Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 9 (1927)
- Issue
- Heft 2931 (26.4.1927)
- Date
- 1927-04-26
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 2931 Wien, DlenSkay Wiener Morgenchettnns 26. AprÄ 19S7 Sekte 3 -er Straßenverkehr«««,schuh de, Bölkerbnnde» ln Me«. Gestern begann in den Räumen des HandelSministerimns die Tagung des Studienkomitees für den Straßenverkehr der DerkehrSkominission des VölkerHundeS. Es ist die erste Tagung eines VöÜerbundkomitees, die in Wien stattfindet. Folgende Staaten sind durch Delegierte vertreten: Belgien, Dänemark. Deutschland. Frankreich. Grotzbritannien, Holland, Schiveden und die Schweiz. Für die österreichische Regierung nimmt den Beratungen Handelsminister Dr. Schürff teil, .er die Tagung begrüßte. Auf die Rede des Handelsministers erwiderte der Kongreßpräsident Herr Sievenard (Brüssel) mit i einem Hinweis auf die Wichtigkeit des Verkehrswesens und seiner einvernehmlichen Regelung für die Wiedergesundung der darniederliegenden Wirtschaft. Es wurde sodann in die Beratung der Tagesordnung eingegangen, für deren einzelne Punkte detaillierte Vorschläge vorliegen. Einige von i^ien gel'en rrf ö st ' r e' ch ' ' <*■ c ” o a r b c if o zurück, namentlich jene über die Vereinheitlichung der Berkehrsvorschriften. Der erste Beratungsgegenstand war der Bericht über die Ergebnisse der Pariser Verkehrskonferenz im Jahre 1926. Hierüber referierte Präsident Sievenard, unterstützt vom Sekretär R o m e i n. Fm Anschluß an das Referat entspann sich eine eingehende Debatte über das europäische Straßen- und Automobilwesen und dessen Vereinheitlichung. llnvekaume «oeiheSevichte gerade«? Aus Leningrad lvird gemeldet. In den Akten des Geologischen Komitees ist eine Mappe mit zahlreichen Briefen Alexander von Humboldts und bisher unbekannten eigenhändigen Briefen und Gedichten GoetheS gesunden worden. Die Briefe Goethes sind an seinen Freund, den Professor der Dorpater Universität, Hebel, gerichtet, dessen Sohn lange Jahre im mineralogischen Museum der Akademie dar Wissenschaften tätig war. Stahl au» 8»1> Der „Berliner Börsenkurier" berichtet über ein neues Verfahren der Ersen- und Stahlwerke Hoesch A. G. in Dortmund zur direkten Crzeugungvon Stahl aus Erz. Bon dem technischen Betriebsleiter des Hoesch- Werkes in Dortmund wird einem Mitarbeiter des genannten Blattes mitgeteiilt, daß das Verfahren, dessen praktische Tragweite sich zurzeit noch nicht übersehen läßt, bisher in England und in den Vereinigten Staaten patentiert wurde. Der deutsche Patentschutz ist ihm noch nicht gewährt worden, da sich einige formelle Schwierigkeiten ergeben hatten. Die großtechnische Durchführung des neuen Stahlerzeugungsprozeffes ist bisher noch nicht versucht worden. Sie dürfte jedoch in absehbarer Zeit erprobt werden. Rettgiöser Streik — wegen einer Brliüe. Eine Brückenfrage droht in Indien ernste Verwicklungen . herbeizuführen. Es handelt sich um die von der britischen Polizei ungeordnete Ueberörückung des Bodeviertels der heiligen Stadt H a r d w a r am Ganges. Sie erfolgte wegen der gewaltigen Menschenansammlungen, die in tzardwar anläßlich der Feier des „Kumbh-Mela" zu erwarten ist. Das ,Kumbh-Mela" ist eines der größten Religionsseste der tzin'du's, das alle zwölf Jahre stattfirvdet. Schon heute schätzt die Behörde die Zahl der eingetroffenen Pilger auf drei Million« n. Angesichts des starten Zustroms hat sich die Verkehrspolizei zu außergewöhnlichen Maßnahmen entschlossen, umsomehr, als die Erfahrungen der früheren Jahre die Ergreifung solcher Maßnahmen zur dringenden Pflicht machen. Während die M.nge möglichst rasch den Badeteil, das „Tor Wifchnns", zu erreichen suchte, kam es stets zu wilden Kämpfen, bei denen Tausende den Tod in den Wellen des Ganges fanden. So sollen im Jahre 1760 nicht weniger als 18.000 Menschen zugrunde gegangen sein. Um die Wiederholung solcher Vorfälle zu vermeiden, wuvde üÄct den Teich eine Brücke geschlagen, um den Menschenstrom der Pilger abzuleiten. Dies'r Brückenbau hat große. Erregung hervorgerufen, rveil die Hindus glauben, daß dadurch das Heilige Wasser besudelt werde. Sie wollen durch passiven Widerstand dahin wirken, daß die Brücke wieder abgebrochen wird. oooo(xx>oooooo(x)oooooQ(xxxxxxxxxooooo(XKiooooooooooaooc}00oaoooooooooooooQocxxsDGoc 9neH zwischen zwei Mikvchen. Aus Lemberg wird berichtet: In das hiesige Spital wurde ein Mädchen in schwerverletztem Zudande einge liefert. Sie.hatte eine schwere Verwundung im Gesicht, da ihr eine Revolvcrkugel, knapp bei der Nase, durch die Unke Wange gedrungen und im Rachen st ecken gebliel ven war.! Das Mädchen erklärte, von ihrer intimsten Freundin! Jaworska arrf der Straße, als beide in Eintracht sich ers gingen, plötzlich ohne Grund angeschossen worden zu sein Die Nachforschungen ergaben jedoch, daß es sich um ein Duell handelt, welches die beiden Mädchen austrugen. Die Mädchen scheinen mit Vorliebe Kriminalronrane gelesen zu haben, da sie! ein Duell ganz nach amerikanischem Muster austrugen. 4 I Aus der allerdings Phantast!sch klinaenden Erzählung der! Jaworska geht hervor, daß die beiden Mädchen in Streit ges rieten, weil sie sich nicht darüber einig werden konnten, wer von ihnen von einem jungen Manne, der ihnen begegnete, gegrüßt worden war. In ihrer Exaltiertheit beschlossen sie, den Zutall darüber entscheiden zu laßen, welche von ihnen den j Tod durch die Hand der anderen erleiden sollte. Jedes der Mädchen verschaffte sich eine Pistole, dann begaben sie sich in eine finstere Scheune. Dort zündete jede von ihnen eine Zigarette an, um der anderen ein wahrnehmbares Ziel zu bieten, s Dann begannen sie drauf los zu schießen. Bis dann eben die * eine von ihnen, die Da n tew. schwer verwundet wurd^ Ihre . Gegnerin floh und versteckt« sich in der Wohnung ihrer Eltern. Me Monte-Karlo-Tour Zetonfälscher von Monte Vor vierzehn Tagen wurde aus Monte Carlo ge-! meldet, daß in der dortigen Spielbarrk gefälschte JrtonS in großer Zahl aufgetaucht seien, ohne daß es gelungen! wäre, die Personen, die mit diesen falschen Einsatzmarken gespielt haberk, festzustellen. Kurze Zeit darauf wurde in Ventimiglia eine Wienerin, die sich Julie Albrich nannte, von der französischen Zollbehörde verhaftet, da man in ihrem Besitz 3OO falsche Spielmarken zu je 100 Franken gefunden hatte. Die Nachforschungen der Wiener Polizei haben nun ergeben, daß die Verhaftete mit der s 6jährigen Hausbesorgerin Julie Olbrich, 3. Bezirk, Neisnerstraße 35, identisch sei, die am 8. d. M. in Begleitung des. 37jährigen Kausmai-.n^ZPhilipp. N u ß b a u m aus Dobzin in Polen nach Italien, gereist war. Gleichzeitig gelang es-der Polizei, festzustellen,, daß der innere Metall-, kern der gefälschten-Jetons von einem Lithographen im 9. Bezirk, die? Verzierung jedoch in Budapest ausgestanzt lvurde. Philipp Nußbaum konnte nun am vergangenen Samstag nach seiner Rückkehr aus , Italien i n Wien verhaftet iverden, ebenso geste^i die von den französischen Behörden wieder freigelassene Hausbesorgerin Olbrich. der Hausbesorgeri«. Sarlo in Wien verhaftet. Nußbcmm gab bei dem Verhör zu, gefauchte Spielmarken im Betrag von ctlva 100.006 Franken in Umlauf gesetzt zu haben. Er-war früher ein v-rmöger'der Juwelier, kn Budapest, Wien und Berlin etabliert, doch hat der Franken stürz seinen Ruin herbekgeführt. Mit dem ihm verbliebenen letzten Geld wollte er irr Monte-- Carlo sein Glück versuchen, verlor jedoch in wenigen Tagen dä§ ganze. Anfangs März dieses Jahres ließ er nun die. ersten falschen Jetons anfertigen, um sich so Geld zu machen. Der Stanzenerzeuger erklärt, in gutem Glauben gehandelt zu haben, ohne zu wissen, daß die von ihm in die Jetöns eingestanzte Marke „M. C." die Spielhölle Monte < Carlo bedeute. Seiner Meinung nach wären es die Initialen von Maria und Christus gewesen. Die fertige Stanze ist dann nach Budapest geschafft worden, wo die Metallplättchen hergestellt wurden. In der Wohnung des Wiener Friseurs Nowak wurden dann die Jetons fertiggestellt. Sodann wurde in Wien eine tadellos an gezogene Spielergesellschaft zusammengestellt, die in Monte - Carlo die Rolle reicher Rivierabesücher zu spielen hatte. Die Gesellschaft hatte New Volker Lheaterbrref. Ae letzte« RovMeo: Dostojewski«»«Itzmow. — 6«ilo«. »Immer«»». - Kurze Amur. Newyork, Mitte April. Die Feiertage werden nochausgenützt, um den Theatern volle Kassen zu machen, aber dann geht die Saison mit Riesenschritten ihrem Ende zu. Bon den jüdischen Sprechtheatern Newyorks schließt zuerst das I rving-Plaee-Kunsttheater, das mit seiner letzten, bereits im vorigen Theaterbrief besprochenen Novität, der Dramatisierung von Dostojewskis „I d i o t" in Staniflawskis Manier, seine letzten Vorstellungen in dieser Saison bestreitet. Ob in der nächsten Saison der Schauspieler Ben Ami, der das Theater als Sprechitheater geführt hat, dies wird weiter tun können, ist noch fraglich; es hangt davon ab, ob der Eigentümer des Jrving-Plaee- Theaters Willner in der nächsten Saison sein Theater zu dem „literarischen" Experiment hergeben lvird, welches Ben Ami diesmal versucht hat und das, wie leider festgestellt werden muß» materiell gar nicht, künstlerisch wenig geglückt ist. Als Sprechbühne wurde das Jrving-Plaee-Theater, das damals für dieses Genre gute Chancen hatte, da Morris Schwartz' Kunsttheater infolge Verzögerung des Neubaues in der Second Avenue kein starker Konkurrent war, mit EwrejnofsS „Schiff der Gerechten" eröffnet; der Erfolg war gering, da weder darstellerisch noch auch das Publikum dem feinen Bau dieses Stückes gewachsen waren. Die zweite Novität, Berkowiez' „Die andere Welt", hielt sich kaum eine Woche, nnd Ben Amis Ensemble mußte zu dem bewährten Sven Langerschen Zugstück „Simson und Da lila" greifen. Damit hielt sich das Theater einige Wochen über Wasser, bis es Leiwiks „Shop" herausbrachte, den einzigen unbestrittenen Erfolg, den es in dieser Saison aufzuweisen hatte. Dann spielte im Jrving-Place-Theater eine Zeitlang die Habimah „Leiwiks „Golem", ihm: stärksten künstlerischen Erfolg während des Newyorker Gastspiels. Die Msicht, selbst den „Golem" im Original an seinem Theater aufzuführen, gab Ben Arni auf und braute nach der Beend!- gung des Habimah-Gastspieles eine gänzlich verunglückte j j Ausführung von Gcus»^c.yys „J upiz" heraus, die s keinen Anllang fand. Den Schluß dieser Saison bilde!!, wie b.reits erwähnt, Dostojewskis dramatisierter „Idiot", ohne daß auch diesem Experiment, zu dem man einen Katschalow braucht, nachhaltiger Erfolg beschieden wäre. So ergibt die Bilanz des jüngsten jüdischen Sprechtheaters ein Defizit, das nicht nur materiell, sondern auch künstlerisch ist. Vielleicht liegt dies in erster Linie daran, daß bei der Auswahl der Stücke und bei ihrer Aufführung mehr der Schauspieler Ben Ami ocks der künstlerische Leiter Ben Ami mitsprach Um das Newyorker jüdische Publikum an gutes Theater zu gewöhnen, bedarf es methodischer Einfühlung; zu viel Experimente — und die gab es im Jrving-Place-Theater rchchlich — erreichen den angestrebten Zweck nicht; hoffen wir, - daß Ben Ami, der ein ausgezeichneter Schauspieler ist, wenn er in der nächsten Saison das Theater weiterführt, eine glücklichere Hand beweisen wird, jene glücklich; Hand, die seiner Opfcrfreudigkeit gebühren würde. Am 8. Mai schließt Morris Schwartz die Pforten seines jüdischen Kunsttheaters für diese Saison und wird mit seinem Ensemble die üblichen Sommergaftspiele in der Provinz absolvieren. Als letzte Novität brachte er einen neuen Dymow, die Komödie „Men scheu staub". Sie ist bas PzPweite Stück über das menschliche Problem Amerikas, welches Dymow geschrieben hat. Das erste, „Br o nx- Expreß", das in Newyork viel Interesse erregt hatwird bei Reinhardt in Berlin zur Ausführung gelangen, über dessen Einladung Dymow soeben nach Europa gereist ist. „Menschenstaub" versuch, die Seelenverfassung jener Generation, jener Menschen darzustellen, die, von der Einwanderergeneration abstammend, sich bereits völlig dem Rhythmus Newyorks, für den der Jazz nach Dymows Anschauung das geeignetste Symbol ist, in die Arme geworfen haben. An manchen Stellen dieser Komödie ist der Puls Newyorks, dessen Schlag durch die gelbe Sensationspresse, durch Charleston und Black-Bottom, durch die Lebenshast von Maschinenmenschen reguliert wird, ganz wundervoll gefüllt. Dymow sieht Newyorks Manschen nur als wirbelnde Stäubchen jener Staub¬ und Stcinmasse, die Newyork heißt. Iren, Juden, Engländer, Deutsche, Neger und Chinesen, sie alle sind ein Staubwirbel zwischen den hoh-n Stahlbrücken und riesigen Wottemratzern. In 13 Bildern führt Dymow diesen ' Reigen wirbelnden Menschenstaubes vorüber. Ihre dichterisch-visionäre Kraft fesselt ungemein, der dramatische Ausdruck tritt weit zurück. Die Aufführung, in der Morris Schwartz und Cilli Adler die tragenden Rollen imte hatten, vermochte dem dichterischen Element dieser Komödie wenig gerecht zu werden nnd arbeitete mit billigen Effekten, auf die Dymow verzichten kann. Auch im jüdischen Kunsttheater wird eben zu „amerikanisch" gearbeitet, zu sehr dem äußeren Effekt nachgegangen, anscheinend weil man dem Publikum nur das Primitivste an Mfnahmsfähigkeit zutraut. Und gerade dies ist beim jüdischen Publikum ein Irrtum. Morris Schwartz' Saisonbilanz zeigt als Aktivum zunächst die Bemühung um Goldfaden, mit dessen ,,Zehntem GÄot" Morris Schwartz sein neues Haus prunkvoll, vielleicht ein wenig zu prunkvoll eröffnet hat. Das zweite Aktivum Schwartz' ist die Tatsache, daß unter seinen Novitäten zahlreiche jüdische Bühnenwerke sich befinden: Schalom Asch' „Reverend Dr. Silber", Juschkewitsch „Mendel Spewak" sind die wichtigsten jüdischen Uraufführungen dcs Kunstthcaters. Die Neuinszenierung von Dymows „Singer fun fein Trauer" brachte Schwartz guten Erfolg, und die Uraufführung von O lg ins Revolutionsdrama „Ihr Verbrechen" bot reiche»! künstlerischen Diskussionsstoff. So war die zehnte Saison des jüdischen Kunsttheaters von Newyork trotz ihrcsr Mrze doch nicht unbeträchtlich, was die künstlerische Ausbeute anlangt. Ein wichtiges künstlerisches Moment in der Newyorker jüdischen Theatersaison bildete das Gastspiel der Habima, dessen materieller Erfolg leider nicht alle Blütenträume reisen ließ, das jedoch den unschätzbaren Vorteil brachte, daß der HMmah durch die Initiative Otto Kahns ein eigenes dauerndes Heim in Palästina bereitet werden soll. Das Gastspiel der Wilna er Truppe in Newyork, das außer einem talentlosen Stück eines Nervyorker Kritikers nichts Neues zu bieten hatte, übte keinerlei theatralischen Einfluß ans. Im ganze!! aber zeigt der Ueberblick über die zu Ende gehende Saison der Newyorker jüdischen Sprechtheater wohl nicht gewaltige Phänomene des Bühnenlebens, aber unverdrossene und opserinutige Arbeit. Auch das ist ein Erfolg. S. I. JeffrieS.