Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 9 (1927)
- Issue
- Heft 2940 (5.5.1927)
- Date
- 1927-05-05
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 2940 Men, DormeMvg Wierrer Morgen-ettmtg 5, Mal 19S7 Inland. Sie Konstituierung -es neuen Rationalrates. Lr. sel»kl »«»««»eit M ocn SizliildemMitt«». Gestern vormittags erschien über Einladung des Bundeskanzlers das Präsidium des soziawemokratischen Verbandes, bestehend ans den Abgeordneten Seitz, Doktor Bauer, Dr. Danneberg und Eldersch, im Parlament zu einer Besprechung über die mit der Einberufung und Konstituierung des neuen Nativnalrates zusammenhängenden Fragen- Der Bundeskanzler teilte mit, daß ihm das Präsidium der christlichsozialen Bereinigung als der stärksten Partei im neuen Nationalrate beauftragt habe, auch bezüglich der Bildung der Regierungsmehrheit und der Zusammensetzung der künftigen Regierung die Verhandlungen mit den anderen Parteien aufzunchmen. Nachdem zwischen den Parteien, die sich anläßlich der Wahlen zur Einheitsliste vereinigt hatten, eine Übereinstimmung der Meinungen und Absichten erzielt worden ist, habe er die gegentpärtige Aussprache mit dem Präsidium des sozialdemokratischen Verbandes herbeigeführt, der in den nächsten Tagen Besprechungen mit dem Landbunde folgen werden. Die Vertreter des sozialdemokratischen Verbandes nahmen zur Kenntnis, daß der neue Nationalrat für den 18. d. M., >3 Uhr nachmittags, einberufen werde. In der ersten Sitzung wird nach der Angelobung der Abgeordneten die Konstituierung des Nattonalrates durch die Wahl des Präsidiums erfolgen. Ueber die zu wählenden Ausschüsse, die Zahl ihrer Mitglieder und deren Verteilung auf die Parteien wird in einer für Dienstag, den 17. d. M., in Aussicht genommenen Obmännerkonferenz entschieden werden. Die Bundesregierung wird am Tage des ersten Zusammentretens des neuen Nattonalrates demissionieren, um diesem die Gelegenheit zu geben, die Regierung entsprechend den Ergebnissen der Wahl vom 24. April neu zu wählen. Die Demission wird unmittelbar nach der Konstituierung des Hauses dem Nationalrate zur Kenntnis gebracht werden. Darauf wird der Nattonalrat noch in derselben Sitzung den Hauptausschuß wählen, dem nach der Verfassung die Designierung des Bundeskanzlers und die Erstattung des Wahlvorschlages für die neue Regierung obliegt. Des weiteren besprach der Bundeskanzler mit den Vertretern des soziadernokratischeu Verbandes die Gegenstände, mit denen sich der neue Nationalrat schon in seiner ersten Zeit werde beschäftigen nritssen, und machte er Vorschläge für ein auf längere Sicht abgestelltes Arbeitsprogramm. Die Vertreter des sozia demokratischen Verbandes brachten ihrerseits jene Fragen zur Sprache, auf deren rasche Bereinigung sie besonderes Gewicht legen müssen. , Der Bundeskanzler wird den sozialdemokratischen Verband noch vor Zusanrmentreten des .neuen Nattonalrates von dem Ergebnisse der weiteren Parteienbesprechungen benachrichttgen. Schwarz-rote ftoalttio» ta» Salzburger Landtag. Der Salzburger Landtag, der aus 13 Chrisüichsoziale.,, neun Sozialdemokraten, 2 Großdeutschen, 1 Nationalsozialisten und 1 Landbündler besteht, hat gestern seine konstituierende Sitzung abgehalten. Zum Präsidenten des Landtages nmrde der bisherige Präsident Breiten selber (Sozialdemokrat) wiedergewählt. Zu Vizepräsidenten wurden die Abgeo dneten Johann Kirchne r'(Christ ich ozia) Und Mar O t t (Großdeütsch) gewählt. An die Spitze der Landesregierung wurde mit 26 von 25 abgegebenen Stimmen wieder der Christlichsoziale Dr. Franz Rehrl berufen. Vor der Wahl der Übrigen Mitglieder der Landesregierung gab Abgeordneter O t t nanuns des Verbandes der Großdeutschen und Nationalsozialisten im Einvernehinen mit dem Vertreter des Landbundes eine Protesterklärung gegen die Ausschaltung der dieutschnationalen Vertretung aus der Landesregierung ab. Zu Landeshatlptmannstellvertretern wurdtrn sodann der Ghristlichsoziale Meureiter und der Sozialdenwkrat Preußler, zu Landesräten der Christlichsoziale Brauneis und der Sozialdemokrat E mm in ge r wicdergewählt. In den Bundes rat würden wiederum Landeshauptmann Sfr. Rehrl und Landes Hauptmann stellvertreter Preußler und an Stelle des aus dem politischen Leben zurückgetvetenen Dompfarrers Etter Abgeordneter Hauthaler entsendet. N e w y o r k, 4. Mai. Die Hochwafserkatastrophe nimmt neue beängstigende Dimensionen an. Zehn Meilen nördlich von Bicksburg bei Duckfovd erfolgte heute ein großer Deichbruch des Mississippi, der das nordstliche Louisiana unter Wasser zu setzen droht. 30.1X10 Bewohner wurden gezwungen, ihre Heimstätten aufzugeben und in den Konzentrationslagern Aufenthalt zu nehmen. Ueber eine Million Acres fruchtbaren Farmerlandes mußten preisgegeben werden. Obwohl in den letzten Stunden bei N e w Orleans die Sprengungen d e r D ä m m e fortgesetzt wurden, um für die Wassermassen einen künstlichen Abfluß zu schaffen, sind heute früh die ersten Fluten in die Stadt selbst eingodrungen. Die Ursache dafür ist darin zu suchen, daß große Wassermengen des Stamvassers der nahegelegenen Gemeinde St. Bernhard in das niedriger gelegene Industrieviertel von New Orleans hereinströmen. Die Bevölkerung, die durch die von den Ingenieuren geäußerte Ansicht, daß die Stadt durch die letzten Dammsprengungen gerettet sei, vollkommen beruhigt war, hat eine Panik ersaßt. Biele Lhute verlassen f l u ch t a r t i g .d i e S t a d t. [ Denecin kräftig! den VrMMlsmus — föfigf m Erkrankungen. mmm . kin nettes Mietengesetz. Der christlichsoziale Stadtvat Rmnmechardt teilte in e&cet Versammlung^ die Dienstag im 4. Bezirk abgehalten wurde, mir, daß es ein« der ersten Aufgaben des neue« NatiesralratsS fein werde, «in neues Mietengesetz zu schaffen, daS vor pltem die Recht« des Mieters gesetzlich festlegt. Der Zustand, den wir heute haben, daß die Mieter in den alten reparaturbedürftigen Häusern ungeheure JnstandhaltuttgSzinse bezahlen müssen, wtchrend svie Mieter in de« neuen, prächtigen Häusern und in den Rmgstvaßenpalästen verhältnismäßig geringe JnstandhaltungSkosten entrichten müsse«, könne nicht länger auf« rechterhalten bleiben. Es könne aber auch nicht länger geduldet werden, daß die Mieter in den Gemeindehäusern dev wichtigsten Schutzbestimmungen des Mietengesetzes, des Schutzes vor Kündigung und ungerechtfertigter Erhöhung der Zinse, nicht teilhaftig sind. Die christkichstziale Mörderheit im Gemeinderat werde unentwegt verlangen, daß die Gemeinde Wien auch in den von ihr 'gebauten mewtt Häuserst! denl Mieterschutz einflhren muß. Rotdoiche bei Toronto durchbrochen und einen Teil der Stadl überschwemmt. 400 Häuser find vom Wasser umgeben. Der Wasserspiegel ist in den letzten 24 Stunden um 18 Zoll gesttegsm Die Sachverständigen erklären, daß das Hochwasser erst am 11. Mai seinen Höchststand erreichen werde. Bisher sind sechs Staaten der Union überschwemmt. Alle Genietruppen sollen mobilisiert werden, um der noch immer um sich greifenden Gefahr vorzubeugen. JWel Wische Famille» verbrannt. Eine Katastrophe in Chicago. Aus Chicago meldet die I. D. A,: Bei einem Wand, der am 22. April ausbrach, haben zwei jüdische Familien mit zusammen acht Mitgliedern den Tod gefunden. Gs waren dies: Barnet Lew in, 40 Jahre alt; seine gleich-! falls 40jährige Frau, deren beiden Söhrre, der 20jährige Albert und der 13jährige Leonard; ferner Harri Sokolfki, ] 40 Jahre alt, seine Gattin Mary, deren 14jähr^er Wohn ' Samuel und deren 14jährige Tochter Anna. «xxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxrxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxx« New Mem» unter Baffer. Vergebliche Rettungsversuche dnrch Dammsprengunge». — Lar Hochwasser steigt weiter. Die Fluten des Assiuiboine haben heute die „Paulus unter den Juden." mtgtfientu. „Nichts anderes wird hier gezttgt als die große tragische Stunde des Judentums. Protagonist dieses Spiels ist Israel. Ohne Willkür. So ist es! So war es!" Diese Worte Franz Werfels im „Argument", der Nachschrift des Dichters zu seiner' dramatischen Legende, sind Bekenntnis und Rechtfertigung. Beides, Bekenntnis und Rechtfertigung, hinterläßt bei uns einen bitteren Nachgeschmack. Schreibst du schon ein jüdisches Drama, jüdischer Dichter: mußt du — in dieser Gegenwart — noch immer beteuern, daß es ohne Willkür geschah, wenn Israel der Protagonist deines Spiels wurde? Wir sind unfrei, wenn wir vor die große Welt treten und bei ihr gelten wollen. So ist es. So war er nicht immer..., Nach Erscheinen des Werkes haben wir m unserem „Bucht der Zeit" das neue Drama Werfels besprochen mit» dürfen uns bei der Erinnerung an den Jichalt kurz fassen. Chanan, der Nationalist, will Israel von den äußeren und inneren» Feinden befreien. Zu den letzteren zählt er nebst den Hellenisten die Jünger des Gekreuzigten. Er erwartet als Führer des Befreiungskampfes, den er vorberettet, seinen Zehrer Schaul, der Jerusalem verließ. „Ich weiß nicht, ob Messias kommt. Aber ich weiß, daß Schaul, mein Zehrer, kommt." Er kommt wicker, aber aus Saulus ist Paulus geworden, ans dem Fanatiker ander Christus der Apostel des Christus. Schon aus seiner ersten Begegnung mit JacobuS und mit Simou Petrus geht hervor, daß Paulus im Gegensatz zu den anderen Ylposteln, ja zu ihrer erschreckten Verwunderung die neue Religion vom Judentum loslösen und der Menschheit bringen will. JacobuS warnt ihn „grimmig". Die Kirche des Christus lebe ewiglich im jüdischen Gesetz. „Jedes Prahlen mit der unbeschnittenen Welt ist Ungehorsam." Aber Paulus geht seinen Weg, und er führt ihn zu feinem einstigen Meister, den großen heiligen Rabbi Gamaliel. Bor den versammelten Rabbinen ruft er ans, das Gesetz sei erfüllt, die Thora ungültig, der Messias sei gekommen, und Israel habe ihn getötet. Die Rabbinen wollen den Ketzer richten, aber Gamaliel schützt ihn. Bernrittlern gelingt es, Paulus als einen Besessenen behandeln zu lassen, der für seine Reden unverantwortlich ist. Die Austreibung des bösen Dämons durch den Rabbi Beschwörer (die ein wirksames Theater ergibt) mißlingt. Bei der Beschwörung erweist sich Paulus als der Stärkere. Gamaliel nimmt den geliebten, gefährdeten, verirrten Schüler Paulus in sein Haus. Dort hat er mit ihm in inbrünstiger Abgeschlossenheit Leben, Wirken und Kreuzigung des Jeschuah besprochen. Auf die Bühne selbst kommt eine große abschließende Auseinandersetzung zwischen den beiden; in der Priesterkammer des Tempels, am Jom Kippur. Gamaliel will Versöhnung schaffen am Tage der Versöhnung und kommt Paulus schr weit entgegen. „Ein Fehlurteil ist geschehen in Israel. Ein unschuldiger Tod hat die Ordnungen der Wahrheit verwirrt. Sühne ist nötig. Ich will sie darbringen. Ich entscheide mich zur Empörung." Aber Gamaliels Kompromißverhandlungen verlaufen ergebnislos. Der Meister will den Jünger dazu bringen/ daß er sage: „Er war ein Mensch." Die Antwort des Paulus: „Kein Mensch, er zog bloß der Menschheit Kleid an. Er ist Gottes Sohn, der war, ehe die Welt war." An diesem Zwiespalt der Meinungen scheitert Jerusalem, durch ihn siegt Rom, Gamaliel stirbt, die Vision der Zerstörung Zions vor den brechenden Augen, Paulus zieht in die Welt, die neue Religion zu künden, der Landpfleger Marullus verliest den Erlaß des Cäsar Caligula, der die Anbetung seines Standbildes im Allerheiligsten des Tempel^ anbefiehlt. « In unserer seinerzeitigen Betrachtung über das Werk schrieben wir u. a.: „GewalttgeS hat Werfel unternommen. Aber hier war (so scheint uns) der scharfe, klare Intellekt, der harte, heiße Mlle am Werk — nicht der schöpferische Genius, den der Referent in manchem lyrischen Gedicht Werfels, aber bisher in keinem seiner Dramen fühlte. Es fehlt die Atmosphäre. Man steht einer gut geformten und gesteigerten, kräfttg, klug und wirksam dialogisierten Bühnenarbeit gegenüber'. Die Bühnenaufführung, die unter anderem am nächtlichen Richtplatz zu Jerusalem, im Tempel am Jom Kippur vor sich geht, das Zeremoniell der Einkleidung des Hohe- Priesters in die heiligen Gewänder Aarons am Rüsttag des Jom Kippur, die römischen Posaunen, der Beschwörungsakt, der Tod Gamaliels werden auf der Szene gewiß Wirkung üben. Wer deutlicher als bei der'Jnfzenefetzung sicht man bei der Lektüre in die Werkstatt des Autors, sicht, daß die Dialoge nicht lebensvoll, sondern abstrakt, die Fluren nicht grilltet, sondern typisiert sind." Nach der Premiere des Burgthoaters gestehe ÄH gerne, daß ich durch manche Szene auf der Bühne eines Besseren belehrt nmrde. Insbesondere der Kampf des Hohepriesters, der beide Söhne verlor und Lu der RÜstftunde des Jom Kippur das Tvdesurtell für Paulus unterfertigen muß, ferner die Loslösung des Greffes Gamaliel von dem geliebten Schüler Paulusden er die „Abendsonne seines Volkes" nennt, sind Geschchuiffe von tragischer Wirkung, die Wersch den DwmatKer, legitimieren. Aber leider macht das gesprochene Wort an anderen, schr zahlreichen Stellen noch deutlicher, was Sei der Bnchlektüre so peinlich wirkte: der Dilettantismus, mit dem der Ächter seine Bühnenfiguren der Dramatischen Historie" sprechen läßt, als wären sie Nattonaljuden, Assimllanten, Antisemiten, Diplomaten der Gegenwart. Was bei Bernhard Shaw, dom spöttischen Gesellschaftskritiker, eine Tugend, ist bei Werfel, dem sich übernehmenden, gewalttg ausholenh ins Allgemeine, Ungemeine greifenden Former großer, größter TragödLndem Bchandler letzter Probleme, ein Unvermögen. Im Jerusalem deS Gamaliel und Paulus sprechen die Menschen nicht selten, als wären sie israelitische deutschliberalp Kasinoten und deren arische Parteigenossen, zionistische Studenten der ersten Herzl-Zett ustv. Chanan sagt, er wolle keine Berräterjuden, keine Würdejuden, keine Wucherjuden und rät seinem Bruder, dem Hellenisten: „Nimm Sprach stunden, damit man nicht merke, daß du ein Jude bist." Typisches Raisonnement des von Herzt geweckten Westjuden vor dem ersten Zionistenkongreß. — Mathias hingegen, der Hellenistspricht, wie der Prager, Brünner, Wiener Assimilant in den Achtzigerjahren sprach: „Nur das Fremde ist schön", und er sagt M dem angebeteten germanischen Hauptmann: „Glaubst dg mcht, daß ich ein berühmter Mensch werden kann, ein Mensch in der Welt?" — Ja, dieses Bansen, wie »M vor