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Wiener Morgenzeitung · 1927-05-05 · Heft 2940 (5.5.1927) · p. Seite 4

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
9 (1927)
Issue
Heft 2940 (5.5.1927)
Date
1927-05-05
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Seile 4 Wien, Donnerstag Wiener Morgenzettrrrrg ' 8. Mai W&i Nr. SSM VfWN&k SWMMM IM FÜHRENDE MWH WMWl eilt Wort an die jüdische Jugend. Die jüdische Jugend in Wien scheint sich Lee Krise, in die sic sich selbst gebracht hat, nicht bewußt zu fein. Denn sonst >väre cs ja nicht möglich, daß — scheinbar ohne jeden Widerspruch aus ihren eigenen Reihen — ein Prozeß sich vor aller Augen vollzieht, der gleichbedeutend ist mit einem vollkommenen Auflösungs-w nd Assimilationsprozeß, ja in seiner Mrt noch viel gefährlicher ist als ein solcher. ES ist dieselbe jüdische Jugend, die in einem früheren Stadium ihrer Entwicklung die bewußte Abkehr vom Assimilationsjridentnm als eine Selbstverständlichkeit ansah, über die nicht mehr zu sprechen war und die sich rüsten wollte zu den positiven Ausgaben, die ihrer harrten: sich mit Geist und Körper, in Gedanken und in der Tat in dia Reihen des Volkes zn stellen. Dieser Jugend sollte rücht Aar fein, wessen sie sich schuldig macht, wenn sie sich der österreichischen Sozialdemokratie entweder ganz anschließt oder auch nuv mit ihr liebäugelt? . \ < Es ist wahr: der Zionismus in Westeuropa ist numerisch verhältnismäßig gering. Wir können unsere Anhänger nicht in Sechserreihen über die Ringstraße ftihren, wir können nicht der gmrzen Stadt unseren Stempel Ausdrücken und ihr öffentliches Lebe« beherrschen. Ums strömen keine so gewaltigen Massen zu. Und doch! Hat die jüdische Jugend vergessen, was das heißt, für Zion zu kämpfen? Weiß sie es nicht mehr, daß wir m letzter Lime nur auf!nns selbst rechnen dürfen, und kennt sie nicht mehr den Stolz, zu der .geringen, zu der verschwindende», allein stehenden Zahl von Kämpfern zu gehören, daß sic so E<hr zu den Massen eilt? Denn dieser Partei, der die Jugend zuläusi, sind unsere Ziele und Sorgen fremd und werden ^chneN von Judcnstämmlingen täglich fremder gemacht und herabgesetzt. Ist sich die jüdische Jugend der Gefahr nicht mehr bewußt, hie darin liegt, daß der Auflösungsprozeß im Judentum dieser Stadt j entschreitet. und nicht einmal mehr von der Jugend gehem mt lyrrd? Die jüdische Jagend merkt nichts von alledem. Berauscht und betäubt,' eilt sie, sich dem Zuge der Zeit anzuschließen, und vor den Problemen der Wiener Steuerpolitik verblassen die dringendsten Fragen und Nöte unseres Volkes., Es ist allerhöchste Zeit, die jüdische Jugend Wiens ernst zu ermahnen: .Erkennt dir Gefahr, die uns Juden in Wien droht! EA Mlzieht sich ein neuartiger, aber weitaus gefährlicher« Affimilationsprozeß vor unseren Augen; deshalb viel gefährlicher, weil er unsere Jugend Ul erfassen begonnen hat, unsere, die der - ganzen Welt gelten könnte, richtet uniter uns Juden fortgesetzt Schaden an... Und Marullus, der^andpsteger, sagt, Äs wäre er ein Paradechrrst des Proßnitzer öeuLschlib'eralen Turnvereines: ,Hch bin kein Judenhasser. Es gibt, auch anständige Juden." Wir aber werden durch solche Dialogstellen aus allen Illusionen gestürmt und sind beim besten Willen nicht in der ^age, anzunchmen, daß damals, als Paulus aus Wüsteneinsamkeit nach Jerusalem zurückkchrte und mit Rabbi Gamaliel disputierte, daß damals in der Stadt Jerusalem, auf dem Forum des westlichen Tempelb^irkes, im Palast des Hohepriesters, in der großen Priesterkcrmmeu des Tempels, am Richtplcch oder auch nur in den Straßen Jerustüerps also Mprocherr wurde. , * Die Aufführung des Burgkheaters gibt dem' Dkskussümsstück eine echabene klassische Folie, steigert es im vorletzten BLd zu einem Oratoruun, im letzten zu tragischer Größe (Regie Direktor Franz Herte-rich, die schönen BühuenbNrer von Harry T üu ber). ES wurde gut gesprochen, und die einzelnen Figuren, soweit sie sich gestillten ließen. Hatten Eigenfarbe. Eine ganze Fülle erfreulicher Einzelleistungen, überragt durch den Gamaliel Raont Aslans. Hoheit und Würde, Menschenkenntnis und Verantwortung sind die Zeichen seines greisen Bolksführers. Tatsächlich eine SSule in Israel. -Der Paulus des Herrn Hartmann wurde — es konnte nicht anders sein — mehr ein kraftvoller, streitbarer >Apostel als ein von Gesichten bedrängter, VM überirdrschem Ächte geleiteter. Kräftig gezeichnet der Prnchas des begabten Herrn H e Lm und im Feuer der Askese gehütet der sehr geglückte CHanan des Herrn Andersen. Ob alles stilgerecht war, kann ich nicht ermessen. Der ekstatische Gesang der kernenden Schüler war chafsidffch, also bestimmt nicht „aus der Zeit". Herr H ö dk rn g ist ein glaubwürdiger Hohepriester. Herr Heime ist ein aufgeräumter Marullus, Herr Treiber ein Beschwörer, der sich ans seinen Hokuspokus verficht, und Frau Maier spricht ihre winzige Episode wmchervvkt. W war ein überaus starker, einmütiger Erfolg. Die Pausen zwischen den einzelnen Bildern wurden durchapplaudiert. Werfel wurde stürmisch gefeiert. Otto Abek«s. Aviristischü Jugend. Sie hat sich blenden lassen. Die sozialistische Einstellung,, die in jüdischem Geiste und iu jüdischem Sinne einen aufbauenden Faktor für unser Volk bedeuten kömtte, wird zum Vorwand, jede Gewissensregung zu ersticken und sich ein neues, schneller Erfolg verheißendes, sichtbareres, näheres, allzu nahes Feld für die Tätigkeit zu suchen. Ist es der jüdischen Jugend Wiens unbekannt, wie sich die österreichische Sozialdemokratie gur Idee des Zionismus stellt? Ist es ihr ganz gleichgültig geworden, daß jüdische Kinder bei den Kiuderfreunden Ln frühester Jugend schon ihrem Volke entfremdet werden, daß jüdische Kinder cs lernen, unsere Feste und Sabbate als „klerikale" Einrichtungen anzusehen und zu verspotten? Es ist doch dieselbe Jugend, die vor nicht zu langer Zeit bestrebt war, in einer neuen, unserem Leben entsprechenderen Form Feste zu feiern, Freitags Wende zu gestalten! Ist der jüdischem Fugend von Men jene Geistigkeit gleichgültig geworden, die unseren Dr. Chajes zusammen mit dem Kardinal Piffl als Kinderprügler darstellt? Hat sie es vergessen, daß diese Sozialdemokratie unseren Kongreß zu einer „konfessionellen" Angelegenheit herabdrücken wollte? Oder wem» sie es noch nicht ganz vergessen hat, glaubt diese Jugend wirklich, daß es -der jüdischen Würde entspricht, durch ein Bittgesuch ihre Forderungen der mächtigen Partei vorzntragen? Ist sie wirklich so naiv, zu glauben, daß ein derartiges Gesnch jemals seine Erledigung finden wird? Den Sozialismus der jüdischen Jugend in allen Ehren. Aber glaubt sie wirklich, daß er Schaden leiden würde, »venu sie sich der österreichischen Sozialdemokratie nicht anschlösse? Aber durch ihren Anschluß erleidet das Judentum den größten Schaden,— und der bedeutet ihr nichts? Vor ganz kurzer Zeit gab es Wahlen. Nicht dagegen sei hier gesprochen, daß viele ans der jüdischen Jugend sozialdemokratisch gewählt Haber» Aber daß'sie es taten, ohne jLe Regung derj Gewissens, tun konnten, ohne einen scharfen Schmerz im Innersten dabei zu verspüren — das ist ihre größte Schmach Diese Worte richten sich an keine bestimmte Gruppe, sie richten sich an alle die Ueberläufer von gestern und von morgen, an die „Festen" und die noch Schwankenden. Wer von der jüdischen Jugend all dies erkennt, wem der Kampf für Zion, tvcM Hebräisierung, jüdische Erziehung und jüdische Autonouüe wert sind, wer die Gefahren erkennt, die uns bedrohen, der weiß, daß es für ihn keine größere Pflicht gibt, als herein in die Reihen der aufrechten, kämpfenden jüdischen Jugend! Moscheh Rosnier-! zwnWche Fngendsührer-Konferenz. Die vom Ausschüsse des Jugewdvereines „Erez Israel" im Einvernehmen mit den Zionistischen Landeskomitee für den 3. Mai abends einbernfene Vertreterkonferenz der jüdischen Jugendorganisation hatte einen zahlreichen Besuch sämtlicher bestehender, zionistischer Jugendvereine, Jugendbünde usw. zu verzeichnen. Das Zionistische Landeskonntee war durch seinen Präsidenten, Herrn Dr. Leo Goldh ammer, vertreten. Herr Josef Lanezener schilderte die desolaten Zustände innerhalb der Jugendorganisationen, welche sich allmählich von der Organisation entfernt haben. Diese Desorganisation macht es zunächst notwendig, eine Körperschaft in Form eines Verbandes aller dem Landeskomitee unterstehenden Gruppen zu schaffen, die einen innigeren Kontakt zwischen den Gruppen und den Partennstanzen, sowie den Gruppen untereinander bezwecken soll. Die neue Körperschaft mühte außerdem gemeinsame Richtlinien für zionistische Grundavbeiten, insbesondere für die zionistische Durchbildung der Jugend festlegen. Weiters hatte der Verband die ihm angchörenden Gruppen dem Landeskomitee gegenüber zu vertreten. Die Ausführungen des Referenten fanden in der Debatte bei dem größten Teil der anwesenden Vertreter der Jugendorganisationen Zustimmung, wenn auch im einzelnen über die Durchführungsmöglichteiten und die Basis des Verbandes nichts Endgültiges beschlossen wurde. Schließlich sprach der Präsident des Landeskomitees, Herr Dr. Leo Gold Hammer. Auf Grund einer Schilderung der Jugendarbeit in früheren Jahren versuchte er den Rahmen einer rationellen Erziehungsarbeit für unsere Jugend zu ziehen. Vor allem müsse man alle Reibungsflächen, die das Zustandekommen eines Jugendverbandes verhindern könnten, aus der Welt schaffen. Er versicherte ferner die Jugend der vollsten Unterstützung seitens des Landeskomitees. Bei der am Schluffe der Versammlung erfolgten Umfrage des Vorsitzenden erklärte der Großteil der vertretenen Gruppen seine Zustimmung zum Eintritt in einen Verband der dem Lande-skomitee unterstehenden z i o n ist i s ch e n G r n ppe n. Ein Teil der noch zur Debatte gemeldeten Redner konnte wegen der vorgerückten Stunde nicht mehr zu Wort kommen. Es wurde daher beschlossen, die Konferenz am Samstag, den 7. Mai, um halb 5 Uhr nachmittags, fortzusetzen und einen detaillierten Orgaprsa-tiovsplan zu beschließen. Stt ähren der jüdischen Mutter. Ei« Oelbaumgarten ln Palästina. Es kommt uns die Anregung zu, es möge jeder Jude ferne Mutter aus Anlaß des österreichischen Muttertages durch Pflanzung eines oder mehrerer Qelbämne auf dem Boden des Jüdischen Nationalfonds ehren. Die Namen der Mutter, für welche die .einzelnen Oelbäunte gespendet wurden, mögen veröffentlicht^ werden. — Mr hoffen, daß die schöne Anregung starken Widerhall findet. (Der Preis eines Oelbaumes beträgt 10 Schilling. Das Bureau des Keren Kajemeth für Oesterreich befindet sich 1. Bez., Kärntnerstraße 28, Tel. 77485/6.) ArMnirrevotte in einem polnische» Gesängnir. Warschau, 4. Mai. In dem Gefängnis Mokotow brach heute eine Sträflingsrevoltc aus, an der sich etwa 120 Gefangene beteiligten. Schon gestern waren die Gefangenen!, da ihre Forderungen nach besserer Verpflegung unberücksichtigt blieben, in den Hungerstreik getreten. Als Protest gegen die ihnen heute gereichten Speisen begannen sie zn schreien, zu' pfeifen und dis Zelleneinrichtungen zu demolieren, worauf sie sich verbarrikadierten. Andere Meuterer stürzten sich mit Brettern und Stuhlbeinen bewaffnet auf die Wache, so daß diese einq scharfe Salve in die Luft abgeben mußte. Der Gefängniswache gelang es schließlich, des Aufruhrs Herpgn werden., Hiebei erlitten einige Gefangene leichte Verletzungen. Ser polnische Anterrichtrmlnister über die Lemberger Kultuswahlen. Warschau, 4. Mai. Wegen der Vevschiebung der ursprünglich für anfangs SPtai angesetzten Wahlen in den Vorstand der Lemberger jüdischen Gemeinde, sprach Deputierter D r. Reich beim Unterrichtsmini-ster Dobrucki vor, und legte ihm dar, daß diese Maßnahme der Regierung unter der jüdischen Bevölkerung Lembergs großes Aussehen und verschiedene beunruhigende Gerüchte hervorgerufen habe. Der Minister erklärte in seiner Antwort, die Initiative zur Verschiebung der Wahlen sei von ihm selbst ausgegangen, da die für die nächste Zeit zu gewärtigende Ausdehnung der in Kongreßpolen gültigen Pilsudski'schen Verordnung über das allgemeine gleiche Proportionalwahlrecht in die jüdischen Gemeinden auf Galizien eine zweimalige Wahl innerhalb kurzer Zeit nötig gemacht hätte. Von Pressionen, die von irgendwelcher Seite auf die Regierung ausgeübt worden wären, könne keine Rede sein, ebensowenig davon, daß die Negierung unter dem Einfluß der Aguda ihre Maßnahmen getroffen hätte. Der Minister sagte unter anderem: „Die Regierung rechnet sehr errrsthaft mit der zionistischen Meinung, da sie an den Glücksstern der Zionisten glaubt". Im weiteren Verlaus der Unterredung erwähnte Minister Debrucki auch, er habe unter -anderem von den Rabbinern in Neu-Sand ec eine Danüdepesche für die Verschiebung der fchvieben habe und daß er beabsichtige, einen Inspektor für die bester daran, Geld statt für Telegramme für - Handwerkerschulen anfzwvenden. Am Schluß erklärte Her Minister, daß die Ausdehnung der Piffudski-Berordnung aus Galizien in zwei bis drei Wochen den Ministerrat beischästigen dürste; die Lemberger Wahlen solleck noch vor dem Monat Oktober stattfi irden. Bei dieser Gelegenheit teilte der Minister dem Deputierten mit, daß er soeben das Dekret über die Erteilung des Oeffentlichkeitsrechtes au das jüdische Gymnasium in Stanislan unterschrieben habe und daß evbeabsichlige, einen Inspektor für die jüdischen Mittelschulen zu ernennen. 3ns unbekannte Arabien. Ein Vortrag Dr. Wolsg^rg^^W^isls ln der Geographischen Jtt der Geographischen Gesellschaft hielt gestern abends der bekannte zionistische Publizist Dr. Wolfgong Weisl einem. Wo» trag über seine Durchforschung Afrikas. Der große Ainphitheatersaal der Universität war dermaßen überfüllt, daß viele Gäste wieder umkehren mußten. Der Präsident der Geselle schast, $pfra\ Professor Brü cknar, beglückwünschte einleitend den' Forscher zk seinem Erfolg. Dr. Weis! knüpfte an die ruhmreiche österoeichische Tradition der Arabienfovschung an, name-wlich mr die Ergebnisse des Professors Musil; seit dem Weltkrieg war aber der Inga icg nach Avabien unterbunden, u,rd Dr. Weis!konntejalserster Europäer wieder in jene Verhältnisse Einblick gewinnen, di. Km großer Bedeutung für die Weltpolitik werden können, weil das unbekannte und!»»erforschte Arabien die Brücke von Europa mach Asien bildet, nomeirtlich für Indien, also für! eine der Grundlagen des englischen SSeltrMes. 5ör. MW ■;

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