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Wiener Morgenzeitung · 1927-04-27 · Heft 2932 (27.4.1927) · p. Seite 3

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
9 (1927)
Issue
Heft 2932 (27.4.1927)
Date
1927-04-27
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 2932 Wien, Mittwoch Wiener Morgenzeltung 27. April 1927 Seit« 8 Tagesbericht. Rassische Reinheit. Alle germanisch-arischen RasseforschungS-Beflissenen, die für ihre geiisttgen Führer eine Art Hundestammbuch aufgelegt haben, stimmen darin «überein, dah der Plattfuß ein semitrsihisoimr! sicher und deshalb höchst verächtlicher Körperfehler fei. Im Kriege war der Plattfuß für jeden arischen HinterlandS-S'iegfriedler eine herrliche Eigenschaft, weil sie für gewöhnlich frontdienstuntauglich machte. Seither ist er wieder jüdisch geworden, und wir können e4 in jedem völkischen Zeitweiser vor und nach Noresa lesen, daß die Juden ein Plattfuß- Geschlecht sind, von dem sich jedes blonde Gretchen mit Schauder abzuwenden hat. Ganz so scheint das aber doch nicht zu stimmen. Denn da veröffentlicht der auf Wotan eingeschworene „Deutschnationale HandelSgehilfenverband" in der Berliner Wochenend^luSftellung eine Statistik der bei seinen Mitgliedern austretenden Krankheiten. Me 'Unterlage bietet eine ärztliche Untersuchung der deutschnationalen Turner, also der Blüte rasiischer Reinheit. Und diese Statistik sagt, daß 50 Prozent dieser edlen Jugend auf Plattfüßen durch dieses Leben hatscht. . . . Heiliger Loki, was sagst du dazu? Leider aber ist es möglich, daß sich der Stamm dieser Plattfuß-Indianer auch in der Zukunft erheblich verstärken wird. Die Buchungshaupt stelle Deutschen Adels deutscher Art — so was gibt eS wirklich — stößt im „Deutschen DdelSblatt" einen herzbewegenden Notschrei aus. Zwsi junge deutsche Adelige von ausgesprochen rassischem Empfinden haben in der allerletzten Zeit Mädchen geheiratet, die durch ihre Mutter oder eine Großmutter jüdisches Blut haben. Diese abtrünnigen Gesellen hat die Strafe ereilt. Sie ist streng, aber gerecht. Die waren bereits in das Stammbuch ...Edda" einge'ragen und wurden gestrichen. Gut. Mer die Folgen ihrer Tat! Wenn so ein zuRlnftlger Bodo oder Kreuztvendciich auf Platifüßen in Walhall erscheint — welch Weh.arch>ä> wallender Wotan! Diese Slan-mhuchmacher arbeiten schon seit geraumer Zeit. Heine hat einux iw,Hafte Bemerkungen über sie gemacht. Aber sie sind treu und mit deutscher Gründlichkeit am Werke. Wenn fle auch nicht immer Verständnis finden und sogar Nietzsche für diese Art Uebermenschen keine Sympathie bewies. Wahrscheinlich war vT auch ein rassisch gemachtes Geschöpf. Theodor Fritsch hat ihm vor 40 Jahren so einen Rassewisch gejch'.ckt und einen Brief erhalten, den er jetzt im Kammer'' unter fürchterlichem Stöhnen über Alljudas Macht abdruckt. Nietzsche schreibt: „Nizza (vor der Mreife), den 29. März 1337. Lehr geehrter Herr! Hiermit übersende ich Ihnen die drei übersendeten Nummern Ihres Korrejpon^enzblartes zurück, für das Vertrauen dankend, mit dem Sie mir erlaubten, in den Prinzipienwirrwarr auf dem Grunde dieser wunderlichen Bewegung einen Blick zu tun. Doch bitte ich darum, mich fürderhin nicht mehr mit -Liesen Zusendungen zu bedenken: ich fürchte zuletzt für meine Geduld. Glauben Sie m'.r: dieses abscheuliche Mitred: nwollen naiver Dilettanten über den Wer: von Menschen und Rassen, diese Unterwerfung unter „Autoritäten", welche von jedem besonneneren Geiste mit kalter Verachtung abgelehnt werde:, (zum Beispiel E. Dühring, R. Wagner, Ebrai-, Wahrmund. P. de Lagarde — wer von ihnen ist in Fragen der Moral und Historie der anberechligste, angerechteste?). diese beständigen, absurden Fälschungen der vagen Begriffe „germanisch", „semitisch", „arrch", »christlich", „deutsch" — daS alles könnte mich auf die Dauer ernsthaft erzürnen und auS dem ironischen Wohlwollen herausbringen, mit dem ich bisher den tugendhaften Delleitäken und Pharisäismen der jetzigen Deutschen zugesehen habe. Und, zuletzt, waS glauben Sie, daß ich empfinde, wenn der Name Zarathustra von Antisemiten :n den Mund genommen wird? Ihr ergebenster Dr. Fr. Nietzsche/ Und diesen Nietzsche haben die echten deutschen Männer anno 1914 angebetrt! Das ist wieder so ein Geheimnis der Weisen von Zion gewesen und Fritsch hat 40 Jahre lärm den Brief bei sich getragen. Hat er etwa auch Plattfüße? Sie Rlesenüberschwemmungen in Amerika. «M Muoplir. — 60.0M Snrtnen zerstört. - Set mmm ein Binnensee. Paris, 26. Tlpril. Nach Berichten aus Newyork hat die Ueverschweimnung deS Mississippi und seiner Nebenflüsse 60.000 Farmen zerstört. Der Schaden beträgt über eine Milliarde. Die Zahl der Todesopfer wird mit 500 angegeben. Das amerikanische Rote Kreuz richtet an die Bevölkerung einen Aufruf, unverzüglich 23 Millionen Dollar zur Hilfeleistung während der nächsten Wochen zu zeichnen. Der Mississippi bildet einen gewaltigen Binnensee von 25.900 Ou^dratkiwmetern, der sich von Nerv» Madrid und St. Louis bis zum Delti des großen FlusteS in Lousiana und New-Orleans au-dehnt. Die Fluten treiben die Leichen der umgekommenen Haustiere mit sich. In Befürchtung einer TyphnSepidemie sind durch Wasserflugzeuge an die auf die Dächer geflüchteten Bewohner Medikamente verteilt worden. Nach Mitteilung der von der Regierung entsendeten technischen Fachleute wird das Niveau der Heberschwemmung drei bis vier Wochen in gleicher Höhe bleiben. F« Moorüoot Mer den Szea«. Ueberquerung in SV Stunden? Mailand, 26. April. Der bekannte Automobilfabrikant Bugatti hat ein Motorboot konstruiert, mit dem er die Ueberquerung des Atlantischen Ozeans von Europa nach Nenchork in 60 Stu.nden zu vollbringen hofft. Das Boot, das einem Unterseeboot ähnlich ist, ist 25 Meter lang, 3 Meter breit und hat 8 Motoren, die 2100 Pferdestärken entwickeln und eine G.schwindigkeit von 100 Kilometern. in der Stunde entfalten. Das Boot kann ‘ acht Passagiere und Betriebsstoff für 60 Stunden mitnehmen Tödlicher FlugzeugMurz. N e w h o r k, 26. April. Das Flugzeug des Fliegerlcutnants Davis, mit dem dieser an dem Wettflug Newyork—Paris tellnehmen wollte, ist heute bei einem Brrsuchsflug abgestürzt. Leutnant Davis und ein zweiter Fliegerofsizier wurden getötet. Das Flugzmg ist zerstört. 8to sensationeller Mordvrozeb. B u dap e st, 26. April. Vor dem KecÄemeter Strafgericht begann heute der Mordprozeß gegen den Kaufmann Franz Schmidt aus Jakab-Szobadszallas, der *ttt Mai 1926 den Pfarrer der Gemeinde, G-otg Magyar, in der .Kirche vor dem Hochaltar mit eimm Rem-lv-rfchuß getötet und nach vollbrachter Tat sich sellyt mit einer Revol-verkugel schtoer verletzt bat. Schmidi, der im Gefängnisfpital nach vielen Monaten von feinrr Schußverkhung genesen ist, verantworte:» sich h:ute vor dem Strafgericht damit, daß er den Plärrer Magyar gehaßt habe, weil dieser einen zügellosen Lebenswandel geführt und allen FrauendesDorfes, darunter auch seiner Frau, nach ge stellt habe. Als er den Pfarrer zur Rede stellte, habe ihn Magyar mit seiner Feindschaft verfolgt. Die Gattin des Angeklagten gab als Zeugin an, der ermordete Pfarrer habe sie mit unsittlichen Anträgen verfolgt und ihr gedroht» ihr Mann werde die SchanKonzeffion, die er in Jokab-Szabadszaltas ansttebte, nicht erhalten, wenn sie nicht ein Liebesverhältnis mit ihm eingche. Sie habe dies ihrem Manne mitgeteilt, der darüber verzweifelt war und Selbstmordabsichten äußerte. Die Verhandlung wurde um 8 Nhr abends auf morgen vormittags vertagt. KamnmMenvrrhaftnngea in Pole». Berlin, 26. April. Nach einem Warschauer Telegramm des „Berliner Tageblattes" drang die Polizei in ein Lokal ein, in dem eine Festveranstaltung jüdischer Handelsange st ellter stattfand. Sie verhaftete 60 Festteilnehmer, darunter 14 Beamte der sowjetrusiischen Gesandtschaft in Warschau. Die Verhaftung erfolgte, weil die Handelsangestellten angeblich einen Umzug für den I. Mai vorbereiteten. Die verhafteten Beamten der russischen Soivjetgesanbtschaft sind bisher noch nicht freigelassen worden. Die poetische Polizei hat außerdem noch zahlreiche Kon:munisten in verschiedenen Städten von Mittel- und Ostgalizien verhaftet. Schwere Stürme in der Nordsee. Hamburg, 26. April. In der Nordsee toben seit 48 Stunden schwere Stürme, die die Schiffahrt stark behindern und teilweise sogar lahmgelegt haben. Die meisten auf der Ausreise befindlichen Schiff« mußten Nothäfen anlaufen. Auf verschiedenen dänischen Inseln wurden durch den Sturm schwere Schäden angerichtet. Die Temperatur ist auf drei Grad Wärme gesunken. Die Stürme sind immer wieder von Wolkenbrüchen und heftigen Hagelschauern begleitet. Prllftdent Masarhk kn Konstantknopel. K o n st a n t i n o p e l, 26. April. Präsident M a s a * r y I traf gestern, von Athen kommend, mit dem Dampfer „Theodora" vom „Llohd Tviestino" in Ko'nsta>nt'inopel ein. Masaryk reist mit seiner Tochter unter «dem Namen Professor Mardsen. Er wohnt hier beim tschechoslowakischen Gesandten. . und sie hatten nur den europäischen Konsuln ihre Befreiung zu danken. Rama und Hebron sucht der Wanderer auf. In Jerusalem und ringsum im ganzen Lande geht er zu den heiligen Stätten; seinen Bericht schmückt er mit all jenen reizvollen kleinen Sagen,' die sich um jene Orte gebildet haben. Tiberias und Zephat findet er fast völlig zerstört vor: bei einem Erdbeben 1837 kamen viele hundert Juden und Mohammedaner um. Schon einige Jahre vorher hatte die Juden von Zephat ein großes Unglück ^rtroffen: 1834 überfielen die Drusen vom Libanon (von denen im übrigen ganz merkwürdige Dinge erzählt werden) die Stadt und plünderten sie über einen Monat lang; die Synagogen wurden zerstört und die Gesetzesrollen vernichtet. Die Juden von Liberias erkauften sich, um gleichem Schicksal zu entgehen, Schonung mit einem Lösegeld. Die Juden lebten zu jener Zeit in Palästina im ttefsten El-nd und in fortwährender Bedrückung. Sicherheit kannten sie nicht; sie waren von den willkürlichen Anordnungen der Schecks und Paschas abhängig; nur die europäischen Konsuln nahmen sich der Unterdrückten zuweilen an. Steuern von willkürlicher Höhe, unter beliebigem Borwande erhoben, brachten ganze Gemeinden an den Bettelstab. Gegen Raub an ihrem Eigentum waren sie machtlos. Tätlichkeiten aller Art, von unglaublicher Roheit, wiederholten sich fast täglich, so daß die Juden nicht einmal des nackten Lebens sicher waren. Und da diesen Bedauernstverten fast jede Erwerbsquelle verschlossen war, so herrschte im ganzen Lande eine Armut unter der jüdischen Bevölkerung, u>ie sie der Reisende auf seinen weiten Wanderungen sonst nirgends angetroffen hat. Nur in einigen Orten am Libanon betrieben die Juden Ackerbau. Aber im übrigen Lande lebten sie fast ganz von der Mildtätigkeit ihrer Brüder. „Wie Schatten schleichen sie über dieses Äand dahin," so klagt Benjamin, „das ihre herschsüchtigen, grausamen Tyrannen ernährt", das Land, dessen Minen, verheerte Städte Palästina im Jahre 1817. Von Dr. Wcrner Bab, Berlsir. Immer noch sind die schlimmsten Feinde des Palästina-Aufbaues nicht jene Gleichgültigen, die von nichts wissen Und tvissen wollen, sondern jene unverbesserlichen Zweifler, die, von Sachkenntnis ungetrübt, Interesse heucheln und deren Weisheit in dem Satze gipfelt: „Wir lassen uns nichts vormachen. Sind diese Menschen wirklich so einfältig, daß man ihnen den guten Glauben zubilligen kann? Denen Palästina eine erledigte Angelegenheit ist, tveil ein paar Jahre nach der Erteilung des Mandats aus Jerusalem noch kein Uveites Berlin geworden ist (tvas Gott verhüten wolle); die alles am Maßstab des Augenblicks und des Augenblickserfolges messen und denen ihr eigener enger Gesichtskreis den Welthorizontb. deutet? Unverständlich ist das für den, der die reichen Gelegenheiten kennt, die selbst M oberflächlicher Information viele der üblichen Zweifel zum Schweigen bringen. Neben einer Presse, die gewissenhaft — fast zu geivissenhaft — nicht nur die Fortschritte beim Ausbau des jüdischen Palästina verzeichrlet, sondern auch Rückschläge ,nitteilt, Probleme unangenehmer Art freimütig erörtert und berechtigte Ztveifel offen ausspncht, ist eitle Literatur im Entstehen, die auch dem Zweifler aus Prinzip die Allgelt öffnen müßte: daß hier etwas geschieht, was einen Fortschritt für die Juden, für die Menschheit bedeutet. Man denke z. B. an die Bücher von Arthur Holitscher und von Rundt und Beermanri oder das kleine Erez-Jisrael-Merlbuch von Hugo Schach tet; aus diesen Zahlen spricht zu uns ein neues Leben, und das Büchlein zeigt jedem Unvoreingenommenen, daß der Aufbau Palästinas auf dem Marsch« ist. Fortschritte machen sich um so deutlicher bemerkba-, ie länger der Zeitraum ist, den man überblickt. Kaum einer — außer den BerufShistvrikern - macht sich Ge, tanfot darüber, wie Palästina ausgesehcn hat, bevor die Arbeit der Zionisten und ihrer Vorläufer eingesetzt hat. Wie sehr dieses Land im vorigen Jahrhundert der Erstarrung anheimgefallen war, davon erzählt eine alte Rcisebeschreibung, von der ich hier einiges Mitteilen möcht«. . Der Verfasser dieses merkwürdigen Buches: „Acht Jahre in Aster: und Afrika" ist Israel Joseph Benjamin. Die Schirift erschien 1858 in Hannover und wird cingeleitet durch eine Reihe von Empfehlungen, unter denen die von Alexander voll Humboldt die beachitenswerteste ist. Benjamin, ein reicher Kaufmann aus der Moldau, faßte nach feinem unverschuldeten geschäftlichen Min den Plan, den ganzen Orient zu bereisM, um eine Pilgerfahrt nach dem Lande der Väter zu unternehmen und um — die Spuren der noch vorhandenem Trümmer der zehn Stämme Israels aufzusuchen. Die Rcise führte ihn quer durch Asien bis nach Indien und China, und in Afrika wanderte er durch Aegypten, Tunis und Marokko, fast alles zu Fuß, tvas mtt großen B.schwerden unb Gefahren verbunden war. Reste der zehn Stämme glaubte er bei den kurdischen Juden und in Indien gefunden zu haben. In Palästina traf der Reiserrde am 13. August 1847 ein; er kam von Alexandrien, und das T^elschif, brachte ihn in Jaffa ans Land. Kein Wort über Jaffa! An ein Tel Awiw war damals ja nicht zu denken! Er eilte an das Ziel seiner Sehnsilcht, nach Jerusalem: „Mit welcher Verehrung falle ich auf die Kniee und bete an Deinem Eingang, o Jerusalem!" Seine Gefühle sind Freude Über die Vergangenheit der einst so majestätischen Stadt und tiefste schmerzliche Wehmut über'die trostlos. Gegentvart, aber er hat eine innige Zuversicht auf eine bessere Zukunft. B.z-ichneud für die damalige Lage der Juden ist eine kleine Episode, die Benjamin erzählt: Am Lötventor in Jerusaletn wurde eines Tages eine Höhle entdeckt; als auch die Juden hineingehen tvollteu, liefen sie Gefahr, ermordet zu werden; man warf sie ins Gesi'uqnis,

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