Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 9 (1927)
- Issue
- Heft 2936 (1.5.1927)
- Date
- 1927-05-01
- Page
- Seite 9 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 3S36 Wien, Sonn taff Wiener Morgenzeitung 1. Mai 1927 Sott« 9 c * Das Buch der Zeit LITERATUR BEILAGE DER .WIENER MORGENZEITUNG- WM Ib SltHakt sre Schrift, zu verdeutschen unternouunen von Martin Buber gemeinsam mit Franz Rosenzweig. (Da« Buch „Er rief" und das Buch „In-der Wüste". — Berlin, Verlag Lambert Schneider.) Die hebräische Bibel ist schon längst nicht mehr das jüdische Volksbuch, das es einst gewesen ist. Den Axt- Hieben, die im ersten Drittel des vorigen Jahrhunderts die Haskalah, die jüdische Aufklärung im Osten und die Assimilation im Westen Europas gegen die Fundamente des jüdischen Volkstums geführt hatten, ist vor allem die hebräische Bibel zum Opfer gefallen. Ihr folgten daun die lebendige hebräische Sprache und das fjie* bräische Buch überhaupt in den Abgrund nach. Jetzt ist der Zionismus als jüdischrmtiouale Renaiisscmc-obewegung daran, durch Verlebendigung der hebräischen Sprache zur Volkssprache die althebräische Bibel als jüdisches Volksbuch in ldas jüdische Haus zuri'lckzubriugen. Die uns bekannten Uebersetzungen der hebräischen Bibel in eine moderne lebende Sprache, von der Septuaginta über Luther und Mendelssohn bis auf unsere Zeit sind durchwegs T e n d e n z w e r k e. Sie sind Ausdrucksmittel für den seit Jahrhunderten geführten Krieg Aigen den Geist des Judentums, den Krieg zwischen den aus dem Judentum entstandenen Religionen, aber auch zwischen den innerhalb der einzelnen Religionen herrschende Weltanschauungen. Apologetik des Judentums auf der einen, Nachweisquelle für die Göttlichkeit des Christentums auf der anderen Seite waren die Triebfedern aller dieser Uebersetzungsarboiten. Voreilige Nutzanwendung der noch lange nicht a>bgeschlosfenen archäologischen Forschungen in den in der Bibel behandelten Landern für sine Bibelkvitik haben schließlich ein Chaos geschaffen, in welchem die Bibel selbst bis zur Unkenntlichkeit „richbiggestellt" wird. Jede neue Bibelübersetzung steigert die Verwirrung nur noch mehr, und die in der vatikanischen Kommission vorbereitete Üeber-- setzuug wird — nach den bisher bekannt gewordenen Nachrichten über dies' Arbeit zu urteilen — die Situation auch nicht-verbessern. Sie wird die Zahl der Tendenzbibeln nur um eine vermehren. Versucht man die vorliegenden zwei Bücher der Bube r - N o s e n z w e i g s che n Bibelübersetzung von den dargelegten Gesichtspunkten aus zu beurteilen, so gerat man in nicht geringe Verlegenheit und sucht vergebens nach einer Tendenz, einem plaustbeln Zweck der mühseligen und nach vielen Richtungein hin sicherlich anerkennenswerten Arbeiten. Gin Volksbuch ist diese Bibel in Rutscher Uebersetzung für die deutschlesenden Juden nicht geworden, weil ihre Spvache zu gewollt künstlerisch und daher au vielen Stellen erkünstelt und für den Durchschnittsleser nicht leicht verständlich, häufig geradezu unverdaulich ist. Aber auch auS anderen Gründen, so wegen der Art der Textbehandlung, kann die Bubersche Bibel keine der innerhalb des Judentums einander widerstreben' den Richtungen befriedigen, obgleich oder vielleicht Buber nach eigenem Gutdünken.jedem seine Gabe sveudeL. Er liebäugelt mit den Orthodoxen, indem er das Tetra-- grammaton der Bezeichnung Gottes einfach nicht übersetzt, es (gleich den nach einer Midrasch-Sage in der Lust hängenden Buchstaben der Bnndestaseln) mit einem im leeren Raum schwebenden „Ich" oder „Er" ersetzt und dadurch die betreffende Stelle lächerlich unverständlich macht. Ans der anderen Seite aber macht die Uebersetzung twm willkürlichsten Bibclkvitikern ganz unberechtigte Konzessionen, durch welche jedoch der Text nicht an Sinn gewinnt. - Eine Tendenz allerdings macht sich in diesen Büchern fühlbar:' Buber hat offenbar eine neue deutsche Bibelsprache geschaffen, eine .deutsche Bibeldichtung mit -biblischen Wortbildern und Wortbildungen in der an.sich harten, schwer biegsamen, deutschen Sprache geben wollen. In dieser Richtung ist Buber mancher schöne Wurf gelungen, wenn er sich Hiebei auch ebenso häufig poetischer Freiheiten bedient, die mi begründeterweise auch dort angvwendet werden, wo selbst der biblische Urtext in Anpassung an >den Stoff die einfache, nüchterne..Erzählersprache anwendet. Diese Vorzüge und Mängel gestalten die Bubersche Bibelübersetzung zu dem, was sie offensichtlich tverdeu wollte, zu einem Liebhaberwerk mit vielen sprachlichen Schönheiten. Ein ji'ldisches Volksbuch haben wir auch in dieser deutschen Bibel nicht erhalten. —b—sz. Peter Zoege vonMantcuffel: „Tagebuch einer Egoistin". Verlag Fleifchha uer & SP ohn, Stuttgart. Unter den „Kristallbüchern", einer Novellenreibe, die dieser Verlag herausgibt, wird diese gut erzählte, in Form eines Tagebuches äbgeMte novellistische Studie viele Freunde finden. Im Mittelpunkt der Novelle steht ein schönes' Mädchen von den besten Anlagen und Neigungen, das an einer höheren Art von S<stbstsilcht krankt. So wird ihr die Gewinnung eines, bochstehenoell künstlerischen Mannes nur Hochgefühl des' Sieges, Besrii'dignug der Eitelkeit. Das Herz bleibt leer und das Schicksal nimmt sie stark Ijicv. nt. Mensch und Maschine. Fjodor Gladkow: Zement (aus dem Russischen. übertrag.n von Olga Holpern. Verlag für Literatur und Politik, Wien-Berlin). — Kasimir Edschmid: Die gespenstigen Abenteuer des Hofrat Briistlein. (Verlag Paul Zsolnay, Wien-Berlin.) - - - Krieg, Revolution und Gegenrevolution haben ein nlächtigek' Zementwerk stillgielegt; die Arbeiter lassen das Werk verfallen. Aber im Maschinenraum wacht der Obermaschimst "5 ei zwei Reihen blinkender Dieselmotoren, harrt des Augenblicks, da die Maschinen wieder ihr Lied ertönen lassen, wohnt mit ihnen, streichelt sie, lebt mit ihnen und liebt sie, wie — der Mensch der Zukunft einst die Maschine lieben wird, die er geschaffen. Denn die Menschen d.er Gegenwart haben erst gelernt, mit der Maschine zu herrschen, noch nicht, sie zu lieben. Diese sine Szene ans dem umfangreichen Roman „Zement" von Fjodor Gladkow, der den ökonomischen und technischen Sieg der russischen Revolution — vielleicht ein wenig vorwegnehmend — darstellt, ist die merkwürdigste in diesen: von Tendenz, aber auch von Künstlerschaft geradezu strotzenden Buch. Etwas Barbarisches liegt darin, ähnlich wie in den gewaltigen epischen Schilderungen eines Zola und noch mehr eines Dostojewski. Form, Sprache, Ausdruck sind aas das Primitivste, Urtriebhafte gebracht (irgendwo im Roman sagt jemand von einem Kommunisten, seine Sprache sei gar nicht mehr Russisch, sondern ein Gemisch aus irgendwelchen fremden Lauten — Sprache und Ausdruck des ganzen Romans sind so jenseits aller Konvention, daß sie geradezu fremd das Ohr treffen). Doch in dem ganzen zyklopisch roh getürmten epischen Bau, in all der penetranten Tendenz tönt rein wie Musik der Zukunft das Lied der Maschine, das das Ohr kommender Geschlechter erst in seiner wahren Melodie erfassen wird. Die Üebersetzerin des ungewöhnlichen Buches, Olga H a l p e r n, hat allen seinen sprachlichen und schildernden Eigenartigkeiten und Ungewöhnlichkeiten mit feinem Ohr nachgespürt und sie beherrscht wi>edergeg.!.'ben. Ueber der vollkommenen Maschine, die er selbst noch nicht kennt, steht der Mensch, fenes Wesen aus tausend Unvollkommenheiten. Die Vollkommenheit, die er sich selbst in allerlei Eigenschaften und Tugenden, andichtet, sind schemenhafte Symbole. Mut, Eroberungsdrang, Abenteuerlust, sie sind Illusionen, um über unsere Unvollkommenheit und Endlichkeit, die uns an uns selbst verzweifeln ffiacht, hinwegzutäuschen. Die Licke allein geht über diesen endlichen Rahmen hinaus, auch sie nur eine Illusion, doch geeignet, unseren Zweifel und unsere Verzweiflung in Glauben (wieder eine Illusion?) umzuschaffen. Dieses Thema wandelt Kasimir Edschmid in seinem Roman „Die gespenstigen Abenteuer des Hosrat Brnstlicin" ab, mit reichlichem, vielleicht zu reichlichem Aufwand an „Prospekten und Maschinen", aber mit einer Dosis phantastischen Humors, die manchmal befreiende Heiterkeit anslöst. Es ist nicht die stampfende Melodie der Revolution, kein Lied der Zukunst in Edschmids Buch, aber gelassen heitere Sinnievevei; auch, die braucht man'in seinen"Mußestunden. S.' S. „Kinderaualyse." Vier Vorträge einer hervorragenden Vertreterin der Wiener psychoanalytischen Schule über ein Gebiet, das noch zum größten Teil Neuland ist, das Fazit aus der Erfahrung mehrjähriger analytischer Arbeit an Kindern. Wie alle neugewonnenen Erkenntnisse der Psychoanalyse nicht nur für die Beurteilung pathologischer Seelenvorgäuge wichtig sind, sondern stets auch überraschende Aufschlüsse und Rückschlüsse auf das allgemeine Seelenleben gestatten, so sind auch Anna Freuds Untersuchungen und deren Ergebnisse von Interesse für einen tveiten Kreis, insbesondere den erzieherisch orientierten. Der moderne Pädagoge, vor allem auch der Schulpädagoge, der heute ohne Kenntnis der Psychoanalyse nicht mehr apskymmt, wird in dem Büchlein von Anna Freud wohl am meisten Gewinn aus den Betrachtungen über das Ueber- 'I ch b e i m Kinde ziehen.' Das Ueber-Jch als psychoanalytischer Terminus bezeichnet „die Summe der ethischen und ästhetischen Forderungen, die die Gesellschaft au das Einzelwesen stellt". — Jedes Individuum siehtsich der schwierigen Aufgabe gegenüber, einen Gleichgewichtszustand zwischen seinem triebhaften Unbewußtsein, seinem Ich und seinem Ueber- Jch herzustellen. Beim Kinde, so bestätigt der Analytiker in seiner wissenschaftlichen Sprache eine längst naiv erkannte und oft mißbrauchte Wahrheit, ist das Ueber-Jch nur wenig wirksam. Das Kind. vermag seine Triebregungen nur einzudämmen, wemr das Ueber-Jch von einem Objekt der Außenwelt vertreten wird, an das es sich überdies in zärtlicher Bindung gefeffelt fühlt, dein zu. Liebe es „schlimm oder brav" ist. Erst allmählich lernt es das Heranwachsende Kind, die persönlichen, von Eltern oder Erziehern herangeb.rachten Forderungen loszulösen, von der Identifizierung mit ihren Pertretern, eine größere Unabhängigkeit seiner Jdealforderungen zu getvinnen, sein Ueber-Jch aufzubauen. Der Prozeß der Ausbalancierung beim Kinde wird verzögert und erschwert, wie Anna Freud nachweist, durch die doppelte Moral, die dem Kinde eigen ist, und die es vor Alters- - genossen keineswegs zu den Hemmungen in den Aeußerungen seines Trieblebens, besonders seines sexuellen, zwingt wie Erwachsenen gegenüber. Es sind vor allem gestörte Fälle dieser Art, die Anna Freud bespricht, und denen sie zur Gesundung zu verhelfen sucht. Aber hinter ihren Forderungen winkt die Perspektive, daß deren Resultate und ähnliche Forschungsmethoden auf das große Gebiet disziplinär schwieriger Kinder ausgedehnt, dort möglicherweise zu Erkenntnissen zu führen vermögen, die dem modernen Pädagogen wissenschaftliche Leitlinien an die Hand werden liefern können für die Behandlung des vielumstrittenen Problems von Disziplin und Freiheit, von Selbstregierung itrtb Autorität in der Erziehnng. DaS Studium dieser e r st c n Einführung in die Technik der Kinderanalyse gewährt Belehrung vielseitiger Art. Dr. N. S. A'täzyptische Erzählungen und Märchen. In der SanM-- lung „Märchen der Weltliteratur" sind soeben im Eugen Diederichs-Berlag, Jena, äusgewählt und übersetzt von Günther R o c d e r, Erzählungen und Märchen aus der Welt des Ptzaraonenreiches erschienen. Man gewinnt durch dieses hochinteressante Werk Einblick in das Alltagsleben eines uralten Volkes, dessen Ruhm durch seine monumentale Architektur und Plastik begründet ist. Die sehr zahlreichen beigefügten Bilder stellen ägyptische Denkmäler neben "die Literaturwerke und ein gemeinsamer Inhalt verbindet beide innerlich. In diesen Anekdoten und Erzählungen begegnen wir den Vertretern der verschiedenen Klassen des altäghptischen Volkes. Den: Krieger und Beamten, deut Priester und dem fleißigen Bauer. Häufig auch.natürlich dem verführerischen Weib. Der Bibelkcnner wird hier an einem bezeichnenden Beispiel fbte Vorlage der Potipharlegende finden. Ein Buch, das der naive Leser mit Ver-». gnügcn liest und den gebildeten Leser über das Vergnügen der Lektüre hinaus tiefen Einblick in eine längst versunkene Welt bietet. v. Das neue Buch, von Otto Flake, „Sonkmerroman" (der S. Fischer, Berlin), spielt in einer der klassischen. Gegenden des Sommerverkehrs, auf einem Südtiroler Berg.. Eine Handlung von großer Spannung und reichen Einfällen zeigt uns, wie Menschen verschiedenster Herkunft ur.kii Art in einem Sommeraufenthalt durcheinanberaemiabely ,'ierden und in gegenseitiger Berührung ihre Charakters Nfenbaren. ■ Bon Colette, der gelesensten modernen Schriftstellerin Frankreichs, bringt, der Paul Zsolnay-Verlag, Wien, den Roman „Mitsou", der die Liebe, eines kleinen Revuestars erzählt. Beim Erscheinen dieses Buches in Frankreich.schrieb Marcel Proust: „Ich, der ich doch Viele Jahre nicht geweint habe, brach in Tränen aus, als ich die Briese Mitsous an ihren „blauen Leutnant" las. „»tzrcvention Bill". Unter dem Titel „PrevenLrim. Bill" kündigt der Verlag R. Piper, München, die Herausgabe eines „unerlasienen, unerläßlichen Staatsgesetzes" an, die, an keinen bestimmten Staat gerichtet ist, aber beabsichtigt, eine neue Aera im VerWr dir Nationen einzuleiten. „Neue englische Gartenstädte". Bei. Ernst Wasmuth,. Berlin, erscheint demnächst ein großes Werk über „Neue englische Gartenstädte", unter besonderer Berücksichtigung der Gartenstadt Wellwyn.von Louis de So i-s so ns -und A. W. Ken hon. Das Buch behandelt den Versuch, eine Stadt von 40.000 bis 50.000' Einwohnern von Grund auf zu erbauen und wird namentlich für die Bautätigkeit in Palästina von großem Interesse sein können. Romane der Welt, dlls fünfter Band der neuen Serie „Romane der Welt", Herausgeber Thomas Mann, H. G. Schefsauer, erscheint diese Woche George Challis. „Ein Teufelskerl", aus dem Amerikanischen übertragen von Otto Ebstein. Jeder Band dieser prächtigen Serie kostet nur 4.80 Schilling. „Sie und ich", das witzigste Buch von Jcrome K. Jerome, kommt in einer neuen, vorzüglich gedruckten Ausgabe bei Ullstein, Berlin, heraus. Die TennkSwertmelsterln Susanne Leng len offenbart in eineur Buch „Das Spiel aller Nationen" sGrethlein S: Co.) an Hand reichen Jllustratiousmaterials ihre Trainingsmethoden, mit denen sie zu ihrer hohen Kunst gelangte. Theodor Heller, der Direktor der Erziehungsanstalt Wien-Grinzing, gibt bei Julius Springer, Wjen, jn Fortsetzung feines Werkes über die „Psychologie und Psychopathologie des Kindes" eine neue Schrift heraus über „Psychologie und Psychopathologie des I u gendli ch c n". Der Thesaurus der hebräischen Sprach? von Elieser ben Jehuda ist um einen weiteren Band gefördert, so daß nunmehr sieben Bände vorliegen. (Langenfcheidk Berlin). BÜCHEREINLAUF. Richard N. Coudonhove-Kalergi: Paneuropa. Paueuropa« Verlag, Wien, 1. Boz.' Dr. Oscar Doering: Der romanische Baustil in deutschen Landen („Die Kunst dem Volke"), herausgegeben von der Allgemeinen Vereinigung sür christlich' Kunst,"Münch», Renatastraße 6. Rene Fülöp-Miller: Lenin und Gandhi. .Amalthea-Verlag, Zürich, Leipzig. Wien. Joseph Roth: Juden ans der Wanderschaft. Verlag „Die Schmiede", Berlin. ' Karl Schssler: Der junge Tobias. Insel-Verlag, Leipzig. Preyention Bill: Ein uneilassenes unerläßlichs Staats», gekeh. Verlag R. Piper u. Co., München.