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Wiener Morgenzeitung · 1927-05-08 · Heft 2943 (8.5.1927) · p. Seite 7

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
9 (1927)
Issue
Heft 2943 (8.5.1927)
Date
1927-05-08
Page
Seite 7 (sequence 7)
Language
German
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Wie«er Morsenzettmrg a «toi JÜDISCHE WEIT I * I Ser Schwarzbart-Prozeb beginnt Snde Juni. Aus Paris wird gemeldet: Henry Torres, der BerteLLger Schwarzbarts, teilte der Jüdischen Telegraphen- Ägentur mit, daß die Mitteilungen einiget Zeitungein, wonach der Prozeß gegen Schwarzbart abermalsverschoben werben sei, keine Grundlage haben; der Prozeß wird ganz bestimmt Ende Juni d. I. beginnen. Schalom SchwarKart hat an seinen Freund Doktor I. M. Salkind, dm Herausgeber der Zeitung ^Arbeiter-Freund" Ln London, der gegenwärtig als Tourist in Palästina weilt, geschrieben, er werde im Falle seines Freispruches nach Palästina auswandern,MN hier seine Heimat zu finden Sitte „Mal-Revolution" in der Stiften* gemeinde von Rawa-Ruska Die berühmte galizische Judengemeinde Rawa-Ruska, in der eS von jeher stets „lebendig" zuging, hatte dieser Tage, wie der Kernberger „Morgen" berichtet, wieder einmal eine Mairevolution. Die dortigen Zionisten führm bereits seit drei Jahren gegen den der Stadtgemeinde aufgedrängten Regierungskommissär Chalaniewski, der sich vom ersten Tags seines Amtsantrittes als übere-j-srMar Antisemit betätigte, einev> scharfm Kampf, ohne jedoch seine Enthebung durchsetzen zu können. In der letzten Zeit jedoch gab die Aufdeckung von schweren Mißbräuchen Ln der städtischen Wirtschaft pm Anlaß zur Erneuerung des Kampfes gegen desn Regiemngskommissär. Diesmal schlossen sich der Aktion alle jMschen und nichtjüdischen Kreise der Stadt an, und Ln Massenversammlungen wurde beschlossen, durch eine Delegation von der Regierung die Enthebung des Regierungskommissärs zu erwirken. Nun geschah aber das Sonderbare. Die antisemitischen Freunde des Regierungslommissärs erließe:: einen Aufruf an die Bevölkerung und besonders an die jMschen Gemeindeführer, in einer großen Versammlung dem Regierungskommissär das Vertrauen auszufprechen und auf diese Weise der Protestaktion in Warschau entgegenzuwirken. Dieser Aufruf trug neben den Namen berüchtigter Antisemitei: auch die Unterschrift des Präsidenten und Vizepräsidenten der jüdischen Gemeinde von Rawa-Ruska sowie anderer Führer der Belzer Richtung. Vorigen Samstag nun erhielten Liefe Spitzen der jMschen Gemeinde in sämtlichen Synagogen und Bethäusern der Stadt die würdige Antwort. Die Gemeindemitglieder forderten von den Unterzeichnern des Aufrufes zugunsten des Antisemiten, daß sie den Veranstaltern jener geplanten Vertrauenskundgebung erklären, daß sie kein Recht hatten, namms der jüdischen Bevölkerung, von Rawa-Ruska der Ehrenrettungsaktion für den antisemitischen Regierungskommissär beizutreten. Nach anfänglichem Sträuben mußten die Unterzeichner des Aufrufes, begleitet von Hunderten jüdischen GemeLndemitgliedern, den Büßgang in das Stadthaus machen und dort die geforderte Erklärung abgeben. Unter solchen Umständen ist es begreiflich, daß man auch in Rawa-Ruska mit großer Ungeduld das Inkrafttreten des Pilfudski-Dekrets bezüglich der Demokratisierung des Wahlrechtes für die jüdischen Gemeinden in Galizien erwartet. Sie Salat-Führer in Rußland Dft I. T. A. meldet: Am 5. Mai ist Dr. Bernhard Kahn, der Leiter des Europa-Werks des American Joint Distribution Committees zu Berlin nach Moskau abgereist. In Moskau wird er mit dein Präsidenten des Joint, Felix M. Marburg aus Newyork, und dem Direktor des Agro-Joint, Dr. Joseph Rosen, zusammentr,essen. Dse drei Herren werden genltziusam das gesamte Hilfs- und Aufbawverk irr Rußland inspizieren und eine auf etwa drei Wochen berechnete Reise durch die jüdischen Kolonien untemehmien. Stalleuische Bürgerrechte für die Süden in Llbveu. In der römischen Kammer wurden unter den Deputierten Abschriften des geplanten Berlvaltungsg-esetzcs für Libyen, der italienischen Kolonie,: Nordafrika, verteilt. Darin wird sowohl den Mohammedanern wie den Juden, dse in Libyen in großer Zahl wohnen, das Recht verliehen, die italienische Staatsbürgerschaft zu erwerben. Alle in Libyen geborenen Juden und Mohammedaner sind nach dem neuen Gesetzentwurf italienisch-libysche Bürger. Ein Libyer, der den Militärdienst absolviert hat, hat Anspruch auf dft volle italienische Bürgerschaft. Die religiösen Sitte:: und Bräuche der Juden müssen nach dem neuen Gesetz respektiert tverden. Die rabbinischcn Gerichte :vecheu wie bisher in Angelegenheiten der Erbschaft, der häuslichen und religiösen Einrichtungen der jüdischen Bürger Libyens autoritativ zu entscheiden haben 20.000 Menschen vor der Klagemauer. In der Passahwoche besuchten, wie aus Jerusalem berichtet wird, 20.000 Menschen die Klagemauer. Obgleich das jMsche Passahfest mit dem christlichen Osterfest und dem arabischen Nebi Musa-Fest zusammenfiel und viele taufende Fremde aller Konfessionen in Jerusalem weilten, so daß in der Altstadt ein außergewöhnlicher Verkehr herrschte, herrschte überall beste Ordnung. Sin Bermüchtulr ruguuste« Palüstkuas. Der vor kurzem verstorbene Adolph Winter auS Buffalo hat laut einer Mitteilung der „Hadassah" 12.000 Dollar für palästinensische Einrichtungen hinterlassen. 6000 Dollar sollen als Stipendium der hebräffchen Universität, 5000 Dollar im Gesundheitswerk der Hadassah verwendet werden; 2000 Dollar stehen zur freien Verfügung der Hcwassah. „Schächten nach vorongegmigener Betünbnng mit Süloraihtzftrat." In der letzten Vorstandssitzung des Kieler Tierschutzvereines berichtete der Vorsitzende, Stadtvctcrinärrat Rufer, — wje dem „Jsr. Familienblatt" nntgeteilt wird — über dje Versuche von Prof. Bange betreffend Schächten nach vorangegangener Betäubung mit Chloralhydrat. Die Einspritzung mittelst einer Hohlnadel habe Erfolge gezeigt, eine Schädlichkeit des Fleisches durch das eingegebene Chloralhydrat sei nicht erkennbar gewesen. Er empfiehlt diese Betäubung, zrttrral das Blut, das am meisten litte, von den Juden doch nicht genossen werde. Dadurch sei mau den Schächtfreunden entgegengekoMmen. Diese Versuche wolle auch dft bayrische Regierung abwarteu, bevor sft zum Beschluß des Bayrischen Landtags, das betäubungslose Schächten zu verbieten, Stellung nehiiten werde. — Das Vorstandsmitglied Dr. Jacob führte aus, daß die Schmerzlosigkeit durch den Halsschnitt besser gewährleistet werde als durch dft Betäubung, zudem sei zu befürchten, daß das jüdische Publikum sich sträuben tverde, dieses Fleisch zu genießen, auch wenn die Unschädlichkeit erwiesen sei- Er verweist auf das Gutachten von Prof. Bethe- Frankfurt a. M., Dr. Jacobs Ansicht trat auch Rabbiner Dr. P o s n e r bei, der die Erlaubnis erhalten hatte, an der Sitzung teilzunehmen. Ein Beschluß wurde nicht gefaßt Carola Grünberg Martin Schiffer Wien II. Ront Verlobte Wieft, im Mai 1927 Echte Schlangen- Eidechseu.Krokodillederschuhe S 45-49 ° SCHUHMODENHAUS Taborstraße Herren- Schuhe in fabelhafter Ausführung und Auswahl SKcine atu echtem jranzös. SKode-Chevreaux hergesiellien ffrühjahrsmodelle legen Zeugnis ab vom Schönheitssinn und edlen Qeschmacfc, MMWWMWMV»VUMWMMWMW«VVAMUUM„WMWWWWMWMU die Marke des eleganten Herrn VU., Kaiserstraße 123 iX^ Alserstraße 6 E Magenschmerzen, Magendruck, Verstopfung, Darmsäulnis, schlechte Verdauung, Kopfweh, Zungenbelag, blasse Gesichtsfarbe lverden durch den Gebrauch des mtÜAichen „Franz-Josef"- Bitte:wassers, ein GlaS voll abends kurz vor dem Schlafengehen, behoben. Spezialärzte für BerdauungSkrankheiten erklären, daß das Franz-Josef-Wasser als ein sehr zweckdienliches Hausmittel '.varm zu empfehlen fti. 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Solcherlei, ein wenig elegischer, ein wenig skeptischen Lebensphilosophien, mischt Nikolai Nikolajewitfch Evrein o f f (nebenbei bemerkt der Vorkämpfer für Wedekind in Rußland) in ein pirandelleskes Spiel von vier Akten; Evreinoff hat übrigens derlei Pirandello-Theater schon vor Pircmdello gemacht, im Jahre 1920 wurde in Wien fein Einakter „Die Kulissen der Seele" aufgeführt, und nicht lange nachher gastierte Wegener mit einem derartigen, sehr interessanten Stück, dessen Name mir beim besten Willen nicht mehr einfällt. Vor Piradello hat Evreinoff den Vorzug anspruchsloser und liebenswürdiger, unpathetischer und dabei doch tiefer zu sein (womit nicht gesagt ist, daß er tief wäre). Seine „Komödie des Glücks", deren Bekanntschaft uns Moissis Gastspiel vermittelt hat, wird von einem Paraklet inszeniert, der als Wahrsagerin den Menschen die primitiven, also grob-lügenhaften Illusionen des Glücks, vorgaukelt, als Dr. Fregoli ein „Theater des Lebens" aus den Mitgliedern einer Provinzschmiere zusammenstellt und, selbst einen Grammophonhandler Schmidt schauspielemd, zusammen mit seinen Mtenren in ein Haus der Trübsal und Trauer den Schein des Glücks bringt, als Mönch verkleidet einem schlechten Schauspieler und schlechten Detektiv die Lenkung von Lebensschicksalen vorgaukelt und sich schließlich als Harlekin enthüllte der auf der Bühne des Lebens ebensowenig fehlt wie auf dem Theater, wo er seit Jahrhunderten in tausend Verkleidungen herrscht. (Dieser Schluß ist, dril:gt man in seine Symbolik tiefer ein, bittere Satire auf alles Erlösertum; dennParaklet ist, historisch genommen, der Begriff des Erlösertums, wie ihn die M-- christliche Religionsphilosophie geprägt hat, und in den ersten nachchristlichen Jahrhunderten trat gar niancher Sektierer — am bekanntesten davon Manes und Montanus — als Paraklet auf. Das Evlösertum als Harlekinade ist die ins Tragische gewendete Glückskornödie des Menschenlebens.), Ein Stück, über das sich soviel zusammenphilosoMeren läßt, ist natürlich kein Theaterstück; diesen Anspruch kann auch Evreinoffs „Komödie des Glücks" nicht erhöben. Doch kann das Theater solchen: Spiel seine dreidimensionale Phantastik leihen, und das ergibt dann allerhand phantastische Spielerei, die anmutige und freundliche Illusionen weckt, also gewissermaßen Theaterillusion über das Theater. Kommt, wie in diesem Falle, noch die dankbare Nuance „Theater im Theater" hinzu, so ist der Erfolg beinahe unfehlbar. Er hat sich im Deutschen Volkstheater sofort eingestellt, unterstützt durch eine ausgezeichnete mit Phantasieeingebungen arbeitende Regie (die Hans Homma besorgte) und lebendiges Spiel, für das einige begabte Schauspieler ihre komödienhafte Beziehung zmn Theater und ihr parodistisches Talent einsetzten. Einige von ihnen taten dies ganz ausgezeichnet, vor allem Oskar Sima, der einen schlechten Schauspieler des Lebens und der Bühne mit allen Nuancen des SchmierenkomSdiantentums ausgestattete, und Hans Lackner, dem die Komik der Komik, die er zu verkörpern hat, vorzüglich gelang. Eine Gestalt von harmonischer Einfachheit schuf Hedwig Koller, Anne R o e t t g e n verfügte über das nötige Sentiment der Glücklosen und Johanna Termin war Groteske in der Groteske. In Episoden schufen Herr Kirschn e r und Frau Fässer Phantastische Spukgestalten. Paraklet war Herr Moissi; er hatte fünf Rollen und keine. Als Wahrsagerin war er sehr sovdiniert grotesk und sonst raisonnierte er den philosophischen und ideologischen Unterbau des Stückes in vier Verkleidungen melodiös ab. Das Publikum ließ sich willig und dankbar von einem Stück gefangermeHmen, das ihm einmal nicht die übliche Schablone bot. Moissi und die anderen Darsteller wurden Wrmffch gefeiert- Sir-Wed KFMiK.

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