Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 9 (1927)
- Issue
- Heft 2936 (1.5.1927)
- Date
- 1927-05-01
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4 Wi.'n^ Sonntag Wiener MvrgenMlUNg 1. Mai 1927 Nr. 2936 guverlipkgel. Diese Betrachtung, angeregt durch die jüngsten Wahlen in Oesterreich, hat gleichwohl nichts mir Politik zu tun. Sie' betrifft den Juden als „Dicng an sich" und hat zu diesem Thema im Grunde nichts Neues vorzubringen. Aber — die Plcckäiwände lehren es, die Versammlungen, die Aerzte, die Päbagogchr man kann nicht'oft genug dasselbe sagen. Daß man es nicht mit Gleichmut sagt, oder mechanisch (aus Trägheit), sondern aus Herzensbedürfnis, besorgt und in Liebe — darauf kommt es an. Der Jude -des^ Ostens ist materiell ^bedrängter, durch ^alostrophonangst.zermürbt, aber innerlich freier als wir Westsri-den.- Seine Seele bekam einen Fonds jüdischer Kulturwerte init-i-ris Leben. Der Westjnde fühlt sich im großen und ganzen sicher.. Jetzt, im Zeitalter der unterbundenen Freizügigkeit, im Grunde sicherer als vor dem Weltkriege. Masseuzuwanderungen Pogromslnchtiger, die sich, wie damals nach Kischinew, an den Donauuseru niederkauern und von Wien abgelenkt werden müssen, sind nicht zu gewärtigen. Friedhofschändungen irgendwo in Preußen, der Rathenau-Movd sind Mahnungen, die umso rascher verwunden werden als die Kulturwelt protestiert und wenn dann die Frankfurter Stadtverwaltung, mit tiefer Verneigung vor dem edlen Mitbürger, Rathenaus Bildergalerie in deutsckren Kultnrbesitz übernimmt, wirft sich der Westjude in die Brust. Wir sind doch wer. Bon Angst befreit, entfaltet sich der Geist des Ghettomenschen. Liebedienerei,. Sucht nach Geltung, Erfolgwahn schießen in die Halme und der Wunsch, rechtzeitig den Anschluß an die Majorität zu kriegen, wird zur Psychose. Hundert possierliche Erscheinungssormm sind zu buchen. Der jüdische Literat, der katholisch tut — einst auch am Salzgries gepriesen und von-den sogenannten Judenblättern gehätschelt, — kr-iegt jetzt einen Fußtritt. Die 'Blätterstimmen nach seiner letzten Burgtheaterpremiere wird sich Herr Georg Terramore nicht hinter den Spiegel stecken. Vor Verfertigern blutroter proletarischer" Dichtungen neigen sich literaturbeslissene jüdische Börsenleute. Tänzerirmen, von schöpferischer Sehnsucht befruchtet, formen ihre oft entsetzlich unförmigen Gliedmaßen jetzt prompt zu symbolischen Befreiungstänzen der. Ma e Mensch. Conferenciers der Nachtlokale, in denen Champagner fließt (oder die seufzend wünschten, daß dort während ihrer Vorträge Champagner flöße) biedern sich den Arbeitern an, die, wiederholt ernstlich an sich halten mußten, den Geist der Nachtlokale nicht gründlich auszuräuchern und jenen, die ihn verzapfen, tüchtig den Hintern zu klopfen. Ich sehe mir die jüdischen Premierenbesucher an. Bis vor absehbarer Zeit erschien "rM Burgtheater'keiner anders als mit dem Smoking angetan. Mit dem Anwachsen der Stimmen, das Wiener Burgtheater sei nurmehr eine Dutzendbude, schwand. sichtlich der Smoking unserer jüdischen Burgtheatergäste. .Sie.schlossen sich durch dieses äußere Zeichen der Geringschätzung der ablehnenden Kritik an, kamen im Straßenlleid und trugen Abendkleidung nur mehr be rReinhardt und bei den Marischka-Premieren a la „Wien lacht wieder", bei denen man allgemeiner zustimmender Beurteilung so ziemlich sicher war. Der.Israelit wird jetzt. ernstlich überlegen müssen, wo, wann und wie man. sich .festlich herauszuputzen .hat. Denn für das Gros westjüdrschen Menschentums entscheidet die Majorität der anderen, wie sie sich zu räuspern und wie sie zu spucken haben. Vorvorgestern noch war es shocking mit dem Knopfloch zu demonstrieren. Abzeichen , zu tragen, überließ man Minderwertigen, Engstirnigen, den Flachköpfen mit dem Masseninsiinkt. Habt ihr's bemerkt, ihr lieben Mischen Mitbürger, wie sich das seit vorvorgestern'gewandelt hat? An solchen Aenderungen Wirtschaftstätigkeit unentbehrlich, hier läßt man sie in Ruhe und Frieden. Sie sind die einzigen Ex- und Importeure, sie sind vorläufig ohne jede Konkurrenz. Sobald sich jedoch die Städte entwickeln und das christliche Element sich in ihnen niederzulassen beginnt, nimmt der Kampf gegen die Juden Formen, an, die er in den ökonomisch mehr entwickelten Gegenden bereits hat. Besonders lebendig ist in Schippers Werk die Darstellung jüdischer Regsamkeit, die selbst unter den ungünstigsten Umständen die Juden zu materiellem Gedeihen emporführte. Die reicheren Juden galten für die Fürsten und Könige Polens als ergiebige Steuerquelle, so daß das im allgemeinen bedeutungslose Moment der Privatnnrtschaft in der Wirtschaftsgeschichte der Juden eine keineswegs zu unterschätzende Rolle spielt. Die typische Gestalt des jüdischen Finanzmannes, der seinen Einfluß und seine Geldmittel dazu verwendet, um die "age seiner Brüder zu erleichtern, und der an keinem der Fürstenhöfe Europas fehlt, finden wir auch in der Wirtschaftsgeschichte der Juden Polens. Einige dieser Finanziers, wbs SHachuia, Jaczko wird Fifchl aus Krakau, finden eiste besonders eingehende Darstellung klus Grund von bis dahin völlig Altbekannten und unbenützten Quellen. Die Ermittlung, auf. welche' Weise die Inden ihren lrebensünterhalt' erwarben, die Erforschung des B^ens, ms dem sich ihr kulturelles' und geistiges ^eben abspielte, bildet hie unerläßliche Voraussetzung für die Kenntnis der Mischen Geschichte. Diese erkannt und der breiteren jüdischen Oefsentlichjkeit vermittelt zu haben, bildet' das unvergängliche Verdienst. Schippers) diejenißen, die der polnischen' Sprache nicht mächtig find und denen somit bisher die Lektüre seiner Schrift unzugänglich war, werden ihm besonderen Dank für die Publikafton dieser ausgezeichneten Arbeit wissen. Dr. keo Goldhammer. erkennt man, baß seit fen Tagen Theodor Herzls im Grunde nichts geändert ist im Siedlungsgebiet westlicher Judenheit. - „Menschenstaub" sagte Max Nordau. Große jüdische Geister schaffen'am BefreiungSwerE des Proletariats. Die jüdische „Gesellschaft" aber, durch eine grausame Entwicklung vieler Jahrhunderte zerrieben, haltlos, würdelos, unfrei geworden, bietet ein Bild deS Jammers. Ich las jüngst Abschnitte aus Memoiren des in Sarajevo ermordeten österreichischen Thronfolgers Erzherzog Franz Ferdinand d'Estc. Er sagte in eine rsonst ganz blaßen wesenlosen Betrachtung, daß er sich fei einer gewaltsamen Abbiegung wegen der Inden keine Sorgen mache. „Die schließen sich immer der Majorität an." Wie schmachvoll, — auch fei Erwägung aller Umstände, die solche Haltlosigkeit erklärlich macht, wie furchtbar schmerzlich, daß das' KaMl des Erzherzogs richtig ist! Blicke in den Spiegel dieser Stadt, Jude! Was sich damals unwillkommen zum Begräbnis Luegers drängelte, im ostentativen Trauergewand, huldigt heute der siegreichen roten Nelke. Was einst im Prater beim Maikorso nicht fehlen durste, fügt sich heute ostentativ ins Spalier des I. Mai. O. A. ■ ■ ■ ■ ■ na m Wer alle möglichen ElItskttMMkN » m ■ ■ ■ ■ durch-emacht hat und trotz großer diätischer Entbehrungen keine Gewichtsabnahme erzielen konnte, versuche Dr. HoffbauerS EntfettungStabletteu, die vor allem keine Aenderung der gewohnten Lebensweise verlangen und in kürzester Zeit Gewichtsverminderung bewirken. — Depot: Apotheke H. Bayer. Woyzeile Nr. 12 cXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXX) Sarins Milhand in Wien. Seit einigen Tagen weilt Darms Milhaud, der bedeutendste und berühmteste unter den jungsranzösischen Tondichtern, ein eifriger Verfechter des Zionismus und der jüdischen Musik, in Men. Er war gerade auf einer Reise-nach Palästina begriffen, als er in Beirut in Syrien erkrankte und umkehren mußte. Von Wien begibt sich Milhaud nach Amerika, wo er eine Reihe von Konzerten jungfranfranzösischer Musik dirigieren wird. Der erst 36jährige Tondichter hat bereits weite Reisen hinter sich. Im Vorjahre dirigierte er in Petersburg und Moskau Orchefterkmrzerte, während des Weltkrieges weilte er zwei Jahre in diplomatischen'Diensten als Sekretär fes Dichters und Botschafters Claudel in Brasilien. Dort Husen die beiden Freunde gemeinsam aus den Eindrücken in der Wildnis heraus das Danzmysterium „Der Mensch und seine Sehnsuch t", welches auch in Wien aufgeführt wurde, uud allenthalben durch die ungeheure rhythmische Wucht einer achtzehn Schlaginstrumente Aufsehen erregte. Eine Frucht des brasilianischen Aufenthaltes sind auch die „Brasilianischen Tänze" — ursprünglich eine Orchestersuite —, welche die Wiener Staatsoper gelegentlich im Redoutensaal mit starkem Erfolg zur Ausführung brachte. Noch eine ganze Reihevon Balletten hat der überaus fruchtbare Tondichter geschaffen, von denen in Men noch die Groteske „Der Ochs auf dem Dache" durch die Helleraner dargeboten wurde. Von Milhauds sieben Opern und Bühnenmusiken ist bisher kaum etwas nach Deutschland gedrungen — auch nicht ^der Pastorale, aus modernem Zeitgeist heraus geschaffene „Orpheus" —, erst das Mnsikfest in Baden-Baden wird die Uraufführung seines eben in Men vollendeten Dramoletts „Das Leichenbegängnis Europas" bringen. Außer seinen vielen Orchester- und Kammermusiken, Liedern und Klavierstücken hat Milhaud auch Stücke in einer Art jüdischem Stile geschaffen, -darunter seine ,Lions- Hymne" nach einem Text von Albert Cohen — „Kommt, unser ist Jerusalem" —, ferner mehrere Psalmen,, jüdische Poems, hebräische Volkslieder, Gebete usw., welche einer Aufführung wert wären. Der Komponist erzählt mit Stolz, daß er' der alten Judengemeinde Carpenter fei Avignon entsprossen sei und daß sich seine Familie dort bis ins 1b. Jahrhundert zurückverfolgen lasse. Dort hätten die Juden seit uralter Zeit in einer geschlossenen Siedlung gelebt und zur Zeit der päpstlichen Herrschaft über Mignon den besonderen Schutz der Päpste genossen. Mit südlichem Temparament Plaudert der Tondichter, ein feuriger Südländer, in französischer Sprache über die moderne Tonalität, deren Grenzen er im Sinne der „Polytonalität" sehr, sehr weit faßt, über Strawinfky, von dessen Genie er eine Neubelebung der Musik zu einem neuen Klassizismus hin er- - warter, über Palästina, dessen Besuch er ausgeschofen, aber, nicht, aufgegeben hat. Heber die Grenzen der Tonkunst meint er, daß der Künstler alles schreiben dürfe, was ihm wahrhaft vom Herzen kommt: Ein ebenso schlichtes wie inniges Bekenntnis i des eigenartigen Tondichters. Hedy Täuber Salo Weisseiberger empfehlen sich als Verlobte Wie«, im Mai 1927 Sie „Srei Wnstetiere" - im Plagiat? Mehr und nrehr gewinnt in Paris in literarischen ittci * feil die die Anschauung an Boden, daß Alexander D u m a s der Aeltere tit Wahrheit nicht der Schöpfer der „D r e i Ins kotiere" ist, des Buches, das seinen Weltruf begründete. Man nimmt vielmehr an, daß der tvirkliche Verfasser des Romans ein junger Offizier nanrens Cortilz L»c Sandras ivar, d-cr in der Bastille festgesetzt wurde, ivcil er Geschichten geschrieben hatte, in deneir Skandalaffären des französischen Hofes allzu indiskret wiedergegcben wurden. Dieser Cortilz de Sandras saß in den Jahren 1693 bis 1697 in der Bastille und Mußte in den Jahren 1702 bis 1711 dort erneut nnfrenvilliges Quartier beziehen. Alle 'seine Bücher, die er in dieser Zeit schrieb, mußten in Holland oder Deutschland erscheinen, tveil ihr Vertrieb in Frankreich verboten war. Die romantische Geschichte der Autorschaft der „Drei Musketiere" wurde ganz zufällig durch einen Mann entdeckt, der unter fen Bücherschätzen eines Antiquars am Scineqnai herumstöberte. Er fand dabei ein Buch, das den Titel führte: „Memoiren von M. D'Artagnan, Kapitänleutnant der, ersten Kompagnie der Musketiere des Königs". Das Buch rvar im Jahre 1701 bei Pierre Martean in Köln erschienen .Weitere Forschungen, die daraufhin in der Pariser Nationalbibliothek uud an wideren Orlen angestellt tvnrden, sollen die Ami ahme, verstärkt haben, daß Alex. Dumas dieses Buch übernommen und sich bei der Bearbeitung darauf beschränkt hat, einige Dialoge einzufügen -und beichte Retuschen anzübrin-gen. Die Charakteristik der Personen des Dumasschen Romans soll mit der des' Cortilz de Sandras genau übereinstimmen. Von Sandras wissen mir nicht viel mehr, als daß er im Jahre 1644 geboren wurde und im Jahre 1712 starb. - In dieser Form dürfte indessen die gegen Dumas gemachte P lag! a ta ns ch u ldiguug nicht aufrecht zu erhalten sein. Der Annahme, daß Dumas, der freilich in der Wahl seiner literarischen Mittel nicht sehr heikel war, sich das Buch von Sandras einfach augeoignet und unter sei nein Namen herausgegeben habe, widerspricht allem schon die Tatsache, daß die Sprache in der Zeit, in der der junge Offizier sein Buch geschrieben hat, grundverschieden von der war, die zur Zeit Dumas gcspro-chen wurde. Dumas wird aber immerhin das Buch Cortelz de Sandras als Grundlage einer Bearbeitung benutzt und sich darauf beschränkt haben, das'Lokalkolorit und die Psychologie zu modernisieren. Wieder nene ModetSnze. Das Syndikat der französischen Tanzprofessoren hat den Vertretern der Presse drei neue Tanze vorgeflchirt, die ein ägyptischer Tänzer aus Amerika mitgevracht Mt. Unter den drei Tänzen sind zwei Auffrischungen älterer Tanze, die sich unter dem Namen „New Blues" und „New Black Bottom" präsentieren. Der neue BlueS zeichnet sich dadurch aus, daß man während des Tanzes die rechte Hand auf dem Herzen hält und dazu hiarinonifche Zitterbowegungen mit dem Körper ausführt. Der neue Black Bottom wird von einem blitzschnellen Hin- und Herfchmingen der Hüften begleitet, wodurch er sich charäktcristisch und reizvoll von dem alten Black Bottom unterscheidet. Der interessanteste unter den neuen Tänzen aber ist — ein Heil allen Tanzbeinschwingernl — der „Hedee I i e b i e s". Dieser Tanz ist eine Art von gleitendem Foxtrott, dessen Name aus dein Kriegsgeschrei gowkMr Negerstämme abgeleitet ist, und wird — so hoffen die Herren Tanzprvfessoren — bald zum Kriegsruf aller Tanz- Paläste werden. Auf dem TanzweM'ork/reß in PaviA, der am 26. Mai stattfinden wird, sollen diese Tänze der Oeffentlichkeit feierlich übergeben werden. 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