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Wiener Morgenzeitung · 1927-04-22 · Heft 2927 (22.4.1927) · p. Seite 4

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
9 (1927)
Issue
Heft 2927 (22.4.1927)
Date
1927-04-22
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Wiener Miorgenzeitung 22. April 1927 Nr. 2927 Leite 4 mt für eine Erklärung, die V.n sozialdemokratischen Partcinorstmrd z u r Respektierung g e r jüdischen M inoritätsrechte zwingen soll, nwbei keine Garantie dainr besteht, daß dieser Erfolg auch erreicht wird. Dahingegen wird unter der Verantwortung des Kultusrates Dr. Edwin Mider behauptet, daß. selbst wenn sämtliche Zuden in Oesterreich d'e jüdische Liste toählen würden, ftir die jüdischen Wähler nicht nuy nirlgts, sondern nur Schädliches geschehen könnte. So demaskiert sich dieser Werktätige! Die JJuden sollen ohne Vertretung bleiben, sie sollen wehrlos ltnb mundtot genracht lverdeu, sie sollen zwischen der weißen und der roten Nelke ausgerieben lverden. Zu diesem edlen Zweck sind die Werktätigen erfunden worden, deren traurige Pflicht whl geostört würde, ioenn im Nationalrat die Stimme der Inden sich Gehör schassen würde. Herr Stricker, der in dem Flugblatt beschuldigt wird, der antisemitischen Geschäftspolitik zu. dienen, hat als jüdischer Mgeordneter gegen die politische Korruption gesprochen, hat sich gegen die Vergeudung der Budgetmittel in der Form eines Heeres geweiidet, er hat die einzigen praktischen Vorschläge für den Beamtenabbau gemacht, der an der Freunderlwirtschaft scheitert, er hat den rationalistischen Chauvinismus angegriffen und sich für die Denwkratie des Völkerbundes eingesetzt. Das alles setzt der Kultusrat Bader herunter und wagt es als Förderung antisemitischer Geschäftspolitik zu bezeichnen. Wagt es, sein Flugblatt auch mit einem Bilderl zu zieren, das darstellt, wie Stricker einen Arbeiter anspuckt! Jüdische Wähler, schaut Euch dieses Bild an und schaut Euch Schiefen Doktor Erwin Bader an! So wie er ist, so sind diese Werktätigen alle! Wählet Stricker! Zwei Bilder «ms bm bereits in 5. Auslage erschienenen Bilderbuch für jüdische Männer und Frauen. (Redaktion: P a u l S t e i n. Illustrationen: I. Lutz er-Sch ermann.) I. Die Kiadererrkhmg der Gemeinde Men — und das Mische Mnd. R55l KINDERGÄRTEN _|J'VDtSCHE.{__ KINDEROÄ RTETf D«k Vewm ,^Jüdische Kinderfreunde" muß aus eigenen Mitteln für 300 jüdische Kinder in 3 Kindeugürten- und 2 Dagesheimstätten sorgen; das kostete 1926 629 Millionen. Was leistete die Gememide Wien hievon? 3 Millionen oder 0.5 Prozent unseres Budgets und 9.990918 Prozent ihres Jv^ldsürsvM-ArOmMs! Was leistete die Gemeinde Wien für die sozicstdemokvatischen Kindersrennde? Im JaAe 1986 222.8 Milliarden. h. 9m Schalwesen der Semevrde Me« — mrd die Wdische» Schale«. ^'01*'% In Men gibt cs keinen (abgesehen natürlich vom Re Ugionsunterricht) jüdischen Volks- oder Bürgerschullshrer. Im Wiener Stadtschulrat hat je ein Vertreter der kat holischen und evangelischen Kirche Sitz und Stimme; bte Juden -wurden im Jahre 1921 durch das Gesetz über den Stadtschulrat (Antrag Sever) ausgeschlossen. Im Sinne des Reichsvolksschulgesetzes Hütten wir Anspruch auf 9 jüdische Volks- und Bürgerschulletter, wir hrchen aber nur 4. Die Mische» Kmisleute Kimme« für die Jüdische Partei. Die kürzlich im Bürgercafe stattgefundene Versammlung des Verbandes jüdischer Kaufleut«, Industrieller und (Gewerbetreibender, sowie des Gremiums "österreichischer Handelsvertreter, reisender Kaufleute und Kommissionäre hat einstimmig beschlossen, n u r für die offiziellen Kandidaten der Jüdischen Partei zu stimmen. Sie fordert alle jüdischen Wähler und Wählerinnen auf, nur für die Jüdische Partei zu stimmen, da nur d i e jüdischen Man d a t a r e aus jedem Gebiete die Rechte und Interessen des Kauf,mannstandes bei den gesetzlichen Körperschaften wahren, vertreten, fördern und erkämpfen werden. — i ..Hin i nirT ir » in Irr Brief Seipels. Der Bundeskanzler Dr. Seipel erschien gestern abends in einer Versammlung 'der der Einheitsliste angeschlossenen B l a s e l - L i b e r a l e n, die sich mittelständische Bolkspartei nennen. Bor diesem Auditorium besprach .Dr. Seipel den von uns wiedergegebenen MoHapel- Brief, den der Bundeskanzler als e ch t erklärte. Er wiederholte die Behauptung, daß es zu jüdischen Gofühlscvusbrüchen immer nur zu kommen scheint bei Exzessen von der einen, nicht aber in gleicher Weise bei solchen der sozialdemokratischen Seite. Da sich die Exzesse der „einen" immer nur zll ausgesprochenen Judenmordzwecken ereignen, müßte der Bundeskanzler den Unterschied begreifen. Samstag den 23. April, 8 Uhr abends, im T h e a - tersaaldes Zentralkellers, Wien, 2. Bez., Taborstraße 8 a, Mafsen-Meeting ver mmrn Handelsvertreter, «Meute und Gewerbes treibenden. Referenten: A. M. Ehrlich, Präsident des Grennnms österreichischer Handelsvertreter, reisender Kaufleute und Kommissionäre, Oberbaurat Ing. Robert Stricker. Der Bundeskanzler hat aber erllärt, er hoffe, daß der mit der Einheitsliste unternommene Versuch, das Trennende zurückzustellen, auch die Wahlen überdauern werde. Wir meinen, daß dieser Versuch durch den Riehl und Schulz bereits aussichtslos geworden ist. Mdische gaarad gwische«brüüeas l Meldet Euch zur Wahlarbeit! Nur einige lvenige Tage habt Ihr noch Zeit, für das gesamte Judentum Wiens mitznkämpsm! Helft uns, den schweren Wahlkampf siegreich zu bestehen. Jeden Tag von 8 Uhr früh bis 10 Uhr abends könnt Ihr Euch bei. Herrn Salzberg, 20. Bez, Leystvaße 61, Souterrain, melden. Am Samstag findet um 3 Uhr nachmittags eine große jüdische Jugendversammlnng statt. Es tverden sprechen Leo Menczer und Moritz Salzberg. Kommt alle und hört, was Jugendliche Euch zu sagen haben! Lffeaer Brief aa die Mische« Wöhleriane»! Liebe jüdische Schwestern! ES ist höchste Zeit, daß wir uns mit der Wahl der Farben beschäftigen, die uns im Hellen Sonnenschein, aber noch mehr an. stürmischen Herbst- und Wintertagen des Lebens am Vesten kleiden. Man sagt uns Evastöchtern doch nach, daß wir eine Menge Gedanken und noch viel mehr Zeit an die Pflege unseres Aeußeren verschwenden; vor kurzem las ich sogar in der Zeitung eine statistische Zusammenfassung, wieviel Tage unseres Levens wir mit dem Studium des Spiegels, also nach Ansicht des Schreibers nutzlos verbringen. Doch nutzlos ist diese Zeit nicht verwendet, denn sie lehrt uns die Erkenntnis, was zu uns paßt und schützt uns vor Geschmacklosigkeiten. Ziehen wir also Nutzen daraus mittels unserer geübten und besonders für Farbenwirkungen geschulten Augen. Man preist nnS jetzt die schwarze Farbe. DWjch kommen in mein Heim in mehrfachen Auflagen Ankündigungen und Offerte der Jntereffentengruppen, die im Zeichen der schwarzen Farve ihr Geschäft am 24. April machen wollen. Doch mit uns wird ihnen daS nicht gelingen^ wir lehnen mit Abscheu, diese uns absolut nicht passende Farve ab. ES ist selbst dem tüchtigsten Schneider noch nicht gelungen, uns etwas aufzuschwatzen, was wir für unrichtig und unvorteilhaft für uns empfinden, um so weniger werden es diese Geschäftsleute imstande sein, die ja nur zur Wahlzeit jüdischen Käuferinnen, in ihrer gewöhnlichen Sprache Saujuden genannt, günstige Okkasionsverkäufe an guter Behandlung, Wertschätzung usw. offerieren. Etwas schwieriger scheint die Wahl oder Ablehnung der roten Farbe zu fallen, doch auch da ist absolut kein Zweifel — diese Farbe kleidet uns genau so schlecht wie die schwarze. Auf den ersten Blick, im Sonnenschein oder bei guter Laune hat es vielleicht den Anschein, als ob diese rote Farve für uns vorteilhaft wäre. Aber wenn unser gutes Aussehen durch Sorgen gelitten hat — wenn in unserem Leven nicht alles harmonisch ist und ,olr Hilfe von außen benötigen, müssen wir erkennen, daß bei den Vertretern der roten Farbe kei? nerle: Unterstützung für uns jüdische Frauen und Mütter zu finden ist. Die Zukunft unserer Kinder — Grundgedanke und Hauptsorge unseres Daseins — wird von der roten Seite leider nicht gefördert. Im Gegenteil, eS werden unseren jüdischen Kindern nach jeder Beziehung für Gegenwart und Zukunft Prügel aller Art in den Weg gelegt — und die, wenn auch noch so verlockenden Anpreisungen und Versprechungen sind nur ein Reklanretrick, der für den 24. dlpril von findigen Agenten ersonnen wurde. Viele dieser Vermittler stammen leider aus unseren Reihen und sind der Konjunktur halber zur Konkurrenz gegangen. Für alle diese Vertreter ist (natürlich außechalv der Wahlpropagandä) jederzeit die Jüdin der Gegenstand krassesten Klassenkampfes, vielfacher Schmähungen, mit denen sie auf die breiten Massen wir. ken wollen. Jüdin sein ist bei ihnen stets verbunden mit Faulheit, Verschwendungssucht und Indolenz und u«rd von thnen als warnendes Beispiel der proletarischen Frau vorgeführt. Sie wollen nicht scheu, wieviel arbeitende jüdische Mädchen und Frauen da sind — und erinnern sich ihrer nur jetzt, wenn sie als werktätige Juden um ihre Stimme betteln. Außer der WaMzeit vergessen sie ganz der jüdischen Aerztin und Lehrerin, der Angestellten und der vielen Frauen, die ihren Männern im Geschäft Helsen. Sie übergehen auch absichtlich die jüdische Hausiererin, die in schrverster Arbeit für den kranken Mann und die Kinder mühselig das karge Brot erwirbt. Unter den arbeitenden Frauen int Haushalt übersehen sie auch die Jüdin, die doch so erfolgreich auf diesem Gebiet arbeitet; das gemütliche jüdische Heim ist spricljwörtlich 4 und wieviele schaffen dies ohue jede Hilfe mit ihren eigenen, als faul verschrienen Händen. Mir kommen also zur Einsicht, auch die rote Farbe MUMTfi—1'iliTirriil I| f Tfi ' T rft'~r ItlliT 'TMTMt — 'nfl W»i'iiJi if"f'~t«IH'if‘iiiir «rtiiM mW Orti“'“*

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