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Wiener Morgenzeitung · 1927-04-27 · Heft 2932 (27.4.1927) · p. Seite 7

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
9 (1927)
Issue
Heft 2932 (27.4.1927)
Date
1927-04-27
Page
Seite 7 (sequence 7)
Language
German
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Nr. 2932 «QSIvTi^ «Uvi'lISuuC^ Wiener Mergenzettmrs 21. Aprll 1927 Seit« 7 Osr Latin ctss Mosss Msutnsr Lin Wiener»- Roman Copyright 1927 by R. Löwit Verlag, Wien — Laiptlg Herr Weis, ein kleiner alter Mann, faß aWmMloS in seinem Zimmer, das an den Verkaufsladen grenzte, und speiste. — „Was wollen Sie schon wieder?" fuhr er ans Gustav kos. ,^Fch Hab' Ihnen ja heut' früh gesagt, daß ich Sie nicht tmsnehmen kann!" — „Herr Weil! -Ich will — ich will die Politik lassen, ich will ..." — „Gehen Sie hinaus! Hinaus! Was kommen Sie da hinein? Warten Sie draußen!" Und er erhob sich Ivütend und wollte Gustav hinausführen. — Da sah er Gustavs Augen, die weit aufgerissenen Augen. Die dunklen Stern?, sonst so lieb und traut, verschwanden fast in denk weißen Meer Lies Hasses. Der Mte erschrak, wollte nach dem Verkäufer rustn, aber seine Lippen bebten, und er lallte bloß ängstlich: „Was — Wolken — Sie von mir?" — „Arbeit, Herr Weil! Arbeit! Ich wuß arbeiten, ich Hab' . . ." Hunger wollte er sagen. Aber in dem Augenblick schoß — wie eine Feuersäule zum Himmel — das Mitleid mit sich selbst ihm so heiß in den Sinn, daß er vor Rührung zitterte und nicht mehr sprechen konnte. Der wilde Ausdruck schwand aus seinem Gesicht, lmjp der alte Herr sah erstaunt auf lden verwandelten jungen Menschen, und da sein Herz nicht ganz verstockt war, sprach' .er: „Ist Ihnen mit einer Aushilfe für einen Dag gedient?" — „O ja!" — Drei Wochen fiitb seither vergangen. Die Aushilfe ist ein Defimtivum gewordeir Und Gustav wäre geborgen gewesen, Da gab es eine Wahlrechtsdemonstration; eine 'Wahldenronstration auf der Andrassystraße und Gustav, wie er cchubte, durfte nicht fehlen. Sein Gewissen beruhigte er mit dem kleinen Sophisma, daß er politische Enthaltsamkeit bloß innerhalb des Betriebes gelobt hätte und Ne Demonstration außerhalb des Betriebes sei. — In geschlossenen Reihen zogen Ne ungarischen Sozia- 1 i freit/ unter ihnen das kleine Häuflein der deutschspvechendm Sozialisten, über die Andrassystraße, als einer der Führer, Genosse Kokoszvary, daherstürmte: „Genossen!" rief ex zu den deutschen Sozialisten utit weithin schallender Stimm?: „Genossen! Jetzt oder nie! Es geht ihnen an d?n Kragen'!" —i „Wem?" fragte Gustav. — „Das ist wieder eine Frag'! Der Regierung natürlich! Militär rückt aus! Sie wissen sich nicht mehr zu helfen! Aber heut' geben wir nicht nach! Wir'erringen es! Ich sag' euch: Wir erringen HÄrt' das Wahlrecht!" — — Ein wohlbeleibter, deutsche Genosse, der — innerlich widerstrebend, nur dem Gebote der Masse gehorchend — mithumpelte, rief ängstlich fragend: „Und wenn geschossen wird?" — „Aber woher?" erwiderte Kvlvszvary. „Sie wollen uns ja nNr schrecken! Hört nur die Begeisterung unserer Leute!" — Tatsächlich ertönteir von allen Seiten Rufe, die Gustav zwar nicht verstand, aber ,-Eljen" schrie er immer mit. — Immer neue Massen kamen auf di? Lludrassystmße^md die Wache wurde schließlich nervös. Zunächst fing sie einige Schreier ans der Masse. Wahllos, so wie die Fifchlein aus dein Teiche. Die Verhafteten sollten sogleich.-abgeführt werden..Dagegen tvehrt? sich die: Masse, Da zogen die Konstabler die Säbel ititjb die Berittenen lenkten geschickt ihre Rößlern in das Volk hinein. Da eilte der Sozialistenfrrhrer 'Pfeiffer — 'der bei der Wache das von Leopold Htchler. (17. Fortsitznug.) s Die neuen Schlager unserer Bücherschwemme Up ton Sinclair: Der Sumpf Hundert Prozent Jimmie higgins Man nennt mich Zimmermann Samuel, der Suchende Der Liebe Pilgerfahrt Der Industriebaron König, Kohle“. Die Metropole Die Wechsler Nach der Sintflut 5 Bände in Kassette 8 20.—. Maxim Gorki: Foma Gordejew Drei Menschen Eine Beichte Verlorene Leute und andere Erzählungen Die Holzflößer und andere Erzählungen Märchen der Wirklichkeit Wie ein Mensch geboren ward Der Spitzel Broschiert 8 2.—, geh. 8 3— pro Band. Einzelbände: Die Metropole Die Wechsler Nach der Sintflut In Pappe geh. je 8 4.—, in Halbleder geh. je 8 S. Der Industriebaron König Kohle R. LÖW1T, WIEN. 1 Rotenturmstrafle n meiste Ansehen gM>ß — herber wid sprach, heftig gestikulierend, zu den Polizisten. Gustav verstand nicht, was er sprach, aber er merkte, daß er den Verhafteten beiflehen wolledies gefiel ihm und er schrie mit aller Kraft: „Elejn Pfeiffer!" Aber kaum war“ ihm der Ruf entfahren, „wollte er's im Busen bewahren," denn plötzlich — wie aus einer Versenkung heraus — standen zwei Konstabler neben ihm, nahmen ihn freundschaftlich unter ihre Arme und führen ihn aus dem Gedränge. „Warum?" fragte Gustav. Die beiden Herren schwiegen und führten Nn Verhafteten weiter. Da blieb Gustav stehen, stemmte sich wie ein Füllen gegen bas Polizistenjoch und wollte nicht weiter. „Puff, puff," erhielt er ein leichtes Strmulantrum. ,^Oho!" rief Gustav, aber die beiden Herren waren noch immer nicht geneigt, mit ihm zu konferieren, und führten ihn stumm durch stille Seitengassen zu einem düsteren Hause, dem Bezirkskommissariat, und dort — wie der Fischer nach einem glücklichen Fang — schütteten sie ihn in den Behälter, nämlich in de» Hof — zu dien übrigen Verhafteten — und dann zogen sie “wieder nach neuer Beute ans unld kehrten bald wieder mit frischen Fischlein zurück. — Es teert ein Glück, daß die Demonstration bald endete, denn der Hof des Polizeigefängnisses konnte nichts mehr fassen. Dicht gelängt, Kopf an Kopf, .standen die Verhafteten im Hofe, Ms sie «Mich Um sechs Uhr abends — in Häuflern zu drei Und vier Mann — vor dien Kvntmissär geführt wurden. — Gustav kam mit.einieM deutschen und zwei ungarischen Genossen vor den Gewaltigen. Der Kommissär richtet? einige ungarische Worte an Gustav. ,/Jch bitte, Herr'Beamter!" sagte Gustav, „rch kann nicht Ungarisch!" Der Titel ,^Herr Söeomter" verdroß den Kommissär Unjd> er fragte barsch, aber deutsch: „Me heißen Sie?" — „Warum, Herr Beamter, bin ich hier?" — „Ruhig!" brüllte der Kommissär. „Antworten Sie auf das, was ich frage! Sie stehen hier vor einem königlich ungarischen Polizeikominissär!" Woraus Gustav sehr verlegen erwiderte: „Pardon! Herr königlich ungarischer Polizeikommissär! Ach Heiße . . Er vollendete nicht, denn >ein Schmunzeln, gleich einem Sonnenstrahl, zog Unsere RStfettontnrrem. SetlBnnetuiiB dm einfennetetinlnes tu 8.9teL Aus Leserkreise« des Inlandes und Auslandes sind' uns viele Zltschriften zugekommen, in welchen wir ersucht werden, durch Erstreckung des Einsendetermines für imsere Rü'tselkonkurrenz «och die Möglichkeit zu geben, an der Konkurrenz teilzunehmen. Obwohl der Einlauf der Rätsel« löfungen außerordentlich angewachsen ist, sehen wir uns doch veranlaßt, den Siniendetennln entsttttig dir jutn 8. anal zu derinnner«. Wir senden daher die vielfach verlangten Ersatzexemplare von Nummern unseres Blattes, welche die ein- . zelnon Rätsel enthalten, auch weiterhin ab, und es haben auch diejenigen, denen einzelne Nummern der „Wiener Morgenzeitung" zwecks Beteiligung an der Konkurrenz fehlen, noch Gelegenheit, die betreffenden Exemplare unseres Blattes bei uns zu beziehen. in dein düsteren Raum über die Gesichter aller, die deutsch verstanden. Der Kommissär hob das Blatt, iwraus er Gustavs Nationale schreiben wollte, Hielt es in die Höh? zum Lichü und vor sein Gesicht; wahrscheinlich, Um besser zu sehen; vielleicht auch, um nicht gesehen zu werden. — Der deutsche Genosse, ein guter “Freund Gustavs, zerrte "ihn am'Rock?. „Was willst du?" fragte Gustav leise, Und ahnungsvoll fügte er flüsternd hinzu: „Wie soll ich ihn denn ansprechen?" — „Herr Komnrissär! Du Trottel!" zischte der deutsche Genosse. — Der königlich ungarische Kommissär hatte indes wieder seine volle Sehkraft erlangt. Er legte das Blatt aus den Schreibtisch und fragte mit zusa mmengeknifsenen Lippen r „Wie heißen Sie?" — „Gustav Mautner." Als das Nationale ausgenommen war, sprach der inffsär: „Sie habeil gerufen: ,Nieder mit der RegiergnMäE^ Tod dm Kapitalisten!'" — Wie ein neugeborenes blickte Gustav zum Kommissär und rief: „Ich? Aah! Me?"^ Da verlor der arme Kommissär wieder sein Augenlicht unjd hob! rasch das Blatt zum Gesicht. Gustav wiederholte: ,Hch? Ich' 'Hab' das gerufen?!" — „Ja. Sie haben das gerufen.^ „Ich Hab' nur ,Elsen, Pfeiffer!' gerufen. Sonst nichts." (Fortsetzung folgt.) I ooooexxx)ooocoootxxxx>ooo(x»oöocxx3oooQOQ«»Bog»ara3iQOQagKxsooc^^ jahten hingegen die Frage auf das Vergehen der Verspottung von Einrichtungen einer gesetzlich anerkannten Religion'sgesellschaft. mit acht gingen vier Stimmen für Koever, vernein ten jedoch diese Frage bezüglich der beiden anderen Angeklgaten. Aus Grund dieses Verdikts wurd? Koever bedingt mit dreijähriger ^Bewährungsfrist. zn einem Monat strengen Arrest verurteilt, die beiden anderen Äntzeklagten jedoch fr ei gesprochen. Ser elfte GotteslSfterunnsvrozeß in der Republik. Wegen Religionsstörung und.Gotteslästererreg — es ist dies der erste derartige Prozeß seit dem Uursturz — hatten sich gestern vor den Geschwornen drei Atheisten, die dem' „Bund der Herrschaftsloserl Sozialisten" angehörerr, zu. verantworten. Irr der vom Pressestaatsanwalt Dr. Schwartz vertretenen Anklage wird dem 25jährigen urrgarisch?» Journalisten Georg Koever, dem 23jähngen Hilfsarbeiter Ernst Nasicek urrd deM 23jährigen Tischlergchilfen Josef lEdlinger zur Last gelegt, daß sie durch Verbreitung eines Romanfragmentes unter dem Titel „Der zweite Sohn Gottes auf der Weltreise" die inkriminierten Delikte begangen hätten. In der Broschüre wurden die Lehren der christlichere Kirche von der Menschwerdung Christi Und der Erlösung sowie die Jungfräulichkeit Marias verspottet und Gott gelästert. In dein Roman hieß es, daß Gott Vater nach der Geburt seines ersten Sohnes 1881 Jahre später einen zweiten Sohn zur Welt geschickt Hab? mit dem Aufträge, den gegenwärtigen Stand des Schöpsnngswerkes zU inspizieren. Dieser,zweite Sohn Gottes Hab? in Budapest die Erde betreten und sei sofort von der Polizei sestgenornrnen worden, da er ausweislos rvar und Nur eine Schwemmhose trug. Später stahl er aus Hurrger einen Apfel Und kam so abermals mit der Polizei in Konflikt. In der Mensa der Techniker wurde er wegen seines jüdischen Aussehens. beleidigt und zu einem Duell gezwungen. Sein älterer Brrrder Jesus Christus beantwortet?ttten Brief urrd dieses Antwortschreiberl benützt der Verfasser des Ronranrres zu scharfen Angriffeil gegen die Priester. Im ztveiten Mschnitt des Romanes wurde der zweite Sohn Gottes als Luftschiffer vorgeführt Die weiteren Fortsetzungen des Romarres konnten nicht mehr erschemerr, weil schon d?r erste Teil beschlagnahmt wurde. Bon der ersten Romanfortsetzung wurden etwa 600 Exerrrplare auf denr Zentralfriedhvf aU Gräberbesircher verkauft und verschenkt. Zu ihrer Verantwortung brachterr die Angeklagten vor, haß ihnen als Konfessionslosere der Inhalt des Buches, dessen Verfasser Koever ist — die übrige» zwei Angeklagten besorgten nur den Vertrieb —- nicht als Gotteslästerung erschienen sei Sie wollten nur in satirischer Weise die Lehren: des AtheisNlUs zun: Ausdruck bringen, aber keine Beleidigung einer Religioitsgesellschaft begehen Koever führte in einer pathetischen Rede aus, daß die Menschheit seiner Ansicht nach in Atheisten, Militaristen und Pazifisten zerfalle. Die letzte Gruppe seien wirklich gläubige Menschen. Eine Feldmesse beispielÄveise, die zum Krieg ermuntere, sei eine Gotteslästerung. Die Verhandlung tvurde in später AbeUdstniide zu Errde geführt. Die Geschwornen verneinten die Hauptsrage a!us Gotteslästermig nyt sieben gegen fünf Stimmen, b?- Wichtige Eatscheibungen in Mietprozeßen. Das Wiener Stadtbanamt hatte ifc Trockenlegung einer Hausbesorgerwohnung verfügt, die aber irach Aussage des Sachvar-' ständigen Kommerzialrat Qnidenus einen mit Rücksicht auf den schlechten Zustand des Hauses unverhältnismäßig hohen Bauaufwand erfordert hätte. Der Hauseigentümer hatte um Deutvlierungserlaubnis angesucht, Mrrde aber abgetoiesen.. Die Nepäraturtosteir wurden ztvar von der Mietkommission aus die Meter ü b e r w ü l z t, der Hauseigentümer kiindigte aber dennoch einer Partei, um diese Wohnung für den Hausbesorger freizumachen. Die feuchte Wohnung wollte er leer stehen lassen. Diese Kündigung wurde vom Bezirksgericht Josesstadt für unwirksam erklärt. Das Landesgericht hob diese Ent-- scheidung aus und verlmes den Streit zur Erhebutlg der >UnverhälMisnräßigkeit der Reparniurkosten an Das Erstgericht zurück. In der Folge gaben alle drei In stanzen der Kündigung statt, weit ein Aufwand von 3000 Schilling für dio Trockenlegung mit Rücksicht'aus das Sachverständigengutachten nicht rationell sei und daher fiir den Hauseigentümer ein wichtiger! Kündignngsgrnnd gegeben. war. Der Obersie Gerichtsh o f erklärte m seiner Urteilsbegründung, daß der Hauseigentümer nicht verhalten-werden könne, mit seinen! Eigentum zmwirtschaftlich uinzugeheil, uni die Interessen der Mieter nicht zu verletzen. Auch wenn die Mieter die Reparaturkosten, zu zahlen hätten, so wäre dies eine Bergeuduilg des VvlksvermögenS. Bei der Privaten Rosa Chalupka lvar seit März 1925 Herr Leo Politzer als Untennieler wohnhaft. Anfangs Dezember wurde ihnr das in Unteriniete bewohnte Zimmer tonte Wohnungsamt zugewiesen, so daß er gleichfalls Haupt Mieter wurde. 9iach Vene Erlöschen des Anfordernngsgesetzes kündigte Frau Chalupka dein zngewiesenen Untermieter wegen Eigonrbedarses daS Ziminer. Das Bezirksgericht Landstraße wies die Kündigung a b, weil die Klägerin zur Kündigung «irres Hauptnrieters nicht legitimiert war. Das Landesgericht als Berufungsinstanz hob dieses Urteil auf und wies die Streitsache alt die erste Jrestanz zur Prüfung der Noiwend-igkeit des Eigenbedarses zurück. Der Beklagte erhob nun gegen diesen Rückverweisungsbeschluß den Rekurs au den Obersten Gerichtshof. Dieser wies den Rekurs als unbegründet zurück, weil der Beklagte nach Wegfall des Anforderuiegsgesetzes nicht mehr als Hauptmieter, sondern als Unterrnieter anznsehen sei. Würde nean ihn auch tveiterhin als Hauptmietee anerkennen, so wäre dies ein den tatsächlicher, BerhäÜnijWrr entgegengesetzter^ Rechtszusrand. Es gehe nicht an, daß der Meter eireeS einzelnen ZimrnerS zu dein Mieter der ganzen Wvhmma in gar teigem Rechtsverhätt»eis stehe.

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