekanntlich der Antrag der Exekutive dahin, den Kongreß für den Sä. August nach Basel einzuberusen. Doch treten sehr viele Mitglieder des Mionskomitees dafür ein, daß der-Kongreß wieder in Karlsbad stattfinden solle. Crckonel F. H. Kisch, der Leiter der Exekutive in Palästina, «der den Bericht über die allgemeine LaM) des zionistischen Aufbauwerkes erjtatLete, führte ungefähr auSr Unsere literarischen Bemühungen sind in Mancher Fällen eine Antwort aus unsere wirtschaftlichen Anstrengimgen. Sie find die Bemühungen von ^vischenhärcklern, von Leuten, die sich als Clearing house für Ideen etablieren. AuS diesem Grunde ist der Jude in der Presse so hervorragend? Er hat eine arrßerordentliche Geschmeidigkeit. Er besitzt die Fähigkeit, euren Gedanken von einem Ende der Welt zum andern zu vermitteln, ohne notwendigerweise eine tiefe innere Relatimr zu diesem Gedanken zu haben. Wir klammern rrns an sine intellektuellen Berufe, dir für Leute charakteristisch sind, die keinen festen Boden rrnter den Füßen fühlen. Darmn sind wir so außergewöhnlich klug, so außergewöhnlich flink und manchmal so außerorderrtlich interessant, und dämm verrichten wir oft eine sehr nützliche Sache für irgendjemand anders. Darum wird dev Jrcke von seinen nichtjüdischen Freunden so häufig da« Salz der Ecke gerrannt. Die Rolle des Salzes vom chemischen. Standpunkt aus ist, jedermanns Suppe zu würzen. Salz hat noch eine wettere Eigenschaft; es kann nur in bestimmter Konzentration genossen werden. Sobald die Lösung übersättigft ist^ ist Satz und Suppe verloren. Wir werden oft als Gärungsstoff bezeichnet. Die Rolle eines solchen Ferments ist, eine nützliche Tätigkeit in einem Medium hervorzubringen, das nichts mtt dem Gämngsstoff gemeinsam hat. Vom biologischen Standpunkt aus gibt es jedoch eine ältßerst feine Grenzlinie Kölschen dem Begriff eines Ferments und eines Parasiten. Im Augenblick, wo das Ferment an Menge zunttmnt, hört es auf, fermentativ zu sein nrrd wick pavasttisch DaS ist die Rolle, die wir zu spielen geötvUngeu sind. Das ist das außerordentttche, herrltth> unreale W>- gramm, das manche Vorschlägen: ein schöpferisches Ferment Kt sein und uns' vor der Konsequenz zu bewahren, an Gewicht oder cm Aktivität zuzunehmen, um nicht!: Parasiten zu werden. Dies Programm ist unendlich schwieriger als der Aufbau Palästinas. Es ist unendlich viel schwieriger, diese intellektuelle Balance zu bewahren, beständig zwischen zwei Welten zu schwanken, anstatt einfach, begrenzt und einseitig, wenn sie wollen, zuzngeben, daß, wenn wir in einer von uns verschickenen West leben müssen, wir uns ehrlich im größtmöglichen Maß anpasseu und das Uebrige der Vorsehung überlassen sollten. Anpassung ist der eine Rat, aber wir müßten wissen, daß es kein vollkommener Rat ist. Wir wüßtsn wissen, daß eS ein Kompromiß ist. Ein Kompromiß mag erlaubt sein, es ist jedoch: nicht Brcmch, Glossen darüber zu machen. Ich bin Chemrker. Ich bin keine Autorität auf dem Gebiete der Evolution. Aber ich stelle mir vo-r, daß Evolution ein. Kompromiß Zedeutet. zwischen, etwas, das starr und statisch' ist, und etwas, däs dynamisch ist. Es bedeutet eine gegenseitige Anpassung. Das Dynamische wick ein lvenig statischer, und das Stattsche wick ein wenig dynamischer, und so entsteht allmählich der Äusgleichl. Evolution würde daher Annäherung an etwas bedeuten, das besteht und dem es natürlich ist, sich zu nähern. Wenn wir die Enttvicklnrrg unseres nätronälen Lebens der Evolution überlassen, irckem' wir mvS nach ' einer Kultur und Zivilisation hin wtwickeln, über die wir keine' Kontrolle haben, zu der wir bettragen können, die aber mtt ungeheurer Wucht vorwärts geht, dann mag wohl in dem hervorgebrachten Spektrum eine jMsche Linie blecken, aber wir müssen zugöben, daß es eben nur eine Linie sein kann. DaS Spektrum ' wird noLweMgerwei.se nichtjüdifch sein. Wenn es nur unsere , Rolle sein Mte, die Skala des Spektrums mtt jüdischen Linien zu versehen, so wücke der vorgeschlagene Kurs genügen, aber wenn es unsere Rolle- -ein jMsches . Spektrum zu schaffen, so muß es eine eigene Mische Lichtquelle geben, und dies ist nicht mehr eins Frage dev - Evolution, Die Nachrichten, die aus Paläftttra kamen, waren si> sehr von der Krise beherrscht/ daß manche den Eindruck gewinnen konnten, daß die ganze Struktur des Landes zerbreche, ohne sich dessen bewußt zu werben, baß, ungeachtet der Krise, aus einer ganzen Reihe von Arbeitsgebieten der Aufbau des Nationalheims fortgeführt werden konnte. Mit der Regierung wurden Verhandlungen über Erleichterung der Naturalisationsbebing u n g e n gepflogen, die erfolgreich waren. Die Gebühren wurden aus die Hälfte hembgesetzt. Dennoch verlief die Natuvalisterungsaktion nicht befriedigend. Bis Ende März d. I. betrug die Gesamtzahl der Naturalisierten etwa 8000, von denen 5500 sich schon 1922 für die Na-- turaltsation erklärt hatten, so daß nur 3500 neu hinzugekommen sind. Man darf aber nicht vergessen, daß es sich «bei einem großen Teil der Naturalisierten um ganze Familien handelte mtfo daß im Emek die Naturalisation noch nicht durchgef'ührt worden ist. Ich erachte es als meine Pflicht, sagte Colonel Kisch, offen meine scharfe Verurteilung auSzusprechen icker .die bedauerliche Kampagne gegen die Naturalisierung, die in Haifa von Führern der dortigen Gemeinde ei-ngeleitet worden ist. Die Palästina-Regierung hat als Zuschuß zum jü- . sondern der Revolntckn im jüdischen Leben. Sie Sitzung des Zionistischen Aktionslomttees Bier Äommisfioue». — Der Sougrebökt »och Mt endgMg bestimmt. d-isiMem Erz I ehnngsVUVget ftir das Jahr

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