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Wiener Morgenzeitung · 1927-04-24 · Heft 2929 (24.4.1927) · p. Seite 11

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
9 (1927)
Issue
Heft 2929 (24.4.1927)
Date
1927-04-24
Page
Seite 11 (sequence 11)
Language
German
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Sk. 2929 Wien, Sonntag Wiener Morgenzeilurig U. April 19?' Seite 11 5iniße §ro&c\\en nwltt* uni Du kannst Dir auf Deinen SeUuUeu eiWbatuu lassen Hugos „Mathias Hmrydi Spicali, Herzog von Aegypten uttb Böhmm" nennt. Die Fledermaus scheint M schaukeln. Wenn Fledermäuse erwachen, sollen sie sich im Menschenhaar verfangen, erzählt man. Es . ist unheimlich hier. Noch einen Blick: der Golem ist nicht da. -Ich trete in die Nische hinaus, die Türe halb hinter mir schließend, und und schwinge mich auf die eisernen Sprossen, dann ziehe ich die Türe zu, sperre ab und klettere hinunter. Die Zahl der Neugierigen hat sich erhöht; zwei Polizisten haben Mühe, den Verkehr aufrecht zu erhalten. Bekannte find in der Menge, die wich fragen: „No, Haben Sie den Golem?" Im Vorraum zur Synagoge ist ein altes kupfernes Waschbecken, in dem ich mir die Hände wasche' „Haben Sie etwas gesehen?" fragt mich Herr Zwicker in einem Ton, in dem sich Neugieride mit jener Ironie mengt, die die Tiroler „Nekome" nennen. Und er ist sehr erstaunt, als ich ihm, meine Hände trocknend, erwidere: „Es war ganz interessant!" Die Tatsache, daß die Kletterpartie auf der Außenmauer der Altneusynagoge mir nicht die Bekanntschaft mit dem GoleM vermittelt hatte, — bereits diese Tatsache hakte nieinen Informator in Wola-Micholva mtt Heller Freude erfüllt. Sie hätte ihm nur bestätigt, was er ohnehin glaubte: daß die Mitteilungen des Buches unvollständig feien und die Fortsetzung in der Handschrift enthalten, die er allein Abbazia dotel-Pension total In schönster Lage am Meeresslrand, sonnige Zimmer mit schönster Aussicht, Bäder!m, Hause, Vorzügliche Küche. — Komplette Pension von Lire 35'— aufwärts. Echte ■ —w H « Herreti- Schlangen-1 MM I Schuhein Eidechse- ■ I fabelhafter u.Krokodili i Ausführung leder- T Taborstraße T unL schuhe ^_«M_Auswahl S 45-49* * O« Meine aus echtem jramöt. Mode-Chcvrcotvt hergestellten Srühjahrsmodelle legen Zeugnis ab vom Schönheitssinn und edlen ff esc h mach. >«»> ZIONISTISCHE BEZIRKSSEKTION INNERE STADT Mittwoch, den 27. April, halb 9 Uhr abends, im Souterrain des Caf6 Habsburg (Eingang: I., Oriechengasse) findet ein GESELLSCHAFTSABEND mit Akademie und Tanz (Jazzband) sowie Bridge u. Rommyaplel im separierten Klubzimmer statt Oäste willkommen! E Bel Darmträgheit, Magen- und Darmkatarrh, Geschwülsten der Dickoarmwand, Neigung zu Blinddarmentzündung beseitigt das natürliche „Frarlz-Josof"-Bitterwasser Stauungen in den Unterleibsorganen rasch und schmerzfrei- Langjährige Krankenhauserfahrungen lehren, daß'der Gebrauch -des Franz»Josef'Wassers die Darinverrichtung vorzüglich regelt besaß. Za, es ist wohl lvahr, was in dein Buche steht, daß aur Lagbeonter der hohe Rabbi Löw beu Leichnanr Unter der Makulatur in der Dachkammer begraben hat. „Aber er ist nicht mehr dort oben, Ihr könnt mirs glaube» Er war schon nicht nwhr oben, wie der Maharal verboten hat, hincmfzugehen. Abraham Chaim der Schames und sein Schwager haben ihn weggetragen. Schon in der nächsten Nacht, nachdem der Rabbi oben war..." Geheirnnisvoll und bedeutsam hatte der Wola-Mchvivaer Gastfreund aus einem der dicken Bücher, die hinter dem! Herd lagen, fernen Schatz heworgeholt: eine Handschrift, etwa sechzehn Oktavseiten hebräischer Kursiv, voll mit Tabellen mrd Buchstaben in Quadratschrift. Bon einem Weisen habe er dieses Kleinod, erzählte er mir, von einem Weisen, mit dem er sich in Przentysl befreundet hatte- OL es ilM der geschenkt hatte? Nein, aber nur achtzig Grüden habe der ganze Kesaf Jad gekostet, und nicht um hrmderttansend Gulden würde er ihn beraeben. Meinem Avüvertro-e« Sei röen«a1ische«, aichttschen ,, und nervSsen Schmene«. Aopfschmerre« «nd __13 SkSSkiNUgsKrunKSeiten. U.L.,jgoo «erzte deftStl. 97«rB|hiJ^Ph nt» Pie hkrvorraarndichmrrzftillrndr» brtlrnde u.pro«ptr * fUirl»»ß. «tl»e schädliche» NtbrmuhMngrn.Fri-en «le Närt» «u« — SfH a«r» Apoltztre". - Preis 8 Z-Sv «m» naiven Freund schienen die Zettel — wenn er sie glättete, war es, als ob er sie streichelte — alles Glück des Seins v#u verbürgen. Vielleicht harrte er nur deshalb während des Trommelfeuers in seiner Behausung aus, weil er die Blätter für das Buch des Lebens hielt, und weil er sich dessen bewußt war: es kann dir nichts geschehen, was nicht im Buche des Lebens vorgezeichnet ist. Armer, vertrauensseliger, abergläubischer Dorfjude! Nichts stand in deinen Skripten davon, daß eine Granate dein Kind zerreißen würde, und deine Frau geschändet und vernichtet. Es stand nicht darin, daß du einst deine Gläubigkeit verlieren und in Wien herumirren würdest. Wie gleichgültig war es dir doch, als ich dich am Pratersteril nach dem Golem ftagte, den zu suchen einst dein Sinn war! Der Lohn des Moses Mautner Ein Wiener Roman von Leopold Hichler. Copyright 1827 by B, Löwifc Verlag, Wien — Leipzig (1b. Fortsetzung.) Gustav bemerkte die Beleidigung nichit, denn die Herzenseinfalt umgibt stille und naive Menschen wie ein Panzer und schützt sie vor den spitzen und häßlichen Worten der anderen. Gustav dachte bloß: „Der Herr sei nur müde"; was ihm sehr lieb war; denn die vielen Fragen des Kalifen hatten ihn in seinen eigenen Gedanken gestört. Ihn drückte die Sorge, ob er in Budapest Arbeit bekommen werde. Wenn er auch vor seinem Vater sehr zuversichtlich getan, fürchtete er doch. Wer er tröstete sich wieder: „Es sind so viele Selcher unten in Pest!" dachte er, „werden sie doch einen brauchen können! Zwar! — Es heißt, es sotten unten viele Selcherburschen vazierend sein!?" — So erwog er das Für und Wider seiner Pläne nun ungestört, denn der vornehme Reisende schlief fest und. sicher bis Galantha. Dort stieg er aus. — Gustav streckte nun gemütlich seine Beine auf die freigewordene, Bank und dachte wie und wo er morgen früh beginnen werde: „Zuerst frag' ich beim Fleischmann um Arbett. Der ist der größte Selcher, und wenn dort nichts ist, frag' ich beim Well, und dann geh' ich zum... dann gch' ich..., aber auf dem Wege zum brüten Sicher schlief er ein und schlief bis Budapest. — — Es dämmerte noch, als Gustav die Straßen Budapests betrat; zum erstenmal in seinem Leben den Boden einer fremden Großstadt betrat. Davor hatte er gebangt und die mißtrauischen, vielleicht sogar - feindseligen Blicke der Einheimischen gefürchtet. Jedoch die wenigen Menschen, die in dem grauen Morgennebel über die Straße eilten, beachteten ihn gar nicht. Das war ihm auch nicht recht. Er fühlte dadurch noch mehr die Fremde und seine Verlass enhell. Traurig stand er vor demBudapester Westüahnhof und blickte im Kreise herum. Da las er auf der anderen Seite der Straße: „Kavehaz". — Er ging hinüber in das Kaffeöhaus, bestellte einen Kaffee und eine Wiener Zeitung. Der Kellner brachte ihm das Abendblatt der „Presse"; das hatte er zwar den Abend vorher in Wien gelesen; trotzdem behielt er das Blatt und Littckte die Zellung und die toten, schwanen Buchstaben so zärtlich an, als wär's' ein Stückchen Heimat, das er noch in der Hand hielt. Er lehnte sich in dem Sessel zurück und dachte an Wien, an das Lamplsche Haus, und Plötzlich wurde es ihm, als müßte er hinüber zum Westbahnhof, aber -7zur Abfahrtsette, und mtt dem nächsten Zug nach Wien zurück. — Er bekämpfte diese unmännliche" Regung, zahlte rasch, erhob sich und ging an die Arbett, vielmehr auf die Suche nach Arbeit — — Vor dem Hause des Selchers Fleifchmann stand er, lange und überlegte, was er sprechen werde? „Einfach um Arbett fragen!" dachte er und ging muttg hinein.- ZM Magazin und im Kontor des Selchers Fleisch-!tttarnt wimmelte es wie in einem Bienenkörbe. Arbeiter trugen fertige Ware, arrdere Burschen trugen Mersch und Fett. Lieferanten standen mtt Rohmaterial bereit und warteten, uNd ein Beamter Wernahm deren Waren. Gustav wußte nicht, an wen er' sich wenden solle. Da bemertte ihn et» älterer Herr und fragte: „Was wünschen Sie?" -- ,>Jch Litte — ich bitte: Ich bin aus Wien und möchte fragen — ich /möchte um Arbeit fragen?!" — „Was für eine Arbeit?" fragte der alte Herr. „Ich hin Selchergehilfe!" — „Was? Sie sind Selchergehilfv?" —- ,Za." — „So, so," sagte der alte Herr abweisend — wie es Gustav schien, und er wollte geherr. „Na> warten Sie nur einen Moment!" rief der Herr. „Ich werde die Chefin rufen." „Wozu?" dachte Gustav, „wenn er niemand braucht." In- , dessen war der Herr ins Kontor gegängelt und kam bald in Begleitung einer stattlichen Dame zurück. Die Dame hätte ein breites, derbes Gesicht und — eine tiefe Stimme. ,;Sie suchen eine Arbeit?" fragte sie. — „Ja, gnädige Frau." — „Wo haben Sie gearbeitet?" — „In Wien, beim Herrn Lampl," und er griff in die Bmsttasche seines Rockes nach dem Arbeitsbuche und hiett es der Chefin hin. Sie blickte darüber hinweg und fragte: „Als was haben Sie gearbeitet?" — „Als Tafelbursch'." Da lächelte die Chefin, sah den alten Herrn an Änd -Mn lächelten beidr. — Gustav wurde verlegen. „Das trifft sich gut!" sagte die Dame. „Wir brauchen g'rad einen Tafelbur'cheit. Können Sie gleich eintteten?!" — Das konnte er. y u antworten konnte er nicht, demt er zttterte vor Frenu.. Kalt lief es ihm über den Rücken. So viel Glück hatte er nicht erhofft. ,^Jch frage Sie," rief die Chefin ungeduldig, „ob Sie gleich eintveten können?" —- „Bitte, gnädige Frau." 13. Kapitel. Ich möchte gerne einmal in die Herzen jener jungen Leute blicken, die fern der Heimat sind. — Ich glaube, ich fäirde darin wenig der Freude und des Entzückens, tvomit die Dichter so gerne die Wanderzeit schmücken. — Eine gute Schule mag die Fremde sein, jedoch schön ist sie erst in der Erinnerung, wenn die Leiden der Frentde vergessen sind, und nur die Früchte jener Leiden genossen werden- — Dann blickt man gerne ans den dornigen Weg der Entbehrungen zurück, wie einer, der den Winter preist, wenn er abends im Kreise settter Lieben um den warmen Ofen sitzt. Darum rate ich: Menschen bleibt zu Hause. Mehr lernen werdet Ihr vielleicht in der kalten Wett, aber behagen wird es Euch imr an dem schönen, traulichen Feuer der Heimat. — Gustav hatte in der Fremde Besseres und Schöneres erhofft, und das erste war ein sozialer Sturz, den er früher gar nicht bedacht hatte: In den sechs Jahren, die Gustav bei fernem Schwager Bernhard verbracht, war er allmählich vom Lehrjungen zum Gehilfen und vom Gehilfen, wie für einen Hausherrnsohn geziemend, zum jungen Herrn aufgestiegen. Als er nach Budapest in die Fremde kam, stieg er wieder herab und wurde ein Gehilfe, und dieser Fall war Gustav, dem Hausherrnsohn, besonders schmerzlich. Die Arbeitszeit im Hause Fleischwann war «MH eine weit längere als im Hause Lampt Man begann 'in Budapest Um zwei Uhr früh Und arbeitete bis acht und neun Uhr abends; wenn Gustav dann müde und schwer in sein Bett siel, dachte er tteftraurig des verlorenen Lamplsche» Paradieses und der Worte, die ihm Frau Fanny, die alte Köchin, zum Abschied gegeben hatte: „Ma tauscht sich nix Besseres aus!" hatte sie warnend gesagt. „Sie werte auf meine Red' kommen, Gusti: Ma tauscht sich nix Bessert aus!" — Wie gerne wäre er wieder zurück ,zu seinem Schwager, aber man verlangte ihn nicht. — Herr Bernhard baute wohl schwache Brücken in seinen Briefen, denn er schrieb: „Schau', bei Fremden fügst du dich! Ist das besser, wie bei Vertvandte?" — Aber Gustav, der niemals zwischen den Zeilen zu lesen verstand, deutete den Sinn dieser Worte, daß man nicht mehr nrtt ihm rechne und ihn vergessen habe. — So wußte er das Joch der Fremde tragen. — Nach Hause, zu den Eltern, durfte er nicht und wollte auch nicht. Aber verlassen fühlte er sich in der einst so sehr ersehnten Frentde, wie noch nie in seinent Lebe«. In solchen bitteren Tagen erwacht in dem Menschen die Sehnsucht nach Trost, nach der Religion und das Herz ist weit aufgerissen — wie eine Ackerfurche -- für ein Samenkörnchen des Trostes. — Eine neue Religion war um diese Zeit entstanden .Eine neue Heilbotschaft für armtz, gedrückte Menschen und Gustav wandte sich begeistert dem neuen Licht', J>er Botschaft des Ächtftunden-Tages zu. — ES gab in Budapest eine Sektion der Nngarländischdeutschen Sozialisten, und iHrt fand Gustav Anschluß. Jeden Sonntag lauschte er andächtig und kritiklos allem, was dort gesprochen wurde. Es drang alles zu seinem Herzen: Sowohl dix besonnenen, dem wahren Gefühl' eirtsprungenen Reden, als auch die wohlfeilen Schlagwvrte mancher Füh«r .Und was er anr Soimtag in dem soziattstischeir Vereine gehört, das . gab er an Wochentage seinen Kollegen, den Selchergehilfen so weit sie deutsch verstände» — wieder weiter. —• Mehr Verschlossenheit wäre aber besser gewesen, den an erneut Sanrstag -- es war genau acht Wichen nach seinem Eintrttt im Hause Merschmann — wurde er ohne Angabe von Gründm enülassen. — Die Kündigung griff ihm nicht sehr ans Herz. Im Grmrde war er froh, einige Tage ausruhen und schlafen zu können. Sparsam tvar er während der zwei Mvnate auch gewesen; er hatte jedeir Soimtag die Hälfte seines Wochenlchms beiseite gelegt und dachte nun, einige frSh- '*«*0 Tage im Kreise der sozialistischen Freunde zu verleben. * (Fort?«Hsrg ftrhgt.)

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