Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 9 (1927)
- Issue
- Heft 2931 (26.4.1927)
- Date
- 1927-04-26
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 2931 Men, DienRaz Wiener Morgenzeitung 26. Tprkl 1927 Seite 3 Sie Stteste Sßnagoge der Welt. Die „Synagoge des Jbu Esra" im alten Stadtteil von Kairo gilt als die älteste Synagoge der Welt. Ihr Alter wurde von Len Gelehrten nrtt 1200 Jahren festgestellt. Ihren Nanren erhielt sie auf Grund einer alten Tradition, daß sie von dem berühmten Dichter und Bibelkommentator Abraham I b u Esra errichtet worden sei. In dieser Synagoge tvurde auch die berühmte und für die Geschichte der Juden unschätzbare „Genizah von Kairo" entdeckt. I. Truvaks, der erst vor kurzem die Synagoge besucht hatte, weist in seinem Bericht im „Hamt" darauf hin, daß auf einer Platte des in der Mitte der Synagoge stehenden almemors die folgende interessante Inschrift eingraviert ist: Unter den Bewohnern der Stadt wird die Sage erzählt, daß auf diesem Platz unser großer Führer und Prophet Rabbenu Moscheh, Frieden mit ihm, ein Gebet verrichtet habe. Ueber diesen Platz wird in der Thora erzählt: „Und Moses ging aus der Stadt hinaus und erhob seine Hände KU Gott." Und es gilt bei den Bewohnern dieser Stckdt als sicher, daß Moses sein Gebet auf diesem Platz verrichtet habe." Effeo und Zutaten im Mischen Hans. Aus Köln wird uns gc>Frieden: Im Rahmen der Ausstellung „Jüdische Frau und das jüdische Haus" hielt Herr Doktor Simchowiez einen Bonvag, in dem er davon ausging, daß die jüdische Weltanschauung nicht zur Askese neige und so den Wert von Speise und Trank als GotteSgaben zu schätzanwisse. Das zeige sich in den Speisegesetzen, in denen sich religiöse, hygienische und ethische Momente vereinigen. Wie aus allen Gebieten, so strebe auch hier das Judentum nach Matz; in der Regel größte Mäßigkeit im Essen und Trinken, an Festtagen, Entfaltung eures wohlbenchdigten Luxus. Gehen wir die jüdische Literatur durch, so sehen wir, daß in biblischer Zell, das Hauptnahrungsmittel das Brot aus Weizen oder Gerste war. Um es zu würzon> kommen dann Früchte und Kräuter hinzu. Eine große Rolle spielten Trauben und Feigen. „Unter seinem Weinstock und unter seinem Feigcnbaum" ist ein typischer Ausdruck der Bibel. Weiter spricht die Bibel von dem Land, in dem ,Milch und Honig fließt". Honig und Milch mit ihren verschiedenen Variationen, waren wichtige Volksnah rungsmittel. Fleisch gab es an Sabbat- und Festtagen, und zwar vor allem Rind-, Schaf- und Ziegenfleisch. Biele Nachrichten über die Ernährung enthält der Talmud. Wir ersehen aus ihm, daß neben den schon genannten Lebensmitteln auch der Fisch eine sehr wichtige Rolle spielte. Schon damals wurde er am Freitagabend gegessen und die Juden wußten besondere Leckerbissen anzuserltgen, die einen Handelsartikel bildeten. In der Naturgeschichte des Pt in ins wird eines solchen erwähnt unter dem Titel: Koschere Fischsauoe". Ueber die Bekömmlichkeit der einzelnen Nahrungsmittel sagt der Talmud: „Brot für junge Leute, Oel für alte, Honig für Kinder". Im Mittelalter paßten sich die Juden der Küche der verschiedenen Völker an, unter denen sie wohnten und übersetzten sie gewissermaßen ins Jüdische. Biele Speisen, die man als jüdisch betrachtet, kommen aus der altdeutschen Küche, wie schon aus ihren Bezeichnungen hervorgeht: Kugel — Gugl, Zimes — ZumM (Gemüse), Kreppchen — Krapfen. Das vielberufene Wort „Schalet" dürfte wohl von dom altfranzö-sischen Wort „chauld" — lvarm, abstammen. Unter den Getränken steht au erster Stelle der Wein, der als eine Gottesgabe von hohem Wert betrachtet wird. Immer wieder wird in der Bibel das Land Israels als Weinland gepriesen. Aber auch hier verlangt das Judentum Mäßigkeit. Der grobe Rat der gaben von New Iorl. Im Sinne des Organisationspatuts des amei-ttanischjüdischen Kongresses wählen die jüdischen Organisationen, Verbände und Landsmannschaften der einzelnen Städte und Distrikte je «inen großen Rat von Delegierten, deren Aufgabe eS ist, die besonderen lokalen Interessen der jüdischen Bevölkerung der betreffenden Distrikte wahrzunehmen. Der große Rat beruft alljährlich zumindest einmal «ine Delegiertenversammlung ein. Wie man uns aus Newyork berichtet, wurde die diesjährige Jahresversammlung des jüdischen Rates für Groß-Newyvrk für den IS. Juni d. I. angesetzt. Den wichtigsten Punkt der Tagesordnung bildet die schon längst schwebende Frage der Schaffung eines Waad Hakaha für Newyork, der ähnlich der Board of Deputies in London, der die anerkannte Vertretung sämtlicher jüdischen Körperschaften, der religiösen wie der sozialen, darstellen soll. Präsident des jüdischen Rates für Grvß-Newyork ist Dr. M. Soltes. vevrayche und Mische Zeitschriften in Ms Parts wird uns berichtet: Der'Mnister des Innern gav tn Beantwottung einer Anfrage des Senators Courtier bekannt, daß auf dem Gebiete der französischen Repudlit insgesamt 167 fremdsprachige Zeitschriften erscheinen. Unter ihnen befinden sich drei Zeitschriften in bebrüt, ch e r, eine in jiddischer, U in polnischer, 91 tn russischer Sprache und 7 in Esperanto. BruVerMst ta der Agodah. Aus Frankfurt a. M. wird uns geschrieben: Innerhalb der tvennungs-orthodoxen israelttischen Religionsgcsellschast hat um die Nachfolgeschaft des verstorbenen Rabbiners Dr. Salomon Breuer ein heftiger Kampf der verschiedenen Richtungen eingesetzt, der in der jüdischen OeffenEchkett starkes JOeresse finden muß. Die extrem-trennun-gs-orthodoxe Gruppe, die von dem bekannten Dr. Isaak Breuer geführt wird, hat als Nachfolger den Schn des verstorbenen Dr. Breuer, den Distviktsrabbiner Dr. Breuer in Aschaffenburg, zum Kandidaten nominiert. Dagegen bringt die Gruppe der gemäßigten Richtung, die von Jakob Rosenheim geführt wird, den Rabbiner Dr. Klein in Nürnberg m Vorschlag. Die Auseinandersetzungen werden äußerst erbittert und sogar mit zahlreichen anonymen Flugschriften geführt. Die radikale Gruppe vertritt den st a r r e n Austrittsgedanken schärfster Breuer'scher ungarischer Observanz. Dagegen wünscht die Gruppe um Jakob Rosenheim die Schaffung einer besseren Stimmung Mischen der trennungs-orthodoxen Religiorr§gssellschaft und der großen Einheitsgemeinde, die die Wege zur Verständigung im, praktischen Fragen freimacht. Die Gruppe Jakob Rofenheim vertritt im allgemeinen den Gedanken einer praktischen Zusammenarbeit mit der Gemeinde-Orthodoxie in Fragen, die für die Gesamt-Orthodoxie gemeinsam sind. .Die Entscheidung dieser Kämpfe dürfte also für die jüdische Politik nicht ohne Bedeutung sein, da der Ausgang dieser Auseinandersetzungen auch für die Stellung der Agudah nicht ohne Einfluß sein dürfte. Symptomatisch für die Stimmung dürfte die Entscheidung bei deu Ergänzungs- Borstandswahlen sein, in der die Gruppe Breuer stark in der Minderheit geblieben ist, indem sie insgesamt nur zirka ein Drittel der abgegebnen Stimmen auf ihren Kan- Copyright 19*7 bj B. Löwit Vortag, Wien — Leipsig Das Tor des Haluses war geöffnet und mehrere Männer trugen große Körbe, mit Glaswaren gefüllt zu einem Wagen, der vor dem Tore hielt. „Ob ich da nicht mtthelfen könnte?" dachte Gustav. Er las das Firmenschi d und dachte: „Die wissen noch nicht, diaß ich Sozialist bin! Soll ichs wagen?" — Er bangte und faßte doch Mut, ging in das Haus hinein und — hatte Glück. Er wurde mit einem Gulden Taglohn aufgenonnnen und bereits am nächsten Vormittag trug der ehemalige „Junge Herr" mit anderen Handlangern die Köche zum Magen.-- Die Politik hat mehrere Mängel; jedoch ihr größter scheint mir, daß sie vielen der Ausübendem ein ungeheures Mundwerk erzeugt. — Gustav hätte schweigen sollen und mußte reden. Gustav mußte sei.n politisches Glaubensbekenntnis den ankeren Handlangern in der G ashandÄng — soweit sie deutsch verstanden — Mitteilen und darum —- stand er nach vierzehn Tagen wieder vor der Glashanbümg auf der Straße, aber — entlassen. — Meder versuchte er seien GÄck bei den Selchern; und sie sprachen wie vor vierzehn Tagen: „Leider — brauchen wir niemand." Nur einer, der Selcher Weil, sagte: „Kommen Sie in acht Tagen. Vielleicht Hab' ich dann Arbeit für Sie." — Ein schwaches Flämmchen, aber das einzige, woran Gustav seine Hoffnung erwärmen konnte. — Zunächst richtete er sein Leben für diese acht Tage ent. Zwei Gulden achtzig Krmer waren sein Vermögen. Damit mußte Haus gehalten werden. Das teure Kaffeehaus mußte er lassen; aber er wollte es nicht missen; teils wegen der sozialistischen Freunde, teils wegen der Wiener Zeitungen, dem täglichen Gruß aus der Heimat. Gr rechnete und rech» nete und kam zu dem Schlüsse, daß er entweder das KasfehauS oder das Mittagmahl opfern müsse. Er entschloß sich zu Letzterem. — So kam er nun täglich gegen Mittag mit nüchternem Magen ins Kassehaus, trank einen heißen, weihen Kaffee — Frühstück und Mittagmahl zug'eich — dann las er die Wiener Zeittmgen und dann kamen die Genossen und man sprach über Politik; und wenn am Nachmittag dev Hunger in ihm zu nagen begann, schlich er still — wie ein Dieb — durch den rückwärtigen AuSgang des Kaffeehauses in den Hausflur, durch diesen auf die Straße und zum Nebenhaus, wo ein Bäckerladen war. Dort kaufte er einen Halben Laib Brot, verzehrte diesen als Jause und Nachtmahl im dunklen Hausflur und hernach ging er wieder denselben Weg. wie er gekommen, leise und verstoH'en, ins Kaffeehaus zurück, Niemand hatte es gesehen, niemand Hatte es gemerkt und niemand konnte i^r bedauern. So vergingen di« acht Tage. Am Morgen des achten Tages stand er zeitlich im Laden dies Herrn Weil und dieser sprach bedauernd: „Ich möcht' Sie jc^, aufnehmen; aber die andern sagen: Sie sind Sozialist,' und Sie werden mir die Leut' aufhetzen. Es tut mir leid. Ich kann nichts machen." — Gustav ging. Achtzehn Kreuzer hatte er noch in der Tasche und diese reichten bloß für den Kaffes. Rasch entschlossen dachte er: „Wer ich heut' kein Brot esfln!" Zlber dev Hunger ist ein mächtiger Herr und achtet keine Vorsätze. didaten vereinigt hat. Die Rabbmerwahl selbst findet in den nächsten Wochen statt. Für die hebriiische UniversttSt. Aus Jerusalem wird uns geschrieben: Herr Samuel Untermyer aus New Dork hat während seines Aufenthaltes in Jerusalem die endgültigen Dispositionen für eine Stiftung von 100.000 Dollars für die Universität getroffen. Herr Untermyer hat bereits 20.000 Dollars für den Ausbau des Freilichttheaters der Universität zur Erinnerung an seine Frau Minni Untermyer gestiftet. rer Knlturzustand der Wischen »evMernng i« Weißrußland. Während der letzten Konferenz der Sowjets in Weißrußland referierte, wie I. T. A. berichtet, der Bolksbildungskommissar der roeißrussischen Regierung, Balizki, über die Nationalitätenpolitik seiner Regierung und wies darauf hin, daß die Juden in Weißrußland über folgend« Bildungsanstalten verfügen, in denen in ihrer Muttersprache unterrichtet wird: 184 Volksschulen, drei pädegogische Lehranstalten, eine jüdische Sektion bei der pädagogischen Fakultät an der Staatsuniversität, eine jüdische Abteilung beim Institut für weißrussische Kultur, Fachschulen, Buchverlage usw. Gleichzeitig kündigte Kommissar Balizki an, daß die Weißrusfifizrerung in dem gleichen Tempo wie bisher vor sich gehen wird, und daß diejenigen, die es unterlassen, sich die weißrussische Sprache anzueignenj sehr bald außerhalb des. Staatsapparates bleiben werden. Das Bolksbildungskommiissariat in Weißrußland beschloß die Errichtung einer jüdischen Abteilung bei der Arbeitevfakultät in Minfl. Auf der jüdischen Wteilung der weißrussischen Universität wurden zum neuen Lehrjahr 50 neue Studierende ausgenommen, 15 von ihnen studieren an der physikalisch-mathematischen Fakultät, 16 an der naturwissenschaftlichen Fakultät, 10 an der sozialökonomischen Abteilung und 10 an der linguistisch-literarischen Abteilung. von Leopold Hichler. (47. Fortsetzung») Am Nachmittag,, Kur. Zeit der sonstigen Men Flucht Gustavs in den Hausflur, tvar der Hunger da, und stärker und heftiger als jemals. Es schien Gustav, als bohre ein lebendiges Wissen in seinem Leib Und nag? üstd wühle und reiße ein Stück nach dem anderen heraus. — Er trank ein Mrs Massier. Das half, aber Nur für kurze Zeit, denn bald begann wieder das entsetzliche Wühlest. — Die Genossen, welche mit Gustav an dem großen Mtteltisch des Kaffeehauses saßen, merkten nichts; aber als! er plötzlich ausstand und verzweifelt rief: ,Himmel unpl Herrgott!" da fragten die Genossen verwundert: „Was haben denn Sie Gmoffe M^uttwr?" — ..Nichts," sagte er. „Ich muß auf die Lust Mir is > W gjut!'' —"Er verließ das Kaffeehaus und irrte platt iw uiioziellos durch die Straßen der Stadt. Plötzlich stand er an dein User der Donau, vor dem Reichstagsgebäude. — Ein neuer Gedanke erwacht« in ihm : „Ich geh' hinein in das Parlament Und schrei', was ich kcmn: „Ich will arbeiten. Ich will Arbeit. Ich will nicht hungern!" — — Wer sie werden mich nicht hineinlassen! — Gut. Setz' ich mich auf die Stufen. deS Gebäudes und bleib' dort so lang sitzen, bis die Wgeordneten kommen, und ich wer' ihnen sagen... Was wer' ich ihnen sagen? — „Meine Herren!" wer' ich tfyiteit sagen. — „Ich bin kein Bettler! Ich will nur Arbeit!" — Sie werden mich auslachem — — Das kann ich nicht tun. — Was denn?" — — Und als hätte der Hunger auf diesen Augenblick der Hoffnungslosigkeit gewartet, begann es jetzt wieder so entschlich in ihm zu wühleu wie vorher im Kaffeehaus. — sah zum Himmel hinauf. Mau und wett glänzte dev Himmel, aber stumm. — Gustav wendete seinen Blick trübe zum Strom hinunter. Das Wasser gluckste und plätscherte an den Steinen der Böschung: „Gute Ruh', gute Ruh' Du' die Augen zu." Er ging die Böschung hinab. Er beugte sich zur Flut. Da blickte der Mlmächttge aus dem Himmel und hielt ihn. — Es schaut kein Mensch vergebens zum lieben Bater hinauf. — Gustav richtete sich auf: „Nein! Das nicht," sagt« ev und stieg die Böschung hinauf. „Ich weiß etwas anderes. Ich geh' jetzt zum Weil und sag' ihnk, daß ich die Polittk kaffe und er muß mir Arbeit geben. Er muß. Sonst...!" Eine Wildheit, ein Groll auf alle Menschen verzerrte sein junges Gesicht und in seinem verstörten Sinn dachte er an Gewalt, Raub und— In dem Laden des Selchers Weil lagen ruck hingen hochaufgeschichtet Würste und Rauchfleisch und Zungen in allen Forrnen. Wohlgerüche, lockend und verwirrend für den Hungrigen, entströmten, diesen Vorräten, und Gustav, als er tn den Laden trat, mußte sich einen Augenblick an dein Berkanfspnlt sesthalteu; dann fragte er den Verkäufer: „Kann ich den Herrn Weil sprechen?" •— „Der Herr ist nebenan in seinem Zimmer. Soll ich ihn rufen?" — „Nein. Ich geh' hinein. Ich — möcht' den Herrn allein sprechen." (Fortsetzung folgt.) Oer Sohn des Moses Mautner Ein Wiener Roman