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Wiener Morgenzeitung · 1927-05-07 · Heft 2942 (7.5.1927) · p. Seite 2

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
9 (1927)
Issue
Heft 2942 (7.5.1927)
Date
1927-05-07
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 Wien, Samstag Wiener Morgenzsltung 7. Mn! 1927 Sht 2942 Restaurant Kohn-Toldl, ll., Zirkussasse llr. 3 Erstklassige WIENER KÜCHE, nunmehr unter pers. Leitung der Frau RESTAURATEURIN KOHN MittagsmenO von S 1-20 asiVw. — Abends: Große Auswahl von 3-8<hilling*lpeisen sowie Milchspeisen NEUEINFÜHRUNG: VORZÜGLICHE ORIENTALISCHE KÜCHE WeinspeslalitSten PRACHTGARTCN Zivile Preise Die kleine Entente. -y, Wien, 7. Mai. Während in Genf die große Weltwirtschastskonferenz tagt, wird in der nächsten Woche die kleine Entente sich versammeln. Dort die noch nicht ganz wahrhaftige, mit allen Wenn und Aber umgebene Anrufung der internationalen Solidarität gegen den aggressiven Nationalismus und Hochkapitalismus; hier die Versammlung von Sregerstaatcn, die sich vom Imperialismus des fascistischen Italien bedroht fühlen, lebendige Delocise für die Genfer Versammlung, Demonstrationsobjekte dafür, daß keine Heilung der europäischen Wirtschaft möglich ist, trenn nicht etwas Gewissenhaftigkeit und gesundes Denken. in die Politik kommt. Die kleine Entente hat seist geraumer Zeit keine Lebensäußerungen gezeigt,, und das war gut. Die Bündnisse sind die besten, von denen man am wenigsten spricht. Daß jetzt wieder eine Beratung der Mßenrninister angesetzt ist, mag als klares Symptom der gesichrlichen Situation gelten, die seit etwa einem Jahre vorbereitet wurde und an deren Entladung gearbeitet wird, nicht zum Vorteil der Völker, die langsam jedwede Politik hassen und fürchten lernen. Die kleine Entente wird, wie die offiziöse Ansage bedeutet, die international? Lag? und in weiterer Folge die Donaupolitik besprechen. Das Programm ist also sehr breit und die Spaltung nur eine technische. Denn für die Staaten dieser Entente ist die Donaupolitik, so wie sie sich jetzt im Bereich' der unteren Donau herauskristallisiert, die wichtigste Sorge ihrer Unabhängigkeit, und gerade hier lernt man den Wert von Verträgen und Versicherungen kennen. Kein Dokument nützt etwas, solange cs nicht vom Willen zur Loyalität beseelt ist, und, dieser Wille hält nur so lange vor, als er das Machtstreben zu verdecken hat. Eben erst wurde die Welt von dem italienisch-rumänischen 2lbkommen überrascht, das die Angliederung Bessarabiens an Rumänien anerkannte und in Rumänien den Anlaß zu großen Festen lieferte. Wer wenige Tage darauf fuhren Bethlen und Klebelsberg nach Rom und brachten sich von dort einen Freundschastsvertrag, der für ganz Mitteleuropa eine Bedrohung der mühsam erworbenen Ruhe, für Rumänien aber die totale Entwertung seiner Konvention dar stellst. Ungarn ist in der Politik — und in welcher Art von Politik! — sehr aktiv, und sein Streben, durch den Revanchekrreg sich die verlorene Position wieder zu schaffen, ist ja die Grundlage für die Bildung der kleinen* Entente gewesen. In dem Maße, als diese der Entwicklung Ungarns zu einem vollen Militärstaat zusah, ist die Offensivtendenz in Budapest gewachsen, und sie ist heute so kräftig, daß bereits vergesien gewesene Befürchtungen wieder austauchen. Es mag viel Phantasie und noch mehr Reklame hinter den sich mehrenden Meldungen über eine Restauration der Habsburger in Ungarn stecken, die angeblich von Luxemburg und Münchenher vorbereitet wird. Daß aber diese Tendenzen bestehen und daß sie ein weiteres Stadium in der Rezitive Europas bedeuten, das ist wahr, und es ist ebenso wahr, daß sie auf der Linie des Fascismus liegen, der die Herrschaft über das Donaugebiet als festes Ziel nicht aus den Augen verliert. In der Machtpolitik hat die Moral wenig zu sagen, und es ist ja vorgestern im ungarischen Außenausschuß von einem Erwachenden gerühmt worden, daß sich Ungarn nunmehr in der Gesellschaft Italiens und Englands zeigen könne. Das ist in der Tat die knappste Formel für den Zustand der sittlichen Verwahrlosung, die Europa ergriffen hat, daß so große Külturstäaten sich im Tageslicht von Horthy grüßen lassen. Sie dulden es, ja sie favorisieren es, daß Budapest wieder ein Sturmzentrum wird, auf das man aus Bukarest und Belgrad mit Angst und Sorgen schaut, vor dem sich aber auch Oesterreich zu fürchten' hat, der nächste Nachbar, der sein Leben in schönster Ruhe verbringen könnte, wenn er nicht vom Parteienwesen erschüttert wäre. Die Situation der Donaurepublik zwischen Ungarn und Italien einerseits, der kleinen Entente andererseits verlangt mit eindringlichster Logik die Bildung einer Koalition im Nationalrat und in der Regierung. Aber der Wahlkampf ist ja nicht um Oesterreich geführt worden, sondern um den Mieterschutz und um die Steuern... Die Donauunion, die für Oesterreich die Beseitigung seiner Isolierung, die Eingtiedctz rung in ein großes Wirtschaftsgebiet und die Rückeroberung des Levantchandels bringt, scheitert an den nationalistischen Belleitäten und \ an dem Grundprinzip der von den großen Parteien befolgten Politik, den Kaufmann zu ruinieren. Für die kleine Entente wird sich die Notwendigkeit ergeben, ihr Bündnis noch enger zu gestalten. Es ist Widder eine nach Menschenzähl und Territorium sehr ansehnliche Vereinigung vom Mißtrauen erfaßt, unb die Konferenz wird hundert gute Gründe finden, ihren Defensivcharakter zu betonen und ihre friedlichen Absichten zu beteuern. Trotzdem aber bedeutet ihre Konferenz neue Rüstungen, neue Komplikationen und in direktester Abhängigkeit davon kulturellen Stillstand. Was aber das hervorstechendste Moment bei all dieser Verwirrung ist, ergibt sich aus der Tatsache, daß alle diese beteiligten Staaten Mitglieder des Völkerbundes sind. Sie sind ja glücklicherweise vom Krieg noch weit entfernt, aber der Gedank-' des Krieges beherrscht ihre Politik und stellt sie und ganz Europa unter Druck, sieben Jahre nach Errichtung des Völkerbundes und in der Zeit derWelt- - irtschaftskonferenz. Das Weltparlament der Wirtschaft. Genf, 6. Mai. Aus oer heutigeil Vormittagssitzung der Internationalen Wirtschastskonferenz sind besonders die Reden des englischen Delegierten Sir Norman Hill, des Vorsitzenden des englischen Handelsschiffahrtsrates, über die Zusammenhänge der Weltwirtschaft mit den Transportfragcn, sowie die Ausführungen des amerikanischen Delegierten Robinson, des Präsidenten der First Nationalbank und Mitgliedes der Daves- Kommission, besonders erwähnenswert. Der amerikanische Delegierte lobte die Rationalisierung der Produktion, der Amerika seinen Wohlstand verdanke. Der schwedische Delegierte Rydbek führte aus, daß Schweden ein Abkommen über die Meistbegünstigung begrüßen würde. Der Handelsattache der brasilianischen Botschaft in London, Barbeza Cernero, befaßte sich mit dem Arbeiterüberschuß in Europa und auch der Präsident des Verwaltungsrates des Internationalen Arbeitsamtes, Fontaine, wies ebenfalls auf die hohe Zahl der Arbeitslosen in Europa hin, deren Verringerung nur durch die Niederlegung der Zollmauern zu erreichen wäre. Die beiden russischen Hauptdelegierte: O b o l e n s k i - O s s l n s k i und So-kolnikow werden morgen ihre programmatischen Erklärungen abgeben, während Loucheur voraussichtlich der letzte Redner der allgemeinen Debatte morgen nachmittags sein wird. Die Bildung der drei HwuptauSschüsse, die eigentlich heute beendet hätte sein sollen, ist wegen ihrer Zusammensetzung sowie auch wegen der Wahl der Vorsitzenden auf Schwierigkeiten gestoßen. Man spricht von englischen Bedenken gegen einen französischen Vorsitzenden im JndustrieauHchuß und von italienischen Bedenken gegen einen deutschen Vorsitzenden im Landwirtschaftsausschuß. Man glaubt, die Schwierigkeiten dadurch bekämpfen zu können, daß mit den Hauptyusschüsten auch sofort die Unterausschüsse u nd ihre Vorsitzenden gewählt werden sollen, um nationale Bedenken ausgleichen zu können. .. . Zu Beginn der Nachmitiagssitzung ehrte die Konferenz den in Genf heute Plötzlich verstorbenen bulgarischen Delegierten Popow durch Erheben von den Bänken. De Michelis (Italien) besprach sodann das Problem der Weltagrarkrise, der chinesische Delegierte Tschuan Tschao stellte in den Mittelpunkt seiner Ausführungen die ungerechten und einseitigen Verträge, unter denen China zu leiden habe, und betonte die Gefahren, die f-ür den Weltfrieden aus der Aufrechterhaltung dieser Verträge entstehen, könnem. China verlange das Recht, seine eigene Wirtschaftspolitik , zu bestimmen. - Die politische Schwäche der Stellung der chinesischen Zcntralrcgicrung sei in erheblichem Maße auf die Einschränkung ihrer Souveränität zurückzusmhren. Er befürwortete die v o l l st ä n d i g e Industrialisierung Chinas, das nach der Aushebung der wirtschaftlichen Ungleichheiten mit den fremden Mächten zusammenarbeiten würde. Der englische Wirtschaftspolitiker Albert Th. Lay ton beschäftigte sich in ausführlicher Weise mit dem politischen Momente der Nachkriegszeit, nämlich der Stellung Rußlands/ das heute im Welthandel eine kleinere Rolle spiele als Dänemark vor dem Kriege, und insbesondere mit der Zerstückelung der Wirtschaftsgebiete des früheren Oesterreich-Ungarn. In Europa gebe es heute um 1 1.000 Kilometer Zollgrenzen mehr als vor dem Kriege. Durch die Zerstückelung Zentraleuropas sei eine solche Verschleuderung von Kapital und eine solche Herabsetzung des Handels zwischen den verschiedenen Teilen des ehemaligen Oesterreich- Ungarn eingetreten, daß eine sehr schwierige Neuanpassung der industriellen und landwirtschaftlichen Verhältnisse notwendig sei. Diese Zerstückelung habe Europa daran gehindert, an dett großen Fortschritten des Wirtschaftslebens Amerikas teilzunehmen. Europa könne nur dann hoffen, sich auf der Höhe der industriellen Fortschritte zu halten, wenn seine wirtschaftliche Organisation eine Arbeitsteilung nicht nur zwischen den verschiedenen Unternehmungen, sondern auch zwischen den verschiedenen Ländern gestatte, was nicht nur eine Erhöhung des internationalen Austausches bedeute, sondern auch eine Zusammenarbeit der Länder auf einer großen Anzahl von Gebieten, die früher nicht existiert habe. Die Rede Laytons fand den stärksten Beifall, der bisher gehört wurde; auch die russischen Delegierten stimmten lebhaft bei, was allgemein ausfiel. Auch die Rede des ehemaligen österreichischen Handelsministers Heinl fand große Beachtung. Heinl sprach von den Hoffnungen, die die kleinen Staaten aus die Wirtschaftskonserenz setzten, und betonte die Notwendigkeit einer Vereinheitlichung der europäischen Wirtschaftsgebiete, weil andere Hilfsmittel nur eine palliative Wirkung hätten. Nur die Her st ellungeinesgroßen Absatzgebietes, wie es in den Vereinigten Staaten der Fall sei, könnte der Krise abhelsen. Island. Sie Schwierigkeiten der Reglerungsblldnng. Verhandlungen mit dem Landbund. Die Besprechungen des Bundeskanzlers zur Borbcreitung des Zusammentretens des neuen Nationalratezs wurden gestern mit einer Aussprache mit den Vertretern des Landbundcs fortgesetzt. Landeshauptmann Schumy von Kärnten und Abgeordneter Hart leb aus Steiermark erschienen zu diesem Vehufe vormittags im Vundcskanzleramte. Dr. Seipel machte ihnen Mitteilung von y>em Ergebnis seiner bisherigen Besprechungen mit den endeten Parteien, entwickelte ihnen seine Absichten bezüglich deS Arbeitsprograrnmes, das den neuen Nationalrat in seiner ersten Zeit beschäftigen soll, und besprach die Möglichkeiten für den Anschluß das Landbundes an die Regierungsmehrheit. Die Besprechung, die mehrere Stunden dauerte, wurde nachmittag in Gegenwart des Vizekanzlers n. D. Dr. F i n k, der Landeshauptmänner Dr. Gürtler und Rauhofer sowie des Laudeshauptmannstetlvertreters Leer fortgesetzt, wobei auch die parteipolitischen Verhältnisse in den Landtagen von St e>iefrM ark, Kärnten (v.\\b des Burgenlandes erörtert wurden. Die Aussprache führte zu dem Ergebnis, daß alle Fragepunkte geklärt wurden. Die beiden Vertreter des Landbundes übernahmen es, ihrer Reichsparteileitung, die Sonntag, den 8. d. M., in Leoben zusammentritt, Bericht zu erstatten und den Bundeskanzler sodann unverzüglich von den Entschließungen des Landbundes zu benachrichtigen. Der Obmann der christlichsozialen Vereinigung Abgeordneter Fink berief für Mittwochden 11. d. M., eine Worstandssitznng, der auch die der Partei ungehörigen Landeshauptmänner zugezygen werden, ein. Für denselben Tag ist über Ersuchen des Bundeskanzlers der Vorstand der Gvoßdeutschen. Bolkspartei, einberufen worden. Nachmittag um 4 Uhr werden beide Parteikörperschaften mit den Vertretern, des Landbundes Zusammenkommen, um eine geweinsame Beratung über die Zusammensetzung der künftigen Regierungsmehrheit abzuhaltcn. Die Berhmtd«- lungen tverden im Bedarfsfälle am Dormerstag fortgesetzt tverdcn. Sie Einberufung Des Wiener Gemeinderates. Gestern, nachmittags fand die Konsttuieruug drs Klubs der Sozialdemokraten im Wiener Gemeinderat, statt. Zum iKlubobmann wurde wieder Gemcinderat Dr. Danneberg und zu Stellvertretern wurden Gemcinderat Nacht ne bei und Gemeinderätin! G l ö ck e l gewählt. Der Klub beschloß sodann tm heilig die Wiederwahl des Bürgermeisters K-arl Seist des Vizebürgermeisters Emmerling mrd der amtsführenden Städträte Speiser, Breitner, Professor Tandler, Weber, Siegel, Kokrda, Richter und Emmerling. Als Landtagspräsident wurde wieder Dr. Danneberg und zum drittel: Landtagsprüsidcnten Gemeinderat HellmanN designiert. Als Vorsitzende des Gemeinderates wurden Bürgermeister S e i tz und die Gemeinderäte We,igl, B och and Linder bestimmt. .! *•' -- . * Der Klub beschloß ferner, die konstituierende Sitzung des Gen eüderaleS und Landtages für Freitag, den 20. Mai. anzuberaumen. Keine Reife de» Minister Schürst und Schmitz nach Bnvapest. Budapest, 6. Mai. Der österreichische Kandelsminister Dr. Schür ff hätte progrmmngemäß zu der am 9. Mm stattsindcllden Fremdenverkehrskonsereirz in Budapest ein* treffen sollen. Wie „Magyarorszag" erfährt, llnterbleibt, nach den Dispositionen der letzten Stunde, die Reise des österreichischen tzandetsnünisters nach Budapest. Die österreichische Negierung tvird auf der Budapester Fcemdeuverkehrskonferenz durch Ministerialrat Steiner, den Leiter der Fremdenverkchrsäbteitmig des Handelsministeriums, vertreten sein. Ebenso unterbleibt die ins Auge gefaßte Reise des Unterrichtsministcrs Dr. Schmitz zu der Fahnenweihe des katholischen Studentenverbandes /Soederatio Emericana" sowie auch die aus gleichem Anlaß vorgesehen gewesene Reise des Buick>eskanzlers Dr, Seipel. * Wie wir erfahren, unterbleiben diese Reisen nicht aus Gründen einer Demonstration gegen. die letzten antiösterreichischen Reden Bethlens im Außenausschuß, sondern nur darum, weil die österreichischen Minister wegen der Vorverhandlungen über die Bildung der neuen Regierung nicht abkommen können.

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