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Wiener Morgenzeitung · 1927-05-07 · Heft 2942 (7.5.1927) · p. Seite 3

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
9 (1927)
Issue
Heft 2942 (7.5.1927)
Date
1927-05-07
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 2042 Wien. Samstag Tagesbericht. Sie vakenkrenzplakate «ab die „Wipag". Aus bem Rathaus war gestern, wi-e berichtet, b estätigt worden, daß die „Wipag", das städtische Plakatierungsinstitut, eine an die Wählerschaft gerichtete Danksagung der christlichsozialen Partei zurüclgewiesen hat. Die Mlchnung ist darum erfolgt, weil sich in dem Text der Satz befunden hat: „Beispielloser Wahlschwinde! hat Euch um den verdientem größeren Erfolg g e H r a ch t." Das sei, wurde vom Rathaus erklärt, keine Kritik aber Zensur, sondern nur die Zurückweisung eines ehrenrührigen Vorwurfes. Diese Praxis wird, so sagt die Mitteilung aus dem Rathaus, von diesem Unternehmen seit jeher 1 ehandhabt. Wir können sagen, daß diese letzte Behauptung u n- .wahr ist. Die Wipag hat einspruchslos seit jeher alle Pogromplakate der Hakenkreuzler affichieren lassen, die nicht nur zum Mord ausforderten, sondern alle Juden samt und sonders als Gauner, Schufte, Diebe öczeichneten. Sie haben es an Ehrenrührigkeit gewiß nicht fehlen lassen, und wenn diese Beschuldigungen tiefer gedrungen sind, so trägt die Praxis der Wipag ihr volles Ausmaß an Schuld. Wir sind nicht für Zensur. Aber es wäre bestimmt nicht als Zensur zu werten, wenn die Wipag die offene Aufforderung zu Mord und Gewalt nicht an ihre Plakatierungsflächen hängen laßt. Es wäre für die Ruhe der Stadt gewiß förderlich, wenn die Gemeinde Wien auch Beleidigungen der jüdischen Bevölkerung in Zukunft nicht mehr durch Duldung unterstützen vürde. Gibt es eine Platatzensur in sesteneich r Der Gemeinderat von Feldkirch hat im Septeulber 1926 eiue Plakatierungsordnung erlassen, laut welcher aus den städtischen Plakatierungstafeln Ankündigungen für Veranstaltungen, die offen oder versteckt gegen gesetzlich anerkannte Religions gefellsj.h a ften Hetzen, sowie Ankündigungen von Freidenkerversammlungen nicht verlaut- ,-bart werden dürfen. Der dagegen von sozialdemokratischer Seite oingebrachte Rekurs nmrde von der Vorarlberger Landesregierung mit der Begründung abgewiesen, daß die städtische Plakatierung keine öffentliche Gemeindeeinrichtung sei, sondern daß es sich um ein Unternehmen handle, daß die Gemeinde wie jeder Private betreibe. Die weitere Berufung würbe vom Bundeskanzlevamte als unzulässig zurückverwiesen, weil der Bescheid der Landesregierung endgültig sei. Dagegen wurde mm eine Beschwerde an den Berfassungsgertchtshof gerichtet, in der um Aufhebung der Entscheidung der Stadtverwaltung Feldkirch und drr Landesregierung wegen Verletzung verfassungsmäßig getvährleisteter Rechte gebeten wird. Da aber auch der Berloalwugsgerichtshof sichin dieser Rechtssache für kompetent erklärt hat, wurde die Sache zunächst zur Entscheidung des Kompetenzkonfliktes dem Verfassungs- Gerichtshof überwiesen. Wiener Morgeirzettung Kn Bortrag Lr. Rahum Goldman«- in Kien. Me wir erfahren,, ivird Dr. Rahum Goldman n, der soeben! eine neuerliche Studienreise durch Paläsnna untern ommcil hat, im Laufe der nächsten Woche in Wien in einer Massenversammlung über seine Palästinaeinbrücke berichten. Her Konfiltt in der Berficherungrbranche. ^Wie die „Kyrrespondenz Herwei" berichtet, ist in dem St^»e zwischen den Bersicherungsangestellien und den VcrsicherungSinstituten «ine Entscheidung nahe bevorstehend. Für Montag wurde'eine Vollversammlung der Arbeitgeber der Versicherung sinst.it.nte einberufeu, die über den vom Verein der VersichcrungSangeftellten gemachten Vermittlungsvorschlag beraten und einen Beschluß fassen wird. Wie die genannte Korrespondenz erfährt, ist die Mehrheit des Arbeitgeberverbandes für den Vermittlungsvorschlag. Wie weiter verlautet, sind die Leiter der groß«: Bersichsrungsinstitute für den Fall, daß eS in der .Vollversammlung am Montag zu keiner Einigung kommt, entschlossen, die sogenannte „Abwehrvereinigung", die im Vorjahre gegrürrdet ivurde, aufzulösen, und ohne Rücksicht «mf die kleinen Aw, stalten mit den Angestellten den Frieden in der (95.«T<* sicherungsbranche wieder herUtstellen SefSlschte Postsparkaffenbücher. Wie berichtet, hat ein Betrüger vor einigen Tagen zwei auf fingierte Namen lautend« Postsparkassenbücher in Wien sich mit kleinen Einlagen ansstellen lassen, sie dann auf höhere Beträge gefälscht und bei verschiedenen Postämtern Rücklagen von je 100 Schilling vorgenommen. Nun werden neue Fälschungen gemeldet; der Mann scheint eine förmliche Tournee durch die Provinz angetreten zu haben, um die Früchte seiner Fälschungen einzuheimsen. Unter dem Namen Max Fakkenbach, Mechaniker, geboren am 15. Mai 1886, hat er gleich bei fünf Wiener Postämtern Postsparkassenbücher gelöst und nach. Fälschungen auf je 750 Schilling in St. Pölten, Linz, Urfahr und bei vier Postämtern in Salzburg sich je 100 Schilling ausbezahlen lassen. Er hat sich immer urit eurem offenbar gefälschten Paß der Polizeidirektion in Preßburg legitimiert. Aus den Personsbeschreibungen geht hervor, daß es sich stets um «in und denselben Mann handelt. Panik l« einem Hilft». Aus Szegedirr wird gemeldet: Im Zirkus Czaja entstand kürzlich eine aufregende Szene. Nach einer Produktion von Baren, bei der, da man sie für zahm hielt, kein Gitter verwendet ivurde, wurde ein Bar wild. Die Produktion war die letzte, und offenbar ist das Tier infolge der durch Ibre Entfernung deS Publikrnns entstandenen Bewegung scheu geworden. Der Bär sprang ins Publikum und traf auf ein in einer Loge befindliches dreijähriges Mädchen, in das er sich verbiß. Es entstand eine Riesenpanik. 'Einige beherzte Leut« machten den Bären schließlich durch Keulenschläge unschädlich. Das Mädchen ist sehr schwer verletzt. Wirkt sicher und milde Bw calüegp ApodBaehe— r.,."V-'.'. ~ ".1 7? sm?m mmm- Artzugr s 6S — aus orig. engl. Schafwollstoff HerrenkleiderhausHeinriehWeinberpr __ I., Singerstraße 6. _ Große Unwetterkatastrophe in Nordmöhren und Schlesien Prag, 6. Mai. Nord mähren und S ch testen wurden heute nachts durch utve Unwett erka tatst r o pH e heimgesucht, von der vor allem dipolitischen Bezirke Freudenthal, Römerstadt, der südliche Teil des Jägerndorfer Bezirkes und der ganze Bezirk Troppau sowie drei Gemeinden im Hultschiner Bezirk betroffen wurden. Im Troppauer Bezirk wurde heute früh aus Niederwigstein der Höchstwasserstawd seit dem Jahre 1860 gemeldet (2.70 Meter über normal). Me an der Mora liegenden Gehöfte mußten noch während der Nacht geräumt weiten. Im Freudenthaler Bezirke wurden die Orte Unter- und Ober wind grub am stärksten von dem Unwetter heimgesucht. In Troppau und an der Oppa wurde um 2 Uhr nachmittag der Höchstloasserstand (2.10 Meter über normal) gemessen. Im Laufe des Nachmittags ist das Wasser gefallen. & Die durch das Hochwasser angerichteten Schäden sind enorm, konnten jedoch bisher auch nicht annähernd festgestellt werden, da weite Strecken von dem Unglück betroffen wurden. Im Freudenthaler Bezirk sind die Felder vollständig vernichtet. Die Humusschichte wurde weggetragen. Die Fluten haben bis drei Meter tiefe Nisse verursacht. In diesem Bezirk wurden sechs Brücken fortgerissen,Straßenkörper schwer beschädigt und die Eisenbahnverbindung zwischen Römerftadt und Kriegsdorf unterbrochen. Im Trvppauer Bezirk verursachte das Hochwasser eine Unterbrechung der Eisenbahnverbindung. In der Umgebung von Troppau wurden vom Hochwasser die Orte Leitersdorf, Mladeeko, Grätz-Pvdoli und Branka schwer heimgesucht, so daß zahlreiche Häuser geräumt werden mußten. In Branka drang das Wasser in die Militärbaracken und in das Eistnwerk ein. Re amerikanMe Katastrophe. New Jork, 6. Mai. Die Überschwemmungen in! den mittleren Provinzen nehmen an Ausdehnung zu. Im Staate Louisiana sind heute wieder Dammbrüche vorgekommen, so daß mehrere Dörfer geräuntt werden mußten. Die Stadt Rayville, in deren Nähe . der Arkansas über die Deiche getreten »» ist, ist stark bedroht. Ihre Bor orte stehen de» r e it s unter Wasser. Erschwert wird die allgemeine Lage durch die in den! letzten 24 Stunden niedergegangenen starken Regengüsse, die die Leider: der Bevölkerung, die zumeist in Zelten wohnt,, vergrößern. Insgesamt stehen 5VV.VVV Acres fruHtbarsten Baumwoll- und Zuckerlandes unter Wasser. Im 14. und 18. Jahrhundert beeinflußten die norditalienischen Banken das gesamteuropäische Geldwesen., Cs ist daher kein Zufall, daß zahlreiche Ausdrücke des deutschen Banklebens italienischen Ursprungs sind: aus rendita (van „Zurückzahlen") hat sich das Wort Rentner, Rentier ent-, wickelt; aus mtlione die Million (— „das große Trat-. send"); aus rebattere („wiederabschlagen") der „Rabatt"; aus banco rotto „gebrochene Bank" (weil man dem! zahlungsunfähigen Wechsler auf dem Markte feinen Wechseltisch zerbrach) der Bankrott. Auch in Deutschland waren kn der Frühzeit noch dke Kirchen und Klöster Mittelpunkte für den Handel gewesen, was der im Gebrauch gebliebene Ausdruck „Messe" bezeugt. Fm Fahre 1402 entstand die erste deutsche Bank in Frankfurt a. M., 1403 gab es dort schon vier: eine rein städtische und drei vom Rat konzessionierte, die zwei Drittel des Reingewinnes an die Stadt abliefern mußten. 1653 ivnrde in Hamburg die erste deutsche Börse errichtet. * Um 150Ö herum kamen in Deutschland Priväivevmögen über 36.000 Mark nur vereinzelt vor. Hingegen erreichte das Vermögen der Tipper 1646 mit Millionen Gulden seinen höchsten Stand. * Unter der Königin Elisabeth befreit sich England von der fremden Handelsherrschaft. 1663 beginnt mit den Fahrten nach Guinea der englische Negerhandel nach Westindien, dessen kommerzielle Bedeutung durch den Satz beleuchtet wird: „Liverpool sei mit Negerschädeln gepflastert." Insgesamt hat England bis zum Verbot des Sklavenhandels durch den amerikanischen Kongreß (1776) etwa 8 Millionen Sklaven in die spanischen, französischen und englischen Kolonien eingeführt. o Die Schotten waren die „Florentiner des Nordens". Ihr Wahlspruch war: „Wenn ihr ein wenig gewonnen Meilensteine a«f dem Wege von Babplon bis Wallstreet. Bon Dr. Daniel Steffens. Unter dem Titel „Bon Babylon bis W a l1 st r e e t, ein Gang durch die finanzielle Weltgeschichte" läßt der Autor im Klotz-Verlag (Gotha) ein Buch erscheinen, in welchem er in knapper Form die Entwicklung des Kapitals und des Unternehmertums Larstellt. Nachstehend geben wir einige ,Meilensteine" wieder: Die ältesten Banken ivaren die Tempel der Götter. Die ältesten Bankleute Priester. In Babylon betrug der Zinsfuß Lei Getreidedarlehen ein Drittel des Kapitals. Bon Geldbeträgen verlangte man 26 v. H. Das Gesetzbuch fin'timmte M. einheitlichen Zinsfuß 20 v. H. * Gold- und Silberwährung waren die für den ganzen .Erlauf der Weltgeschichte gültig bleibenden Erfindungen des Orients: das klassische Griechenland schenkte der Welt die Münze. An der kleinasiatischen Küste, in dem griechischen Schifferdorf Phocaea ist im 7. Jahrhundert v. Ehr. die Münze erfunden worden. Aus dem phocäischen „Goldstater" geht der sogenannte Stater des Krösos hervor, später die persische Reichsgoldmünze, auf der zum ersten Male das "Uld des Herrschers erscheint. * Mit den Madezontern Philipp und Alexander dorn .'-roßen hat sich der allgemeine Uebergang zum Goldkurant vollzogen, der Grundlage des Großverkehrs. Wo man fortan — vis auf die römischen Kaiser — Geld geprägt hat, geschieht es nach den: Fuß. mit dem Wappen und selbst mit dein Rainen des madezonischen Königsgeldes. Die ältesten Münzen, die man auf deutschem Boden, in den rheinischen Gebieten findet, sind „Phi-lipeer". Fn Rom galt schon im 2. Jahrhundert v. Ehr. ein Vermögen von 800.000 Mark nicht mehr als Reichtum. .Ysi 1. vorchristlichen Jahrhundert sagte Cicero von einem '.»nn, der 80.000 Mart Vermögen hatte, „außer dem Leben könne man ihm nichts nehmen". So wenig galt eine solche Summe damals als Besitz. Wie vollständig der Römer im Kaufmann aufging, zeigt am schärfsten die Ersetzung des Duells, auch des politischen, durch die Wette und den Prozeß. Roms Geschichte wurde die Ausplünderung der Welt, die Ausbeutung der Provinzen. Man pflegte zu sagen, der Ertrag des ersten Jahres eines Statthalteramtes sei für den Statthalter ein Gewinn, das zweite für seine Gönner, das dritte für die Richter. * Das Papiergeld hatten wohl schon die Karthager gekannt. Wieder ausgenommen wurde diese Finanzmaßnahme aber erst von Kublai, einem Mongolen-Khan, der 1270 China eroberte. Europa ist gar erst im 8. Jahrhundert darauf zuvückgekommen'. * Die Einnahmen der Stadt Konstantinopel aus dem Handelsve t betrugen im 9. Jahrhundert allein 460 Millionen Mark. » Für die Kaufherren Genuas waren die Kreuzzügo „zur Befreiung des heiligen Grabes" Unternehmen, um in den asiiatischen Häfen jene orientalischen Handelszüge abzufangen, die nach der Handelsverfassung des griechischen Reiches in Konstantinopel ihren Endpunkt und Stapelplatz finden mußten. Italienische Städte verhandelten sogar — als KriegÄieferanten — Kriegsmaterial an Mohammedaner. Noch direkter auf ihr Ziel gingen darin die Venezianer vor, als sie 1204 die der Ausfahrt harrenden Kreuzfahrer statt ins Heilige Land nach Konstantmopel selbst führten. Bon den, erzielten Händlergewinnen im 13. Jahrhundert gewinnt man ein Bild aus folgenden Zahlen: 100 Kilogramm Pfeffer kosteten in Marseille 481 Mark, in der Champagne 620, in England 683. 30 Stück Tuch, die man in Cadiz für 266 Florin kaufte, wurden in Florenz für 395 verkauft. Feine Mützen kosteten im Einkauf V2 Florin, im Verlauf 16.

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