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Wiener Morgenzeitung · 1927-05-01 · Heft 2936 (1.5.1927) · p. Seite 2

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
9 (1927)
Issue
Heft 2936 (1.5.1927)
Date
1927-05-01
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 Wien, Sonntag Wiener MorgenzettrML 1. Mal 1927 263er An unerläßliches Staatsgesetz —y, Wien, 1. Mai. Bott England ans.ist im vorigen Jahr eine Massenbroschüre verbreitet worden, in d.'r der Alttor, ein Herr Ernst Reinhold die .Schaffung einer Prevontioir-Bill vorschlägt. Die Broschüre .ist jetzt auch in deutscher Sprache erschienen. *) Der Vorschlag pesagt, es möge in die Gesetzgebilng.eine Bestinmrung aufgenomnren werdenwelche jede Beleidigrmg eines auswärtigen Staates oder Volkes in Rede, Wld oder Schrist,imter Strafe stellt. Herr Rernhold meint, es würde für den Anfang genügen, wenn irgendein Staat, der klügste Staat den Anfang nmchte. Wenn auch mrr ein kleiner T«l der Bevölkewng an politische Ehrenhaftigkeit gewöhn-würde, blrn» wäre damit schon viel gewonnen. Wir glauben, daß der Antragsteller insoweit recht hat, als er nri( der Angst vor Strafe rechnet und sich aus ihr eine Besserung der Sitten erhofft. Er glaubt, mit Hilfe solcher Gesetzbestürrmungen der Kriegshetze entgegenarbeiten zu können. Seine gute Meimnrg in Ehren, aber cs geht mit solchen Dingen so wie mit den Bolksscuchcn. Die Pest und die Cholera und die Blattern konnten nur durch internationale Konventionen gebannt werden und der LueS des Haffes konnte mau auch mrr auf diesem Wege au den Leib gehen. Immerhin wäre es ein begrüßenswerter Anfang, wenn zum Beispiel Oesterreich die rhetorischen Beleidigungen von Nachbarstaaten oder Nachharmrttouen bestrafe;: würde. SckM eine öffentliche Msknsswu über ein solches Projekt würde Nutzen stiften. j NMMÄw Drtz em Erbgut der zeitnenöffischrn Menschheit Und wie die Dinge liegen, zeigt, sie sehr viel Geneigtheit, dieses ethische Gut nnt anderen gieichgestellicn Besitztümern, wie ^Kriegsschulden und Reparationen, den späteren Genevationen! ungeschmälert zu überarttwortcn. Die Strömungen, die da meinen, es wäre besser den Kriegsgeist schon in dieser Generation zu liquidieren, sind sehr dünn mtö unbelebt. Ihre Angehörigen erfreuen sich als jüdische FriedeNswinsler und jüdische Pazifisten einer grenzenlosen Unpopularttät imb alle Bestrebungen zur Bcsserrmg scheitern an dem organisierten Feindschaftswillen, an der übergroßen Wacht der Geheiatt>iplomatie und an der Müdigkeit der breiten Massen. Das Recht zu hassen ist sozusagen legitimiert; worden Und es scheint fast aussichtslos, für den Völkerfrieden Und für Verantwortungsgefühl innerhalb einer Gesellschaft zu wirken,.die schon die kleinste Schuljugend imifornnert und auf die Straße führt. Die Aussichtslosigkeit liegt vor allem darin begründet, daß der nationale und religiöse Chauvinismus sich zunächst und noch weit strafloser im Inneren!' austoben kann. Die Ketzer gegen auswärtige Staaten :md eigenberechtigte Na- ■ tiorren riskieren schließlich einen Krieg, der wenn auch . nicht ihnen selbst, sondern der von ihnen vertretenen Macht die Strafe bringe:: kann. Wir haben es ja in Mitteleuropa! erlebt, daß endlich einmal, wie dies Bisniarck ansagte, eine Regierung für die Fensterscheiben büßte, die ihre Presse : eingeworfen hat. Es war freilich keine Regierung, sondern : MÄlionen von schuldlosen Menschen, die die Zeche zahlten, deren Schuld aber eben darin bestand, daß sie das Treiben der patriotischen Ueberwertigkeitsverfechter geduldet hatten. Diese Verbrecher am Geist find vorsichtiger geworden und; sie richten ihre Krastsprüche weniger gegen den „Erbfeind", , als! gegen die Minoritäten im eigenen Land und insbesondere gegen! die jüdische Minderheit. Sie versehen sich keiner .Ahndung. Im Gegenteil. Es ist ein Merkmal gesellschaftlicher Zuverlässigkeit ge- : worden, wenn sich jemand zum Chauvinismus und zum Nationalismus bekennt. Es steht weder die Aechtung noch der Boykott aus dieser verächtlichsten. Praxis, sich an Wehrlosen M vergreif«:. Das Gesetz hilft sogar noch mit, die Wehrlosigkeit zu vertiefen und sie der kompakten Majorität auszulieferw Das wird sich nicht änh-ern, solange nicht erkannt wird, daß es sich Um ein Erziehungsproblem hmidelt, urch daß nur die Schulen dieser Erkrankung der Moral steuern können. Das kann aber wiÄnr nicht von den Staa- - ten ausgehen, deren Regierungen selbst Leim besten Wille»! sich nicht von dem Druck der Vaterländler befreien können Und deren Volksparteien, wie wir das ja in Oesterreich eben verspürt haben, über die Existenz einer Minorität, zumal der jüdischen, unbekümmert hinwegschreiten. Den.Hckel kam: nur eine internationale Organisation nach der Art des Völkerbundes ansetzen. Und die am nreisten getretene, vott allen verlassene jüdische Minorität könnte selbst Wandel schaffen, wenn sie aus allen Zentren, von überall, wo ihr Recht gebeugt wird und wo sie Spielball listiger GesetzeSauslegep ist, den Völkerbund' zu einem Einschreiten zwingt. Ein Wassensturm 'auf die so ruhebeidürstige Genfer Bnreaukratie würde doch zumindest ärgerliches Aufsehen erregen und! nur wer sich lästig macht ünd> immer wieder ans seinen: Schein! besteht, vermag sich durchzusetzen. Es' gibt schon Mittel, um sich Gehör zu verschaffen ' Und dm Völkerbund dazu zu bringen, daß er die internationale Gefahr erkennt, die aus der Duldungl hes Zustaüdes erwächst, daß nicht nur fremde Regierungen geschmäht werden, *) Prevention Mll. Ein unerläßliches Staatsgesetz. R. Piper u. Co., München. smrdcrn m:ch Minoritäten durch Verhetzung in Wort, Bild und Presse dein StraßeiU'öbel ausgelicsert tvcrdeu. Man mutz sich nicht fürchten, daß dann das Gebrüll über Hochverrat und Anrufung deS Auslandes losbrechen wird Das tobt ja auch heute schon. Und es toärc doch des Versuches wert, locitit man zum B'ispiel den Völkerbund dafür interessieren würde, wie hier in Oesterreich das Recht der jiidischen Minorität auf Kultur und Jugenderziehung Und gleiche'Geltung von allen eiiwermchmlich gebrochen wird. Es Abt noch andere Staaten, in denen noch ärgere Dinge geschehe::. Wenn der Völkerbund Tag für Tag von uns hören wird, Laß er entlveder eine Institution der Gerechtigkeit oder ein Flederwisch ist) dann wird er doch irgendetwas l:m nrüssen. Nach dieser Seite wäre die Anregung des Herrn jRettchold in London zu erweiteri:, nach der Seite, daß itt die Verfassungen der Satz aufgcnounneu wird, daß jede Hetze gegen einen auswärtigen Staat oder eilte Minderheit einem internationalen Gericht zur Abstrafung zuzuweisen ist. Re Lage der jüdischen Studenten in Rnmönie». Dm Rartyrim« m dm UnlierMe«. E z e r n o w i tz, 28. April. Der Deputierte Doktor Mayer Ebner erhielt vor kurzem das Schreiben eines jüdischer: Studenten der Bukarest er Universität, wo bekanntlich die an den jüdischen Hörern begangenen Gewalttaten dazu geführt haben, daß namentlich an der medizinischen Fakultät der Numerus nullus fast schon verwirklicht. Der Brief, den die ^Qstjüdische Ztg." veröffentlicht, besagt: „Wie in den vovhcrgcgangencn Jahren blieben natürlich auch in diesem Jahre die Studentenausschreitungen nicht aus, nur mit dem einzigen Unterschied, daß sie jetzt schon Le: Beginn des Jahres mit einer ziel bewußten Taktik einsetzten. Die umnittelbare Folge war, daß kaum ein Drittel der jüdischen Studenten, die in Bukarest zu studieren gedachten, es vermocht hatte, sich in das sogenannte „Anul preparator" einzuschreiben. Mehrere mit Knütteln bewaffnete Gruppe«: von Stt:denten hielten ganze Tage hindurch in der -Fakultät Wacht, mtt dem Ziele, die neuankommenden jüdischen Studenten um jeden Preis vom Inskribieren abzuhalten. Sie erfüllten treu ihre Pflicht, traten ungestört die jüdischen Studenten mit den Füßen, bmchen ihnen die Nasenbeine, dies sogar im Innern der Fakultät. Nichts ist übertrieben, alles der Wahrheit entsprechend. Ja, sogar von den inskribierten Neulingen zogen sich im Laufe der Zeit 10 bis 20 zurück, da sie regelmäßig mit den Köpfen an die Wand geschlagen, am Boden herumgeschleift, von den Treppen heruntergeworfen (die Mädchen nicht ausgenommen) und sehr oft in den Stacheldraht des am Boulevard befindlichen Plankens gestoßen wurden. Selbstverständlich konnten sich cn:ch die Studenten der anderen Jahrgänge überhaupt nicht oder sehr schwer zu den Prüfungen der Herbstscssion präsentieren. Während die SStiubenicrt der höheren Jahrgänge bei mehrmaligen Mißhandlungen und Beschimpfungen doch hie und da die Vorlesungen frequentieren konnten, ist das zweite Schuljahr, das eigentliche erste Jahr, am härtesten getroffen worden. Von zirka 120 jüdischen Hörern im Vorbereitungsjahr des vorigen Jahres inskribierten im ersten Jahre nur acht Juden. Aber schon gleich bei Beginn des Jahres wurden sie regelmäßig durch Mißhandeln mtt Fäusten und Stöcken vom Vorhaben, an den Sezierübungen teilzunehmen, abgchalten, obwohl jüdische Leichen vorhanden waren, so daß sich im Katalog eine Absenz an die andere reihte. Das Reglement sieht vor, daß acht Absenzen den Verlust des ganzen. Jahres nach sich ziehen. Alle Mühe und Jnterventton bei den Behörden und. dem Dekan waren erfolglos und das Gesuch um die Anerkennung der Frequenz wurde vom Prose.ssorenkollegi um ab gewiesen. Cs ist also in diesem Jahrgang der Numerus nullus verwirklicht. In dieselbe Situation werden gewiß auch die Hörer des Borbereitungsjahves gelangen. Von den höheren Jahrgängen ist der größte Teil ins Ausland gefahren. Auf diese Weise wir die Fakultät in drei bis vier Fahren ebenso judenrein sein, wie sie es in Cluj (>K l a u s e n b u r g) s ch o n i st. Nicht unevtvähnt bleibe folgende Tatsache: Sett zwei Jahren werden die Juden gezwungen, nur Hinter- oder Gäleriefitze zu besetzen, auch müssen sie beim Verteilen von Zertifikaten oder Frequenzbogen sofort ihre Plätze den chr i st l i ch e n Kollegen aütreten, ungeachtet dessen, daß sie, die Juden, zwei bisdrei Stunden warten. Ebenso dürfen sie sich sehr selten und nur schwer den Mikroskopen und anderen Jnsttumenten Nahem, sogar die Sessel in den Arbeitssälen werden den jüdischen Hörem mit Getvalt entzogen, sobald ivgenein christlicher Kollege zu stehen vemrteilt ist, weil er zu spät gekominen war. Sehr oft werden an den Wenden, sobald der Assistent rite eine Weile hinausgeht, in den Arbettssälen die Schalter ab gedreht, und cs werden die Juden geprügelt. Kein Wunder nun, wenn ein jeder die Fakultät scheut. Wer unversehrt oder nur leicht geschlagen von der Fakultät zurückkehrt, wird als .Glückspilz' ßetmefe».* PMftinafkagen im englischen Unterhaus. Sit »Mente Der Ate» Meeres. — Die AberlaS' fiaentn. London, 28. April. (I. T. Ä.) In der gestrigen Unterhaussitzung fragte Colonel Wegdwood, wie es um die Konzeffionen zur Ausbeutung der Salze deS Toten MeereS stehe. Minister A in e r y crividertc, es schwebet: Verhandlungen ivegen Abschluß eines Vertrages, betreffend die SalzauSbeuto des Toten Meeres. Die Verhandlungen stehen vor dem Abschlüsse; er werde in Kürze hierüber Bericht geben Oberst Kenworthy fragte, ob der Minister darauf bedacht sein tvolle, daß die Ausbeute dieser wichtigen chemischen Ablagerungen nicht durch das Bestehen alter und nicht au Sgeittttztec türkischer Konzessionen behinde -? werde. Minister Amery erwiderte, er werde in diese: Angelegenheit sorgfältig zu Werke gehen. Kirkwood fragte, ob der Minister darauf sehen wollt., daß untersucht werde, ob die Städte Sodom undGomorrh«^ dia laut Bibelbericht versunken waren, sich unter dem Spiegel des Toten Meeres befirtdon. (Gelächter. Die FragD wird nicht beantwortet.) .! Colmrel Wegdwood fragte, wie es um die Konzessionen betreffend die heißen Queller: vor: Liberias steht uni was geplant wird, um diese Quellen auSzunützen. Minister Amery erwiderte, daß zwischen der Palästina- Regierung und getoissen Privatpersonen, die vor dem Kriege eine Konzession zur Ausbeutung der Thermen von Liberias erworben hatten, Verhandlungen gepflogen iverden, nach der Richtung, daß der Vertrag für 40 Jahre bestätigt tverde, und zwar unter den folgenden Bedingungen: Die Pächter sind verpflichtet, binnen drei Jahren eine moderne Thermal- Badeeinrichtung zu schaffen und gehörig auSzustatten. Bis zur Vollendung der Bauten müssen die Pächter eine jährliche Rente an die Negierung in der Höhe von 60 Prozent der Bruttoeinnahmen, mindestens aber 2260 ägyptische Psi:nd, entrichten. Nach Vollendung der Bauten zahlen die Pächter eine jährliche Rente von 3000 ägyptischen Pfund, sowie euren Prozentsatz der Gewinne, wenn ein solcher vorhanden ist. Nach Ablauf der Bertvagszeit werden Gebäude und Inventar Eigentum der Palästina-Regierung. Produktive Arbeitsloseuförsorge in Ferusalew Jerusalem, 30. April. (Ziom Korr.) Die öffentlichen Arbetten in Jerusalem, die in Angriff genomtycn wurden, um die Einstellung der Arbeitslosenunterstützung durchführen zu können, geben bereits 600 Arbeitern Beschäftigung. Der Gesamtbetrag der Arbetten macht 66.000 Pfund aus; davon deckt die Zionistische Exekutive aus den vom Keren tzajessod zur Verfügung gestellten Mitteln 22.000 Pfund, während die restlichen 44,000 Pfund auf Arbetten der Jerusalemer Universität und anderer öffentlicher Institutionen entfallen. Aegyptische Arbeiter für Ehina. I e r u sa l c nt, .20. April. Die englische Regierung versucht, in Aegypten Fellachen als Arbeiter für China mtt: für die britischen Truppen -in Chttur anzuwerben ähnlich' wie ägyptische Arbeiter während des Weltkrieges Arbeitsbataillone in der britischen Armee gebildet Haben. Die ägyptische Presse fordert die ägyptische Regierung, auf, auf die Ausgestaltung der Kontrakte dieser Arbetter Einfluß zu nehmen und wenigstens dafür Sorge zu tragen, daß ihr Leben gesichert sei. Dinationalistisch: Presse protestiert gegen diesen Mißbrauch ägyptischer Arbeiter züm Kampf gegen das chinesische Volk, das einen Befreiungskampf gegen den Jncherialisnms führe. Die Juden im Wahlkampf für den Warschauer Stadtrat. Aus Warschau wird uns. gemeldet: Nach langen und vielfach unterbrochenen Verhandlungen ist es dm zioiristischen! Vertretern gelungen, für die bevorstehende:: Wahlen 4 in den Warschauer Stadtrat eiium jüdischen nationalen Block zustande zu bringen. Dem Block gehören an: die Ziorristen, der Misrachi, die Agudah, ein Teil der jüdischen Kauflmto und Kleinhändler, der Verband der jüdischen Handtverker und der jüdische Frauenverein. Der jüdischnationale Block hofft, bei der Stadtratwahl. 37 Mandate zu erringen. Neben dem nativuatett, Block der jüdischen Wähler geht auch ein jüdischer dem^okrat:scher Block, der sich aus Folkisten, Hitachduth, dem Jnvalidettverein, den Lehrern und einem Teil der Handwerker und Kleinhändler zusammensetzt, selbständig in die Wahl. Damit ist jedoch die Zahl der selbständiger: jüdischen Wahllisten noch nicht erschöpft. Die „Unparteiischen religiösen Juden", die Volks- Partei, der Bund, die „Linke" uub „Rechte" der Potte Ziv-u treten glsichfalls mit eigenen Listen auf. WimMAIKBCB df I au LINOLEUM- UND TSPPICH-GROSSHANDLUNG HANS SCHLUGA <fc CO. 11., TABORSTEASSE 83, ll.i TABORSTRABSE 9

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