Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 9 (1927)
- Issue
- Heft 2933 (28.4.1927)
- Date
- 1927-04-28
- Page
- Seite 7 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 29.% Wien, Donnerstag Wiener Morgeir-ettung 28. Aprll 1SS7 Osr Lolin clss IVlosss lvlsutnsr Lin Misnsp Üomsn vvn l«sopoici Hichier. Copyright (927 by B. Löwit Verjag, Wim — Lalpri« Der Kontmiffär flüsterte etwas zu dem Konstabler, der vor seinem Schreibtisch stand, 'und der Konsrabler ging in den Vorramn und brachte die ztvei freurchllchen Begleiter Gustavs herein. Der Kommissär sprach einige ungarische Worte mit ihnen. Sie erwiderten Und legten beteuernd ihre Hand auf me Brust. Der Kommissär wendete sich (nieder zu Gustav und sagte: „Die beiden Konstabler bestätigen, daß Sie gesell haben: ,Nieder mit der Regierung! Tod d^n Kapitarufen haben: ,Nieder mit der Regierung! Tod den Kapita- Genosse zerrte rechtzeitig, so daß der Satz ein Fragment blieb .Der Kommissär gab den beiden Konstablern euren Wink, abzutreten. Gustav, der neben beit beiden Polizisten stand, bezog diese/ Gebächte auf sich und stramm ntachte er mit den beiden Konstablern „Kehrt euch" rntd n!un.gingeil alle 'drei wie gute Kameraden gemeinschaftlich zur Tür. „'Halt!"". rief der Kommissär. „'Vorläufig bleiben "Sie noch f;icr; unten int Hose; denn ich werde erst Nachfragen lassen, ob Sie ut dem Hausq wohnen, das Sie angegeben haben!"-.- , Es wurde neun.Uhr abends, als Gustav das Polizei-- kommffsariat. verlassen drirfte. Stracks ging er in das Sozialistenkaffeehaus. Die Führer.sahen dort — ime nach einem gelungenen. Werke — zufrieden und behaglich um den großen runden Stammtisch. „'So eine Gemeinheit!" begrüßte sie Gustav. „Eljen, Pfeiffer!' Hab' ich gerufen und da sagt so ein .Kerl, ich HM»' . ." Da nahm ihn Koloszvary Unter den Arm, führte ihn ein wellig beiseite und sagte: „Mautner! Wir ltnffeit schon.alles." — „Was wißt's ihr?" — ,>Daß du. verhaftet worden bist Und Win ivissen noch Mehr!" — „Was denn?" — „Daß du drei Tag' bekoMnren wirst." — „Was? Drei Tag'? Für ivas?" — „Das ntöcht' ja nichts machen, denn.-— gesessen sind wir alle schon Und . . /" Der Agitator regte sich in ihm und schwellte seine Brust. „Es ist eine Ehre, für seine Ueberzeugung zu sitzen! Wir sind schon alle gesessen!" Er blickte ein wenig verklärt ob dieses Martyriums. „Na!. Ich weiß mir was Besseres!" wagte Gustav schüchtern .«inzpwendm, rvorauf Koloszvary' streng Und belehrend wiederholte: „Es ist eine Ehre. — Aber bei dir.kommt noch was dazu>. Nämlich: Du bist Ausländes Und sie Wersten dich abschieben, ivenn du gesessen bist, lmd das wollen ivir dir ersparen." — „Was soll ich tun?" — „Noch heut' Nacht wegfahren.".— „Das kann ich nicht. E Bdift ' Weil. Arbeit."-' — „Wirst du'ihm schreiben, daß du weMhren'hast müssen/" — „Wohin sott ich fahren?" — „Wohin du willst, Nur weg aus Ungarn. Sie wollen nämlich alle österreichischen Sozialisten aUswcisen; oder willst du Mch magyarisieren lassen?" — „Was'?'/" ftagtä Gustav und in einem Tone, als hätte Koloszvary den Eintritt in eine Negertruppe empfohlen. „Was? Ich soll lnich magyarisieren lassen?! Ä — Wenn's so ist, dann fahr' ich nach Hanse/" — „Wer gleich/" „Bon rnir Ms/<-.Er wollte wieder zUM'i'StamrMisch hin. „Nein, Maut-' ner!"" hielt ihn Koloszvary' züirück, aber Gustav remonstrierte: „Sch will doch den GeiwsserrAst-ien sagen/" — „Nein, Mautner! Das macht.Aufsehen und es ist höchste Zeit!"" — „Warum höchste Zeit?" — »Well die Polizei jeden Augen- (18. Forisetzung.) Die neuen Schlager unserer m m üpton Sinclair: Der Sumpf Hundert Prozent Jimmie higgins Man nennt mich Zimmermann Samuel* der Suchende Der Liebe Pilgerfahrt Der Industriebaron König Kohle Die Metropole Die Wechsler Nach der Sintflut 5 Bände in Kassette $ 20.—. Maxim Gorki: Fomä Gordejew Drei Menschen Eine Beichte Verlorene Leute und andere Erzählungen Die Holzflößer und andere Erzählungen Märchen der Wirklichkeit Wie ein Mensch geboren ward Der Spitzel Broschiert 8 2—, geh. 8 3— pro Band. » B ■ « ■ ■ ■ ■ ■ Einzelbände: Der Industriebaron König Kohle . In Pappe ged. je 84.- Die Metropole Die Wechsler Nach der Sintflut , in Halbleder geb. je S 5, R. ÜWIT, WEH. I RotenturmstraBe 22 IIIMBHPi blick da sein kamr.",/Fch koMm' doch erst von der Pölizei!' Haben beim die nichts zu tun, als mir nachtzugehen?"" — „Mautner! Sch red' in deinem Interesses Geh' nach Haus, pack' dein« Sachen und dann zum Bahnhvs uiü» -- fahr'!"' — Gustav stand eine Weile und blickte begehrlich nach dein runden Stammtisch, an dem er so gerne'seiUe. Menteuer, erzählt Hätte; dann seufzte er und reichte Koloszvary die Hand: „Also, Adieu, Koloszvary! Und' sag' allen Genossen, weißt du: Sch fahr' gern nach Wien, aber weißt du: Es . tmrd mir doch nach euch allen — bang sein! .— 'M-ieu, Kolo!" - „Leb' wohl und rms' glücklich!" - 14. Kapitel. SM dritten Wiener Gemerndebezirk steht ein kleines Holzhäuschen: Die Station Rennweg der Wiener Verbin/ dungsbahn. In früheren Jahven, zur Zeit der Pferdebahn, hatte. Hefe, Station für die Larch>straßer, sofern sie. dtz. Lokalstrecke;der Südbahn benützten,, grüße BddeUtung; denn vvn dort war die bequemste Verbindung zur SlÄbähnstation Meidling. Jeden Sommer im Süll, kam auch Herr Mäutner zur Station Rennweg und er kam mit Frau und Kindern und vielen Paketen und Schachteln und schlechter Saimc. „Well du nie sättig wirst, Srli!" brummte er. „Immer im letzteil, Moment Muß ma zur Bahn gehen! Mir wrrn noch dm Zugversaamen!"" Rasch-trat er dann in das kleine Hol-gebäude, stieg dieHolztveppe hinunter1— denn Schalter und Gleise lagen unter deM Straßenniveau —' und hinter' llM klapperten Frau Und Kinder nach. Herr Mautner löste die Fahrkarten und kaum war dies geschehen, brauste der Zug heran. „Nu! Sehst de, Sali!"" rief er dann vorwurfsvoll Uiid Frqu Sali erwiderte: „Was sch' ich? Mir senn doch sättig?!"" — Dann stieg ^die Familie ein und narn fuhr „aufs Land"", nach. Baden bei- Mm. Das ,/Land" war für Gustav immer die schönste Zeit des Jahves gewesen. Noch im Wieilter dachte er mit Sehnsucht an die glücklichen, iir Halowan sa für die hsurige Frtthjahiseaison. Eftcrgangs-Röche In den herrlichsten Farben, neuesten Dessin«, modernsten Schnitten, durchwegs auf Seide gearbeitet, In , allen Größen, zum Preis von si«o — wnuuuimfflmniiiumnmtiiimimmiimnmimniiuniimmnmumiitmtimQnmnHn schullosen Tage zurück. ,Und wurde die Sehnsucht gar M Mächtig, dann ging er manchen Winternachmittag statt Mr. Schule, zur kleinen Station Rennweg und — so ivie mancher -Mensch in trüben Stunden die Reliquien des früheren Glücks aus der Verborgenheit holt und genießt — so stand das Kind dann vor deM kleinen Holzhänschen und dachte .trotz der Winterkälte derschönett Zeiten des Sommers. — Fuhr dann ein,Zug in der Richtung gegen MNing ein, Kellert« Gustav rasch,aus die Mauerbrüstmrg, links der Station Und blickte in den Schacht zu ibfcu Gleisen hinunter. Aufmerksam betrachtete er vou seiner Galerie die wenigen Leute, welche unten aus- und einstiegen, beobachtete interessiert die umstänblichen.Zeichen und Signale des Bahnhofpersonales, bis endlich die Lokomotive pfiff und hernach zu stöhnen, zu keuchen und zischen beganin Da schloß er vor Glückseligkeit und — Rauch seine Augen und träumte: er sähe unten in dem Zuge und fahr« in Herr Sommer hinaus, in die Serien, nach Baden zUr Schwechat ttttt den vielen kleinen Fischlein, zuni Kurpark und der Kurkapelle, zu den schönen, stillen Wäldern Uustl der Einöde. --- Wir sind nicht alle Städter! O, nein. Sn. manchem Süden lebt noch ein Rest des früheren Ackerbau- und Hirtenvolkes. Das leuchtet und' verdrängt zuwellm — wie die Sonnenstrahlen di« Novencbernebel — den trüben Schachergeist der Diaspora. , (FortseHmg folgt.)/ cxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxrrOOOOooOOOOQrxxxxxxxxxxxxxxxxxxr TOlM$iriRl§CHAFT Jas Schicksal der Lira. RüSwirlimg der Aüswüttsdewegiing auf die Wirtschaft Die internationalen Devisenmärkte standen in dieser. Woche inr Zeichen einer beispiellosen Aufwartsbewegung der Lira, deren Bewertung täglich neue Ueberraschungen brachte. Noch vor. acht. Tagen/ verzeichnet«' die Derstsq Mailand einen Kurs von 26 gegen Zürich, am Dienstag wurde vorübergehend der Kursvon 3Ö überschritten und wmn auch schon an diesem Tage ein Rückschlag bis auf 28.95 und am Mittwoch weiter auf 27.70 zu verzeichnen war, so ist doch die Gesänrtkoustellation keineswegs eine solche, daß man die aufstrebende Tendenz der, Lira als erledigt bezeichnen dürste. Man ' nmß! sich nur den bis-' herigen Verlauf der Lirahauffe vergegenwärtigen, um zu der Erkenntnis zu gelangen, daß eine Abschätzung der mutmaßlichen Kursentwicklung der Lira nahezu unmöglich ist.' . ';• . ' Schon hie Art der Kursbildung, ließ erkennen, daß. Pie Lira sich selbst überlassen blieb und daß, wenigstens bis zum gestrigen Tage, die offiziellen Faktoren in Italien keineswegs den Willen hatten, den Kurs zu regulieren; sie ließen die - internationale Haussespekulation gewähren, während zu gleicher Zeit die inländischen Besitzer von fremden Zahlungswitteln geradezu panikartig bestrebt waren, das. fremde Geld in Lire umzuwechseln, was natürlich eine Steigerung des Kurses der heimischen Valuta hervortzef. Es ist demnach gar kein Zweifel, daß hie Haussespekulation ' des Auslandes nur Mitläuferin der . inländischen Lirahauffe war, sie hat die Konsequenzen aus der Lirasituation des Inlandes gezogen und bloß zu einer Beschleunigung des Tempos der Äufwärtsbewegung beigetragen. Es ist bekannt, daß die Bewegung ihren Ausgang davon genommen hat, daß di« dem italienischen Staat, zwei großen Städten Italiens und verschiedenen italienischen Industrien von Amerika eingeräumten Kredite, die von einer halben Milliarde Dollar nicht, weit entfernt sind, zur Umwechslung in Lire gelangtem Ä das, in Verbindung mit der seit einem Jahre betriebenen De flat io ns Politik des italienischen Schatzamtes, dqs direkt auf eine Verminderung des Nytenumlauses hinarbeitet und von den diesbezüglichen Erfolgen regelmäßig der Oeffentlichkeit Kenittnis gibt, mußte den Kurs der Lira hinaustteiben. Die jnternationa l e Haussespekulation mochte aber zu. ihren Engagements gerade daraus Ernmnterung schöpfen, daß die italienische Finanzverwaltung und ihr Spiritus rector, Mussolini, es ausdrücklich abgelehnt hatten, sich über ihre Absichten zu« äußern und zu einer Stabilisierung der Lira in einem früheren oder späteren Zeitpunkte sich nicht bekennen wollten. Das eröffnete natürlich der ausländischen Haussespekulation einen weiten Spielraum, wahrend es umgekehrt die inländischen Dev/lsenbesitzer ans das tiefste Niederdrücken mußte. Die letzten, in früheren Perioden gehamsterten fremden Zahlungsmittel in Italien mußten infolgedessen ansden Verstecken heraus, aber ebenso mußten im Auslände die letzten spärlichen Baisseengagements in Lira glattgestellt werdem Di« sonst bei einer Steigerung der heimischen Valuta sich geltend Machenden Bedenken hinsichtlich der imgünstigen Rückwirkungen auf den Export konnten nicht im. geringsten Einfluß auf die Haltung der ausländischen Spekulation gewinnen und etwa zu BajisseengagernLnts. in Are den Anreiz bieten, weil inan. den persönlichen Faktor. — M u s s o l i n i — nicht im geringsten in. Anschlag ^bringen konnte: Das Risiko einer Baissespekulation stel allzustärk. in die Wagschale, als daß 'nmn irgendwie auf euren Möglichen Gewinn der . Transaktton hätte hoffen dürfen. ' So kam es, daß der Äufwärtsbewegung der Lira sich nirgends Hemmnisse entgegenstellten — die Spekulation ging vielmehr diesmal ausrrahmslos nnt dem Strorne, wobei allerdings zu bemerken ist, daß der Wiener Platz bezüglich der Lira nur das n'ormale Geschäft pflegte und allfällige Hausseengagements, sofern« sie vereinzelt vorgckoMmen sein mögeil, von gar keiner Bedeutung gewesen sein können. A la hausse haben sich Amerika, Holland, zum Teile Paris und die sonst so sehr vorsichtigen Schweizer betätigt, Berlin schon viel weniger. - Trotzdem hat der. Wiener Platz, wie man nns mitteilt, -an der Lira ziemlich viel verdient, jedoch nur in Ausnützung der Arbitrage- Möglichkeiten, da die großen Kursschwankungen dazn reichlich Gelegenheit geboten haben. Der.gestrige Rückschlag, den man aus Interventionen der italienischen Notenbank zurückführt, würde darauf schließen lassen, daß. Mussolini die, Geister, die er rief, schon unheimlich zu werden beginnen. Er fürchtet .die sozialen und industriellen Auswirkungen der zu stürmischen Lirabewegung, und er sucht sie, etwas. verspätet, einzndäMMen. Der Druck auf di« Warenpreise kann sich mm nicht mit der gleichen Vehemenz Und im gleichen Rhythm nlus vollziehen, wie das Hinaufpeitschen einer Bawta. Zudein 'will Mnssosini gerade jetzt seine Macht 'auf die unteren Stände stützen und die Arbeiterschaft ganz "zu sich hinüberziehen. Aber die Anpassung einer Wirtschaft an die durch die Deflation nellgeschaffenen Tatsachen ist vielfach ein Lohn Problem. Wird der Lohn, umgerechnot in Gold, höher, ohne daß feilt Realwert im Lauste steigt, dann inuß die Konttirrerrzfähigkeit der italienischerr Industrie leiden. Und es fragt sich weiter, welche Perl uste s ü an ihren Vorräten erleidet. Dies hängt wjeder dv- .von ah,, ob sie Are oder in der letzten Zsjt ünveräüdicht gebliebene Valuten schuldet. Die große DollarverPsW-