Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 9 (1927)
- Issue
- Heft 2929 (24.4.1927)
- Date
- 1927-04-24
- Page
- Seite 12 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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■'vIT' GM« Me», Gsmrlag Wiener Morsen-eit««g 24. April 1927 Nr. 2929 Mhne und Kunst. Surgt-ealer. "ebüt Carola Neher in Shaws „Cäsar nnd Kleopatra". Mer vorerst ein kräftig Wort über diese peinlich schlechte Aufführung. Entmutigend fiic alle Freunde des Burgtheaters, wie hier die xte Wiederholung eines Bühneniverles aussiccht! Schal, stimmungslos, heruntergehaspelt, vom Souffleur im Schweiße des Angesichtes mühselig zusammengehalten (Direktor Herterich saß in der Loge und lvar Zeuge dieser Durgtheater-Niederlage). Herr Hein; legt eine das Publikum beleidigende Wurstigl-it cm den Abend. Er spricht seinen Part im Eilschritt, solange das Gedächtnis hilft, dann wartet er geruhsam mls die Hrlfe des Souffleurkastens. Die Komparserie hat seit der Premiere der Komödie nichts gelernt, aber so ziemlich alles vergessen und spielt, daß es Gott erbarnr'. Nichts klappt» das Harfenspiel im Gemach der Kleofmtra muß (w-il der Dialog zu früh einfetzte) abgebrochen und dann fortgesetzt werden, eine Sklavin spricht ihren winzigen Part wiederholt zur Unzeit. Und Herrn Siebert fällt zweimal zum Gaudium des fadisierten Parterres die äthiopische Kopfbedeckung vom Haupte . . . . Kein Kinderspiel für Carola Neher, das entzückend rassige Kind mit der glasdünnen, aber kernfrischen Stimme, in solchem Milieu, bei solcher „Förderung" durch die Mitspielenden (wo bleibt die Kollegialität?) den Kontakt mit einer ungewohnten Zuhörerschaft, dazu noch in diesem riesigen, stimmungsfeindlichen Hause zu finden. Vielleicht trägt' diese verdrossene, höchst verdrießliche Auffühvung Schuld daran, daß sie uns bloß in den ersten Szenen durch ihr frisches Wesen, durch die anmutige und aufgeräumte Pointieru.ng^,(an -der Klugheit und Temperament in gleichem Maße beteiligt sind-) außerordentlich gefiel. Später aber fandest" wir ihre Königin gewordene kleine Wildkatze Kleopatta..rechtzahm, gar nicht eigenartig und wirklich nicht interessant.- Aber sie wäre keine Künstlerin, wenn dieser schlechte Burgtheaterabend nicht auf ihre Stimmung und aus ihr.<spiek crbgefärbt hätte. Deshalb wollen wir diese Stunden.'des Mißvergnügens vergessen und erst die nächste Begegnung als ihr'vollwertiges Debüt betrachten. Ö. A. „Jer SogeMMer." - Raimundthoater. Ein. Griff in die reichhaltige. Sammlung alter Wiener Operetten enthebt aller Repertoireforgen. Solch!? liebenstvÄrdiO-heitere Schöpfungen wie der „Vogelhändler" verstauben' niemals., denn aus Zell e r ß Musik blühen gemütvolle Melodien, die auch eine charleftonwütige. Generation entwaffnen' müssen. Und die „Ältest" schwelgen'dankbar in Reminiszenzen.-Im Rairnundtheater trifft man den Ton für solche, unvergängliche Antiquitäten sehr gut. Frau £ ch w'a r z, vornehm in Ton und Haltung, Herr P a ch e i gemütvoll - drastisch als Tiroler, Viktor Norbert und Joses' E.g.g t r,: wirksam wie immer, waren <n»f. voller Höhe.) Die Ueherraschung des Abends war die Briefchristl der Frau Poldi Bau er, die wieder zum Bühne zurückzefunden hat. Echtes- Soubrettentalent, Temperament - und eine ÄohMnstende Stimme mit-inttmster Wirkung tvaren Vorzüge, mit dessen sich Frau Bauerviel Beifall holte. Auch'-das übrige Enfemble-half verdienstvoll mit. Zeller rrrang einen Premierenerfolg. a. s. Aus den Theatern. Burgtheater. Morgen, 148 Uhr, „Cöriolanu8". (Theatergemeinde Serie B, blau.) A4 a-d e m i e t h e a t e r. Dienstag, 148 Uhr, „K o m« t e -s s e.M i tz i", hierauf „D as Veilchen"! Opern.th.ea ter. Morgen,. 7 Uhr, „Aida" (Theatergememde Serie . F). Dienstag,' „Die Frau ohne Schatten", Dirigent Dr. Richard Strauß. (Wheatergemeinde Serie H gelb.) V olksöper. Freitag den 26. ds. gelangt das Singspiel von Bruno Hardt-Warden und. Fritz Ähner „Ich Hab' mein Herz in .Heidelberg verlören" zur Uraufführung. Deutsches Volkstheater. Als nächste Neuheit gelangt ' Nikolaj Nikolajvwitsch Gvreinosfs »Komödie des Glücks" mit Alexander Moissi zur deutschen Uraufführung. Modernes Theater. In Vorbereitung steht Ofsen? bachs ,-9laübart" in modernisierter Ausmachung. R e n a i s s a n e e b ü h n e. Montag, den 25. t>. M., gelangt das, Lustspiel „Di e F r a u a u f A n t e i l s che i n e" von Paul Armont und L. . Marchand mit Grete Freund als Gast zur Erstaufführung- . Zum 350. Mal »Faller-Revue". Vor einem enthusiasmierten' Publikum ging Freitag die Haller-Revue „An und Aus" zum 350. Mal (Berlin miteingerechnet) über tue Bretter. Die auch den verwöhntesten Geschmack verblüffende Mule raffiniert an« und ausgewogener Frauen und die stellenweise mit köstlichem Humor gewürzten Tanzpausen (willkommene Ruhepunkte für das geblendete Auge) lösten wahre Beifallsstürme aus. Die Berliner Admiralgirls Lbertresfen an Schönheit um ein Vielfaches ihre englischen Kolleginnen, di« weltberühmten Tiller-Gcrls. „Abgerichtet" find die Gerls, ^daß jeder alte Feldwebel leine helle Freude haben müßte. Majchme gewordene Mädchenlewer. Uober die Solisten der espritteichen Revue wurde bereits eingehend berichtet. Die Misttnguette kann auch nicht höher als Haller in Berlin. r. s. -reue Wtntt Büyne. Eines der besten und aemütvollften jüdischen Untevyaltungsstücke, in seiner Art schon klassisch geworden, nämlich Armin Friedmanns köstlicher ,O«rel Bernhard", wurde hier gestern in den Spielplan ausgenommen und gefiel wie bei der Premiere, zumal Ludwig Stärk wieder die Titelrolle gibt, ein unvergleichlicher» unübertrefflicher Darsteller solcher jüdischer Typen, mit den Jahren noch herzhafter, trefssicherer geworden in der Formung der Gestalt, die ihm anvertraut ist. Auch sonst eine vortreffliche Aufführung, die mit warmem Beisttll oedankt wurde. Minstausstettungen. Gestern wurde die FrMjayrsauSstellung der Sezession und die Ausstellung der Kunstgemernschaft (Burggarten) eröffnet. Konzert Gerfon MargulieS. Dienstag, den 3. Mai, gibt im Zeremoniensaal der Wiener Hofburg Oberkmtor Gerfon Margul'ies sein diesjähriges einziges Konzert, flir welches sich lebhaftes Interesse knndgibt. Am Programm stehen Arien ln italienischer Sprache und ausgervähtte hebräische sowie jüdische Lieber. Klavie.'begleitung: Doktor Artur Trinz. An dem Konzert wirkt die, Pianistin Gisa Adler mit. Vortragsabend i^enttanz. Das Mitglied der Wrlnaer Truppe IeAüia Ehrenkro n z. ein Vnrtragskünstler, dessen jüdische Adent-e überall, insre^ndece erst jüngst in einigen Städten der Tschechoslowakei, bei Publikum und Presse begeisterte Ausnahme fanden, gibt Mittwoch, den 11. Mac tnc Kiemen .Konzertyaussaal emen Abend. Das Programm ent» ti. Dichtungen von Scholem Alejchem, Perez, Aich, An-ski, Rawitsch Max Liebermann malt den Präsidenten Hindenburg. Wie aus Berlin gemeldet wird, hat Professor Max Liebermann vom mecklenb»'..Aschen Staatsministerium den Auftrag erhalten, ein Bildnis de' Reichspräsidenten v. Hindenburg zu malen. Der Künstler ist an der Arbeit durch einen kleinen Unfall un!erbroc»>.n Mord''::; er hatte sich den rechten Arm verbricht und war dadurch einige Zeit am Malen behindert. Doch hat sich Prasessar LM«e:mann, der in diesem Sommer, sein 80. Lebensjahr vollendet, wieder rasch erholt und wird demnächst das Werk vollenden, das für das Museum in Schwerin besti'nmt ist. Auswertungrmörche«. Der Vertreter der „Allianz" Versicherungsgesellschaft, Klemens Gerza erschien bei dem Kaufmann Karl Mamer t un>d machte ihm den Vorschlag,-eine alte'Polizze auswertaiv zu lassen. Er übernahm die Polizze und kassierte eine Gebühr von 19 Schilling 50 Groschen ein. Da sich längere Zeit nichts rührte, erkundigte sich Herr Mamert bei der „All'anz", wo ihm mitgeteilt wurde, daß die Aufwertung einer Polizze überhaupt nicht möglich fei. und Gerza den einkassierten .Betrag auch nicht äbgeführt habe. Auf die Anzeige des Herrn Mamert verantwortete sich Gerza bei der Polizei damit, daß die Aufwertung einer alten Polizze laut Statut wohl möglich sei. Eine Partei, die eine alte Polizze rückerstatte und eine neue Versicherung emgehe, erhalte .eine teilweise Aufwertung. Die ersten sechs Monate der Prämie aber seien seine Provision. Den neuen Vertrag habe er auch bei der Firma ordnungsgemäß angemeldet. Die „Allianz'' stellte ihre ursprüngliche Angabe dahin richtig, daß Gerza tatsächlich, und/ zwar durch einen - Kollegen den neuen-Versicherungsantrag der Gesellschaft -vorgelegt habe. Herr Mamert habe jedoch die ihm übermittelte Versicherungsurkunde wieder zurückgeschickt, da Gerza andere Bedingungen zugesagt habe, als bewilligt werden konnten. e zwelhundertseHstauseud Briese wurden bisher durch die Polnische Luftverkeyrsi-A.-G., Wien, 1. Bez.» Tegetthasfstraße 7 (Telephon 71-0-84) befördert und einige Stunden' nach der Aufgabe dem Adressaten zugestellr. - Gin Expreßbrief »ach Baken kostet S. 1.10. Gin Luftpostbrief nur S. 0.60. Eine Aufwertung alter Versicherungen an und für sich sei nicht m ö glich. Die Anstalt gewähre nur bei Abschluß einer neuen Versicherung gegen Rückstellung der vorherigen freiwillig eine prämienfreic Zusatzversicherung. Dies traf aber in diescrn Falle nicht zu. Außerdem habe Gerza nur Anspruch auf eine Provision für vier Monate gehabt, so daß er 7 Schilling 50 Groschen hätte abführen müssen. Gerza hatte sich gestern vor dem Bezirksgericht Döbling (OLGR. Dr. Neubauer) tvegen Betruges zu verantworten. Den Schaden hat er i-nzwischen gutgemacht. Der Richter verurteilte den Beschuldlgten l.d glich wegen Veruntreuung von 7 Schilling 50 Groschen zu 24 Stunden Arrest. In der Urteilsbegründung führte er aus, d-aß -vom Standpunkt der Mentalität der Bevölkerung, die den A n f w e r t n n g s m ä r ch e n a l l« z-u sehr Glauben schenke, das Vorgehen des Angeklagten verständlich sei. Es lieg? hier wohl eine unkorrekte Handlungsweise des Beschuldigten vor, doch könne nicht von einem Betrug gesprochen tverden, da sich herausgestellt habe, daß tatsächlich' unter gewissen Umständen eine Art Aufwertung bei der „Allianz" möglich sei. Knegserrnnernngen. Georg Hrdlcka, ein Schmerinvalide, der int Stvicß einen" Kopfschuß crfjittcn Iptte, suchte tit eigener Angeleg-.nh?it die Jnva'i?enentschndigungst'onnntssion in der Nibelnngengasse auf. WMrcnd er i'm Amvsraum mit einem Bccnirten sprach, erschien in der Tür des anstoßenden Zimmers für einen .Augenblick der Amtsoberrevisor Major i. P. Karl Pa rzer, um gleich cmeder in sein Zimmer zurückzukehren. Hrdlcka geriet beim Anblick dieses Herrn ganz außer sich und soll ihn einen „Lausbuben und R oßbuben" genannt und gerufen haben: „So was wird beim Staat angestcUt, der die Leute an der Front mit der Hundspeitsche gesichlagen hat. Ich 7nuß ihm den Schädel einhuienl dem Gauner, dem FaUoten, er bekommt ein paar Watsch?n." Auf der Pulizer erk'ärte Ardlcka seine Aufregung damit, das; er in dem Amtsoberreb'isor Parzer seinen ehsmatrgcn Perutger und Bedränger aus der-Miliiärzcit erkannt habe. Hauptmann Parzer habe ihm ein»» mal int Feld mit der Hundspeiticho mehrere Hiebe verseßi'. Gegen Hrdlcka wurde die ^lnzeige erfluttet und seine Leu« mundskarte ctngeliolt. Dabei stellte sich heraus, daß en aus Wien flir beständig ab geschafft ist. Hrdlcka hatte, sich gestern vor dem Bezirksgericht Döbling wegen Amts, ehrenbeletdrgung und verbotener Rückkehr zu verantwortett. Bezüglich der Beschimpfungen war er vollkommen geständig. Was die verbotene Rückkehr betraf, verantwortete er sich dahin, baß er-infolge Berschlim^ merung-seines Leidens gezwungen gewesen set, nach Wien zu kommen und die Kopfschußstation in Grinzing aufzusuchen. OLGR. Dr. Neubauer sprach den Beschuldigten von der verbotenen Rückkehr, mit der Begründung frei, daß hier tatsächlich unwiderstehlicher Zwang Vorgelegen sei, da Hrdlcka außerhalb Wiens keine Gelegetthett für vre Meckmäßrge Behandlung seines Leidens gehabt habe. Wegen der Anttsehrenbeleidigung wurde der Beschuldigte unter Anwendung des außerordentlichen Milderungsrcchtes zu 24 Stunden Arrest verutteilt.;9eteine, BortrSge miv Versammlungen. ^Zionistischer Block Aus8ao.> Montag, den 25. Aprst.. im BeveinSheim, 20. Bez., Jägerstraße'30/um ^9 Uhr abends, dringende Sitzung. — . Arbeitsgemeinschaft hebräischer Kindergärtnerinnen. Infolge technischer Schwierigkelten wird die Zusammenkunft der Ärbeitsgcmeinschast um eine Woche verschoben, findet also Montag, den 2. Mai, %8 Uhr, statt. Oesterreichischo BöNerbündliga.. Mittwoch, den 27. AprU b. I., um 7 Uhr abends, findet im Kleinen Festsaal der Universität Wien ein Dortrag des Herrn Pros. Dr. Nikolaus- Kraßnig über das Thema: „Aktion für einen deutsch-englischen Mittelschullehver- und Hochschüleraustausch" statt. Gäste wiMommen. . «XXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXX7 cXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXX» TOUfSWIRTSCHAIT Kaufmann als Ausbeutungs objekt. rie schwarzen und roten Antisemiten l» Band und Semelnde. i Heute möchten sie sich alle, die schwarze» uwd die roten Antisemiten, beim jüdischen Kaufmann auch politisch festsetzen, nachdem sie ihn durch gesetzgeberische Maßnahmen unb a-dministrative Willkürakte als wirtschaftliches Ausbeutungsobjekt -den ,Mtochthonen" Wählerklassen hingeopfert hatten. An diesem Wahltage erstreben sie ein Ratifizierungs-urteil für ihre Handlungen gerade bei demjenigen, den sie systematisch zugrunde richten wollten. So. sehr glauben sie dm jüdischen Kaufmann durch die von ihnen selbst verschärfte Not der Wirtschaftskrise zermürbt, daß sie seiner Urteilskraft zumuten, alles nachträglich zu billigen, was sie gegen ihn vollbracht haben, und ihnen für die Dauer von weiteren vier Jahren ein Mandat zur Fortsetzung ihrer gegen den jüdischen Kaufmannsstand gerichteten Aktionen zu erteilen. - Wir glauben nicht, daß das gesunde Urteil und -der Selbsterhaltungstrieb des jüdischen Geschäftsmannes sich durch das Ar Lrlephon-Nummr ««Irrer «edattion ist ab 6 Uhr abends jetzt ausschließlich Rümmer 31.08«. in naiv-unverschämter Weise plötzlich judenfreundlich umgeschminkte Antlitz der in Bund und Gemeinde herrschenden Parteien blenden und irreleiten lassen könntet Was wir im folge'nbert vortragen, ist frem jüdischen Kaufmann zur Genüge bekannt — er hat die judenfreundlichen Handlutlgetl -der Machthaber an Leib und Vermögen jahrelang zu spüren bekommen, aber den gerade um die Stimme des jüdischen Kaufmannes Buhlenden soll der. klare Spiegel vörgehalten werden, -der ihr Gesicht so zurückwirft, wie es tatsächlich ist. Sie mögen sich darin nicht wiedererkeml-on wollen, aber der jüdische Kaufmann wird sie agnosziert haben und .die Gemeinschaft mit ihnen gewiß zurücktveisen. Was ist also alles gegen den jüdischen Kaufmann in den letzten vier Jahren geschehen? Die direkten Steuern haben sich seit 1923 verdoppelt — der jüdische Kaufmann mußt« daher seit dieser Zeit doppelt so hohe Steu/erleistungen aufbringen. Wohin sind die von ihm gezahlten Steuern geflossen? ‘ Der Verwaltungsapparat im Bunde hat seine Kosten verdoppelt, in der Gemeinde verdreifacht! Die Bunde-»