Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 9 (1927)
- Issue
- Heft 2943 (8.5.1927)
- Date
- 1927-05-08
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 91% known words query
- IRI
…/2979076-2981905-2982031--29971-3018149- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Nr. 8943 Wien, Sonntag Der Ausbruch des Mont Peile. An ßtinnuung an idt futfitsart anf fflntilislfluc. Heute sind es auf den Tag.genau 28-Jahre, daß die Welt von einer der furchtbarsten Katastrophen heinrgefucht wurde. Am 8. Mai 1902 erfolgte auf der Insel Martinique, einer der größten unter den französischen Antillen, ein Ausbruch des schon lange für erloschen gehaltenen Vulkans M o n t P e l e e, der die zweitgrößte Stadt der Insel, St. Pierre, gänzlich zerstörte. Weit über 60.000 Menschen fanden hierbei den Tod. Acht Tage dauerte der Sturm, und als dann wieder Ruhe cintrat, bot die Insel ein cinziges Bild grauenhafter Zerstörung. St. Pierre, eilte blühende Stadt, der Mittelpunkt des Handels der Insel, teilte das Schicksal von Pompeji und Herculanum; kein Haus war stehengeblieben, drei Viertel der Stadt waren gänzlich dem Erdboden gleichgemacht, Lava bedeckte die ganze, Erde. Kein Lebewesen war zu sehe, aber ringsum lagen Leichen, Leichen. Verbrannt, verkohlt, zerdrückt lagen die Menschen unter den Trümmern. Sie mußten mit Petroleum übergoffen und verbrannt werden, da nicht genügend Kräfte vorhanden waren, um sie begraben zu können. Auf dem Meere schivammen die Trümmer der vernichteten Schiffe und zwischen ihnen trieben Leichen, von Haifischen angefressen. _ Der Hergang der Katastrophe wurde folgendermaßen geschildert: Samstag, den 3. Mai, um Mitternacht hatte plötzlich der Vulkan, der bis dahin 61 Jahre Ruhe gegeben hatte, unter ohrenbetäubendem Lärm Feuersäulen zum, Himmel geschleudert und so zum Schrecken der Bevölkerung eine neue Tätigkeit begonnen. Am Sonntag ging ein schwerer Aschenregen auf die ( Stadt nieder, der Vulkan selbst war in dichte Wollten gehüllt. Am Montag brach ein Lavastrom, 20 Fuß hoch und eine halbe Meile breit, aus dem Krater hervor und raste mit unheimlicher GeschNnndigkeit dem Meere zu, das dadurch nicht Iveniger als 300 Fuß weit zurückgetrieben wurde. Laute Detonationen erfolgten und waren bis über die ganze Insel hin hörbar. Der Einwohner, zumeist Mulatten, Neger und indische Kuli, bemächtigte sich eine große Panik, aber noch dachte niemand daran, zu flüchten, da man kein größeres Unheil erwartete. Am Dienstag setzte ein starker Staubregen ein, neuerliche Lavaergüsse folgten,-doch war der angerichtete Schaden ein verhältnismäßig kleiner. Mittwoch nachmittags wurde plötzlich ein großes Getöse hörbar, doch folgten keinerlei Ausbrüche, und da nachher ziemliche Ruhe eintrat, glaubte man schon, daß die Tätigkeit des Vulkans wieder aufgehört habe. Die Nacht verlief ebenfalls vollständig ruhig. Donnerstag, etlvas nach sieben Uhr frich. brnch das grauenvolle Ende herein. Ein unheimlicher Stoß machte die ganze Insel -erzittern, eine undurchdringliche Rauchwolke hüllte im Nu das Gebiet ein, der Vulkan spie lvcithin sichtbare-Feuerflainmen zum Himmel und aus dem Krater schossen breite Lavaströme hervor, zwischendurch fiel ein dichter Aschenregen und Steinhagel auf St. Pierre nieder. Die See raste und war von den heißen Dampfwolken derart erhitzt, daß sie schäumte. Alle vor der Reede vor Anker liegenden Schiffe wurden gegen die Küste geschleudert und von dem niedcrprasselndcn Aschenregen in Brand gesetzt. Die. Insel war ein einziges brennendes Flammenmeer, aber nicht nur St. Pierre selbst wurde zerstört, der ganze Nordwesten der Insel wurde verwüstet und der Fcuqrregen, der drei Tage lang anhielt, verheerte den ganzen Küstenstrich von Bourg du Precheur bis Carbet. Als man endlich in St. Pierre eindringen konnte, fand man nur noch eine einzige Schnttmasse und Tausende von verkohlten Leichen. An der Stätte, wo früher die Kathedrale gestanden, lag unter noch rauchenden Steinen eine breiförmige Menschenmasse. Als das Unwetter begonnen hatte, war gerade der Frühgottesdienst abgehalten worden und alle Teilnehmer fanden in der Kirche ihr Grab. Kein Haus war ganz geblieben, kein Stein stand mehr auf den: anderen. Eine bevloüstete Einöde war aus dein fruchtbarer: Lande geworden. Drei Meilen von der Küste landeinwärts ivar der Boden aufgerissen. ‘ Gleichzeitig mit dorn Vulkanausbruch 'war auch auf der südlich von Martinique gelegenen Insel S t. V i n c e n t ein.Ausbruch des Vulkans Soufriere erfolgt, bei dem tagelang ein schlackenähnlicher Hagel und später ein Aschenregen niederging, der großen Schaden anrichtete. Auf den benachbarten Inseln, die ebenfalls vulkanischen Ursprungs sind, entstand eine große Panik, die nur mit größter Anstrengung eingedämmt werden konnte. Das Erblichen hatte auch große geographische Veränderungen zur Folge. Aus dem Krater des Mont Pelee entstand eine neue, aus Lavamassen gebildete Bergspitze, die drei Monate später jedoch geborsten ist. Neue Täler hatten sich gebildet, in denen neue Flüsse ihren Lauf nahmen. St. Pierre aber wurde bis heute nicht wieder aufgebaut. —eich. 6mU Marek wieder operlrt. Me von den Verteidigern der Eheleute Marek unterteilt wird, hat Emil Marek das Sanialorimn Fürth verlassen, nachdemhfl? neuenr^e Amputation des linken verlassen, nachdem/ W> innerliche Amputation des linken .Unterschenkels gut verlaufen ist. Emil Marek hat einer igeue Prothese entworfen, die er in einigen Wochen anlegen wird Die Eheleute Marek bewohnen wieder ihre Mödlinzer Billa, für die eine Finna die Möbel leih:reife, ohne Ent- -'-t zur Verfügung stellte. Wiener Morgen,leitmtg \ . ,111i®e«iui, WOaT/ Sh 5thur\ HANS euhaw; PUR ME ERSTEN SOMMERTAGE SIND KRUPNIKS »>>>>!>»«»>>>!>!!!>!!>« MODSSCHGPFUNGEN VON AUSERLESENER SCHÖNHEIT, DUFTIG und überaus KLEIDSAM BlitQi besichtigen Sie unsere Modelle, ein Besuch des Modenpalals Krupnlk wird Sie freuen, um so mehr« als Sie das« wes Ihnen gefttllt, leicht haben können. Dafür sorgen die phantastisch billigen Krupnlk-Prelse sfiferTiie*’ . Sette 5' Sie Weltmeifterfchast im Schachspiel. Dis Diskussion, über die Weltmeisterschaft im Schach ist seit den: Siege des Kubaners.CaPali lau ca Uber den Weltmeister Dr. Emanurl Lasker im Match zu Havanna in vollem Gange, um so mehr, da nachfolgende Turniere zeigten, daß Capablanca afs Turnierspieler hinter Doktor Laster zurücksteht. Verschiedene unangenehme Affronts Capablancas gegen Lasker haben der Diskussion neuen Stoff gegeben. Nun nimmt Jacques Mieses, einer der bekanntesten Schachtheoretiler, in den „Leipziger Neuesten Nachrichten" gewissermaßen historisch zu diesem Streite Stellung. Wir lassen die wichtigsten Teile seiner Darlegung hier folgen: , Ein! gewisser romantischer Hauch umweht das Wort „Schachturnier". Unwillkürlich fühlen wir uns dabei hincinversetzt in jene eigenartig glanzvolle Epoche des Mittelalters, in die Zeiten der fahrenden Ritter und Minnesänger. Aber der Name ist auch die einzige Beziehung, die das Schachturnier znin Mittöü alter hat, denn im Übrigen ist es ein Kind dev Neuzeit und blickt auf ein Alter von noch nicht acht Dezennien zurück. Geboren wurde es in England, dem klassischen Lande des Sports, und zwar bei Gelegenheit der ersten Londoner Weltausstellung im Jahre 1851. Damals sind zum erstenmal alle Schachgrüßen Ercropas zu einem Wettkampfe nach London ein-- gcladen worden, und ein Deutscher, Adolf AndersseN, errang den ersten Preis. — Freilich haben auch schon lange vorher, sogar schon vor vielen Jahrhunderten, hervorragende Spieler gelegentlich in öffentlichen Kümpfen ihre Kräfte miteinander gemessen, und zu verschiedenen Zeiten gab es Meister, die den Ruf der Unbesiegbarkeit genossen. So bildete z. B. im 18. Jahrhundert der Franzose Philidor ein Klasse für sich, und er hat nie im Leben einen Gegner gefunden, der ohne Vorgabe eine Chance gegen ihn gehabt hätte. Eine ähnliche Stellung in der Schachwclr nahmen später Labourdonnais und Morphp ein, Deren Laufbahn allerdings nur eine kurze war. Keiner aber von allen Liesen Schachkoryphäen nannte sich „Weltmeister", und zwar konnte Dies schon aus dem einfachen Grunde nicht gescheheii, weil man diesen dem Sportleben entstammenden Begris damals noch gar nicht kannte.; Hier wird der Leser mit Recht die Frage äuftverfen: Was hat denn das Schachspiel, diese rein geistige Betätigung, finit den: Sport zu tun? Nun, an und für sich gew-iß nichts, denn Gehirnarbeit ist kein Sport, aber in der modernen Form seiner öffentlichen Ausübung haftet dem Schachspiel doch, fast möchte ich sagen leider doch, ein stark sportlicher Beigeschmack an; einerseits nüchtern klares, wissenschaftliches Deichen, gepaart mit künstlerischer Schaffenskraft, andererseits ein harter, nervenanfpeitschendec Geisteskampf, ein Geistcssport, das ist das Moderne Schachspiel. Diese Doppelnatur des Schachspiels bringt es mit sich, daß man, um Schachsiege zu erringen, nicht nur reiü geistige, sondrrrr auch' gewisse moralische Qualitäten besitzen muß. Dazu gehören in erster Linie: gleichmäßig gute Disposition, unerschütterliche Ausdauer, „Stehvermögen". Uud mm Wird der Leser wohl auch meir: obiges „leider" verstehen. Nicht jimmer nämlich ist der größte' Künstler auch zugleich die stärkste Kampfnatur. . Daher kommt cs leider nicht selten Vor, daß hoch- . beanlagte Schachmeister in Turnieren und Wettkämpfen gegen Konkurrenten zurückstehen, die ihnen in künstlerischer Hinsicht nicht ganz ebenbürtig sind, dies aber durch eine entschiedene sportliche Ueberlegenheii mehr als ausgleichen. Nur wenige auserlesene Meister stehen als Künstler wie als Kämpfer auf-gleicher Höhe, so z. B. Lasker, Capablanca, Aljechin sund seinerzeit Steinitz. Da nun im Sport die Höchstleistung, der „Rekord, das letzte Ziel darstellt, so erklärt es sich auch, warum.die Schachwelt immer so gern wissen möchte, wer zurzeit der beste' Spieler' der Welt ist. . j ( 'i Wie eingangs bemerkt, bildete das Loridoner Turnier 1851 einen Wendepunkt in der Geschichte des Schachspiels. Mit ihm hat eine neue Aera, die Aera der internationalen Turniere und Linzelivertkämpse, also die Aera der sportmäßigen Schachbetistigung, ihren Anfang genommen. Der Sieger in diesem Turnier, Adolf Anderssen, galt jedoch trotzdem noch nicht für den unbestritten stärkster: Spieler der Welt, nird er wurde auch einige Jahre später von Morphy im Einzelwettkampse geschlagen. Morphy aber zog sich bald nachher gänzlich von: Schach, zurück. Die Frage, .wer der größte lebende Meister sei, blieb also damals zunächst offen- Aktuell wurde, die Angelegenheit .der Weltmeister- : schaft im Schach erst um das Jahr 1880, als zwei Meister, Steinitz und Zukertort, in Turnieren sowohl, wie tin Einzellvettkämpfen, allen anderen gegenüber eure klare Ueberlegenheit bekundeten. Mit Recht konnte daher. Steinitz, als er in: Jahre 1866 von Zukertort zum Wettkampfe, herausgefordert wurde, erklären: Dieser Wettkampf geht um die Meisterschaft dev Welt. Steinitz siegte, und erwarb damit den Titel „Weltmeister im Schach", den er selbst geschaffen Hatto und« den er dann wiederholt erfolgreich verteidigte, bis er endlich im Jahre 1894 das heißumstrittene Schachzepter an Emanuel Lasker abtreten mußte. Dieser hat dann durch eine la:rge Reihe belvunderungswürdiger -Leistungen bewiesen, daß er seinen. Titel mit Fug und Recht führte. An gefährlichen Rivalen fehlte es? ihm nicht. Großmeister, wie Marshall und Janowskii, waten gegen ihn in die Schranken und wurden vernichtend geschlagen, >:tnd selbst Tarrasch konnte nicht mehr als Nur einen Achtungserfolg gegen ihn erringen. Erst in: Jahrei 1921, nachdem er also 27 Jahre hindurch unbestrittener Herrscher in: Reiche der 64 Felder gewesen war, glückte es einen: neuen Schachgcnie, dem Kubaner Capablanca, den: für unüberwindlich geltenden Lasker eins Niederlage zu bereiten. Der Wettkampf kam in Havanna zum Austrag, und er ivar, das läßt sich nicht leugnen, für die Sachwelt eine Erütauschn:^. Nicht, als ob der Sieg Capablancas so unerwartet gekommen wäre, aber oic Qualität der gelieferten Partie,: entsprach keineswegs de,: .uit Recht sehr hochgespannten Erwartungerr, die man an sic geknüpft hatte. Von der fünften Partie ab begann Lasker zu versagen, und sein Spiel ließ mehr u,:d mehr gerade jene Eigenschaften vermissen, die seit Jahrzehnten die Bewnndermrg txr 99