Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 9 (1927)
- Issue
- Heft 2945 (10.5.1927)
- Date
- 1927-05-10
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Men, Dienstag 10. Mai 1927 Seite 5 Nr. 2945 Wiener MorgenzeiLnitg Jüdifch« Aerzte in Palästina. Aus Jerusalem meldet J.T.A.: Nach einer im Jänner 1927 hergesteNten Statistik Üben in Palästina 536 Aerzte eine Praxis aus. 495 sind Juden, unter ihnen 126 Frauen. Von den jüdischchen Aerzten praktizieren 95 in Jerusalem, 144 in Tel Awiw und 41 in Haifa. Zum zweitenmal gestorben. In Kotzmann in der Bukowina starh dieser Tage der jüdische Kaufmann Lazar Preiser. Die gesamte Judenschaft der Stadt und Umgebung .nahm an dem Leichenbegängnis, das um 12 N h> r nachts stattfand, teil und mehrere Redner würdigten die Vorzüge des Verblichenen. Interessant ist, daß Lazar Preiser in seinem siebenten Lebensjahr in seinem Geburtsort Probuzna (Galizien) als scheintot beinahe begraben wurde. Die Leiche des Kindes wurde zum Friedhof getragen. Auf denr Weg verspürten die Leichenträger eine Bewegung im Sarg. Sic stellten den Sarg auf den Boden und konstatierten, daß die Leiche sich regte. Es ^tändelte sich also um Scheintod. Das Kind blieb am Lehen und so erreichte Lazar Preiser nach diesem Tod das 71. Lebensjahr. Preiser pflegte an jedem Jah'rcS- — — — Ich .glaube: Kein Port hat seine ersten Gedichte zärtlicher betrachtet. — Florian verstand den Blick seines Herrn und rief: „No, Herr Mäutner! Hat dehß a G'sicht?!" Gustav bejahte, und von Florian Antlitz strahlte die Sonne des Erfolges. — Da konnte Herr Panigl nicht länger im Schatten bleiben. Tr trat vor Und wies mit seiner mächtigen Hand auf die Würstel im 'Korbe Und sprach gelassen: „Mai Fleisch! 's kann ja gar neht anders sein!" — Florian gab ihm einen Blick, einen Blick, den nur jener versteht, der in der Seele eines „Ersten" zu lesen versteht. Aber Herr Panigl ließ sich nicht -as 2I -uoöuvaqzm Zsmhn^g ouvW aog §iw oj widerte den Blick und — überbot ihn. Während nun Lieferant Und „Erster" wortlos, bloß mit den Augen, um den . Erfolg stritten, ging Gustav zum Kessel und hinter ihm' Herr Hermann. Gustav hob langsam den schweren Deckel des Kessels; sofort entströmte eine mächtige Dunstwolke und verhüllte Vater und Sohn und Zylinder. „Was für e Lahd af Euch?" ries der alte Herr. „Ahnmohl Räach, ahnmohl Dunst!" „Vater!" erwiderte Gustav, 7,dafür bist du ja in einer .Selcherei!" — „Das hast de mr doch sagen können, du lGassenjung', daß Dunst sein wird!" rief Herr Hermann Imd betrachtete seinen Zylinder, bessert Fell gebadeten Märrsleiu glich; Unwillig, rief der alte Herr: „Ueberhaupt! Zu was steh' ich da?" Zu denr bin ich doch nix heraus gekommen! Hast du ka Arbeit für mich?" — „Gleich, Vater; gleich. Miie die Würstel aUs dem Kühlgeschirr kommeir, kannst du sie auf die Stecken, hängen, und der Herr Panigl wird helfen, ja? — sind dann wern wir die Würstel ^jn den Hof gebeir, znm Abtrocknen!" Dies geschah, und als die Würstel vorr der Luft getrocknet waren, wurden sie in Papier verpackt nnd dann, wie schlimme Kirrder in einen Sack gesteckt. Bald standen scchs- Uirdfünfzig Säcke, wie Rekruten in Reih' rrnd Glied, und die Zipfel der Säcke blickten neugierig, wie Fragende in die Höhe: „Also! Wann fahr'n wir?" und Gustav, als hätte er die Frage verstanden, rief aus dein Wurstzim'mer in den Hof hinaus: „Ham S' scho eing'spannt, Herr Schwalm?" Herr Schwalm war der Hausbesorger. Einen Kutscher lohnte es noch nicht, und Herr Schwalm hatte das Fuhrwerk aus Gefälligkeit — wie er sagte, uub wegen der versprochenen dürren.Wurst —wie er dachte, übemommerr; Urrd er rief jetzt: „Scho lang Hab' ih einig'spannt, Herr Mckntner! Bon mir. aUs kann's gleich gehn!" — „Also dann rufen S' die Köchin, Herr Schwalm! Sie wird mit Ihnen zUr Post fahren, und wird die Pakete aufgeben und wir..." sprach Gustav zu den Gehilfen, „wern daweil aufladen!." Jeder faßte einen Zipfel der sechsundfünfzig Reifenden, Und so wurden sie. allmählich im Wagen, der im Hof vvr der Türe des Wurstzimmers stand, placiert. — Es war ein dunkelgrün lackierter Selcherwagen mit einer schwarzen Lederplache, die aber jetzt nach vorne über den Bock geschlagen war, Und vor dein Wagen stand —> Schackl, ein gut genährter und ruhiger Brauner. Schackl war unter Assistenz Herrn Panigls am Pferdemarkt erwarben worden. ,,Sö brauchen a ^lrbeitsroß und kahn Losgeher!" hatte Herr Panigl den Kauf cingeleitet. „Nur kahn Losgeher!" wiederholte Herr Panigl, obwohl Gustav gar keinen Losgeher wollte. Aber es ist eine der menschlichen Schwächen, daß der Spender einer Gefälligkeit ein kleines Verdienst kon--. strüiert, gleichsanr damit würzt; und so erzählte Herr Panigl jedem: „Ih Hab' erm kahn Russm kaufen lassen! Z'was beim?'Ah Arbeitsroß Hab' ih ernr kauft! Was braucht er dem: ahn Russen?!" — Gustav wußte viel von Russen. Einmal hatte er welche in der Küche seiner Mutter gesehen; aber darüber durfte er nicht spreche»:. — Also Schlackt, das Arbeitsroh stand gesenkten Hauptes vor denr Wage»l, und scharrte mit dem rechten Bordersuß; auf dem Bock' des Wagens saß Herr Schlvalm, und um den Wagen herum stände»» die drei Gehilfen und G»»stav, Herr Hernrann tttub Herr Panigl. Alle erwarteten die Köchin, aber sie ka»n »licht. „Wo bleibt sie de»»n?" fragte Gllistav Ungeduldig. „Haben Sie sie nicht gerufen, Herr Schival»»»? — „Fa' — jDehß schon," sagte Herr Schwalm, „aber sie hat g'sagt.." Und die Worte rangen sich schlver - - »nie ein Lastenaufzug — aüs seiner Brust. „Sie ■— hat g'sagt: Sie — ka»»n jetzt ~ lieht f»»rt — vom Kochen'!", Herr Schwalm hüllte sein Gesicht in ernste Falten, obwohl ihn» heiter zumute jwar, den»» der Untergebene liebt die Widersetzlichkeit des tag dieses Ereignisses in Sadvgura ein Fest mit Fackehmg zu veranstalten. , Ableben des Rech-tsgelehrten Rost». In Jreibnrg i. B. starh vor einigen Tagen der Professor der RechMviffenßchast Dr. Heinrich Rosin im Alter Von 73 Jahren. Der Bevstorbene, der als Rechbsgelehrter einen meikhinreichondcn Ruf hatte, war Mitglied des Oberwtes der JfweMen in Baden. Von ihm stammt auch der Gesetzentwurf Wer die Rechtsverhältnisse der Juden im badischen Staat. Er gründete den jüdischen Handwerkerverein und propagierte die Zuführung der jüdischen Jugend zum HandwerAevstand. In Anerkennung der von ihnr durchaeführten Gründung des versicherungSlv'issenschaftlichen Seminars wurde Prof. R 0 f i n vom Universitätssenat zum staatswissetnschaftlichen Ehrendoktor ernannt. Verein jadifcher Journalisten in Leinberg. Bor einiger Zeit überreichte eine Gruppe von Mitarbeitern der Lemberger jüdischen Tageszeitungen „Chlvila" und „Der Morgen" der Behörde ein Statut für einen zu gründenden Verein jüdischer Journalisten in Lemberg. Dieses Statut erhielt nunmehr die behördliche Genehmigung. (29. Fortsetzung.) — anderen Kollegen. Er beugte sich auch vom Bock zu Florian herab, der neben bdttt Wagen stand, und flüsterte: „Paifs' auf, Flori! Da gibts jetzt ahn Wirbel!" Darin hatte -er sich nicht, getäuscht, denn Gustav rief wild: „W!as heißt das? Augenblicklich hat sie zu kommen!" Herr Schwalm zuckte bloß mit den Achseln, und Gustav schrie mm mit aller Kraft über den Hof: „Köchin! Köchin!" — Es währte eilte Weile, bis oben im ersten Stockwerk ein Fensterflügel geöffnet Und der Kops einer Frauensperson sichtbar wurde. — Wessen Kopf? — Der Kopf der alten Frau, Fanny. — Frau Fanny war von Herrn Feldmann entlassen worden, und als bald darauf Gustav selbständig wurde, war sie gerne seinem Rufe gefolgt, trotzdem Gustav an . der Schwelle der Verhandlungen erklärt hatte: „Wer — ein Extramädel, Frau Fanny! Kann ich Ihnen keines halten! — Im ganzen wern wir fünf Leut' zUm Essen.und — da werden Sie sich die grobe Arbeit selber machen müssen!" — „Das geniert mich nix, Herr Gusti!" hatte sie erwidert, „ich bin arbeiten gewöhnt!" — 7,Und «manchmal, Frau Fmtny!" fügte Gustav noch hinzu, „manchmal werden Sie mitten Unterm Kochen »veg müssen! 'Zu einer Kunde oder sonst einen Weg;- wird Ihnen das nicht zu viel sein!" — „Scharm Sie, Herr Gusti!" hatte die alte Dienerin erwidert,, „im Dienst muß ich sein, und Sie kenn ich schön zehn Jahre Und wissen Sie, Herr Gusti: Wenn ich Sie so anschaU', denk' ich immer an..Sie weinte. „An wiasj,. Fmu. Fanny, denken Sie? Warum weinen Sie!?" — „An.., an nix. Ich Hab' nur sagen wollen': Ich »bin lieber bei Ihnen im Dienst als -beifremde Leut'. — Ach wer' alles machen, Herr Gufti, was Sie verlangen. Alles." — So hatte sie es versprochm und tvollte auch gehorchen; aber der alte Diener, tveil er treu ist, stellt die Sache über den Gehorsam, und darum brandet sein Witte so oft an dem seines Herrn. — „Er versteht das nix!" hatte sie Herrn Schwalm Alsaigt, als er sie gerufen hatte. „Er versieht .das nix! —- Ich Hab' das Essen am Herd! Wie kann ach jetzt zur Post gehen?!" — '—- Und als sie jetzt in den, Hof himmterblickt-e, »viederholtevSie, unbeirrt des Zornes ' ihres - Herrn: »Ich,' kann - jetzt / nix weg, Herr Gusti." —« „W'aaas?" rief» Gustav. „Sofort kommen Sie herunter. — „Ich kann nicht. Ich Hab'- grad'. zÄgeMt!" sagte Frcku Fannjy, schloß das Fenster und ging wieder zu ihrem Herde. : (Fortsetzung folgt.) Diebeften Neuerscheinungen der modernen Literatur stets vorrätig LOOS / Blondinen bevorzugt / S 10*80 JOSEPH ROTH / Juden auf Wanderschaft S 3*20 MARCELL PROUST / Im Schatten der jungen Mädchen / S-21*60 JACK LONDON / Jerry / S 8*40 BRYAN / Edison / S 16*20 DOSTOJEWSKI / Beichte eines Juden S 10*80 DEKOBRA / Der Philosoph und die Dirne S 7*50 ALFRED POLGAR / Orchester von oben S 14*40 ' KISCH / Kriminalistisches Reisebuch / S 320 Buchhandlung R. Löwtt Wien, I., Rotenturmstr. 22 Genia Setfmann Chrxanow Verlobte --^ Alex Berger Aortn April 1927 Bühne und Kunst. «Sech» Theatervirektoreu suchen rin Plchlikum." Deutsches Bolksthvater. Es »varen zwar nur fünf. Aber »venn man sich dessen erinnert, daß der treffliche Hans Ziegler sich auch einstens als Theaterdirektor betätigt hat, waren es doch sechs. Und als statt des versprochenen Hern: Direktor Marischka, der leider nicht mittnn konnte, ^ev Sleza k, der große Heldentenor und Komiker, unerwartet auf die Bretter kam, war diese Nachtvorstellung der heiteren Sensationen um eine Ueberraschung bereichert. Die Wiener Theaterdirektoren Beer, Herterich, Körner,. Wenzler und der gewesene Burgtheaterdirektor Thimig traten zugunsten der Nationalbibliothek im „Raub der Sabinerinnen" auf. Hugo Thimigs Meisterleiftung als SchmierendirektorStriese steht außerhalb, einen Wolkenkratzer hoch, oberhalb eines Nachtamüsements. Wer der Mnstler trug der Eigen Sttyrmung durch manches brillante Externpore Rechnung, und sogar die Mitspielenderr konnten ihr Zwerchfell nicht beherrschen, als der Striese Thimigs z. B. mitteilte, daß er Schillers „Fieseo" zu einem prachtvollen Einakter zusammengestrichen habe (Dr. Beer, dessen Fiesco-Striche so scharf kritisiert »vurden, war zum Glück hinter den Kulissen). Man freut sich der Wiederbegegnung mit Margarethe Fo rmes-Königstvarter; Margarethe Stez a k hatte diesmal eine weit größere Rolle als ihr Papa und Blanka Glossys literaturbeflissene Dienstmagd war zum Schreien. Außerdem und überdies gab es ein sehr erfolgreiches Debüt: Annie Salten erwies ihre ungewöhnliche Theäterbegabung schon dadurch, daß sie der gelegentlich recht wilde Bühnenrummel nicht im geringsten genierte. Ein feines, kluges Geschöpf, dem der Schalk im Nacken sitzt. Vs wurde schon lange' nicht so viel gelacht, und keiner merkte es, daß die zweite Morgenstunde weit vorgerückt war,' als der letzte Vorhang siel. Felir Weingartners Abfchiedskonzert. Eine Ansprache nach dom philharmonischen Konzert. Im Rahmen eines außerordentlichen Konzertes der Wiener Philharmoniker vercwschiedete sich Felix W eingartner von Wien. Sein Dirigentenpult war mit einem mächttgen ^orbeerkranz geschmückt. Er wurde bei seinem Erscheinen vom Publikum stürmisch begrüßt, schnitt aber die Ovation ab, indem er seinen Dirigentenstab erhob' und Beethovens „Neunte" erklingen ließ, die unter der Mitwirkung der Kammersänger Mai kl und. M an.»- warda, der Kammersängerinnen Gerhart. und Kittel sowie des Singvereines der Gesellschaft der Musikfreunde unvergleichlich herrlich gespielt wurde. Nach Schluß der 'Aufführung hielt Weingartner schtteßlich, sichtlich ergriffen, eine kurze Ansprache. Ev bat die Wiener, ihm die Uebersiedlung nach Basel nicht schwer zu machen und doch zu bedenken, daß er bisnnn wie ,Ahasver gelebt und endlich das Glück der Seßhaftigkeit erlangt habe. Als er bedeutete, es sei doch von ihm kein Schwur geleistet worden, »rach Wien nicht zurückzukehren, wurde er stürmisch akklamiert. — Man darf aus dieser Aeußerung Weingartners schließen, daß er nicht abgeneigt ist, auch weitechin zeitweise in Wien zu wirken. Aus den Lheateru. Burgtheater. Morgen, %8 Uhr, „Paulus unter d e n I u L> e n". Ata de m ie th.ea ter. Morgen, J48 Uhr, „Weiverfeinde". (Abonnement dritte Gruppe.) Operntheater. Morgen, Uhr, „S a10 m e" mit Biotetta de Strozzi von der Staatsoper in Berlin als Gast („Salome"). Kammerjp.iele. Maria Orska hat ihr Gastspiel um einige Tage verlängert.umb tritt ab heute (10 Uhr abends) in „A m 0 u r e u s e" auf. Heute, %8 Uhr, Uraufführung von „Duell der Liebe" von Lilly Hatvany mit Leopoldine Konstantin. Theater an -der Wien. Morgen 160. Aufführung der Operette „Die Königin". Theater in der Josefstadt. Morgen, V%8 Uhr abends, Erstaufführung des Lustspiels „Der gälte Kamerad" von Trkstan Bernard, deutsch von Stefan Hock. Konzertakademie für blinde Mädchen. Für das ,Heim für blinde Mädchen", 2. Bez., Darwingasse 5, veranstaltet der Frauenverein „Providentia" am 12. d. M. im groben Saale des Ingenieur- und Architektenvereines, 1. Bez., Eslhenbachgasse, ein Konzert mit e rst-klassigem Programm. Karten im Heim und an der Abendkassa. Vortragsabend Jehuda Ehrenkranz. Das geschätzte Mitglied der „Wilnaer Truppe", Jehuda E h r e n k r a n z, ein sehr erfolgreicher Bortragsküustler, spricht Mittlvoch, den 11. Mai, im Kleine« Kou-zerthaussaale Dichtungen von An- Ai, Asch, Perez und Tünkeler. Beginn halb 8 Uhr abends. Wenige restliche Karten au der Abendkassa. Rasse und Dichtkunst. In der Gedenkschrist für den verstorbenen Prager Gelehrten Heinrich Swoboda findet stch auch ein Aussatz des inzwischen ebenfalls verstorbenen Germanisten August Sauer, der die Herkunft zahlreicher deltt» scher Dichter untersucht und bei einem großen Teil eme mehr Der Sohn des Moses Mautner Ein Wiener Roman von Leopold Hichler. Copyright 1927 by R. Löwit Verlag, Wien — Leipzig