Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 9 (1927)
- Issue
- Heft 2931 (26.4.1927)
- Date
- 1927-04-26
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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w -MM Seite S Wien, D-enMtg Ae Lehre aus den Wahlen. —y, Men, 26. April. lieber sine Million Wähler hat am Sonntag das Wahlrecht ausgeiibt. Etwa zehntausend von ihnen haben Kr die Liste der Mischen Partei gestimmt. Von mehr als hunderttausend Wählern ist also kaum ein Zehntel für die Partei eirrgetreten, die durch ihre Geschichte und durch die Auswahl der aufgestellten Kandidaten das natürlichste Anrecht auf das Vertrauen gerade dieser Wähler und nur dieser besitzen mußte. Trotzdem hat. diese Partei und mit chr die gesamte Judenschast eine sehr schwere Niederlage erlitten. Das seit acht Jahren festgehaltene Gemeinderatsmarrdat, neun Bezirksratsstellen sind verloren gegangen, dir Vertretung im Nationalrat wurde nicht erobert und die Vertretung der Mischen Bevölkerung der Millionenstadt ist aus ein winziges Bezirksratsmandat zusammengeschrumpst. An Rückschläge sind wir gewöhnt, und wir werden auch diesen überdauern. Aber wir müssen der Wahrheit inS Gesicht sehen, und Joir müssen aus dem Ereignis vom Sonntag die Lehre ziehen. Ts kann nicht so bleiben, daß eine Partei, die in früheren Wahlgängen eine so ernste Position eingenommen hatte, in solcher Weise reduziert wird. Sie muß die Gründe für diese rückläufige Entwicklung erkennen. Freilich war die allgemeine Situation uns ungünstig. Die kleinen Parteien leiden unter diesen: Wahlrecht, das einfach nur die brüske Zahl gelten läßt. Wir hatten uns zum Kanrpf entschlossen, weil uns bre5 die Pflicht unseres nationalen Bekenntnisses Vovgeschrieben hat. Wir sind die Partei des Judentums, die einzige Partei, die zu ihm steht, und wir können auch vor Mieterschutz und Steuerpolitik nicht abdizieren. In dieser Zeit mußte auch die jüdische Stimme gehört werden. Und dies um so mehr, als die regierenden Kreise durch die Nominierung eines Judenmordpredigers eine Provokation begangen hatten, auf die das gesamte Judentum einmütig und geschlossen zu antworten hatte. Das Signal ist von uns nicht beachtet worden, aber die Sozialdemokratie hat es sofort beachtet. Die österreichische Sozialdemokratie, die zum Unterschied von ihren Bruderpartcien in anderen Ländernfür jüdische Fragen ' niemals Verständnis und Interesse gezeigt hat, warf sich aus diese gute Gelegenheit, die Juden an sich zu ziehen. Was für uns Forderung des jüdischen Prinzips hätte sein müssen, tvar für die Sozialdemokratie ein politisches Geschäft, an den: sie sich ihren Brei gekocht hat. Sie hat an Riehl verdient, und sie kann dem Führer der Einheitsliste nicht genug dankbar sein. Sie hat nicht nur aus dem jüdischen Lager Massen an sich heranziehen können; auch breite Schichten des nichtjüdrschen Bürgertums empfanden die Schande dieser Riehl-Liste und wählten lieber rot oder gar nicht. Wir, die jüdische Partei, hat das Zeichen der Stunde nicht verstanden. Trotzdem aber hätte der ziffernmäßige Abschluß des Wahltages für uns ein weitaus besserer werden müssen, wenn eine feste und geschlossene jüdischnationale Organisation dagestanden wäre. Vor einem halben Jahr war in der „Wiener Morgenzeitung" an dieser Stelle ausgesührt worden, daß es ein integrierender Bestandteil des zionistischen Programms, ein Gebot zionistischer Anschammg ist, überall, wo dies nur möglich ist, als nationales Judentum am politischen Leben teilzunohmen. Politik ist unaufhörliche, sich täglich erneuernde und verbreiternde Erziehungsarbeit. Sie umfaßt das Leben eines Volkes, und sie darf niemals in Wahlen den ganzen Inhalt der Erziehung erblicken. Wahlen sind nur ein Ausdrucksmittel, ein Abschluß einer Entwicklungsetappe. Wir haben diese politische, soziale und wirtschaftliche Aufklärung nicht in ein System gebracht, wir haben keine Planwirtschaft, wir überlassen alles, den Bürger, den Arbeiter, unsere Jugend, Frauen und Männer, dem Zusäll. Unsere Organisation, die doch ohnedies nur in Umrissen vorhanden ist, lebt sich nach innnen in Kämpfen und Mionen aus, di« nicht einmal prinzipieller, sondern persönlicher Natur sind. Wir verzetteln unsere Kräfte, statt sie zusammenzufassen und auf das Nächstliegende Ziel zu dirigieren. Was lag näher, als nach de» Wahlen deö Jahres 1923 mit der Vorarbeit für den nächsten Kampf zu beginnen? Ist die politische Aufklärung der jüdischen Massen vorwärts gebracht worden? Von den 120.000 jüdischen Wählern Wiens mag vielleicht die Hälfte der Sozialdemokratie verfallen oder in irgend einer Art wirtschaftlich von ihr abhängig sein. Es mag fraglich sein, ob es so ganz aussichtslos ist, den sozialen Inhalt des Zionismus auch in diese Kreise zu tragen. Aber die andere Hälfte ist uns doch zugänglich. Freilich kostet das Arbeit und Mühe. Ein Erfolg muß vorbereitet werden. Eine politische Organisation darf nicht erst knapp vor den Wahlen und zum Zwecke der Wahlen zusammengestoppelt werden. Sie muß immer wieder zum Bol-ke sprechen, seine Wiener Morgenzettnns Stimmung erforschen. Sie muß den Wähler an sich gewöhnen, mit ihm leben und sein Interesse für d:e Fragen des Judentums, für die großen wie - für die kleinen, stets wach halten. Sie mutz über nicht nur das t»n, sondern das jeweils Erreichte technisch imb organisatorisch sesthalten und kontrollieren. Die Mische Partei ist im letzten Augenblick auf den Plan getreten. Unvorbereitet und mit einem unzulänglichen Apparat glaubte sie das Versäumnis von vier Jahren heretnzubringen. Sie hat in ganz Wien zehntausend Stimmen erhalten, das ist der Grundstock an festen und sicheren Zionisten,.die seit langen Jahren in der zionistischen Bewegung stehen und denen jüdische Politik ein vertrautes Ding ist. Das zeigt uns, wieviel nicht getan worden ist. Die zionistische Idee ist organisatorisch nicht weitergetragen worden, und der nichtzionistische jüdische Wähler wurde vernachlässigt. Man hatte erst in der letzten Stunde an ihn appelliert und er versagte. Er mußte versagen. Wir haben viel zu tun, um diesen Rückschlag weltzumachen. Die Arbeit muß sofort beginnen. Me Wahlen in Jerusalem. Die Mederlage der arabischen Milniailsten. Aus Jerusalem wird uns geschrieben: Die Hahlen zmn Stadtrat von Jerusalem haben bekanntlich mit einem ausgesprochenen Siege der von den Juden unterstützten Partei Naschaschibi geendigt. Die jüdische Presse feiert das Wahlergebnis als einen Sieg der Juden, den man in dieser Form und Geschlossenheit nicht erwartet hätte- Der „Doar Hajom" erklärt, nach den Wahlergebnissen betrage die Zahl der Anhänger der extrem antizionistischeu arabischen Exekutive ungefähr 1000. Die arabische Exekutive habe die Gewohnheit, sich als die Vertreterin der ganzen arabischen Nation hinzustellen. Jeder Araber, der sich der Exekutive widersetzt, wird Bevräter genannt und besonders dann, wenn er sagt, daß die Juden für das Land kein Unglück bedeuten, oder daß ihnen ein Existenzrecht in: Lande zusteht. Der Wahltag hat dieser Gruppe eine überzeugende Lektion gl^cbcn. Ragiw Naschaschibi, der „Verräter" des Volkes, der mit den Zionisten einen Bund geschlossen hat und von ihnen als Kandidat an die Spitze gestellt worden ist, hat aus dem Lager der Araber selbst mehr Stimmen erhalten als der Kandidat der arabischen Exekutive D j e m a l al Husseinj. Dies alles, nach überaus scharfer Propaganda von seiten der Hussini gegen Ragjw, bei der man selbst vor Fälschungen und Revolver nicht zurückschreckte. ,^Hajischuw" schreibt, die Jerusalemer Juden hätten einen erfreulichen Beweis Mer politischen Reife g>egoben, indem sie unter Zurückstellung aller' Gegensätze sich auf eine jüdische Einheitsliste geeinigt und die Liste Naschaschibi unterstützt hätten. Es scheine, daß auch in Haifa die Entwicklung sich in ähnlicher Richtung bewegen werde. Dagegen sei es sehr bedauerlich, daß in Jaffa vorläufig noch keine Rede von einen: geordneten jüdischen Vorgehen sein könne. Den Maßnahmen der Arbeiterschaft in Tel Awiw sei es zu verdanken, daß heute zwischen Jaffa und Tel Awiw ein nnübersteigbarer Berg sich auftürme. Aber es sei trotzdem nicht zu verstehen, daß nicht wenigstens die Juden, die auch jetzt noch in Jaffa Wahlrecht hätten (jüdische ' Einwohner Jaffas und solche Einwohner Tel Amurs, die in Jaffa Grundstück oder Geschäft besitzen), etwas zur Verteidigung ihrer Rechte unternehnren. Auch in Jaffa könnten die Juden beim Kampf der arabischen Parteien das Zünglein an der Wage bilden. 6ine Debatte im Waad Leumi- In der letzten Sitzung des Waad Leumi wurde der Bericht über die städtischen Wahlen jn Jerusalem entgegengenommen. Ben Zwi berichtete über eine Verstärkung der Einbürgerungsbewegung »n den letzten Monaten als Konsequenz der Wahlpropaganda und betonte die Notwendigkeit, in dieser Richtung weiter zu arbeiten und dadurch die Zahl der jüdischen Wähler auch auf Grund des bestehenden Gesetzes zu vergrößern. Ben Gurion hob die Bedeutung der geschlossenen jüdischen Wählerfront gegenüber dem Judentums England und den Arabern als eine Erscheinung, die unser Ansehen außerordentlich steigere, hervor. Es ist richtig gewesen, die Wahlen nicht zu boykottieren, wie seinerzeit von verschiedenen Scjtcn vo «geschlagen wurde- Aber die weitere Beteiligung an den Wahlen, nachdem unsere vier Kandidaten sicher waren, war nach der Ansicht Ben Gurions ein Fehler- Auch wir hätten uns sicher dagegen gewehrt, wenn die Araber bei Konflikten zwischen jüdischen Gruppen eine entscheidende Rolle hätten spielen wollen. Es war unsere Pflicht, dieses Recht auch zu IM Prozent den Arabern zuzuerkennen. Auch 26. April 1927 ^cc. imioj gereicht die Wahl von Naschaschibi, den die Juden diesmal als Bannerträger an die Spitze gestellt hätten, uns nicht zur Ehre. Jn der Diskussion waren die Meinungen bezüglich d« Ausführungen. Ben Gurions geteilt. Die Mitglieder des Präsidiums betonten, daß man bei den Arabern eine Zurückhaltung der Juden nicht entsprechend gewürdigt^ sondern sie einfach als Furcht ausgelegt, hätte, sich die Gegnerschaft einer der beiden Seiten zuzuziehen. Schließe lich wurde eine Resolution angenommen, die die Stellungnahme des Präsidiums bestätigt und feststellt, daß sie unter den gegebenen Bedingungen unerläßlich gewesen war. Was die anderen Punkte dev Tagesordnung anlangt, st» wurde die Frage der Arbeitsbureaus vertagt und eine Resolution angenomnl-en, in der der Waad Leumi das vitale Bedürfnis nach einem jüdischen Arbeitsgesetz anerkennt. Eine besondere Kommission soll eilten mtsprechcnden Gesetzesentwruf ausarbeiten. Eine Einigung der Faden in Liberias erzielt. Der „Dawar" zufolge gelang es D- Jellin, die verschiedenen jüdischen Gruppen i« Liberias zu veranlassen, eine gemeinsame Liste für die Wahlen aufzustellcn. Von den vier jüdischen Kandidaten vertreten zwei die sephardischen und zwei die aschkenastschen Bevölkerungsteile Königreich Neschd. Jerusalem, 24. April. Gelegentlich des Abschlusses des Ramasan-Festes wurde in Dschedda bekanntgegeben, daß der König I b n Saud auch formell den Titel eines Königs des Hebschas undNeschd sowie der von chm abhängigen Staaten angenommen habe. Hiennt ist der Staat Neschd zum Königreich erhobem jüdischen Kongresses wählen die jüdischen Organisationen Kriegsrecht an der stzrlich-traasiordanifchen Grenze. Jerusalem, 24. April. (Reuter.) Aus Transjordanien tvird gemeldet, daß in El Azrak das Kriegsrecht verhängt worden ist und alle bewaffneten Drusen von d^n Behörden gemäß dem mit den französischen Behörden in Syrien abgeschlossenen Abkommen der guten Nachbarschaft aufgefordert worden sind, sich aus El Azrak zu entfernen., zwei europäische Blocks. Ein angebliches vertraMes Mose Benesch'. Prag,. 25. April. Jn einem Kreis von. Prager volkswirtschaftlichen Journalisten hielt Minister . des Aenßern Dr. Benesch ein vertrauliches Expose, zu dessen Geheimhaltung sich die Anwesenden durch Haiidschlag verpflichten mußten. Durch! eine Indiskretion des „Montagblattes" des Abg. Stri.br nh sind die Mitteilungen des Außenministers der Öffentlichkeit boktrnnt gewogen. Benesch erklärte, tote das Blatt behauptet, folgendes: ZweiBlocks sind in Europa in Bildung begriffen:• auf der einen Seite Frankreich, Deutschland mü> Rußland, auf der anderen England und Jtalierr. Die Tschechoslowakei? muH eine -abwartende Haltung entnehmen. Das einzige Interesse, von dem sie geleitet sgin muß, ist die Rücksicht auf Mitteleuropa. Mitteleuropa gehört den Mitteleuropäern. Zu diesem Zwecke muß sich die Tschechoslowakei für die Einschränkung des italienischen Einflusses in Zentraleuropa einsetzen, ferner für die Annäherung der kleinen Entente an die Balkanvülker und ihre Einbezichung in die zentraleuropäische Sphäre sowie für ein Zusammenarbeiten mit Ungarn. Auf Polen könne man sich nicht verlassen, Polen sei der Balkan des Nordens. Oowohl in dev litauischen Frage als auch in der Frage des Korridors drohen ihm Konflekte. Wir müssen uns daher hüten, in polnische Fragen verwickelt zu werden. Daher müssen die gegenseitigen Besuche, insbesotrders solche parlamentarischer Delegationen, eingeschränkt werden. Schließlich habe Benesch erklärt, daß die Außenpoliiik der Tschechoflowakei ausschließlich eine Politik der Hande>lsv er träge sein müsse. Das Blatt fügt hinzu, es sei sicher, daß ein Dementi folgen werde, es veröffentliche die Ausführungen des Dr. Benesch nur, damit die von ihm beabsichtigte Konzeption im Keime erstickt werde. Inder „Prager Presse" veröffentlichen 15 Teilnehmer an der Besprechung eine Erklärung, in der sie die Handlungsweise des Stribrny-Blattes als bubenhaste Disziplinlosigkeit und die Ausführungen, insbesondere soweit sie Polen betreffen, als unrichtig bezeichnen. DIE FÜHRENDE MARKE WIENER STADTBRÄU