Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 9 (1927)
- Issue
- Heft 2929 (24.4.1927)
- Date
- 1927-04-24
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 2929 Wien, Sonntag Wiener M-rgenzettrms 24. AprK 1SS7 Sekte S Diese Woche Heute ist Zahltag! Für die mehr denn hunderttausend jüdische Wähler >ist der gütige Wahltag m Oesterreich ein Schicksalstag. Würden wir in Oesterreich unter normalen Verhältnissen leben, stünden die Juden hier nicht unter dem Drucke zlveier nach der Macht strebenden Parteien, die mit allen Machtmitteln die Juden zu zwingen. trachten, gegen besseres Wissen und Gewissen, gegen das eigene persönliche und das Volksinteresse das Lüahlrecht ausznüben, so wäre -die Schicksalsfrage für die Juden bereits beantwortet-- Noch ehe der Wahlakt sein-en Anfang nimmt. Würde Nt Oesterreich jeder Jude uueingeschüchtert, ohne Angst vor denr morgigen Tag feiuett Willen durch den Stimmzettel kuNdtun, so nrüßte der heutige Tag für beit Nationalrat zumindest drei und für den Gemeinderat zumindest fünf jüdische Vertreter bringen und auch in beit Bezirksvertretungen hätten die jüdischen Wühler ihre Mandatare in entsprechender Zahl sitzen. Würde heute jeder jüdische Wähler in Oesterreich seinem gesunden, natürlichen Instinkt folgen, sich vom gesunden Menschenverstand und devv Ehrgefühl bei seiner Stimmenabgabe leiten lassen, so würden die verschiedenen Parteien, die in den letzten zwei Wochen um seine Gunst mit den verwerflichsten Mitteln gebuhlt haben, es gar nicht gewagt haben, die Zumutung der Ehrlosigkeit auszusprechen. Stünden alle jüdischen Wähler auf der Höhe ihres Pflichtbewußtseins, sich selbst, ihrer Familie und ihrem, Volke gegenüber, so gäbe es heute keinen Juden in Oesterreich, der es nicht sofort heraus hätte, daß alles, was ihm in den letzten Wochen von rechts! und von links und auch von der sogenannten Mittellinie in allen Tonarten zugeraunt wurde, nichts anderes ist, als ein mit der reservatio mentalis abgelegtes Lippenbekenntnis, das niemals ernst genommen wurde und mit dein Schluß des heutigen Wahlaktes jede Geltung verloren hat. Wie immer man die Dinge betrachtet, man kommt nicht darüber hinweg, daß die jüdischen StjMmen, die heute einer anderen als der jüdischen Partei gegeben werden, das Produkt der Erpress u n g durch skrupellosen Mißbrauch der Macht darstellen. Es ist unwahr, daß alle Juden in Oesterreich so minderwertig, korrupt und feige sind, daß die zwei Gruppen, die Oesterreich seit nahezu zehn Jahren beherrschen, mit dein jüdischen Wähler, dem jüdischen Steuerzahler auch weiterhin widerspruchslos ihr frivoles Spiel treibeu dürften. Zu groß ist die Schuld die die beiden Parteien zu ungeteilter Hand gegen die Juden in den letzten Jahren auf sich geladen haben, als daß die Annahme berechtigt wäre, daß der heutige Wahltag nicht auch einberechtigtler Zahltag der Juden an alle jene werde, die offen oder hinterrücks den Haß schürten, hunderte jüdische Existenzen vernichteten und alle Wege, die zur Aufrichtung der jüdischen Existenzen führen könntendurch ihr Machtwort verrammelt haben. ' Blendwerk ist es, wenn die Sozialdemokraten auf ihr freiheitliches Programm Hinweisen, das nur einigen, dem Judentum völlig entfremdeten jüdischen Führern zugute kommt. Unwahr ist es, wenn Dr. Seipel sich auf die Staatsgrundgesetze und auf seine Unparteilichkeit als Bundeskanzler beruft, wenn er ^gleichzeitig dafür sorgt, daß die extremsten Pogromantifemiten in den Nationnlrat cinziehen, deren politisches und wirtschaftliches Programm in der Vernichtung des Judentums besteht. Es ist nicht wahr, was verblendete und bezahlte sogenannte jüdische Agitatoren aus allen nichtjüdischen Lagern dem jüdischen Wähler ins Gehirn hämmern wollten, daß die Liste der jüdischen Partei aussichtslos und ein Sieg der aufrechten'jüdischen Kandidaten eine Gefahr für das Judentum bilde. Jawohl, eine Gefahr für die österreichischen Juden besteht. Aber nur für den Fall, daß im künftigen Parlament, Gemeinderat und den übrigen Bertretnngskörperschaften wieder nur d ie zwei jnd e nfeindlichen Guppen von rechts und links ungehemmt und unwidersprochen'^ über das Schicksal des jüdischen Bundesbürgers und seine Ruhe zu entscheiden' haben werden. Nur wenn sie wieder unter sich bleiben, wenn, nicht wie seinerzeit unser umtiger, rechtlich denkender, selbstloser Vertreter Robert Stricker zur rechten Zeit den Judenfeinden in den Arm falten, wenn im Gemeinderat nicht wie bisher Dr. Leopold Plaschtes mit Unerschrockenheit und Sachkenntnis die ganze Hinterhältigkeit der sozialdynokratjschen judenfei üblichen Politik wird - aufdecken könnennur dann wird der Jude wehrlos den Praktiken der um ihre Macht besorgten Parteien ausgeliefert sein. Nach der Wahl wird der Jude allen anderen Parteielt wertlos werden. Der jüdische Wähler wird als Ballast empfunden werden, als zudringlicher Förderer, der seinen Wechsel für die bei der Wahl gebotene Leistung präsentiert. Dringt die Liste der jüdischen Partei nicht durch, dann werden ste int Nationalrat und im Gemeiuderat mit den jüdischen Köpfen wieder ihr Fußballspiel treiben, indem jede der beiden Parteierr die andere als Jrid-nparLei verächtlich zu machen trachten wird. Nur die Wahl der jüdischen Kandidatelt wird dieses Spiel eindämmen, wird die Möglichkeit bieten, vordem F o r um d e r W e l t den Respekt vor den Rechten der Juden auch in diesem Staat' zu fordern und durchzusetzen. Es ist nicht wahr, daß sich in Wielt und Oesterreich iticht so viele jüdische Wähler fänden, welche ihr eigenes Interesse verkennen und durch die Abgabe ihrer Stimmen die Judenschast von Oesterreich von der Schande befreien werden, daß die Juden in den gesetzgebenden Körperschaften nicht ihre entsprechende Vertretung finden. Der heutige Wahltag wird, wir sind dessen sicher, alle Rechnungen auf die Ehrlosigkeit der jüdischelt Wähler zuschanden machen. Für die Mische Sache. Gestern, am Vortag der Wahl, erreichte die Propaganda ihren Höhepunkt; die Argumente der Parteien wurden in ihre letzte, schlagkräftigste Form gebracht, die Agitationsphrasen in Wort und Schrift noch scharfer als früher, die Lügen über die Gegner noch skrupelloser, die Anpreisungen des eigenen Wertes noch hemmungsloser; die Zahl der FlngZettelverteiler in den Straßen schien sich verzehnfacht zu haben, die Anschlagsäulen zeigten, nichts anderes mehr als Wahlplakate, Propaganda-Autos' mit schreienden Bildest und Aufschriften durchrasten die Stratzm;. und über all diese eindringliche Propaganda hatte die Sonne, die dem Wahlkampf bisher so wenig gewogen gewesen war, ein grelles Licht gebreitet, das die Zeichnungen und Inschriften der Wahlpropaganda geradezu doppelt sichtbar machte. Am Nachmittag, da die meisten Betriebe schlossen,, setzte die Versamimlungspropaganda mit ihrer ./vollsten, letzten Intensität ein; die Straßen waren belebter als sonst am Weekend, und man sah Gruppen in die Restaurants und Vortragssäle eintreten. Das Alkoholvrrbot, das schon am Vortag der Wahl einsetzte, gab den Versammlungslokalen ein verändertes Aussehen; doch cs bedurfte für die; Wahlfieberstimmung keines Anreizes; sie zeigt sich trotz der im Ansang der Wahlbewegung offensichtliche gewesenen Wahlmüdrgkeit setzt in höchstem Grade. Die Sabbatstimmung der Leopoldstadt und Brigittenau, > in deren engsten jüdischesten Gassen sonst am Säbbatnach-i mittag ruhig-beschauliche Bewegung herrscht, war der-! flogen. Nicht wie sonst wurde im Spazierengehen oder vor! Vom Rigaer jüdischen Theater. — Die Bedeutung der jüdischen Bühnenkunst. -- Kritische Betrachtungen. — Morewskis Zukimftspl.äne. I;M Abraha in Morewski weilt in Wien, einer der interessantesten jüdischen Schauspieler und.modernen Regisseure. Ihm ist bekanntlich zum großen Teil der Ausstieg der Wilna er Truppe, zil verdanken, jenes ersten Versuches, eilt modernes jüdisches Theater dort hohem künstlerischen Niveau zu schaffen. Als die Wilnaer Truppe im Jahre 1922 ans ihrer Europa-Tournee in Wien gastierte,, hatte das Wieiter Publikum. Gelegenheit, Morewski als Darsteller des Zadik in dem bekannten An-ski'schen Drama „Der Dybuk" tennenzulernen; er bot eilte außergewöhnliche Leistung. Später ging Morewski nach Berlin, um dort einer seiner Lieblingsidven, der Schaffung guter jüdischer Fsilme, zur Verwirklichung zu verhelfen. Er hat den ausgezeichneteir Film „Das alte Gesetz", welcher in galtz Europa großen Erfolg hatte, inszeniert und dabei auch als Darsteller große Wirkung geübt. Leider folgte diescin Film kein anderer ähnlicher. Int Jahre 1926 übernahm Morewski die künstlerische Lcitttng des nenbegründeten j ü d i s ch e n Theaters i u Riga, welches die lettische Regierung als Kulturinstitution einer nationalen Minderheit mit 60.000 Lät subventionierte. Das Theater wurde vort einem Komitee begründet, dem alle Schichtelt der jüdischen Bevölkerung angehören. Es begann seine Spielzeit Mitte November 1926. Im März dieses Jahres zog sich Morewski burcf) eilten unglücklichen Sturz auf der Bühne eine Kitievrrletzung zu, zu deren vollständiger Heilung er nach Wien reiste. Einer unserer Mitarbeiter nahm Gelegenheit, Morewski, der fast völlig wiederhergestellt ist, über seine Arbeit in Riga und seine nächsten künstlerischen Pläne sowie seine Stellung zum Problemdes jüdischelt Theaters überhaupt zu befragen- Ueber das Rigaer Theater, das gewöhnlich als jüdisches Staatstheater bezeichnet wird, obwohl es nicht vom Staat erhalten, sondern nur subventioniert wird, während beit größten Teil der Erhaltungskosten das bereits erwähnte jüdische Theaterkomitee ausbringt, sagte Morewsi u. a.: „Die künstlerische Leitung des Rigaer jüdischen Theaters übernahm ich ziemlich späh; erst Ende August wurde der Vertrag mit mir 'perfekt und ich konnte mit den Vorarbeiten beginnen. Erst im Oktober hatte ich mit vieler Mühe — inzwischen hatte schon die Saison tu dem Theater begonnen — inein Ensemble beisammen,. das ich zum Teile aus weinen früheren Schülern in Wilna und Warschau bildete. Die Verhältnisse, unter beiten wir arbeiten mußten, waren durchaus nicht günstig; vor allein ivar das Theatergebäude in Untermiete genommen und wir konnten monatlich nur zwei Samstage spielen, während der Weihmchtsfeiertage, die b'ekauntlich starke Kasseneinnahmen ergebet», konnten wir nicht spielen, da das Theater anderweitig vergeben war. Dennoch setzte sich das Theater durch und hatte starken künstlerischen Erfolg, übte auf das Publikum eine in Riga noch nie dagemestne Zugkraft aus. I» der Zeit von Mitte November 1926 bis Mitte März d. I. brachten wir 15 Stücke zur Aufführung, von denen einige z w ö l f m a l gespielt wurden, während in Riga bis dahin nie mehr als vier bis fünf en suitje-Vorstellungen möglich waren. Im Repertoire unseres Theaters befanden sich u. a. An-skis> „Dybuk" und „Tag und Nacht", das Drama „Der Dukus" von A. Kazistie, das die bekannte Sage bon dem Ger-Zedek Graf Potocki behandelt, ftrner Leiwiks „Schmates", Andrejews „Der die Ohrfeigen kriegt", Schalom Aschs Komödie „Der Landsmann", sowie sein Schauspiel „Für unseren Glauben". Das Theater zog nicht nur.das jüdische, sondern auch das nichtjttdische Publikum an und die lettische Presse aller Richtungen schrieb begeisterte Aufsätze über unsere Darbietungen. Man hörte sehr häufig den lettischen Schauspielern sagen, sie mögen das jüdische Theater besuchen, um dort zu lernen. Eilt besonderer Freund unseres Theaters war der lettische U nterrichts m i n i st e r R a i i n i s, der auch gegen die Widerstände der Linksparteien des lettischen Parlamentes die Subventionieritn g durchsetzte, die, bleibt das ernste künstlerische Geltre des jüdischen Theaters erhaltelt, auch int nächsten Jahre zu gewärtigen ist. Jedenfalls haben wir in Riga dent gute» jüdischelt Theater eilten Platz erobert; diese Position ist jedoch nicht nur auf Riga beschränkt; unsere Gastspiele in der lettischen Provinz uttb in Estland hatten den gleichen starken Erfolg. Seit lnRllem Unfall, der meine Abreise zur Folge hatte, wird hauptsächlich das leichte Geltre gepflegt, lvonrit das Theater bis zum 15. Mai sich erhalten will. Das weiterü Schicksal des Rigaer Theaters hängt ganz urid gar dort dev klugen i Initiative des Theaterkomitees ab. Wird die Vorarbeit für; die nächste Zeit rechtzeitig begonnen, so wird in Riga jnrs Laufe voll zwei Jahren hoffentlich das „Neue Theater"! zu einer. mustergültigen .Stätte für die jüdische Kunst: werden." Die Zukunfts pläne des Künstlers sind vou internj essanter Spannweite; dies hängt mit der eigenartigen Stel-! lung zusammen, die Morewski zum jüdischen Theater!-! Problem überhaupt einnimint. Darüber sagt er st. a.: „Die Kunst ist eigentlich der'wichtigste, wenn nicht der , einzige Ausdruck unseres nationalen Daseins; ich muh j aber offen gestehen, daß die Kunst des modernen Juden-; tums durchaus nicht auf der Höhe der nationalen Kräfte steht, die sich in denr- Erbe unserer Vergangenheit äußert.. Diese Behauptung mag vielleicht für Malerei, Musik und i Literatur etwas pessimistisch klingen, ist aber keineswegs , übertrieben^ wo es sich um die Theaterkunst handelt. Wir> haben wohl — so wird mir erwidert werden — die „Wik-; naer Truppe" und die Moskauer,Habimah". Doch wenn! mart es streng nimmt, so sind das noch imnrev nicht die s jüdischelt Höhen der Bühnenkunst; entweder fehlt die Hohe oder das Jüdische ist irgendwie verloren oder kommt nfcht; zum Ausdruck. So haben wir bisher wohl lobenswert Bemühungen und Bestrebungen zu verzeichnen, doch noch immer nicht ist der universale, von der ganzen 'Welt anerkannte Geist des Bibelvolkes in der modernen Bühuorrkunst zum Ausdruck gelangt. Leider ist im' Prozeß unserer modernen Entrvicklung der Parteienkampf zu schastf! betont und rein künstlerische Potenzen geW in Pstki< tischett Strömungen unter. So ist es z. Bmit: hex jüdischen Zlveisprachigkeit. Durch solche Hemmüngen konW bei uns die modernste Art der Darstellungskunst noch imstwr nicht zum gehörigen Ausdruck. Wo ist z. Bher jüdische Film? Die Judeit haben dem Film WgisftuH stostl Ästng eines Lubitsch gegeben, sie besitzen ansgezM'jtzte.' , spieler, haben in -Filmunternehmurlgen ßxoße.WpiMN investiert und in den Kinos findet..yrHt, fM '' jüdischer Besucher; aber den echten'MWlt Mü. Wen. wir noch nicht geschaffen. Durch die kstMerW WW' gesehen, sind wir im kulturellen Stnste stoch Wmer nW die vottkomjlnie.ne Nation, sind M Mejchystlistst^ freryjder