Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 9 (1927)
- Issue
- Heft 2936 (1.5.1927)
- Date
- 1927-05-01
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 2936 Wl-on, ©onntdflf Wiener Morgerrzetturrg 1. Mal mr SkKeS DIE FEINSTEN UND EMPFINDLICHSTEN SACHEN BLEIBEN UNVERSEHRT BEIM WASCHEN MIT LUX WIRD NIE OFFEN VERKAUFT. HERGESTELLT IN DEN SUNLIGHT-FABRIKEN. mm WtUßßwM SSSfli Sie polnische Zozialdemokratie. Stteildrohuug Warschauer Stratzenvatzuer wegen der Anstellung von Süden. Warschau, 30. April. Zu den dringendsten Forderungen der jüdischen Organisationen in Warschau gehörte seit jeher das Postulat, daß die städtische Straßenbahn ihre bisher geübte Praxis, keine Juden anzustellcn und keine jüdischen Arbeiter zu beschäftigen, aufgebe. Nach lang n Verhandlungen gelang es endlich, die Direktion umzustimmen, die vor kurzem eine ganz geringe Zahl von Juden in Arbeit stellte. Nun stellte es sich aber heraus, daß die in d e r polnischen s o z i a l ist i; ch c n Partei organisierten Arbeiter der städtischen Straßenbahn so wenig Sinn für die sozialistischen. Lehren aufbringen, daß sie in zwei Versammlungen gegen die Aufnahme jüdischer Arbeiter Protest einlegten und in einer Resolution der Direktion den Streik androhten, wenn sie die jüdisch.m Arbeiter nicht sofort entläßt und in Zukunft jeden Versuch/ ,ch i e st ä d t i s ch eStraßenbahn z u v e r j u - den", nicht unterläßt. Vorläufig hat die Direktion zu dieser Streikandrohung noch nicht Stellung genommen. Re Matur in Mauen. Gegen dle nationalen Minderheiten. — Exzesse gegen Anden. Kowno, 29. April. Das Regierungsovgan „Ljietuwis" kündigt neue R e ch t s b e s ch r ä n k u n g e n der nationalen Minderheiten in Litauen an und erklärt, die Minderheiten seien unzulässig (!) und könnten sich jeden Augenblick nicht nur gegen die Regierung, sondern auch gegen 'den Staat (!) wenden; daher sei es notwendig, ihre Rolle im Staate einzuschränken. Da das Blatt offiziellen Charakter hat, sind wohl schon für die nächste Zeit Schritte der Regierung zu erwarten, die sich gegen die Minoritäten richten. Im Kreis Schawli ist es mehrfach zu Zwischenfällen zwischen Litauern und Juden gekommen; so stürmte in Janischki die Menge diic dortige Synagoge, da sich das Gerücht verbreitet hatte, cs sei dort ein Christenkind verborgen, cm >dem ein Ritualmord verübt werden solle. Es kam zu einer Schlägerei, in deren Verlauf mehrere Personen verletzt wurden; die Polizei stellte die Rühe wieder her. Ein Triumvirat. Warschau, 30. April. „Glos Prawdy" meldet aus Kowno: Nachdem die christlichen Demokraten ihre Ver- Re Geschickte der Wischen Wirtschaft. Jüdische Geschichtsschreibung war bis zu Beginn des 20. Jahrhunderts erst bloße Darstellung der Martyriologie und wurde dann durch Behandlung der Literatur- und Kulturentwicklung der Juden einigermaßen erweitert; die sozialen und wirtschaftlichen Verhältnisse! derselben wurden, wenn überhaupt, so nur nebenher gestreift. Die Rationalökonomen Roscher und Sombart haben zum ersten Male ausführlicher, die Bedeutung der Juden für das allgemeine Wirtschaftsleben der Völker, in deren Mitte sie siedeln, behandelt. Angeregt durch das Standardwerk Sombarts über den modernen Kapitalismus, welches erst in den letzten Tagen von ihm vollkommen abgeschlossen der wissenschaftlich interessierten Welt übergeben wurde, hat im Jahre 1906 ein junger Student an der Wiener Universität, Ignaz Schipper, den Versuch unternommen, die von Sombart ausgestellte Theorie, daß der Kapitalismus vornehmlich aus akkumulierter Bodenrente entstände»: sei, auf das jüdische Wirtschaftsleben anzutvende»:. In seiner aus dem Milippowichschen Seminar in dem gleichen Jahre hervorgegangenen Arbeit über die „Anfänge des Kapitalismus bei den abendländischen Juden im frühen Mittelalter" (Verlag Wilhelm Braumüllcr, Wien) will Schipper den Beweis dafür erbringen, daß auch die Jude:: in der ersten Zeit ihrer europäischen Diaspora Grundbesitzer und Landarbeiter waren und daß die Rente, die sie aus ihrmr Grundbesitz bezogen, das erste Kapital war, das sie später im Handel verwendeten. Diese Schrift, die sich zum ersten Male überhaupt mit einer wirtschaftsgeschichtlich.'N Frage der Juden befaßte und bis dahin, unbekannte und unbenützte Quellen und Urkunde»: Vertreter aus dem Kabinett Woldemaras abberufen haben, wurde innerhalb der Regierung ein T r i u m virat gebildet, das aus Professor Woldemaras, dem Schwager des Präsidenten Smetona Tubelis und dein Obersten Merkis besteht. Das Triumvirat wird die gesetzgebende und vollziehende Gewalt ausüben. Me letzten Todesurteile aufgetzoven. K o w u c, 30. April.' Staatspräsident Srnet 'ona hat den Sejm-Abgeordneten P a j a u j i s, den Oberleutnant Tornau und den Sergeanten S e m a i r i s, die zum Tode verurteilt worden waren, begnadigt und die Todesstrafe in l e b e n s l ä n g l i ch e s Zuchthaus umgewande? Ei« «euer Ge«eralknspeMr der tschechische« Armee. Prag, 30. April. Wie „Narodni Politika" erfährt, ist General Podhajski mit der Funktion des Generalinspektors der Armee betraut worden. Dieses militärische Amt ist seit dem Abgänge Machars unbesetzt geblieben. Die thSriugische Regierungskrise beendet. Weimar, 30. Llprll. (Wolfs.) In der heutigen Landtagssitzung wurde die vorgeschlagene bürgerliche Regierungsliste mit 29 gegen 26 Stimmen bei einer Stimmenthaltung der Volksrechtepartei angenommen. Darnach übernimmt Dr. h. c. Leutheusser (Deutsche Volks- Partei) den Vorsitz, Dr. Panlsen (Demokrat) Inneres und Wirtschaft und Dr. Toelle (Deutsche Volkspartei) die Finanzen ' Bersammk««g aller Führer der iüdifche« FugendbLnde und FugenvgruWe«. Am Dienstag, den 3. Mai. l. I., findet um 8 Uhr abends im Lokale der Bezirkssektion Leopoldstadt, Zirknsgasse 33, otiie Versammlung aller Führer von jüdischen JugendLünden und Jugendgruppen statt. Es wird um zuverlässiges und pünktliches Erscheinen ersucht, da äußerst dringende Fragen zur Besprechung gelangen. arbeitete, hat zweifellos die Bedeutung, daß durch, sie eine Anzahl von Werken anderer Wirtschaftshistoriker angeregt wurde; denn die Behauptung Schippers, daß die Bodenrente die Basis für die Entwicklung des Kapitalismus bei den Juden gebildet haben soll, ist eine vagce Wenn auch die Tatsache richtig ist, daß jüdische Grundbesitzer und Erdarbeiter zu Beginn des Mittelalters nicht selten waren, so vermag Schipper nicht aufzuklärei», ob die Jude»: es auch in der Zeit vom achten bis zürn 13. Jahrhundert tvaren, da erst seit dem 13. Jahchundert der Geldhandel bei ihnen anfkam, so daß innerhalb der zuletzt geirannte»: Periode eine Lücke irr der Wirtschaftsgeschichte der Juden offen bliebe. 1908 hat Schipper eine weitere von der Universität in Le»»:berg mit bcm Wawel preisgekrönte Arbeit „Studien über: Wirtschaftsfragen der Juden in Polen während des Mittelalters" in polnischer Sprache fertiggestellt, die erst im Jahre 1911 gedruckt wurde und nunmehr in unveränderter Form in jiddischer Sprache (Verlag Ch. Brzoza, Warscha»») von chm der Öffentlichkeit übergebe:: wird. Interessant ist, daß ebenfalls im Jahre 1908 der seither verstorbene aus Lemberg stammende jüdische Gelehrte Georg Caro .eine Sozial-und Wirtschaftsgeschichte der Juden im Mittelalter »n:d der Neuzeit verfaßte und herauszngeben begann, in welcher die gleichen Probleme wie in der Schipperschen Arbeit behandelt werden. Während sich Caro mehr mit der Sozial- und Wirtschaftsgeschichte der Juden ir: Spanien, Portugal, Jtalie»: und vor allein in Deutschland befaßt, beschränkte sich Schipper auf die Darstellung der Probleme des jüdischen Wirtschaftslebens in Polen, von den Anfängen bis zum Jahre 1640. Schon die Frage, woher die Jude»: nach Pole»: kamen, findet bei Schipper eine originelle Darstellung. Während man bis dahin der allgemeinen Ansicht war, daß die Inder: nach Pole»: aus den Weststaatm: eingew.»»:- Zuland. Ei« Mgblatt der WerMige». Eine Erklärung des Dr. Edwin Bader. Die „Arbeiter-Zeitung" veröffentlichte gestern die folgende Erklärung des Herrn Dr. Edwin Bader: „Das Flugblatt, das in dem vor: Herrn Oöerbaurat Ingenieur N. Stricker gezeichneten, an mich gerichteten Offenen Brief, der ir: der „Wiener Morgenzeitung" vorn 24. April 1927 veröffentlicht ist, stammt nicht vor: mir. Es ist auch dern *Wahlkornitee »verk- ' tätiger Jude:: nicht Vorgelegen und von ihm nicht gezeichnet. Ich habe vom Inhalt und Erscheinen des Flugblattes erst Sarnstag, den 23. ds., Kenntnis erhalten; darauf habe ich Erhebungen eingeleitet, um klarzustellen, auf welche Weise unter dos Flugblatt mein Name gesetzt würde. Ich halte es für angezeigt und für meine Pflicht, dies schon jetzt, unbeirrt durch die haltlose:: Verdächtigungen, die gegen mich im oberwähnten Offenen Brief erhoben werden, zu erklären. Ich behalte mir vor, nach Abschluß der Erhebungen in der Druckerei ihr Ergebnis mitzuteilen." Diese Erklärung hatte Herr Dr. Edwin Bader am 25. April uns zugesandt und an unsere Loyalität appelliert. Wir haben ihn: erwidert, daß er seine ErklarMg auch in der „Arbeiter-Zeitung" abgeben solle. Herr Dr. Bader ist der Vorsitzende des Komitees der werktätigen Juden. In dieser Körperschaft scheinen sehr merkwürdige Zustände zu bestehe»:, wenn es möglich ist, daß irgerid jema»:b den Namen des Vorsitzerchen unter ein Pamphlet schreibt, das den Oberbauvat Stricker einen mit den Pogromiften in Verbindung stehenden Goschäftspolitiker nennt und ihn abbil^-ck, wie er untsv der Heiterkeit eines Atonarchisten und eines Hakenkreuzlers eine»: Arbeiter anspuckt. Herr Dr. Bader! schämt sich wohl des Mißbrauches, der mit seinem Namen getrieben wurde. Nun ist das Flugblatt am 22. Ap-M erschienen, muß also zumindest an diesem Tage Druckt worden sein. Man sollte »:un nicht glauben, wie schwer es ist, Erhebungen einzuleiten und durchzuführen. Das Flugblatt ist in der „Ring-Druckerei" in der Ruckergafs« im 12. Bezirk hergestellt worden und bis heute, also eine ganze Woche lang, hat Herr Dr. Bader noch nicht erheben können, wer seinen Namen gefälscht hat. Wir werden Herrn Dr. Bader von Zeit zu Zeit an sein Versprechen erinnern, nach Abschluß der Erhebungen ihr Ergebnis mitzuteilen, und wollen hoffen, daß er noch vor den nächsten Wahlen diese Pflicht erfüllt haben ivird. dert sind und sich daselbst mit Handel und nur zum Teile mit Gewerbe beschäftigten, stellt Schipper seine eigene Hypothese auf, daß die erste Immigration von Inder: nach Polen aus den Oststaaten, .und zivar hauptsächlich aus dem Ch a faxen reich erfolgte, und zwar von Juden, die nicht Händler, sondern Grundbesitzer und Landarbeiter waren. Mit ausgezeichneter Dialektik vertritt Schipper diese seine Hypothese, für deren Richtigkeit besonders zwei Momente sprechen: Das Chasarenreich war ein ausgesprochener Agrarstaat, der Handel war ein bloßer Transithandel, weiter deuten Name»: von ehemaligen jüdischen Dörfer»: und Städten auf Besiedlung durch ein land Wirtschastliches jüdisches Element. Die Ortschaften Zydow, Zydowo, Sydowo, Korari, Kozarow, Kawiory lassen den berechtigten Schluß zu, daß die Juden einstmals in diesen Orter: wohnten und dort Grundbesitz hatten, der ihnen erst in der Folge weggenommen »vurde und sie zum Verlassen dieser Ortschaften gezivungen wurden. Lediglich die aus dem Westen eingewanderten Juden waren mit dem Handel beschäftigt. Das Privilegium Bolestaws vom Jahre 1264 bildet für Schipper äenfalls eine Unterstützung seiner Hypothese. Bis zum Jahre 1485 genösse»: die Juden Polens in ökonomischer, sozialer und kultureller Hinsicht volle Freiheit, und erst in diesem Jahre beginnen die Einschränkungen u»:d die Perioden, während welcher sie allmählich ihrer Privilegien beraubt werde::. Der Ausspruch Roschers, daß Judenverfolgungen stets mit der Entwicklung des Handels und des Staatswesens. verbunden sind, findet in der Darstellung Schippers über die Wirtschaftsentwicklung der Juden in Polen eine Erhärtung. Die Judenverfolgung e u sind nichts anderes als brutale For»nen der Enteignung jüdischen Privatbesitzes. Dort, wo die Juden Pioniere wirtschaftlicher Funktionen sind, kommen Judenverfolgungen überhaupt nicht vor, wie zum Beispiel ir: Reufsen. Hier ist ihre