Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 9 (1927)
- Issue
- Heft 2935 (30.4.1927)
- Date
- 1927-04-30
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. f?935 Wien, SamSta- Wiener Morgenzettnng 60. April 1927 Seite 3 Tagesbericht. Ler Srfinver der ZclegiuMen. tfuitt 150. Geburtstage des MatlMiatUers Karl Friedrich Gautz. An: 30. April 1777 wurde einer der größten Vertreter oer deutschen Wissenschaft geboren, dessen Name für immer mit der Mathematik und Physik aufs engste verbunden bleibt; es ist Friedrich Gauß, einer der größte>n Mathematiker aller Zeiten, der Mann, deni die Menschheit auch die Erfindung des Telegraphen verdankt. Seine Laufbahn begann Gauß jedoch als reiner Mathematiker (er war auch Professor für diese Disziplin an der Universität W v t t i n g e n, der er sechs Jahrzehnte hindurch treublieb; er lehnte übrigens die Teilnahme an der Kundgebung d-er berühmten Göttinger Sieben ab, der sich sein Freund und Fachgenosse Wilhelm Weber anschloß). Gauß :var ein mathematisches Wunderkind; es wird erzählt, daß er schon als A>B<5-Schütze die staunende Bewunderung seiner Lehrer erregte. Ein Lehrer hatte nämlich, da er verschiedene Klassen zu unterrichten hatte, den kleinsten Bürschchen, um sie für eine Weile loszuwevden, die Rechnungsaufgabe gestellt, alle Zahlen von 1 bis 100 zusammenzuzählen. Der kleine Gauß bemerkte sofort, daß sich die Aufgabe von selbst erledige, wenn er die Zahlen nicht in der natürlichen Reihenfolge zusammenzog, sondern vielmehr rechnete 1 -j-100 — 101, 2 + 09 101, 3 -f 98 101 usw., wodurch er also 50 Paare mit der Summe 101 erhielt und als Gesamtergebnis sofort 50 X 101 — 5050 angeben konnte. So war es kein Wunder, daß er schon als junger Mensch die Aufmerksamkeit des Herzogs von Braunschweig erregte; dieser ermöglichte ihm das Studium, das seine in ärmlichen Verhältnissen lebenden Eltern nicht hätten durchsetzen können. Im Alter von 17 Jahren löste Gauß bereits Aufgaben von solcher Tiefe und Schwierigkeiten, daß sie bis dahin allen Bemühungen der Mathematiker widerstanden hatten. Sie betrafen die Frage, welche regelmäßigen Vielecke man mit den mathematisch erlaubten Hilfsmitteln, Zirkel und Lineal, konstruieren könne. Gauß zeigte, daß dies beispielsweise beim 257-Eck der Fall ist. Wie erzählt wird, soll ihn dieser außerordentliche Erfolg in so früher Jugend endgültig bestimmt haben, der Mathematik sein Leben zu widmen. Nun folgten Schlag auf Schlag seine großen mathematischen Arbeiten, die seinen Ruhm rasch in alle Welt hinaustru'gen. Er ging von dem abstraktesten, allen Anwendungen am fernsten liegenden Teile der Mathematik aus, nämlich von der Z a h l e «n t h e o r i e, bereicherte aber spater alle Teile seiner Wissenschaft, so daß man sich auch heute noch in keinem mathematischen Gebiete bewegen kann, ohne alsbald auf Gauß' Namen zu stoßen. Merkwürdig war die äußere Form seiner Schöpfungen: Sie sind alle ausgeprägte Kunstwerke. Eine bis zun: Aeußersten getriebene formvollendete Kürze, Strenge und Schönheit der Darstellung war ihm ein. unabweisbares Bedürfnis. Das Wesen der lateinischen Sprache, in der alle seine mathematischen Werke verfaßt sind, kam dieser Richtung seines Geistes entgegen. Ein Lehrer für die große Masse war Gauß eigentlich nie und Vorlesungen zu halten, war ihm lästig. Am bekanntesten ist Gauß wohl als Physiker durch seine Erfindung des Telegraphen, dir mebnsam mit seinem bereits erwähnten jüngeren Freunde Wilhelm Weber im Jahre 1833 machte. Die beiden Göttinger Erfinder benutzten zum Telegraphieren die Ab-' lenkung der Magnetnadel durch drm elektrischen Strom, ivährend bald darauf Samuel Morse die Magnetisierung des Eisens durch den elektrischen Strom anwandte. Andere Arbeiten von Gauß und Weber betrafen die Erforschung des Erd in agnetismus, den sie zuerst einer wissenschaftlich genauen Messung unterwarfen. Hinter de« Knüffen der Roulette. Die französische Regierung veröffentlicht soeben den Bericht ihrer Einkiinfte von der Roulette für das Jahr 1926 von den Kasinos in den Kurorten: 380 Millionen Francs, das sind 19 Millionen Dollar. Das ist eine Rekordziffer, denn noch nie —, seit dem Bestehen der Roulette in Frankreich — ist eine so hohe Einnahme von der Roulette erreicht worden. Das Jahr 1929 brachte „nur" 262 Millionen (um 128 Millionen weniger), 1984 205 Millionen Francs. Die Rekordziffer des Jahres 1926 ist auf den gewaltigen Zufluß der Fremden, die infolge des Sinkens des Francs Frankreichs überfluteten, zurückzuführeiu Ganz Frankreich und insbesondere die französischen Kurorte waren mit Ausländern überfüllt, und da in jedem französischen Kurort sich außer dem Kurhaus auch ein Kasino befindet, in dem man Roulette und Bakkarat spielen kann, hatten die Fremden Gelegenheit, ihr Geld in den Spielhöllen zu lasten. Wie groß die Leidenschaft zum Spiel in den französischen Kurorten ist, beweist der Umsatz der Roulette in Deauville. Dieser Kurort war im Jahre 1926 mit einem Schlage modern geworden, dorthin strömten die amerikanischen Krösusse, die elegantesten Frauen, die reichen Engländer, die führenden Hochstapler und Glücksritter. Dort gab sich die elegante Welt Rendezvous. In dev Saison hat Deauville der fianzösischen Regiening nicht weniger als 43,653.000 Francs cingebracht und beinahe dieselbe Summe hat die Administration des Kasinos verdient. 80 Millionen Francs haben die Ausländer für das Recht zum Spiel im Kasino von Deauville innerhalb der kurzen Zeit von acht Wochen geopfert. Biarritz brachte 42,833.000, Paris - Plaq ue 37,700,000, Cannes 33,918.000, Nizza 33,857.000, Bichy 28,285.00' Francs, Die offi^ellen Berichte enthalten leider nicht auch die Statistik der Einnahmen der PariserGagnotte. In Paris gib es kein Kasino, aber sehr viele Spielklubs. In diesen Klubs wird Hasard gespielt, und aus diesem Grunde, müssen 65 Prozent des Umsatzes der französischen Regierung abgeliefert werden. Man kann sich vorstcllen, welch hohe Summe aus diesen Klubs in den Staatssäckel fließt. Fast alle großen Spielklubs befinden sich im Zentrum vom Paris, in der Nähe der Grand Opera. Die Direktionen, dieser KlubS zeigen große Aktivität, um reiche Ausländer in ihre Etablissements zu locken. Zu diesem Behuf« hat jeder Klub eine geheime Brigade von Ag enten und Agentinnen bcreitgestellt. Je Vonrehmer der Spieltlub, desto nobler sind seine Schlepper. In dem. größten französischen Spielklrrb, „Osman", wo die Umsätze täglich märchenhaft hohe Summen erreichen, sind die Agenten und Agentinnen oft verkrachte ehemalige f r a u z ü s i s ch c A r. i st o k r a t c n, die durch ihr elegantes Auftreten imponieren. Diese Agenten verkehren in den Restaurants, in denen die reichen Amerikaner und Engländer sich versammeln, machen mit ihnen Bekanntschaft und locken sie in dis Spielklubs. Es gibt unter diesen. Schleppern wahre Künstler, Meister in diesem Berufe, denen kein Opfer entgeht. Die Spielklnbs schätzen derartige Schlepper sehr hoch und stellen ihnen außer der Provision noch Monatsgehälter und Repräsentationsgelder So bekommt ein französischer Marquis, ein Anzug s 65aus orig. engl. Schaf Wollstoff Herrenkleiderlians Heinrich W einherger L, Singerstraße 6. _ Agent deS „Osman", monatlich für Repräsentation 18.000 Francs. Er wird der ,F^önig der Schlepper" genannt und ist ein Meister in seineni Berufe. Selbstverständlich sind die Schlepper alle in einer Organisation vereinigt, die sorgsam darauf achtet, daß nicht etwa Unberufene in das Gewerbe eindringen und so die Berdienstmöglichkciten der Berufsschlepper mindern. Reue Flüge über den Szean. Gin MUonififtet Versuch lieber den Matlantlk. Rom, 29. April. Der brasilianische Flieger de Barros, der vor einiger Zeit Genua verlassen hatte, um den Süd atlantischen Ozean zu überqueren, ist jetzt in Porto Preja nach der brasilianischen Küste gestartet. Er mixo mit lebhafter Spannung in Paraguay erwartet. Jcdeil Augenblick erwartet man seine Ankunft in Port Natal oder aus der Insel Fer aw a Noronsa. Vorbereitungen zweier Franzosen. Paris, 29. April. Angenb.ickiich bereiten sich zwer französische «"Flieger auf die Ueberqueruug des nördlichen! Ozeans vor, und zwar Nungesser und >D r o u h i n. Beide vcrftlchen womöglich den. Amerikanern zuvorzukommen, die den Flug an Bord des Flugzruges „Bellanca" ansführen wollen, dem einzigen arierikanitschpn Flugzeug, das nach den letzten Unfällen für den Ozeanflug noch verfügbar ist. Ueber den Zeitpunkt des Abfluges der beiden Franzosen steht noch nichts genaues fest, obwohl fce'mii tet wi.d, daß Nungesser noch anfangs Mai abfliegen werde. Ein weiterer Konkurrent wird nach einer Meldung aus Lissabon der Portugiese Perreira sein, der sich sogar anheischig macht, ohne Zwischenlandung von Lissabon nach Labrador zu fliegen. Die erste Lusthochzeit i« Ieutschlaud. Berlin, 29. April. Heute mittags fand die erste Lufthochzeit in Deutschland statt, und zwar die Vermählung des Pressechefs -der Lufthansa, Dr. Orsovius mit Fräulein Kämpfer. Die Hochzeitsgäste bestiegen ein dreimotoriges Flugzeug, in dem, als es sich über dem zuständigen Standesamt in Wilmersdorf befand, von dem Standesbeamtem die Trauung vorgenommen wurde. Die ganze Prozedur nahm zwanzig Minuten in Anspruch. 8« eine ffrrenauftatt geflüchtet. Der hochstapelnde Budapester Ministerialbeamtr. B u d a p e st, 29. April. Wie die Blätter melden, Hat die Polizei heute den gewesenen Ministerialbeamten Alexius D ö r y, der eine Reihe von H o chstapeleien an der Börse und im Spielklub begangen und sich vor den gegen ihn erstatteten Anzeigen in das für Geisteskranke bestimmte Sanatorium Schwarzer geflüchtet hatte, im Sanatorium verhaftet, nachdem festgestellt worden war, daß.sein Zustand keineswegs ein solcher ist, daß 'er seine strafrechtliche Verfolgung hindert. er ge- | zur Verfügung. Graf Ugarte and die schöne Jüdin. Eine Tragödie ans dem alten Wien. In der „Grazer Tagespost" veröffentlickit Eck (von) Reischach folgende historische Erzählung: Als der gute Kaiser Franz über Oesterreich regierte^ lebte in Wien der Bankier Kahn, Ritter von Albest. Er war ein ungarischer Jude, der am Anfang des 19. Jahrhunderts mit Wolle gehandelt hatte und der der größte Mann in seiner Branche gewesen ist. Wie man weiß, sind die erste:: fünfundzwanzig Jahne der Regierung des Kaisers Franz eine ideale Zeit für Glücksritter aller Art gewesen, denn während der fortwährenden Kriege mit Frankreich konnte jeder geriebene Mensch ebenso zu Vermögen kommen wie in der heutigen Kriegs- und Nachkriegszeit. Geradeso wie :nan vor wenigen Jahren hastig nach de:n Abendblatt griff, nur den Kurs der ausländischen Valutenbörsen zu erfahren, ebenso hastig eilten die Wiener zwischen 1809 und 1813 zur Nnßdorfer Linie, wenn die Zeit für die „ordfträre" Post aus Augsburg gekomnren war (dieses war damals die einzige maßgebende mitl.eleuropH'ische Valutenbörse) und bog der Postillon, gar greulich auf dem P sthorn blasend, durch das schwarz-gelbe Gittertor, dann riefen Hunderte von ängstlichen Stimmen: „Den Augsburger Kurs! Den Augsburger Kurs!" und die Reisenden schrien ihn aus vollem Halse in die harrende Menge. Kahn, zu jener Zeit rwch Schmul Kflhu, arbeitete nur mit den großen ungarischen Magnaten. Mit Karolyis, den Batthranyis, den Bethleus, denen er die Wolle ihrer umbsehbaren Lämmerherden abkauste und schuldig' blieb, bis die Zeit für eine Zahlung günstig war. Eines Tages hielt er es jedoch für angegttgt, gur nicht mehr zu zahlen, machte Bankerott und die Welt sah das wnnderliche Schauspiel, daß hochgeborene Grasen Gläubiger des Juden waren, statt umgekehrt. Dieser Bankrott war von großem Nutzen für /iahn, er brachte ihn: ein großes Vermögen ein. f Diebischer Verwalter, großer Herren ließen gerne Schuldfordernngen verschwinden, hatten Erlaucht Herr Gras doch fast nie eine Ahnung, was seine Güter Ivirklich trugen. Alsbald war Kahn Bankier. Rothschild war damals noch kein großer Mamr. Einer von vielen. Und Kahn hätte auch das werden können, was Rothschild wurde, besonders seitdem er sich hatte taufen u:ib seine Kinder bei den Plansten erziehen lassen. Endlich war Waterloo geschlagen, Bonaparte, ein* gekehrt und nmn hatte Zeit für neue Dinge. Schon beim Staatsbankrott hatte Kahn das Auge der Regierung auf sich gezogen und weiterhin in der Finanzwelt derart gewirkt, daß Metternich nicht umhin konnte, dem Kaiser Franz vorzuschlagen, ihn zu adeln. „No, Wissens Fürfcht", sagte der Kaiser, etwas in seiner boshaften, rjounzenden Art, „unt Jhnere Inden könnens mi scho jaucken. Seit der Fries a Gras wurn is, glaubt a jeder Pinkeljud, daß er grittert wern muaß. Alstern meinetwegen, aber mit an anständigen Prädikat is nix. Wia haßt denn der Jud eigentlich nritsamt sein Weib?" ,Fahn", erwiderte der Fürst verschnupft. Er als Rheinländer konnte den häßlichen Dialekt des Kaisers nicht vertragen und sprach deshalb französisch, „Kahn, Sire und seine Frau ist eine geborene Abeles!" „Meles, Teiteles, Meiseles", spöttelte der Kaiser weiter, ,/r feiner Adel wachst si da zsarmn . . . Abeles, Abeles, Abeles, Abel, Ablast! Na, i Habs scho. Ritter von Ablast soll er haßn." Und das Heroldsamt schrieb sauber in den pergamentenen Adelsbrief: „Ritter von Ablast". Zwei Wochen klatschte man darüber in ganz Men. Der Bankier Kahn hatte zwei Söhne und eine Tochter. Die beiden Buben, streng katholisch erzogen, wurden Kavallerieoffiriere. Der eine bei den Chevaulegers, der andere bei den Kürassieren. Die Tochter hieß Emilie. Emilie war wundervoll, u:rd die Löwen der Wiener Gesellschaft rissen sich auf der Basteipromenade um sie, bei den „Assembleen" flog sie von Hand zu Hand, und als ihr ältester Bruder den Baron Rothschild ans Pistolen forderte, well er gegen seinen Vater spekuliert, war sic der Stern der Salons. Aber der Oberst des jungen Kahn, d'Albest, verbot das Duell auf persönlichen: Befehl des Kaisers. Der Vater verlor auf der Börse eine schreckliche Schlacht mit vierprozentigen Metalliques. Seitdem begann er trübsinnig zu werden. Damals waren die jüdischen Heiraten im österreichischen Adel noch unerhört, und wenn zwar schon km Jahre 1628 der erste ungetanste Jude Edelmann geworden, so hatten jüdische Adelige doch niemals mit rotem Wachs siegeln dürfen, wie ihnen auch die roten Schuhabsätze und der Degen der übrigen „Noblesse" versagt blieben. Emilie zählte 19 Jahre und Man stand am Beginn der Vierzigerjahre, als sich der Graf Klemens Ugarte sterblich in sie verliebte. Der Graf von Ugarte war kein Jüngling mehr. Er stand bei den Schwarzenberg-Ulanen als Major und war Dienstkämmerer bei::: Erzherzog Ludwig, der zu jener Zeit die Regentschaft filr den schwachsiirnigen Kaiser Ferdinand führte. Das Haus Ugarte war keines von den reichen Häusern des österreichischen Adels, aber es zählte zu den vornehnvsten, und sein Ahnenstolz war sprichwörtlich. Welche Konsteriurtionen, als der Graf Kle:nens auf einmal erklärte, er werde Emilie heiraten. Er muß sie sicher mit einer Leidenschaft geliebt haben, die nicht gewöhnlich war, aber die Leidenschaft stieß in ihrn mit dem Dünkel des Standesherrn zusammen und im Konflikt der Gefühle sollte er schließlich Zügel und Gewalt verlieren. Die Verlobung wurde mit allem Pomp gefeiert, all«^ dings fiel auf, daß niemand von der Familie des Bräutigams und vom wirklichen Hochadel gekommen war. Man stelle sich nur einmal die Zeit vor. Noch fehlte« sechs Jahre bis 1818. Die Adeligen hielten ihre Herü- . schaft in Oestecreich für unerschütterlich. Sie regierten dl»