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Wiener Morgenzeitung · 1927-04-28 · Heft 2933 (28.4.1927) · p. Seite 3

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
9 (1927)
Issue
Heft 2933 (28.4.1927)
Date
1927-04-28
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. SWS Men, Donnerstag Wiener Morgenzettung W. April 1927 Geile 3 Tagesbericht. »vie elseuUiche WLrze de« BeriaSge««." lieber verehrter Dr. Leopold Plafchkes! Die „Arbeiter-Zeitung" schildert die Vorgänge im Herren der Leopoldstadt, am Karmeliterplatz, als die Niederlage der jüdischen Partei bei diesem Wahlgang verkündigt wurde. Ich war nicht zugegen, aber das Stimmungsbild ist in der „Arbeiter-Zeitung" mit so lebendigen Farben gemalt, daß ich mir genau vorstellen kann, wie dieses Freudenfest verlief. Zunächst nahmen die Juden die Nachrichten über die sozialdemokratischen Siege in den einzelnen Bezirken freudig, aber mit der ihnen znkommenden bescheidenen Teilnahme auf. Erst als der jüdischen Bevölkerung ihir eigenejr Sieg verkündigt »mrrde, nämlich die Beseitigung des Dr. Plafchkes aus dem Gemeinderat, traten sie aus sich heraus. „Der Jubel kannte keine Grenzen, die Leopoidstadt hat nicht nur gesiegt, sie hat Herrn Plafchkes besiegt. Das i st die eigentliche Würze des Vergnügens." Ich stelle mir ganz gilt vor, Mit ba die Frommen wie am Simchas- Thora gejubelt und die Unfrommen Hora getanzt haben. Lieber Dr. Plafchkes, Sie dürften augenblicklich damit beschäftigt sein, sich von dem Unrat zu reinigen, der während dieses Wahlkampfes kübelweise über Ihren gottlob schr kräftigen» Schädel gegossen wLadtt Noch nährend Sie den.zähen Schmutz loszuwerden im Schweiße Ihres Angesichtes bemüht sein mögen, wird Ihnen neuer Dreck wachgeworfen. „Seipelit", ,-ZutrMer der Kapitalisten", „Geistesbruder Riehls", „Sozialistenfresser" — kurz, das schvärzeste, reaktionärste Biest, das sich jemals als Jude in die politische Arena gewagt hat, werden Sie geschimpft, und das Judentum atmet auf, weil Sie nicht mehr in den Wiener Gemeinderat zurückkehren. Nicht nur die jüdischen Proletarier, auch die jüdischen Kaufleute und jüdischen Gewerbetreibende» sind — nach der „Arbeiter-Zeitung", — über alhe Maßen beglückt davon. „Rrrtsch, rrrtsch, obidraht!" rief Dr. Karl Lueger nach seinem kräftigsten Sieg über die Wiener Judenliberalen und gleiche Siegesstimmung muß — nach der „Arbeiter- Zeitung" — bei der Meldung von Ihrer „Abkragelung" in der Nacht vom 24. auf den 25. April auf ben.fcl'acmc* literplatz sich ausgetobt haben. Ich war nicht zugegen, ich iveiß nicht, wie hoch dort die Wellen der jüdischen Begeisterung gegangen sind. Ich habe mir die ekstatischen jüdischen Brüder und Schwestern leider nicht angesehen. Schade. Vielleicht hätte ich das Antlitz manches Juden und mancher Jüdin erkannt, die ich im Laufe der acht Jahre Ihrer Gemeinderatstätigkeit zu Ihnen schickte. Verzweifelte Ausgewiesene, vom Wohnungsamt Bedrängte, bei der Heimatrechtswerbung Durchgefallenc, durch die Stenerpraxis Ruinierte usw. Erinnern Sie sich noch an die Deputation, die unter Ihrer Führung beim Stadtrat Richter vorsprach und an der auch ich teilzunehmen die Ehre hatte? Wir wiesen damals nach, daß neunzig Prozent der jüdischen HeimatrochtÄverber von Richter „geworfen" werden, neunzig Prozent der Juden aus der Leopoldstadt, deren' Ansvrnck' auf Seßhaftigkeit von der Bezircsvertretung einstimmig, also mit dem Votum der Christlichsozialen und anders gefärbten Antisemiten, nach sehr eingehender Prüfung aller Umstände als berechtigt erkannt worden war und die man dann doch mit einem harten „Nein" beschied? Erinnern Sie sich noch, wie in dieser Konferenz Herr Richter diese neunzig Prozent abgewiefene entrechtete Juden in pauschaliter als unsaubere, unlautere Elemente bezeichnte, und auf den Einwand, er sei rücksichtsloser, judenfeindlicher als selbst Dr. Karl Lueger «S war, mit schöner Offenheit antwortete, daß er in dieser Frage größere Aufrichtigkeit an den Tag lege, als es seinerzeit der antisemitische Herr von Wien tat? Erinnern Sie sich auch noch an jenen besonderen Fall des jüdischen Ladscheinschreivers der Nordbahn, den mir der sozialdemokratische Führer der Eisenbahnen unser geschätzter NikolsVurger Heimatsgenosse Dr. Oser überantwortet hatte, weil er im Wege der sozialdemokraiischen Eis.'r' .'.-nerkuoen',r.)a e Oed > zi" >> no.'.'aiifchen Machthabern nichts hätte ausrichten können und hoffte (wie der Erfolg zeigte, nicht mit Unrecht), durch uns, das heißt durch Sie, die Existenz dieses jüdischen Proletariers zu retten? Sie werden sich an diesen einzelnen Fall kaum erinnern, denn die. Summe der Einzelfälle, mit denen man Sie in diesen acht Jahren befaßte, dürfte die Anzahl Ihrer Leopoldstädter Wähler bei diesem Wahlgang um Erkleckliches übersteigen . .. Bor den Wahlen ist ein Manifest des geistigen Wien erschienen, mit welchem sich österreichische Gelehrte, Künstler und Schriftsteller zur österreichischen Sozialdemokratie und insbesondere zu ihren Kulturtaten bekannt haben. Die vielen Juden, die das Dokument mitunterfertigten, huldigten einer Sozialdemokratie, die sich dank der assimilatorischen jüdischen Führer gegen das Kulturtverk der Erneuerung und Errettung des Judentums auf palästinensischer Scholle ablehnend, ja feindlich stellt, durch den auf die Inden zugespitzten Sever-Erlaß kulturwidrige Juden- N e w Orleans, 27. April. Da die Ueberschwemmnngen andauern, hat der Gouverneur von Louisiana e.'ne Proklamation erlassen, worin der Ausnahmszustand erklärt und an geordnet wird, den Mississippidamm bei New Orleans zu sprengen. Es wird dies am 29. April mittags geschehen. Der künstliche Durchbruch wird eine Ausdehnung von ungefähr 600 Metern haben und wird g'nügon, um den Wasserstand des Flusses in New Orleans, das zehn Meilen von 'der Durchbruchsstelle entfernt ist, um d r e i F u ß z u s e n I e n. Die Trapper wollen den Durchbruch des Dammes gewaltsam verhindern und bal'LN ru T-M-nt Zwecke bewaffneteWachen ZAGREB AGRAM RESTAURANT KARMEL Petrin ska 26 Einzig streng orthodoxes Restaurant am Platze Vorzugliehe Küche Mäßige Preise feindschaft betätigt, die Gleichberechtigung der Juden bei Bewerbungen um Aemter verletzt, dem Parlament des> jüdischen Volkes, dem Zronistenkongreß, seine Mißachtung bekundet hat. Die jüdischen Unterfertiger jenes Aufrufes haben es mit sich selbst auszumachen, wenn ihr Verantwortungsgefühl die Vernachlässigung, ja Bekämpfung jüdischer Kulturforderungen durch das sozialdemokratische Wien billigt. Mer in den Tagen, da die Juden unbedenklich und nicht sehr würdig den Mächtigen dieses Landes huldigen, sei es mir gestattet, mich zu Ihnen, verehrter Herr Doktor Plafchkes, zu bekennen. Seit fünfzehn Jahren beobachte ich Ihre Gesinnung und Ihr Wirken aus nächster Nähe. Sie sind weder ein Sozialistenfresser, noch ein engstirnig ger Kleinbürger. Sie haben den, ach, so selten gewordenen Mut der Ueberzeugung, Ihr Charakter entbehrt so vollkommen jener Qualität, die man im politischen Leben mit einem perfiden Wort „Schmiegsamkeit" nennt, Ihr Herz ist von heißer Liebe zum Judentum erfüllt, Ihr mitunter allzu zorniges Draufgängertum entzündet sich an der namenlosen Schmach, in der unsere jüdischen Zeitgenossen sich noch immer wohl fühlen, an der Dumpfheit und Schwäche, von welchen mattere Herze» auch unter unseren Kombattanten befallen werden, wenn sie der Glanz und die Machtfülle einer Partei blendet, die ihre heiligsten Grundsätze vergißt, sowie es sich mn die Ihnen, lieber Dr. Plafchkes, so teuren, von Ihnen so tapfer verteidiglen Rechte des jüdischen Volkes handelt. Otto AbeleS.. aufgestellt. Der Widerstand wird damit begründet, daß nicht nur die einjährige Ernte, sondern auch für lange Jahre der pelzrtagende Wildbestand vernichtet würde und der Staat keine genügende Entschädigung zahlen will. Infolge des Durchbruches werden 100.000 Acres guten Landes überschwemmt werde«; indessen wird das Vorgehen von allen Behörden gebilligt. Die Nati0nalgarde von ganz Louisiana ist für den Fall eines bewaffneten Widerstandes seitens der Farmer vorfichtshalber auftzeboten werden. Man erwartet, daß die Stadt New Orleans für die erwachsenden Schäden austommen wird. .. - Ausuahmszustaud im MWffiPPigebiet. Set Lamm Sott Rew Orleans «atz gesprengt vetren. — Ile Ratlanalgatde wird ansgeboten Berliner Swischensaison. Bon Kurt Münzer. Jetzt ist es schick in Berlin, nach Malorca zu geh'n! Ueber Paris—Barcelona. Die Hotels sind teuer in Malorca: das zieht! Auch trifft man dort die meisten Exoten, Prinzessinnen aus afrikanischen Provinzen, Fürsten aus Indien, die mit den Perlenschltüren ihrer Frauen nur so um sich werfen, junge Amerikaner, die bestgewachfenen Männer der Welt. Daneben ist Nordafrika sehr in Mode, Italien ist überwunden, in den Neapler Hotels sitzt nur noch Mittelstand. So geschieht es, daß Berlin leer ist, im wetterwendischen Ausgang des April, die Zwischensaison gähnt, die Theater hat «man längst über, in den Kinos lösen sich verzweifelt auf- , gesparte Filme sterbender Gesellschaften ab, und wenn ein Konzert in der Woche lockt, ist es schon viel. Es ist amüsanter, nachts, unter Scheinwerfern, im „Schn i> palast" zu rodeln, Ski zu springen, indes Girls sich beinewerfend überschlagen in den künstlichen Eisgrotten und braungeschminkte Jünglinge Natur und Kraft illusionieren. Nie kam etwas zu gelegenerer Zeit als dieser künstliche Schnee; es ist der erste, den Berlin seit Jahren wieder hat und er bleibt liegen, trotz Sonne und Sommer. Musik, Wiener Schnitzel, zweitausend Menschen — und ein Eispanorama, in den» man noch dazu spazieren gehen darf. So greift denn das Künstlertheater zum Rehfisch Bei den: ist alles so massiver Theate,Effekt, so witzige Szenerie, Ueberraschung, überkaiserttch, daß man sich volle Häuser versprechen kann. Rehfisch produziert wie mein Kätzchen, das im Jahr acht wirft, totgeboeen keines, aber zu langem Leben — wieviel bestimmt? Dieser „Skandal in Amerika" ist nun beinahe totgeboren. Trotz szenischer Einfälle. Erster Akt (man hat bis zum Schluß mjit Sehen zu tun): Luxus-Ueberseedampfer, drei Etlltzen: Oberdeck (0 Natur!), Salons (pfui, Gesellschaft!), Zwischendeck (ah — Proletariat!). Wahrhaftig, man kommt nicht zum Hören, entnimmt aber schließlich dem Verlauf, daß der Steward ein deutscher Offizier ist, die Dame eine Kokotte, der spuckende Amerikaner ein Präsident. Es ist großer Film, infolgedessen jedes Wort zuvt.'l. Alles so handgreiflich, daß man nicht einmal Zwischentitel brauchte. Dritter Akt: Opernball, Loge, Manifest-Deklamation. . . Kein Skandal, aber eine Katastrophe. Das zuerst von Schiff, Kniefällen, Spucken, Toiletten entflammte Publikum wurde bitter enttäuscht. Im „Schneepalast" wäre es amüsanter gewesen. Dabei e;n Terzett glänzender Darsteller:, Roberts, Förster, Sibylle Binder mit dem Reiz ihres Leiblichen und Stimmlichen. Ebenso fruchtbar wie mein achtfaches Mütterchen — zur Zeit umkosen fünf Katzenwese» das entzückende Spielzeug meiner tanzenden Schreibftder — ist Hans H. Zerlett, der im Theater am Kurfürstendamm „Me Kleine auf Besuch" kommen läßt, natürlich eine Berlinerin mit Schnäuzchen in feudales Haus, worauf sich am Schluß alles Weibliche verlobt. Zumal mit dem Wiener Karl weis, der an Trude Lieske eine routinierte Partnerin hat. Solche Berliner Soubrette ist eigentlich nur in Berlin möglich. Kalte Routtne, aalglatte Weiblichkeit, nüchterne Koketterie. Im Grunde ganz reizlos, statt Flanmre innen, Feuerwerk außen. Nicht sie spielt: es wird mit ihr Theater gespielt. Sie wirkt mit, aber sie wirkt nicht. Jedoch, natürlich: Erfolg, der die Provinzinvasion des Sommers überdauern wird. Robert Gilbert hat dir übliche Musik dazu gemacht, in den alten Schlagerschablonen. Aber ein Name sek doch dem Bühnenwirrwarr entrissen: Klara Karry, die das hat, was wirkt, anzieht, betört. Ueber all diesem Kleinkram übersah Berlin die Möglichkeit eines Erlebnisses: Hugo Rüdel führte mit seinem herrlichen Domchor (Knabenstimmen) die Markus-Passion des jungen K u r t T h 0 m a s auf, ein a eapella-Chorwerk von großartiger mnsikalischer Durchführung, von einem Erfindungsreichtum, der auf diesem Gebiet, in diesem engen Rahmen geradezu genial ist. Das Choralartige ganz original, noch nie gehört; der Sprachgesang immer wieder wunderbar variiert, die gesanglichen Steigerungen klanglick) mit Jnstrumentaggefühl gefärbt, das Gehörseindrücke unbekannter Täuschungen entstanden. Welcher Tröste daß eS dock, Künstler gibt, die selbst heute so von außen lveg zum entlegen Erhabenen schaffen, die auf alle billige und leichte Wirkung verzichten und mit heiligem Ernst in die Einsamkeit gehen. Diese Markus-Passion und Foneggers „David" sind in der Uferlvstgkeit der neuen Musik zwei Tempelinseln. Auch wie aus heiligen Räumen schallen die Stimmen von Battistini, von der Destinn. Die des Mannes llingt aus dem Glanz der Vergangenheit und hat ihn noch heute bewahrt. Und Emmi Destinn — nach Jahrzehnten wieder leibhaft in Berlin, nicht mehr nur Echo im Grammophon, Plattengespenst — die große Destinn hat noch immer das herzbewegende Schluchzen im Ton (wie ihr einziger Partner Caruso), diesen unnachahmlichen Ansatz, den samttgen Timbre, den glühenden Klang, das erregend Menschliche in der Kantllene. Abgelebte Zeiten kehren wieder, wenn diese großen Künstler die Philharmonie füllen. Und all die vielen Grauköpfe im Saal haben einmal einen Triumph über die kecken Jungen: sie haben die unvergleichlich herrlichen Opernabende erlebt, die nie wieder klingenden Ensembles. .. Und nun ist es zu Ende mit den große,: Abenden. F u r t w ä n g l e r hat sein letztes Konzert dirigiert, aus Amerika unverändert zurückgekehrt, beim Abschied von Zurufen, Taschentüchern, Tränen begleitet. Zweimal machte er die Philharmonie ausverkauft, er strömt doch die größte Suggestion aller Stobmeister aus. Und Schlußabend der Solisten war Elli Ney, die genialste unserer spielende» Frauen, auch wo sie eigen willig, unwirsch, übermüttg ist: überzeugende Persönlich keit, hinreißender Furor, feuriger Mensch Sie spielte (mir den Philharmonikern) drei große Konzerte: Brahms, Beethoven und den neuen Ernst Toch dem von seinen drei Sätzen zumindest die beiden Ecksätze überraschend gelungen sind, Ausbrüche musikalischen Dranges, leidenschaftlich«,, Erfühlens aller Mangmöglichkeiten, alletonlichen Ausdruckes. Er gibt Orchester und Klavier neue Aufgaben zu erfüllen. Elli Ney tat es restlos, sie hat die Kraft des Mannes ebenso rvie die sanfte Eindringlichkeit der Frau; ein höchst lebendes Geschöpf ist diese Künstlerin. Und Ungewöhnliches leistete das Orchester unter Ellis Gatten, Willem van H 0 0 g st r a t en, der an diesem Abend für Berlin entdeckt wurde (nachdem Amerika ihn längstens schätzt und beschäftigt). Ein Dirigent großen Ausmaßes, ebenso routtniert wie seelisch beteiligt, die alten Konzerte neu aufhellend, eindringlich sparsam in der Geste und doch das OrcheMr sofort an sich reißend. Zwei ausgesprochene Künstler, großes Werk gemeinsam nachschaffend, zwei Stunden musizieren zu hören: edler, großartiger, beglückend«« konnte dieser Winter Musik nicht verklinge'

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