Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 9 (1927)
- Issue
- Heft 2936 (1.5.1927)
- Date
- 1927-05-01
- Page
- Seite 10 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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W •■:'• :Lh7-v' ..\!ts *¥•'■ SfÜr 10 Wwn, Sonnfnit Wiener Mor§«,»q^tung 1. Mai 1027 Nr. 2936 Das Zrmnttr, sehr hübsch und von zartem Luxus, «vr wie für ein Fest geschmückt worden. Der Tisch ivar gedeckt, über das kleine Spitzentischtuch hatte man Beilchen gestreut. Myrtenkörner dampften im Parfümbrenner. Und um die vier Lampen bildeten Girlanden von Orchideen, die in Kaskaden niederfielen, einen Lichtschirm. Auf dem Bett, dem Bett einer Königin der Liebe, das niedrig inar rvie ein Diwan und mehr breit als lang, strahlte Chinaseide, feenhaft in zehntausend Schattierungen, gestickt gleich der göttlichen Buntheit des Frühlingshimmels. Endlich ging auf der dicken Wolle des Teppichs ein Weg von entblätterten Rosen von der Tür zum Tisch und vom Tisch zum Bett... Nur befand sich in dem Bett statt eines Paares ineinander verschlungener Liebender ein im Sterben Liegender, dessen durchsichtige Hände schon tot zu sein schienen. Am Kopfende ersetzte eine Krankenwärteriu, häßlich in ihreni farblosen Leinenkleid, die abwesende Geliebte. An diesem Abend sollte Frdrerie de Guibre sterben. Eine niederschmetternde Bauchfellentzündung, die einer schlecht operierten Blinddarmentzündung folgte. Bier Tage früher: die Gesundheit. Jetzt: die Agonie. Nichts zu machen. Die Diagnose war eben von den Lippen des Arztes gefallen. Guibre hatte, tapfer, die Wahrheit verlangt. Man hatte sie chm gesagt: noch vier Stunden, nicht eine mehr. -„Dann habe ich bis ungefähr acht Uhr Zeit." ,Za." „Gut. — Danke." Und er verstummte. Auf seinem schon erstarrten Antlitz war nichts zu sehen; weder Angst noch Leiden. Stoisch dachte, träumteer. Er würde also sterben, heute sterben, am 27. Jänner 1909, einem Mittwoch. Einem Mittwoch. Nun — jeden Mittwoch, seit mehr <cks vier Jahren, war eine Frau gekommen, ohne jemals auszubleiöen, in dies selbe Zimmer, in dem er, Fvederie de Guibre, sterben sollte. Eine Frau, die ihn: die einzige, angebetete, verehrte, vergöttlichte Frau, Geliebte, Schwester, Freundin, Fee, Gattin, alles — alles gleichzeitig gewesen war. Eine Frau, auf die er, bewußt oder uwbewußt, jede seiner Handlungen, jeden ferner Gedanken, jeden seiner Träume gerichtet hatte. Eine Frau, für feie er alles geopfert, alles gegeben, -alles freudig, trunken, toll verschwendet hattet... Jeden Mittwoch war sie gekommen. Sie würde auch an diesem Mittwoch kommen, dem letzten. Sie würde sofort kommen. Er würde sie Wiedersehen. Für sie war der Tisch gedeckt, die Rosen entblättert, das Zimmer geschmückt worden — für sie. Er würde sie Wiedersehen. Er würde in ihren Armen sterben. Ms seine schon blutleeren Lippen stahl sich ein Lächeln, dauerte... Einmal noch die Süße der Umarmung kosten, einmal noch dm Honig des Kusses genießen — wirklich, der Tod war neben diesem übermenschlichen Glück keine große Sache. Die Uhr an der Wand schlug die fünfte Stunde. Der Sterbende dachte: „Sie wird nicht mehr lange auf sich wartm lassm..." Sie kam nur um vierzig Minuten zu spät. Um die Wahrheit zu sagen, sie wußte nicht, daß er im Sterben lag. Sie wußte nicht einmal, daß er krank war. An der Schwelle blieb sie erschreckt und verängstigt stehen. „Oh! Fred!... Sie sind krank?" Er blickte sie ohne Bttterkeit und Schrvermut an: „Ja... Das macht nichts..." Sie ging weiter hinein. Sie kam mit Uebertoindung eines unmerklichen Widenvillens bis zum Bett. Sie küßte schr leise die brennende und heiße Schläfe: „Mein armer Freund, sagen Sie, es ist doch hoffentlich nichts Ernstes?" „Nein.. Die Pflegerin hatte sich diskret zurückgezogen. Sie warm allein und er wiederholte: „Nein... Es ist nichts Emstes... Sie sind ja da!.. Er verlangte, daß sie tat wie immer: daß sie Hut und Pelzjacke ablegte, die Handschuhe auszog, daß sie sich setzte, daß sie den Tee trank. Er betrachtete sie gierig, er trank sie durch seine breiten, erweiterten Augäpfel, wie um das geliebte Bild photographiert, eingegraben, in die Netzhaut eingestochen in den Sarg mitzunchmm. Sie lächelte und gehorchte, halb beruhigt durch die Energie, die er immer noch entfaltete. Und nach Mid nach erfüllte sich das Sterbezimmer mit Grazie, Duft und fast mit Heiterkeit... Aber als sie chr kleines Mahl beendet hatte und wid>erkarn, um sich ganz nah ans Bett zu setzen, bereit zu plaudern, verscheuchte er sie plötzlich, weil er dm Tod näher fühlte: „Wartm Sie..." Ueberrascht war sie stehen geblieben. Er sprach mit einer Stimme, die schon weniger rein tvar und einem Röcheln z» ähneln begann: „Meine Liebe, zuerst.... o°n Claude farrere. Müssen Sie... diese Möbel öffnm... ja, das da!.. sofort... Nehmen Sie dm Schlüssel... unter dem Kopspolster ... Sofort, weil gleich... vielleicht tvird nicht... mehr Zeit sein..." Ein plötzlicher Schrecken keimte in ihr. Sie ahnte, wagte aber noch nicht zu verstehen. Mit Mühe endete er: „Ihre Briefe... sind da... alle. Sie müssen... ja. Sie müssen... sie nehmen... sie mitnehmen... noch hmte abends... oder noch besser... sie verbrennen... hier, jetzt... im Kamin... Es muß sein..- meine Liebe... damit ich dann... in Frieden... schlafen kann..." Sie hörte auf zu atmen. Sie machte zwei Schritte rückwärts. Erschreckt lehnte sie an der Wand. „O Fred, rvas sagen Sie?" Ruhig neigte er den Kopf: „Ich sage... ja... ich sage, was Sie gehört haben... Meine Liebe, das macht nichts... gar nichts... Und Sie dürfm. Sie dürfen keinm... Kummer haben." Sie stieß einm Schrei aus und verbarg ihr Gesicht in ihren Händen. Das war kein Kummer, dm sie empfand, das war Angst, Schrecken; namenloser Schrecken. Sie liebte ihren Geliebten, sicherlich. Sie liebte sehr innig, ivie Frauen nach vier' Jahren treuer Gewohnheiten chre Gelicbtm eben lieben... Und sie würde sofort, wenn sie ttneber ein wenig Fassung gewinnen würde, wahrhaften Schmerz empfinden bei dm: Gedanken, daß er sterben müsse... daß er sie verlassen, für immcsr verlassen würde. Ein wahrer Schmerz, ja! Wer ein Schmerz, der für den Augenblick unter dem grausamen Schrecknis des Todes ertrank. In demselben Bett, in dem sie selbst so viele Male gelegen, weich, warm, liebevoll, würde gleich ein Leichnam liegen, eil: kalter, starrer, finsterer Leichnam... Vier Schritte vom Bett blieb sie unbeweglich stehen und wagte nicht, sich zu rühren oder aufzuschen. Und als der Sterbende mit seiner noch festen Stimme wiederholte: „Nehmen Sie den Schlüssel..." da ging sie mit geschlossenen Augen zum Bett und tastete mit zitternder Hand unter dem Kopfpolster... Sie hatte den Schlüssel gefunden. Sie ging zu dem Möbel, einem kleinen chinesischen Kasten, geheimnisvoll und schwarz. Sie öffnete 'die Türe aus Ebenholz. Und erstaunt blieb sie stumm, eine Hand auf dem zurück-, geschlagenen Flügel... Der Kasten war eigentlich eine Kapelle, ein mit Seide ausgeschlagenes Heiligtum, mit Samt tapeziert und gewissenhaft durch ein rotes Nachtlicht, ähnlich einer ewigen Lampe, erleuchtet... Parfümstöckchen brannten in einer Goldpfanne, und die dünnen, wohlriechenden Spiralen stiegen wie Gebete zu einer Art Altar, dessen Tabernakel drei lange Schachteln aus Saffian bildeten. Eine Miniatur war darüber, in eine herrliche Reihe von Perlen gefaßt, das Bildnis der Göttin, der lebenden Göttin, die eben ihr eigenes Tabernakel geöffnet hatte, und die an der Schwelle blieb, bestürzt und so erstaunt, daß sie darüber ihren ersten Schrecken vergaß'... .Aber 'die schon weniger deutliche Sttmme desSterbeilden beharrte: „Die Schachteln... die drei Schachteln..." Vom Türflügel löste sich die zitternde Hand. Und eine nach der andern, kamen die drei Schachteln aus dem Möbelheiligtum heraus... Es waren drei geräumige Kästchen, drei Schmuckkästchen aus ziseliertem Leder, ähnlich MeßbucheinbLnden. Ihr Inneres war durch Riechkissen geteilt; und zwischen diesen Riechkissen lagen die Liebesbriefe, wie die Reliquien der Heiligerl auf dem Grunde der Reliquienschreine liegen oder die Hostie irr der Morrstrariz. Die jetzt drrmpfe und pfeifende Stirnme besaht: „Verbrennen Sie..." Aber unbeweglich und schweigerrd, gehorchte die so sehr verehrte, so angebetete, so vergötterte Frau rricht sofott. Sie betrachtete die Briefe und die kostbaren Kistchen und die merkwürdige, herrliche, geheimnisvolle Kapelle . . . Sie atmete den schweren Duft, der vorr alledem! ausströmte . . . Und sie ermaß mit einem Male und zum erstenmal die ungeheure Liebe, mit der ihr Geliebter sic geliebt hatte . . . keilt wundertätig Rheuma, Gicht, Ischias Stärkste Schwefelthermen. Alluvialschlamm Pension von Kß 40*— Informationen für Oesterreich: Ausknnftsstelle Wien, VI., Neulinggasse 21, sowie die Badedlraktion Irentsdiin Teplltt Mechanisch nahm sie einen der Briefe, auf gut Glück. Was hatte sie denn jemals geschrieben, das er solchen Liebe wert war? Was von ihrer Seele hatte sie in diese Seiten gemischt, nm sie dieses religiösen Tributs würdig zu erweisen, den man ihrren erwies? Sie las: „Mein Freund, erwarten Sie mich Morgen nicht, ich werde wie gewöhnlich MitÜvvch kommen. Altz'.r öfter, wie oft sagte ich Ihnen, daß das unmöglich sei? Morgen habe ich tausend Dinge eilig zu erledigen, zwei Anproben, einen Tee, Besuche . . . Nein! Seien Sie ebenso vernünftig wie ich und küsserr Sie die Hände, die ich Ihnen reiche ..." Sie las noch: „Mein Frerrnd, ich bitte Sie darrttn, seien Sie klüger, klüger als Sie sind. Schreiben Sie mir nicht solche Torheiten. Haben Sie mit einem Tag in der Woche nicht genug, irm sie mir zu sagen? Denken Sie an den Verdruß ohne Ende, den mjir ein geöffneter Brief verursachen würde." 1 Und weiter: „Ihre Blumen sind die schönsten, die ich jemals erhalten habe; »ran könnte meinen, sie seien einzeln gewählt . . . Ich will Sie belohnen: kommen Sie heute abends in die Oper; wir tverden eine sehr lustige Bande sein; man wird irgendwo soupieren . . . und ich verspreche Ihnen ein sehr schönes Kleid, das Sie noch nicht kennen ..." Aus den plötzlich feucht gewordenen Augen rollten Tränen. Wie? Das war es? Nur das? Und plötzlich überschwemmte großes, bitteres Schanigefühl das schmerzende, zerrissene, verzweifelte Herz. Sic begriff jetzt, sie fühlte, sie sah. Man hatte sie geliebt, wie die Gläubigen nicht einmal ihre Madonna lieben; sie aber hatte nicht, hatte niemals geliebt. Auf diese wmrderbare Leidenschaft, in die sic ganz eingehüllt worden war, hatte sie mit einer alltäglichen Zuneigung geantwortet, die kaum nrit ein wenig Zärtlichkeit und einer Ahnung von Sinnlichkeit gefärbt war. Und dieser Geliebte, der ihr so viel gegeben hatte, und dem sie so wenig wkedergegebcn, der sollte mm heute sterben, ohne daß sie einen einzigen Tag vor sich hatte, um ihm, gleichgültig wie, diese tvundlerbare Liebesschuld zahlen zu könne», nur ihm, sei es auch nur in einer einzigen Umarnmng, Glut für Glut, Wahnsinn für Wahnsinn, Tollheit für Tollheit geben zu können? Ein Verzweiflungsansall warf sie auf den Knien gegen das Bett. Und ans die schon kälte Hand klebte sie bestürzt ihren Mund. Siüiwollte sprechen., alles sagen, ihre Seele erleichtern, ihr Neue und ihre Gewissensbisse hinausschrcien. Aber im selben Augenblick schlug die Uhr an der Wand sieben Schläge. Und der Geliebte sprach: „Es ist die Stunde ... Sie sind gekommen ... Dank! Jetzt ist die Zeit ... gehen Sie... Adieu!..." Sie hob wieder den Kopf, sie blicktie ihn an, sie hatte ihn gehört, aber sie verstand nicht. Er wiederholte: „Gehen Sie! ... ES ist Zeit: sieben Uhr ... Sie müssen heim..." Aber sie schluchzte und warf heftig ihre Lippen wieder auf die steifende Hand, die kämpfte, um sie zurück^ zustoßen: „Gehen? ... Jetzt gehen?" Und sie schrie fast wild: „Jetzt gehen, wo ich weiß, wie du mich geliebt hast, wie du mich siebst! ... Gehen, und dich allein lassen, dich allein sterben lassen, ich, die dich nicht liebte und die dich jetzt liebt und die dir all deine Liebe in diesen letzten Minuten, die uns bleiben, wiederzugeben, zu bezahlen hat? Gehen, ttLvor ich dich meinerseits angeüetet, bevor ich meinerseits mein Herz unter deine Füße geworfen Hab, damit du es zermalmst? Mein, nein, nein, nein! ... Nie-' mals!" Mer da richtete er sich mit furchtbarer Anstrengung auf: „Geheul" sagte er, mit einer durch ein Wunder von Energie wiederbelebten Stimme. „Geherl, ja! Es ist sieben Uhr und man erwartet dich bereits zu Hause — und nran darf nicht auf dich warten! Man darf sich nicht wundern llnd sich nicht beunruhigen, denn nwrgen nmh das Leben für dich wieder beginnen, gleichmäßig und heiter, ohne daß jemals etwas übrig bleibt, von dem, was das Leben, von urrs beiden war, ohne daß irgendeine Spur davon in den Augen der Welt erscheint, und ohne daß dein weißes Kleid von eillem Verdacht gestreift werde! ... Gehen, ja! Du wirst gehen, nach Hause zurückkehren, deinen Mann, dein Kind wiederfinden, beiden zulächeln und mich vergessen Sage nicht ncttt, denn ich will es. Und wenn du heute abends Begriffen hast, was du bisher nicht verstallden, uitb wenn du mir diese Schuld, die du nicht gekanilt hast, bezahlen willst, nun, so zahle! Ich wähle, ich fordere diese Bezahlung: deinen Gehorsam! Gehorche also: geh! Ich kann alleiir sterberi. Ich will es. 'Und Werne nicht mehr. Dein Sohr: würde deine roten Augeil bemerken. Und kränke dich nicht «lehr: denn mein Teil Freude: du gibst es mir ... dir wirst es Mir gebeir ... indem du gehorchst. Sie gehorchte. Sie ging. Eine halbe Stullde später starb Frederie de Guibre. Allein.