Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 9 (1927)
- Issue
- Heft 2929 (24.4.1927)
- Date
- 1927-04-24
- Page
- Seite 10 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Sritc tO Sonntag Wiener Morgeirzettung 24. Aprll 1927 Nr« 8929 luäenquarliere m aller Well Von e§on llrvin Kisch «ie der Sole« starb und «o er begrabe» liegtden Golem? Darf ich ihn suchen, wenn ich einmal nach Krag towme?" — „Machen Sie, was Sie wollen!" * In dem Sagenbuch meines Freundes, des! Wola-Micho- /wer Kabbalisten, wird als Todesanlaß des tönernen Hvmunkullden die Audienz hingestellt, eigentlich eine z:ott. Jahre voraustzegangeue, historisch nirgendwo beglaubigte nächtliche Audienz, bei der der Rabbi vom Kaiser die Zu^ sage erlangt habe, daß niemand mehr die Beschuldigung des Ritualmordes erheben dürfe und die Judengasse im Llusschreitmigen geschützt werden würde. Wirklich kam es in den Ostertagen 1590 nicht mehr zu den alljährlich üblichen Exzessen gegen das Ghetto, und so war der Golem, der vornehmlich zur Ausforschung von Derbrechen, die man den Israeliten in die Schuhe schob, geschaffet: worden war, nunmehr eine überflüssige Existenz. „Wie eso hat der Mtcharal newaar gewesen (das heißt: vernichtet) den Jossile Golem", wird mif Seite 201 beschrieben; wie der rabbinische Prometheus seinen Schwiegersohn Jakob Katz und seinen Schüler Jakob Sossou, oeu Leviten, zu sich beruft und ihnen erklärt, daß man des Joseph Golem nicht mehr bedürfe, wie er dem Golem befiehlt, herrte nachts nicht in der Besenstube, dem Gericht" zimmer, zu schlafen, sondern aus dem'Dachhoden der Allneusynagvge sein Lager zu bereiten. Es ist Lagbeom-c, der 33. der 49 Tage, die man zwischen Ostern und Pfingsten zählt. Um Mitternacht steigen die drei Mamrer aus den Dachbodenstuhl. Bevor sie aber hinaufgehen, Hai- Jakob Katz (das Wort „Katz" ist aus den -Anfangsbuchstabe:: der Worte ,Mohen zedek" gebildet und bezeichnt den Träger des Namens als Abkömmling des palästinensischen Priesterstammes) einen Disput darüber, ob er als Kohen in die Nahe einer Leiche gehen dürfe; Rabbi Löw belehrte ihn, daß das Leben einer von Menschenhand aus Lehm geformten Puppe kein L^ben im göttlichen Sinne i und ihr Tod kein Tod sei. So leicht, wie sich der christliche Romantiker Clemens Brentano die Beseitigung des Golems vorstellt, ist sie nicht. „Der Meister, der die Figur erschaffen hat," schreibt Brentano im Wiener „Dramaturgischen Beobachter" vor. 1814, „braucht nur von dem Worte ,Anmauch (Wahrheit), das er bei Erschaffung des Golems aus dessen Stirn geschrieben hat, die Silbe,an' zu verlöschen, so daß das Wort ,Mauth' übrigbleibt, welches ,Tod' bedeutck; rm selben Augenblick zerfällt der Golem in Lchm." Nein, so einfach ist die Sache doch nicht! Rabbi Löw, Jakob Sosftm und Jakob Koch haben auf der Dachkammer so Llufstellnng zu nehmen, wie sie es getan hatten, als sic die Form, aus Lehm gebrannt, zum L^ben erweckten, nur diesmal in entgegengesetzter Richtung. Sie stchsn beim Kopfe des schlafender: Golem, ihr Gesicht gegen seine Füße gewe^et. Dann gehen sie siebenmal um' den Körper herum, auf der linken Seite bis zu seinen Füßen, aus der rechtan Sette bis zr: feinem Kopf, geheimnisvolle Formeln sprechend. Während dieser Beschwörung ist Abraham Chajim, der alte Tempeldiener, dem der Maharal Miprag die Erlaubnis gegeben hat, anwesend zu sein, mit zwei brennenden Kerze:: in der Nähe und sicht zu. Beim siebentest: Umgang ist alles Leben aus dem Golem gewichen, er liegt als ein Glumpen verhärteten Lehms da. Der hohe Rabbi ruft den Tempeldiener herbei, nimmt ihm die Kerzen aus der Hand, stellt sie zu Füßen des Lehmkolosses nieder und zieht diesem die Kleider aus. Die Statue behält nur das Hemd. Dann roickelt er die Gestalt -in zwei Talessim (Gebetmäntcl) ein ::nd schiebt sie unter einen Berg von Schemas, von Büchern und Papieren, die hier ausgestapelt liegen, dergestalt, daß man nichts von der Figur sehen kann. Die Kleider iverden hinuntengetragen und verbrannt. Am nächsten Tage wird ausgesprengt, dev Jossile Golem -abe sich erzürnt (ist brojges geworden) und sei bei Nacht entwichen. In der zweiten Woche nach dieser Beschwörung erläßt der Rabbi das Verbot: niemand darf den Dachten betreten, und es dürfen lveiterhin keine Schemos dort ausbewahrt werden, damit kein Feuer ausbreche. „Aber einige kluge Leute," so schließt die letzte Golem-Sage des Buches, „haben gewußt, daß das Verbot nur ergangen ist, damit man nicht gewahr werde, daß oben Jossile Golem liegt." Hier lächelte mein galizischer Okkultist überlegen, und er lächelte glückselig, als er die Handschrift hervorzog, aus der die Fortsetzung dieser Entzauberungsprozedur stand. — Als ich ihn wiedersah, lächelte er nicht mehr überlegen und nicht mehr glückselig — er lächelte überhaupt nicht mehr. Das war zweieinhalb Jahre später, in der Leopoldstadt Wiens, sein geringeltes Schläfenhaar war grau geworden. Und die Kabbala interessierte Ihn nicht mehr und der Golem nicht. Mit einer weiten Geste wehrte er ab, als . ich davon sprach „Ich Hab' anderes Leid." Seinen Sohr: hatte im Hause von Wola-Michowa eine Granate zerrissen, und später >oar seiner Frau etwas Furchtbares geschehen. Er sagte nicht, was is :var. „Sie liegt im Allgemeinen Krankenhaus und ich habe kein Geld." Ich versuchte, mtt ihm ein Gespräch zu führen, aber es »var schwer; unsere gemeinsame Erinnerung knüpfte sich an eine,: Karpathenort, an den er nicht denken wollte- „Und Ich wollte die Stetten aufsuchen, von denen geschrieben steht, daß sie.Aufbelvahrungsort des Prager Homunkulus gewesen seien. Die Sage, daß das Dachgestühl der Alt neusynagage die Gruft -es Golems ist, hat sich jahrhundertelang erhalten. Als im Jahre 1718 von Maier r Perls. Aktuar und Raböinatsassessor in Prag, erschienene - Schrift „Megilath Jochasin", die alle Traditionen über de:: hohen Rabbi Löw enthält, in der Mitte des vorigen Jahrhunderts eine neue Ausgabe erlebte, bestätigte der Herausgeb« diesen Aufbewahrungsort: dev Lemberg« Rabbiner Joseph Saul Nathanfon habe die Bodenkammer betreten wollen, aber dies tvurde ihm mit der Begri'lndung verwehrt, daß der Prager Oberrabbiner Ezechiel Landau das Verbot erneuert habe. Auch in neueren Publikationen (zum Beispiel „Oesterr. ist. Wochenschrift", 35. Jahrg., Heft 6; fern« in Ch. BlochDelatyn: „Rabbi Löw und die Golem-Sage") witt> das Gerücht erwähnt, die Tonfigur sei' in der Bodenkammer dieses ältesten Prager Tempels noch vorhanden. Rabbi Ezechiel Landau habe nach langem Fasten in Gebetmantel und Gebetriemen das Dach bestiegen, während seine Schüler Psalmen singen muUen; nach geraum« Zeit kam er mit verstörtem Gesicht unken an: „Niemand unterfange sich mehr, die letzte Ruhe des Golen: zu stören." Meine schüchternen Bestechungsversuche air den Funktionären, die mir den Schlüssel zum Dachboden hätten» verschaffen können, blieben erfolglos: erstens sei oben gar mchts sehen, zweitens führe im Innern überhaupt keine Stiege zur Bodenkammer, und man könne diese bloß d-nrch Emporklettern auf den Eisenklammern der Außenseite des Tempels erreichen, was bei dm Passanten der Niklasstraße Aufsehen Hervorrufen würde. Drittens sei das Betreten deS Dachbodens durch die Tradttion verboten, imd deshalb habe auch Präsident Dr. Rosenbacher, der vor dreißig Jahren hinaussteigen wollte, davon Abstand genommen. Noch in den achtziger Jahren sei ein Dachdecker namens Bondreje hi« abgestürzt imd tot liegen geblieben. (In d« Ruthschen ,-Kronika Kral. Prahy" fittb ans Seite 803 ältere Verbote darüber zitiert: „Man erzählt sich sogar, daß nach der Bernichttmg von; Jerusalem Engel «inen Teil des Tempels Salomonis nach Prag trugen und den Stuben befählen, daß niemals jemand diesen Ban ausbessern ttnib nichts an ihm ändern dürfe, widrigmfalls'« sofort sterben werde. Und so kam es, daß einmal, als die die Aeltesten der Judengemeinde einem Baumeister den Auftrag zur Renovierung des Gebäudes gaben, der Baumeister mtt seinen Gehilfen vom Dache stürzte, und auch die AuftraggÄer starben, bevor noch die Arbeit begonnen war.") Außer dem Raüchfcmgkkekhrer sei überhaupt noch niemand auf dem Dachboden gewesen, und vor dem Ringtheaterbrand hatten noch nicht einmal die Eisenklammern hinausgeführt; tatsächlich wies man mir nach, daß erst im s Die neuen Schlager unserer BüchersGhwemme Upton Sinclair: Der Sumpf Hundert Prozent Jimmie higgins Man nennt mich Zimmermann Samuel, der Suchende Der Liebe Pilgerfahrt Der Industriebaron König Kohle Die Metropole Die Wechsler Nach der Sintflut 5 Bände in Kaseette 8 20.'—. Maxim Gorki: Foma Gordejew Drei Menschen Eine Beichte Verlorene Leute und andere Erzählungen Die Holzflößer und andere Erzählungen Märchen der Wirklichkeit Wie ein Mensch geboren ward Der Spitzel Broschiert 8 2.—, geh. S 3.— pro Band. Einzelbände: Der Industriebaron König Kohle Die Metropole Die Wechsler Nach der Sintflut In Pappe geh. je 8 4.—, in Haibieder geh. Je 8 ö.—. $ R. LÖW1T, WEM. 1.1 RotenturmstraBe ZI Jahre 1880 auf Anordnung der Feuerpolizei diese Feuern feit« errichtet worden, ist. Nach großen Mühen erwirkte ich mir doch vom Tempelvvrstand die Erlaubnis, auf das Dach steigen zu dürfen. Morgens um acht Uhr kam ich; dem Tempellustos, der 33 Jahre dem Hause dient, lvar ich avisiert. Herr Zwicker versuchte noch, mir abzureden, und antwortete mir auf die Frage, ob er schon einmal oben gewesen, mit der Frage: ob er meschugge sei? Mit achselzuckendem: „Uebrigens.. gab er mir den Schlüssel. Ich sprang über das niedrige Gitter, das den kleinen, kahlen Vorgarten bei der Niklassttaße umschließt, nahm eine Leiter hinüber und legte sie unterhalb der Eisenklammern an, deren tiefste erst zwei Meter über der Erdhöhe eingemmmt ist, damit kein Unberufener aufs Dach klettere. In der Nillasftrahc sammelten sich die Passanten erstaunt an. Das Gefühl, fremde Blicke im Rücken zu haben, ist peinlich. Mit kinematograph-enartiger Geschwindigkeit kletterte ich! die achtzehn Eisensprossen, die oben eine starke Viegiurg nach links beschreiben, hinauf, schwang mich dann in die Spihbogennischc, sperrte die stöhnende Eisentür auf und stand inmitten einer steilen, Hellen Pyramide, derep Boden sich in massiven Wellen tvvlbte. Die Basis der Synagoge ist fo tief unter beut! Straßenniveau, daß mau auch hi« oben auf ferirer besonderen relativen Hohe ist: durch die Dachluke sieht man die IHr auf dent Giebel des israelitischen Rathauses, deren Zeiger in umgekehrter Richtung gehen, gerade vor sich. Und durch mchrerx Dachfenster dringt das Licht h«ein. Es fehlt also das mystische Düster, das Bewußtsein der Höhe, dem man sich auf dem Dachstuhl-dies St. Veits-Domes nicht ent> winden kann.!, Und doch ist män im Dach^estühl dier Altu,eUsynag!ogie noch starker unter dem Druck des vor neun Jahrhunderten zu frommem Zweck errichteten Baues. Die Steine d« Wölb:mgen sind nicht wie ans d>eM Domdach an den Gewölberücken vertüncht und zu glatten, eücheitlich grauen, geometrisch regelmäßigen Wellen gefügt. Zackig imd grob halten sie sich Einander fest. Es ist, als ftünlbeft du in einer Gebirgslandschaft, flache Berge vor und v neben dir und Täler. Oben im Dom kannst du auf den Höhen unterhalb des Daches das ganze Schiff auf breiten, festen Stegen überäUeyen, kannst rings NM. das '.Schiff auf breiten, festen Stegen .gehen. ,, \ . i Hier aber ist ttur ein invpsche^ Breit' vom Gintzang nach vorn gelegt, du'prüfst mit dem Fuß dessen Festigkett tntfo entschließt dich dann, deinen Rundgang lieber direkt ckuf dent Wölbungsrücken zU nrachen oder aus den Sparren .zUI balancieren u:ü> dich hiebei an den Trämen und Pfätten anzuhalten, wenn deine Hände auch nach so ttef in StaubschichtenM:fen,deint Gesucht auch noch so oft in .Spinnweben! stö-ßt. Ueüer die ganze Breitseite spannt sich eine Eisenstrebe; eine Leiter, durch eine Eisenktammer befestigt, führt neun Meter hoch, zun: KaMm des Daches; ein altes Kaminrohr, Ziegel! liegen lMmt; ein toter Vogel, der hier einsam starb, sonst ettvas Geröll; Schwämme wuchern in grotesken Formen auif dem Gebälk. Nne Flederinaus hängt kopfabwärts Nus einem Balken. Ich habe bisher nolch nie eine hängende Fledermaus gesehen. ' > Zwischen den tiefen Senklungen 'der anenmnderstoßenden Wölbungen oberhalb der Widerlager ist Schotter, fast seit Jahrhunderten. Wenn dort die Lehmsigur des hohen Rabbi Löw begraben ist, so ist sie es bis zum Jüngsten Tage. Wollte ''Man sie exhunneren, so stürzte das Gotteshaus ein. Die Begräbnisstätte wäre gut gewählt. Das ist tvahrlich ein Raum, hei Moudlicht den Golem zu erschaffen und den Golem zu bestatten! Das ist wahrlich ein Raun: für sMystagogen u:rd Alchimiste::! Ja, hi« wäre ein Laboratorium für den Dornherrn Claude Fvollo, eine Schlafstelle für den üb,erme::schli!chen und müernnnschlichen Koloß, der sein willenloses W«kzeug ist, hier wäre der Saal für die Zusammenkunft :ntt den: König von Frmrkveich, mtt iben: Goldmacher im Priestergewand — allerdings dürfte der Held des Spieles vor dieser Kulisse fein kacholischer Mystiker, fonbem Müßte ein jüdischer Kabbalist sein. U:ü> es fällt mir ein, daß Hugos. „Notre Dame a Paris" im Gründe nichts anderes ist als die Golemsage, gar nichts Mlderes, aus Prag nach Paris transportiert, aus der Gedrücktheitl des Ghettos in die avchttektonisch und ornamental schwelgende ekklesiattsch: Gottk überpflanzt, vom Souterrain dev Prager Judenstadt erhoben in die dominiererwen Höhen der Pariser Domtürme, aus der Gristesrichtung des Baal ScheM in die des Pelagius von Eclanmn:. König Ludtyig XI. holte sich Rats von dent vermeintlichen Zauberer Clände Frollo, so lvie sich Kais« Rudolf II. mit dem sage:lhasten RM: Löw bespricht/ Der Golen: aber, der ungefüge, den: Willen seines Herrn untertane Automat — ist er etlvas anderes als der unheimliche Quas'^Uo? Und Esn^ralda toeckt in ihm die Lieben wie dort des Rabbi blmikes Töchterleiu. Ritnalinordinärchen und Hexenprozeß sind eines. Und der Pogroinpöbel, der Judenviertel stürmt, ist Ivie jenes, die Pariser Frauenkirche bereimende Volk aus dent verrufenen „Wund^rhos", dessen Herrscher sich he: Victo« .-- t AiT-ti'-lfriinYi