Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 9 (1927)
- Issue
- Heft 2935 (30.4.1927)
- Date
- 1927-04-30
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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gdte 2 Wien, Samstag Wiener Morgsnzettung tt. SWS Wieder elveSevserKovfereur. -y, Wien, 30. April. Die Weltwirtschaftskonferenz kommt nrn doch, nach fast zweijlchriger Borbcreitrmg zustande. Sie ist eine der großen Aktionen des Völkerbunee-, und wie immer ihr Resultat sein wird, die erste »veitunisvannende Beratung einer .Internationale, die sich nicht unter den Einfluß einer Partei stellt. Die Konferenz wird am 4. Mai in Genf tzwsmnnrentreien mrd eine Auslese der führenden Wirtschasts- Politiker bieten. Es find bisher gegen IM Delegierte ans 40 Staaten augemeidet, ein internationales Parlament also, tverrn auch ein lückenhaftes. Die (tröste nordamerikairisch: Union fehlt und es ist noch fraglich, ob sich Rußland einfindm wird. Zwar war seinerzeit die Mftndung einer Delegation angekündigt worden, die inzwischen auch ernannt llwrdcn ist, und diese Absicht rvirkte sehr effektvoll. Es wäre mich sicherlich eine Sensation, uwnn die Soiojetregiernrurg enbTicf> aus freien Stücken ihre Isolierung verlassen würde, die ihr und der Welt keinen Nutzen gebracht hat. Bis heute zögert aber R'ußkand noch mit einer abschließenden Erklärung und noch vor drei Tagen war eine Mitteilung des Volkerbundsckretariats erflossen des Inhaltes, daß es Sache Rußlands sei, sich nach der Einladung durch den Völkerbmrdrat definitiv zu entscheiden. Ob nicht die Sowjets diesmal wieder wie vor fünf Jahren in öhmta mit eurer Neberraschung austvartcri und Beobachter schicken, also vertreten sind ohne vertreten zu, sein, wird sich ja binnen kurzein erweisen. In der wirtschaftlich.':! Zirkulation des Kontirrents fehlt der russische Konsument und an den: großer! Loch im Osten verblutet sich jeder großzügige Versuch, die Kriegsschädrn nird die Wirkungen des Friedenskrieges mit seinen nationalistischen Schutzzollsystemen aufzüheben. Der Versuch »vird nun tvieder unternommen und die große Zah? der Teilnehmer verbürgt zrrnr mindesten eine gründliche Erörterung der Probleme. Die Hoffnungen der Nichtsachverständiger:, also der übergroßen Mehrheit der Völker, gehen rrach der Seite der Errichtung »venigstens einer eirropäischen 'Zollunion. Aber die französisch Regierung winkt da schon ab. Sie läßt im „Matin" der Konferenz präludieren, es könne sich lediglich um eine technische Vereinheitlichung des Zollverfahrens handeln. Eine Zollunion, das würde bedeuten, daß der Völkerbund die europäischen Jndustriekartelle kontrolliert. Aber wie der „Matin" äusführt, kann dies der Völkerbund nicht und seine Kompetenz würde — vielleicht — nur dazu hinreichn, die Veröffentlichung der Kartellverträge zu verlangen. Die Forderung atrch aus dem bescheidenen Rahmen einer Resolution herauszuheben, dazu fehlt dem Völkerbund die Kraft. Uno gerade das ist der springende Punkt. Die unheilvolle Verschwisternng zwischen Trusts und Nationalismus, die Beeinflussung der Politik durch die großkapitalistisch forcierte Produktion, die Anhäufung von Waren und Materialien an einzelnen Zentren, »nährend sic andere»: Ländern fehlen, ist in diesen Vertragen festgetegt und die Negierungen mrd mit ihnen die Parlamente sind meist bewnßt, oft Unbewußt, mir ausführende Organe einer der Oeffentlichkeit nicht , nicht verantwortlichen, ja meist ganz Unbekannten Organisation. Es ist ganz aus dem Gedächtnis entschwunden, daß' man knapp vor dem Kriege in Deutschland, und zlvar in Kiel einen Prozeß dürchgefühtt hat, bei dem die internationale Kartellierung der Karronenindustrie demaskiert wurde. Es ergab sich, daß ztvischen den Krupp in Essen, Schneider in Creuzot, Skoda in Pilsen, den WhiteheaÄ-Werken in Plymouth, den Putilowwerken in Petersburg und Manfred' Weiß in Csepel eine genaue Verteilung der Rüstungsproduk--. twn sestgelegr war und während zwischen Dreibund und Entente durch die bezahlte Sensationspresse immer neuer, Hader geschaffen tvnrde, während die Diplomaten iin Dienste des immer hitziger geschürten Patriotismus ihr Scha»rdge- »verbe trieben, teilten die großen Fabriken still und ruhig die Zahlen der Geschütze und Geschosse kontingentmäßig auf. Es gab Zuäerkartelle, die die Produktion sorgsam regelten und von Zeit zu Zeit „liberierten", das heißt, einein Land die Erzeugung erhöhten; es gab Kaffeekartelle, die von Zeit zu Zeit die Vorräte valorisierten, das heißt ganze Ernten vernichteten, um den Preis auf der ganzen Welt auf einem gervissen Niveau zu halten. Tcxtilkartelle, Petroleum- ' kartelle, Kohlenkonventionen — alles, »vas der Mensch unbedingt zum Leben braucht, »vas einem Schönheits- oder ' Lurusbedürfnis entspricht, »var kontrolliert und ist es heute , wieder. Wenn es so einem Stinncs-Korrzern oder der Deuisch- Luxenrburgischen Vereinigung einsällt, überschüssige Erzeugung nach Oesterreich zu leiten, so iverden die Arbeiter der jAlpinen Montan arbeitslos. Die Konzerne tun alles; sie finanzieren auch, »venu es ihnen nottvendig scheint, irgendwo in Südamerika eine Revolution, Mdul Hamid bezog. Gehalt vom Wasfenkartell, in Amerika urck wohl auch in Europa gibt es Streiks, die von Trusts provoziert sind. Die Trusts erzeugen öffentliche Meinung, Unruhen, Ausschreitungen. Sie sind die Mächtigen und alle Revolutionen scher« tern an ihnen. Auch die Sowjetrwcht hat ihren Frieden mit ihnen -machen mltssen. Die Weltwirtschaftskonsercrlz »wird vielleicht aUch einiges Licht in dieses Dunkel bringen .Aher ob sie der: Mut ^besitzt, ein Mehr zu tun, ist recht zweifelhaft. Denn sie imüßte dann auch in das Dunkel der Politik eindringen und sich zu einer Kritik des Heuchrlsyftems aufschwingen, das den Frieden preist und den Krieg vorbereitet und das nicht einmal eine neue Nomenklatur geschaffen hat. Staaten uw' Nationen fühlen sich andauernd bedroht, bald von einen! Nachbar, bald von einem innere»! Feind, einer Minorität. Sie hlckw genau die gleichen Parolen wie vor dem Kriege , D. April 19! und alle Konscr,-»»' ■ bisher c}»ih: spinbert, mündKen in Stößen vorr kling- - Resolntionm aus. Und neben dieser WclUvirtschaftvic-nscrenz tagt in der gl-'Hm Stadt die vorbereitende Konferenz für die Abrüstungen, eine Tagung, gegen die kürzlich die Schweizerisch: Friederisgesellschaft einen, scharfen Protest veröffentlicht hat. Die Teilnehmer der Wirtschastskonftrenz kommen ans Staaten, die durch Zoltmnuern abgesrerrt sind, Ms Staaten, deren Wirtschaftsleben durch Haß und durch nationalistischr Exzesse vergiftet ist. Wenn sie dies aussprechen und prüfen, »ver ein Interesse an dieser Verseuchung hat, tverden 'sie schon viel Gutes' getan haben. Ser Kamps argen die Ritualmordlüge ln Sentlchland. I« der Berliner „C. B.-Zeitung" charakterisiert Dr. Alfred Wiener unter der Ueberfchrift „Urkunden, die anüagen. Unser Kampf gegen die Ritualmordlüge" an Hand von Beispielen die unglaublichen Fälschungerl der Ritualmordlügner Hitlerscher Richtung in Deutschland. „Seit Jahresfrist", schreibt er, „MUß die »viderwärtigo Riiualmordbezichtigung dazu herhalten, besonders den gesunden Sinn der werktätigen Bevölkerung zu verwirren und die Mütter mit Abscheu und wütendem Haß gegen die Juden zu erfüllen... Broschüre über Broschüre darüber »vird in die Massen geworfen, Flugblatt auf Flugblatt in den Fabriken verteilt. Fast jede Nummer der zahlreichen völkischen Zeitungen enthält anfpeitschende Berichte, meist ans dem Auslände, in denen haarklein das verruchte Vorhaben der Juden, ihre unerbittliche Grausamkeit bei dieser „rituellen" Handlung, zumeist verübt an unschuldigen Kindern, dargelegt »vird. Ja, der Nürnberger „Stürmer" und neuerdings in gesteigerter Folge Hitlers „Illustrierter Beobachter" stellen diese Untaten in Zeichnungen und in Bildern dar, die teilweise so hergestellt sind, daß sie unbefangene Beschauer für Originalphotographien halten müssen. Nur zögernd und uneinheitlich — und manchmal auch gar nicht! — greifen selbst die Gerichtsbchörden ein, und gelvaltige Aufgaben aufzuklären auf allen möglichen geeigneten Wegen und, »vo nötig, einzuschreften, hat unser Zentralverein zu erfüllen." Dr. Wiener skizziert im folgenden die Fälschcrmethoden der Völkischen: a) Irgendein angeblicher Korrespondent im Auslande, irgendeine fremdsprachige Zeitung meldet den Mord (also die Hoffnung auf unmögliche Kontrolle durch die Oeffentlichkeit); b) irgendeine Kinderleiche »vird mit einer Kopf- oder Halsverletzung gefunden (also der völkische Schluß: „Schächtschnitt" und dann „Ritnalmord"); c) irgendein jüdischer oder nicht jüdisch klingender Name ’ taucht im Zusammenhänge mit einem Woche auf (also sind die Juden im Spiel, und der Jupe, der angeblich. dabev war, »vird gewöhnlich znm Rabbiner befördert). Notfalls wird auch , tvider alle Wahrheit der Täter „zum Juden ernannt" (Fall Haarmann in Hannover, Schlesinger in Leiferde). Mne stürmischeSitzung Ses Lemberger Kultllstzorstaodes. Bundisten und Agudlsten. — Polizei im Beraiungsfaal.! Lemberg, 29. April. Die infolge der plötzlichen Perschiebung der Wahlen in den Kultusvorstand durch die Regierung entstandene Erregung kam in der am 27. d. M. ab gehaltenen Borstandssitzüng zum stürmischen Ausdruck. In der Sitzung gab Regierungskommissär Dr. Allerhand bekannt, daß der Entschluß der Regierung, die sogenannte Pilsubfki-Verordnung bezüglich des demokratischen Wahlrechtes ' auch für Galizien wirksam zu machen, unabänderlich sei und die Kultuswahlen spätestens im Monat Oktvber aufGrUnd des neuen Wahlrechtes durchgeführt werden. Namens der zionistischen Gruppe verliest Dr. ,Haus-, mann eine Erklärung, in welcher. die .Einführung des demokratischen Kultuswahlrechtes in Galizien, die von der zionistischen Gruppe seit Jahren gefordert und betrieben wird, mit Freuden begrüßt tvird. Doch wird dagegen protestiert, daß die Regierung über die Köpfe der Mitglieder des Kultusrates und des Regierungskommissärs hinweg erst die Wahl auf Grund des — alten Wahlrechtes ausgeschrieben und ebenso plötzlich widerrufen hat. Die zionistische Gruppe mache ihre künftige Haltung davon abhängig, ob die Regierung ihr Versprechen in Kürze einlösen und der Kommissariatsära in der Gemeindeverrvaltung ein Ende bereiten werde. Der erste Tunrült wurde durch die bundistisch en Mitglieder des Kultusrates hervorgerufen, indem sie die Redner, welche polnisch oder hebräisch sprachen, durch Zuntfe „Jiddisch! Jiddisch!" störten und hiebei von der vollbesetzten Galerie unterstützt wurden.Der Regierungstommissär mußte die Sitzung unterbrechen und mit der Inanspruchnahme der Polizei drohen. Nach Wiedereröffnung der Sitzung. erhielt der agudisttsche Vertreter Hirschprnng das Wort, der unter allgemeiner Entrüstung erklärte, daß die Agudah in einem Memorandum an die Regierung die Bitte ausfprach, die Ausschreibung der Wahlen zu »viderrusen, »veil sie mit ihren Ansprüchen auf Mandate bei den anderen Parteien nicht durchdringen konnten. Nun brach der Sturm los. Unter Rufen „Denunzianten! Verräter!" stürzten sich mchrere Vorsteher auf den Redner, ans der Ga- . lerie entsteht eine Schlägerei, die Sitzung mußte abermals auf 15 Minuten unterbrochen »verdeu. Als jedoch die Unruhe im Saale auch nach rreuerlicher Etöss- Versammlung aller Führer der Mischen »WendbünSe nun gugendgrappen. Am Dienstag, den 3. Mai l. I., findet um 8 Uhr abends in» Lokale der Bezirksstktiou Leopoldstadt, Zirkusgasse 89/ eine Versammlung statt. Es tvird um zuverlässiges und pünktliches Erscheinen ersucht, da äußerst dringende Fragen zur Besprechung gelangen. WV-k.-'A'Wr innig der Sitzung sich nicht legen »vollte, überdies auch die vor dem Gemeindehaus' angesammelte Menschenmenge das Gebäude mit Steinen bombardierte und zu stürmen drohte, die Bundisten im Sitzungssaale tm allgemeinen Chaos die Internationale anst-tmmten, zog eine Polizeiabteilung in den Sitzungssaal ein, räumte die Galerie und hielt den Saal besetzt, bis die; Sitzung.geschlossen »vurde. Rumünssche Hakenkreiizker. Ezernowitz, 29. April. Me erst jetzt bekannt »vird, ist es am 23. April in dem Ort Kra sn a II sch i zu. schaleren Ausschreitungen von rumänischrn Hakenkreuztern ge e»r jüdische junge Leute gekommen. Die Juden setzten sich zur Wehr und cs cntstMd eine arge Ranferci, bei ivelcher ein! Hakenkrenzler und ein jüdischrr Student verletzt »vurden. In der Nacht warfen dann die Hakenkrenzler Steine in die jüdischen Wohrrnngen. Die Gendarmerie schritt nicht ein. Der Zeniralrat der PaneuroMschen Union Paris, 29. April. In den Räumen der Pariser Carnegie-Stiftung hat heute die erste Sitzung des> Zentralrates der Pancuropäischen Union stattgefnnden, die der Vorbereitung des bekanntlich für O.tcü.c nach Brüssel einberufenen Ziveiten Paneurapäischen Kongresses galt. Den Vorsitz führte Dr. Condenhovc-Kalergi. Man begann die Erörterung der Einzelheiten des nationalistischen und wirtschaftlichen Kongrcßprogrammes. An der Sitzung nahmen teil: Delaify und Prof. Lichtenberg (Frankreich), Prof. Allan (Vereinigte Staaten), Minister P olitis (Griechenland), Minister Pußta (Estland). Das österreichische Lkomitee hatte den österreichischen Gesandten in Paris Dr. Grünberger mit seiner.Vertretung bettaut. Die nächste Sitzung des Zentralrates, an der . auch die Vertreter Deutschlands und Polens teil»!ehmen »verden, ist für.Montag cmberaumt. Kommerzkalifierung der tschechischen staut- ' lichen Bäder. Prag, 29. April. Wie eine Präger Korrlsspondenz erfährt, soll'en sämtliche staatlichen Bäder 'der tschechoslowakischen Nepublik kominerzialisiert werden, indem man sie entweder in Aktien g e s e l l s ch a f t e n umwandalt oder aus längere Zeit verpachtet. Das Gesundheitsminrsbevium - wird sich lediglich das Aufsichtsrecht sowie ein Einschreiten im öffentlichen Interesse Vorbehalten. In gleicher Weise, wird es auch die Taxen u-nd Preise kontrollieren. " - Re Kuliusfteuer der Mische» Anseflellten i« veutschland. Im Gegensatz zu Oesterreich, wo den jüdischen Gemeinden keinerlei behöMiche Unterstützung zur gerechten KultussMderbernessuug durch 'Beistellung amtlicher Daten gewährt wird, v-erftigt das roichMutsche Gesetz, daß den! jüdischen Religiousgenreinden au t o nt atisch alle erforderlich cn Steuerdaten zur Verfti'gung gestellt tverden, auf GruuÄ deren dann die Kultussteuerbemessung rrach einem festen Schlüssel gemessen »vird. Bloß das Material bezüglich dvr Lohnempfänger wurde den jüdischen Gemeinden bisher auch inl Deutschland vorenthalten. Nauerdings hat das Reichssinanzminlsterimn, ttne uns aus Berlin berichtet wird, diesen Standpunkt verlassen. Durch einen Erlaß hat das Ministerium ungeordnet, daß durch Ausfertigung von Uebertveisungsblättern seitens der Arbeitnehmer nach Schluß des Kalenderjahres 1926 den Finanzä»nt-ernl genaue Angaben über den Steuerabzug jedes einzeftlen Lohnempfängers zu nmchen find. Für die Folge »verbell die Shnagogengemeindrn somit auch für diesen Kreis ihrer Steuerpflichtigen das amtliche Material erhalten, das sie für ihre Steuerztyecke. benötigen. UMnfßproisfl der „Wiener Morgenzeitung“: Monatlich Wien und Oesterreich... . . .8 5'- Tschechoslowaldsche. Republik . ........ öli 22 — iugosiavlen. ..Dinar 60'— Polen ..Zloty 6*— Deutschland ............ Goldmark 4*— Frankreich, Belgien ..Frcs 35 — Italien .. Lire 20-- ^umänlen .. Lei 170*— Bulgarien. Lewa 100'— Amerika ................ Dollar 1'— Schweiz und das übrige Ausland.Frcs 5*— Oesterr, Postsparkass enkonto 150.693.