Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 9 (1927)
- Issue
- Heft 2928 (23.4.1927)
- Date
- 1927-04-23
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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~rtte?2 Wien, Samstag Wiener Mergenzettnng iS3. April 1927 Nr. 2008 luden Wiens 1 borgen habt Mir die Entsekeklyng m der Hand, oö mehr als hunderttausend Fraise:: ::*al Jläiiaer?ich die Vertretung hn Nadonalrat, n» Gemesttderat, ta den Bezirkrv«r\vi?tf!' HMD,, toi den Steuerkommisstonen ec7.\Wn»en können. Wählet nur jvdrsoh! Tuet Ittre PÖteht, und der Ae« ist unser! Ihr müßt wühlen, Ihr müßt in Sven Bezirken wählen, Ihr müßt Jüdisch wählen! Jede Stimme ist der Sie«! Re Partei der Aden. -V, mw, 23, AM. Irr dieser vom Wchlpkakaten verkkebten Welt ist es mm! soweit. Der Wähler hat zu entscheiden. Gr hat Morgen sriwe Wahlpflicht zrr tun. Mehr als, je ist es an einem solchen; Dag Pflicht des Bürgers, durch Abgabe seiner Stimm? zu ^kmncntteren, nne er zum Staat und Gesellschaft steht, untf ier in der nächsten Zukunft die Verwaltung der Angelsgenheiien der Gemeinschaft besorgt wissen will. Die grüßen Parteien, die sich UM tew Wühler bewerben, haben! Hm hie Erkemrtnis seiner Pflicht sehr schwer gemacht. Sie haben ihm! nichts Positives gesagt, nichts, was sein StaatsbewuHdsein heben Und festigen würde. StraHenlang laufen ihre Ansruft, in FKmrmenschristen sprechen sie zum Volk. Aber was sie ihm sagen, kommt ans einer entsetzlichen geistigen OÄe. Die großen Parteien beschuldigen einander des schäbigsten Betnuges. Eine erzählt von der andieven, daß sie doS Bol? begcümert, daß sie öffentliche Gelder zu Parteizwecken oder zur persönlichen Bereicherung der Führer der-! sendet. Eine rechnet der cmdere-n vor, daß Und wie sehr und mit welchen Beträgen sie den Steuerzahler ausgplündert fort. Es ist das widerlichste, ekelhafteste B8d dicE MV denk« bUr ist. Aber doch ist allen diesen Volksbaglückern, diesen Rekkmrehelden der Demagogie, die da mit der VoWsPuverä- Mit ihr Mandats- und Machtspiel treiben, eines gemeins-cme: der Haß gegvr den IrLen und gegen die JUden, gegen den einzelnen und gegen die Gemeinschaft. Wie lange iAes Her und ihre Pveßorgane überschütteten alles Jüdische nrit ihrem Hohn. Wie lange ist es her und man konnte keine Zeitung der ChristlichsoMlen, der Sozialdemokraten aufschlorgen, ohne auf wenigstens eine Aeußerung dieses tieffitzenden Krffesl Kr stoßen. Sie haben sich jetzt gemäßigt und seit der WWLrrnpf läuft, ist der so beliebte Jud', ber Prügelknabe ffe alles, wie verschwunden. In allen Lagern herrscht das SchweiMgebot. So war es 1923, so ist es jetzt. Es war damals ^Lüge, wir wissen es ja jetzt, nrck' es ist heute Lüge. Wir wiffen auch das. Wer der Zweck dieser Lüge ift der jüdische Wähler, dem fle alle, die ihn gestern beschimpften und morgen verleugnen werden, an sich hevanzieheu wollen. Nicht der Jude, aber der Wähler. Nicht die Person, aber her Zettel, der so wunderbar schwer ist, wenn er einmal in die Unte Mt. lieber den Juden wird dann entschieden. Morgen, api Wahltag, entscheÄet er selbst. Die Parteien haben sich nicht geändert. Für die Christli-cGozialen erklärt dies ihr Führer, der Bundeskanzler. Sw siiÄ antisemitffch, sie bleiben es. Aber der Jude soll trotzdem in die Einheitsliste. Die Uudenftag: existterc nicht. Wenn es etwa die Aufgabe des kommenden Nationalrates wäre, die Frage des Numerus clausus zu losen, so könnte ja der jjtdyche Wähler — das wird ihm ^gebilligt — seinen eigenen Standpunkt wahren. Aber diese Frage bestand doch auch bisher neben oder außerhalb des Nationalrates und sie wurde immer von den Verantwortlichen ignorwrt. Nur der jiättsche Lehrer Und der jüdische Hörer konnten sie nicht ignorieren. Und da sie eben auch nicht in den AufgabenkreN des kommenden Parlaments ausgenommen ist, so wird sie eben wild weiter bestehen. Wenn sich nicht cb^n der jüdifche Wähler morgen darauf besinnt und es zur Kennt- ,üs nimurt, daß die Majoritätsparteien aUf ihrem antijüdffchen Programm bestehen. Aber wie verächtlich ist ihre Zumutung, wie traurig ihre Einschätzung des jüdischen Wählers, daß er trotz allem M ihnen kommen, ihnen sein Vertrauen bringen soll! Vkvb wie behandeln die Sozialdemokraten den jüdischen Bürger, den jMschen Intellektuellen, den jMschen Mnflnann, den jüdischen Proletarier? Sie anerkennen sein Judentum nicht. Sie sind deutsch rnÄ national. Aber der IMt^darf nicht jüdisch sein. Sie sind freiheitlich, progressiv. Mer der Jude bekommt seine Schule nicht. Me kämpften für das Recht Chinas, für die Unterdrückten Völker Und Minoritäten. Aber die jüdische Minorität ist für fle nicht vorhanden. Den Zionismus, die gewaltigste Kulturtat, die ja em mißhandeltes Volk auf sich genommen hat, sehen fle nicht. Das Recht der Tschechen in Men, der Kroaten im Burgenland auf freies Bekenntnis Nim Volkstum wird anlerkannt, aber das Rechder Juden wird bestritten und Große Fratienversammhmg. Heute Samstag, den 33. April 1927, um halb 4 Uhr nachmittags, im .»Reklame", II., Praterstraße 34 Frauen-Meeting. Referenten: Freu Pta Klein, Dr. Desider Friedmann, VizeprEi, Dr. Josef Lowenherst, Gemeinderat Dr.Ledp. Plaschkes. Jüdische Frauen! Wir mahnen Sie m zwölfter Stimde an Ihre Pflicht I Horen Sie unsere Vertreter und fällen Sie dann Ihre Entscheidung! IHIHlHIiaillHIIIIIIIIIIIHIlUHHI verneint. Di« Jüdischnationalen werden wegdementiert, wo doch eine Partei der Gewissensfreiheit die Meinungsäußerung Kur Kenntnis nehmen rm'ißte. Aber die Juden sind da, der Zionismus ist da, die jüdische Nation ist da. Auch die soziaLemokratische 'Partei, die einmal in der Monarchie die Tschechen nicht zur Kenntnis hat nehmen wollen, wird auch die Juden anerkennen müssen. Dafür muß der jüdische 'Wähler sorgen und seinen Willen beweisen. Er mag sich Nur erinnern, daß er noch vor wenigen Dagen der Hochverräter und Verausläckbever, dev jüdffche Wohnrmgswuchever, der jüdische Börsenschwindlcr war. Er soll abrechnen mit den Parteien, Me jetzt in ihrer Schlauheit bis zur Lüge gehen Und jede Herzensregung ängstlich unterdrücken. Er soll au die abgehausten Demokraten denken, die sich jetzt mit dem Hut in der Hand vor dem jüdischen Haus Herumtveiben und jahrelang zu jedem Rechtsbruch geschwiegen haben; er soll daran denken, daß alle miteinander vom jüdischen Fleiß, vom jüdischen Gemeingefühl leben, daß fle jüdisches Sterwr'eld mehr lieben als jedes andere, und daß sie das ganz« I identmn am liebsten in einem Löffel Wasser ertränLen möchten. Morgen hat der jüdffche Wähler die Macht der Entscheidung. Er wird jüdisch Wahlen, weil er gar nicht anders kann. Er wird die Personen wählen, die bei keinem Skandal beteiligt waren und an die sich kerne Lügp heften kann; die Kandidaten der jüdischen 'Partei, der Partei der Inden. Sie aussichtslosen Lemokrateu Das liberale, lies jn-disch-liberalc! Bürgertum, hatte de. den letzten Wahlen in Wien noch 19.886 Stimmen aufgebracht. Diese Stimmen für seine Einheitsliste oinzusangen, hat sich Dr. Seipel einen recht schlauen Plan zurecht - gelcgt. Da er den christlichsozialen und großdeutschen Antisemiten, de« Riehl un-d Schulz nicht gut zmnuten konnte, nch mit einer ausgespr ochenen I u d e n p a r t e i zusanrmenzusetzen, wurde e i n e e i g e n e P a r t e i des liberalen Bürgertums ad hoc erfuntum. Es ist die Gruppe des Herrn Hornik, die sich mittelständffche VolkSpartei nennt, sich bereits einmal ges aalten hat, und von der es schließlich nicht einmal sicher ist, ob ihr Gründer Hornik ihr auch «noch gefühlsmäßig angehört. Er selbst wurde bei der Kaudidatena-ulfstellung abgawimmelt und an seiner Stelle ein Industrieller, von dem matt weiß, daß sein Vater einmal liberaler Gemeiuderat war, auf die Einheitsliste gesetzt. Den Liberalismus in dieser Gesellschaft vertritt u. a. auch der ehemalige Bezirksvorsteher der Leopoldstadt, dein man ein Gemeinderatsmandat in Aussicht gestellt hat, während sein e h c m a l iger Kumpan und verflossener B e z i r k sb o r st e h e r st o l l v e r - treter des zweiten Bezirkes jetzt in seinen MontagSblättern für die Sozialdemokrat e n Stimmung macht. Die Juden wurden als Kandidaten von der Einheitsliste ferngchalten, und ein Teil von ihnen hat sich jetzt unter der Firma „Demokratische P a rt e i" etabliert. Es ist kaum anzunehmen, daß das Geschäft, das Dr. Seipel mit der Hornik-Gruppe gemacht hat, sich für ihn rentieren wird, denn Herr Hornik hat keinen Anhang, und die Spekulation aus die jüdisch-liberalen Stimmen dürfte fehlschlagen, da wohl nur sehr tvenige Juden auf die Einheitsfront Seipel-Riehl-tzornik hineinfallen werden. Wie erwähnt, haben sich die von Seipel ab gelehnten liberalen Juden als „Demokraten" selbständig gemacht. Me viele Stimmen sie überhaupt noch aufbringen können, ist schleierhaft. Selbst wenn man annimmt, daß alle, die im Jahre 1VLL für die bürgerliche Avbeitspartei — so hießen die Demokraten vor -der Firmenänderung -rdiesmeck bei der Stange bleiben werden, sind ihre Wahlchanoen gleich Null. DaS zeigt die offizielle Statistik der Wahlen von 1988 mit aller Deutlichkeit: Im 80. Bezirk erhielten damals z. B. diese demokratischen Israeliten ganze 241 Stimmen, also nicht einmal ein Fünftel fr*** An die jüdischen Arbeiter «nd Angestellten! Das anonyme Wahtkomitee werktätiger Juden, dieser jüdische Ableger der österreichische n Sozialdemokratie, spielt sich unbefugterweise als der ' Wortführer der jüdischen Arbeitenden Wiens auf ruH nimmt es sich heraus, nicht bloß der sozialdemokratischen Partei Zntreiberdienste zu leisten, sondern auch die Jüdische Partei mit unwürdigen Misteln zu bekämpfen. r?ie gefertigte Zionistische Arbeitspartei „HitaMnth", die einen Tell der jMschen Arbeiter und Angestellter^ Oesterreichs organisatorisch umfaßt, sicht sich daher veranlaßt, folgendes zu erklären: Wir erkennen die ausbanende Arbeit der österrsichi-- schen Sozialdemokratie, soweit sie sich im Bau der BolkSwohnhäuftr, in der Schaffung der neuen Schule im Geiste der großen neuzestlichen Pädagogen, in dir Errichtung von Anstalten, die den bresten Schichten der Bevölkerung die Möglichkeit gibt, Licht und Luft zu genießen, sowie in der vor: echtem sozialen Empfinden getragenen Fürsorgetätigkeit äußert, voll av. Andererseits aber müsse« wir vom jüdische« und demokratischen Gesichtspunkt aus folgendes Änstatieren: Die österreichische soziatdeMokvastsche Partei hat dadurch, daß sie das gegenwärtige Wahlrecht, welches darauf abziett, die Mandate unter die großen Parteien aufKuteilen und die Minoritäten um ihre Vertretung zu bringen, mitgeschaffen hat, den Boden des wahren Sozialismus und d«r Demokratie verlassen. Am allerwenigsten jedoch bann der österreichischen soziawemokrastschen Partei die Vertretung der jüdischen Interessen anvertraut werden. Diese Partei weist es oft und entschieden zurück, als ,^JudenschuhtruPPe" angesehen zu werden. Im Gegensätze zum WeltsozialiKmus negiert sie hartnäckig die Existenz einer Judenfrage, und aus dieser Negation heraus leitet sie ihre konsequent ablehnende Haltung gegenüber allen jüdischen Forderungen ab. Sie tritt wohl für das SelbDestimmungsrecht der nationalen Minoritäten ein, schließt aber die Juden von diesem Rechte aus und versagt ihnen daher die Erfüllung auch der primstivsten Forderungen. Jüdische Lehrinstitute und Wohlfahrtsvereine erhalten keine Gemeindefubverrtionen, jüdischen Turnvereinen verweigert man die Turnsäle, der Nnterrichi im Hebräischen ist für dm sozialdemvkratischen Präsidentm des Wiener Stadtschulrates ein „reaktionärer Ballast. Aber nicht bloß die nationalen Rechte der Jichm, auch ihre primitiven bürgerlichen Rechte, werden seitens der sozialdamokrat--' scheu Gemeindeverwaltung ignoriert: Inden werden nicht angeftellt, bekommen in den Gemeindehäusern nur selten «ine Wohnung zugewiesen, werden trotz mchrjähriger Seßhaftigkeit in Wien nicht eingebürgert ustv. Die Negation des Judentums seitens der österreichischen sozialdemokrastschen Partei geht aber noch Wetter: Ungeachtet ihrer Zugehörigkett zur sozialistischen Internationale, _ in wAchvr auch die palästinensische Arbeiterschaft vertteten ist und die das Recht des jMschen Volkes auf seine historische Heimat anerkam< hat, nimmt sie eine feiMiche Haltung gegenüber dem PakLstma- Anfbau und eine einer sozialistischen Partei nicht entspre^ chende Haltung dem arbeitenden Paltiftina gegenüber ein. Aus all diesen Erlväguqrgen heraus sicht die „Httachduth^ auch für die jüdischen Arbetter und AngestMen, die sich eines vermeintlichm materiellen Interesses willen nicht zum Sttmmvieh degradieren lafsm wollen, die dringende NotweMgkeit einer eigenen jüdischen Vertretung in den wichtigsten öffentlichen BertretujnigMvPeiv ein. Nm durch eine jüdische Vertretung, die stets und überall für die vitalsten jMschm Interessen mit dem nötigen Mut und Nachdruck eintrttt, kann eine Aenderung in der BehaMung der Judenschaft dieses Landes herbeigeMrt und ein« allseitige Verständigung angebahnt werden. üine solche Vertretung, di«, die jMschen Interessen stets im Auge haltend, für das voll« Recht d«s arbeitenden Menschen und für Aufrechterhaltung der sozialen Errungenschaften und auch deS Mieterschutzes einzutreten haben wird, erhoffen wir uns nur von den Mandataren der jüdischen Partei und fordern wir daher dijMschen Arbeiter und Angestellten auf: Wählet die Ast« der „jüdischen Partei"! Zionistische Arbettspartei „Httacljduth' für Oesterreich. Bezahlte Spitzel unserer Feinde wollen Euch irre machen! Laßt Euch nicht an- Mgen! Hunderttausend Wähler bedeuten vier Nationalratssitze und mindestens 13 Gemeinderatsmandate! Wählet nur die jüdische Partei!