Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 9 (1927)
- Issue
- Heft 2926 (21.4.1927)
- Date
- 1927-04-21
- Page
- Seite 7 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 2936 . 21. ApM 1927 Seite 7 Der Sohn des Moses Mautner Ein Wiener Roman von Leopold büchten« Copyright! 927 by B. LSwit W1«n - Leiprt* 0 Frau Fanny war indes nach Hause gekommen, und als Kathi fast atemlos ins Mädchenzimmer stürzte, fragte sie erstaunt: „Was haben S' denn, Kathi? Warum weinen S' denn?" — „Nix Hab' i. I geh' furt!" — „Was! Fortgeh'n?. Jetzt bei Macht?!" — Kathi antwortete nicht. Sie nahm ihr Tuch und ging, wie sie war, aus dem Hause.- Nach zwei Tagen hielt ein Bauerrvivagen vor dem Tor des Hauses; ein junger Bursch stieg vom Wagen heraib und ging ms Haus hinein. „Bitt' schon!" fragte er verlegen und kraute sich 'hinter dem Ohr, „wohnt da der Herr Lampl?" — „Ja," sagte Herr Bernhard, „der bin ich." — „I bin der Bruadcr von der Kathi. I hol' ihre Sachen." — „Da geh'n S' in die Küche hinein zu meiner Frau."- In der Küche toiederholte der junge Mann: „I bin der Bruader von der Kathi. I hol' ihre Sachen." — „Ja! Aber sag'n S' mir nur ..." fragte Frau Resi, „>was hat denn Ihre Schwester gohabt, daß sie so weg is?! So aus einmal!" — „I woas; net. Sie hat g'sagt: Ihr g'fallt's net in der Stadt." — „So Ivasl Und sic kommt, nicht mehr?" — „Na. Sie bleibt z'Haus bei uns am Feld." — „So tvas!" rief nun Frau Fanny. „Mer so weglaufen hätt's doch nicht müssen und die Arbeit stehen lasten! Warum ..." — Dem jungen Landmanne war schon zu viel gesprochen wiordiem Er nahm dtzu Koffer seiner Schwester, ihr Buch und ihren Lohn, ließ Frau Resi unid Fanny Mit fragenden Gesichtern zurück und fuhr davon. Frau Rest schüttelte den, Kopf, Fanny schüttelte den Kopf, die Burschen, die Ladenmädchen — es war ein allgemeines Gewackel im Hause Lampl; aber niemand erriet den wahren Grund, denn Gustav schwieg. Teils aus Schani und — ein wenig aus. Ergriffenheit. Sein Verstand konnte zwar das Ereignis noch: nicht fassen -und werten; mir in seiner Seele dämmerte etwas von der ungeheuren Gewalt eines neuen Gefühls.- Mer das Leben ist reich Und lockt und läßt ein junges MN nicht lange sinnen. „Komm? mit!", riefen die Freunde. Komm' mit in die Tanzschule! Dort wirst du dich gut Unterhalten!" — „Zn die Dcmzschul'? Ich kann doch kahn Schritt tanzen!" — „Das Macht nichts.. DUfür wirst!es lernen." So kam Gustav in die Tanzschule und trotz den vielen mrd hübschen Mädchen — oder vielleicht weil es so viele waren; denn in großer Geselligkeit verkümmern die tieferen Regjuntzen — vergaß er sein Frühlingssehnen und blieb, was er bisher gewesen war: ein kindischer Junge. — — Mit einem Eifer, als wärs ein neuer Beruf, betrieb er das Tanzen: Zunächst mit geringem Erfolg', weil er schwer begriff. „SchaUn S', Herr Mautner!" sagte der Tanzmeistev wählend einer QUvdrilke, in welcher Gustav meist eigene Wegs« warchelte. „SchaUn S'! Wenn Sie auf mich aufpassen werden, können. S' ja gar /nicht patzen! — Bitte, geben Sie acht..." Und!er rief mit einer Stentorstinrme, als wäre der jüngste Dag: „Alle Paare — vor!" imd nach etn^er kleinen Pairse fügte er hinzu: „Zum! Vis-a-vis-Platz!" Den Nachsatz' hatte, aber Gustav überhört, dÄ ihm der Vordersatz genug zu schaffen gäb; und so schritt er mit tiefem Ernste' zwei zierliche Schritte vor Und blieb dann? trotz dem Proteste seiner Dame, stehen. Fest und unbeweglich. ,/Jch bitt' Sie, Herr Mautner!" rief der Danzmeister und rang verzweifelt die Hände, „warum gehn 'S' denn nicht?" — „Das is' Was anderes!" dachte Gustav, der alles wörtlich nahm Und schritt entschlossen — als hätte er eine Weite Reise vor — über die Kolonne hinaus. Mer der Danzmeister, der sein Schmerzenskind mit den Augen verfolgte, rief sogleich: „Herr MaUtner! Herr Mautner! Wohin ren- (13. Fortsetzung.) Ein wichtiges Dokument ffig jeden Wähler! Die Juden Wiens Eine statistische Studie von Dr, üeo Qoldhfiminer Die gegenwärtige Situation dev Judengemeinde Wien und ihre Zukunft eröffnet diese wertvolle Broschüre, die für jüdisch-politische Kreise von großer Bedeutung ist. Preis S 4.50 K. &ö w il Fl olsoh m athl l Perlag Wien l Uolenlarmalraßo 88 nett S' denn? Sie kteckmen! ja bis GaKlitz aussii" — Wlle lachten. — Lacht Ntrr, ihr fcheinvareir Genies! Lacht nur. Er wird euch schon übertrefsen. — — Es ist fast ein Gesetz, fdaß jeNe, die im Anfmrg ringen, schKeßlich zu dem Gipfel klimmen, hingegen jene, welche rasch, aber meist nur halb erfassen, im Tale bleiben. — Es währte nur wenige Wochen und der Tanzmeister sprach erstaunt zu fernem Substituten: „Das hätt' ich mir nis gedacht, daß aus dem >Mautuer ein solcher Tänzer werden wird! Wissen Sie, daß er gestern schon eine Quadrille arrangiert hat?!" — „Nicht möglich!" rief der Substitut. — „Ja, ja. Und wie gut! Fehlerlos hat er's arrmrgiert; von die andern triffts keiner!'Ich sag' Ihnen, ich komm' immer; mehr dränf: man soll ahn Menschen nie alles absprechen!" — Das soll man nicht und — darf es auch nicht; denn marrche Ungeschickten, die zarteren Gemütes sind, ertragen keilten Zweifel, erlahmen trotz der imreren Kraft und wandeln dann ihr Leberr hindurch unbeachtet imd unerkanrlt. - Und sind vielleicht die Allergrößten. — Sie -rissen es nicht; nur zuweilen, wenn so ein Einsamer in . sein Herz blickt, staunt er ob des Reichtums, den keiner kennt und ahnt und lächelt dann milde und glückselig über die anderen..-Schaut aber einer der Großen — es ist selten — in sich, erschrickt An Misere Rötfellöser! Der Einsendetermin für unsere erste Preisrätselkonkurrenz endigt am 25. A p r i l. Ort und Zeit der Verlosung werden wir noch rechtzeitig bekanntgeben. Unsere Rätsellöser werden gebeten, die ausgefüllten Diagramme mit den dazugehörenden Kupons in einem Kuwert, auf dessen obere Ecke deutlich der Vermerk „Rätselkonkurrenz" zu schreibe« ist, an unsere Redaktion, Wien, 2. Bez., Taborstraße 1—3, einzusenden. Fehlende Nummern können in unserer Administration noch nachbezogen werden. ■tir flalowan w bringt für die heurige Friihjahrssaisoii Bftcrgangs-BQdtc In den herrlichsten Farben, neuesten Dessins, modernsten Schnitten, durchwegs auf Seide gearbeitet, In allen Größen, zum Preis von S1SO i i er ein wenig, denn wie ein Wurm hat der äußere 'Erfolg am' Reichtum seiner See"e genagt. — Sv"ß'clch' .das ,güsige Schicksal die scheinbar ungerecht verteilten Gaben aus. — Gustav war kein Verborgener und doch kehrte er nach feinen Erfolgen immer wieder zur Stille zurück und schwebte so, ein wenig unausgeglichenzwischen diesen beiden Polen des menschlichen Glückes. Aber er wuchs dabei und es mußtmr's alle anerkenu.cn, obwohl es keiner erwartet hatte. Er war im Handwerk' vorwärts gekommen und ein geschickter Arbeiter geworden. Aber er blieb dabei nicht stehen und war hinter allem her, was ihn: nützlich sein konnte: Die Expedition der Wareir, die Verrechnnung, die Buchhaltung, die Kreditgewährung, der Einkauf. — „In alles!" sagte Herr Bernhard zu Frau Resi, „steckt et seine Nasen! Weißt dlu^ Resi: er is kein dnmUrer Kerl — wie ich zuerst geglckubv Hab'; er versteht!-Nur —. wie das halt is bei junge Leut' — kümmert et sich um Sachen, die er nicht versteht;, nicht verstehen kann! Denk' dir: Mir ivill er lernen! Mir.' Was er weiß, Hab' »ich doch schon längst vergessen!" —- Wer kennt "*3 nicht, dieses Lied des Alters! Herr Bernhard war nämlilch in den letzten Jahren Unanerklich und Unbewußt ins Mittelalter hinüber geglitten und Gustav! war seinem Meister ein wenig unbequem geworden. Herr Bernhard wollte sich gemächlich im Bett' der Gewohnheit streiken und dehnen. Da wächst so ein junges Bürschchen heran und reißt ungestüm und traditionslos die Türen für das' Neue auf. Das Mittelalter ist aber empfindlich: „Mach' zU, es zieht!" Aber die Jugend ruht und rastet nicht. (Fortsetzung folgte) Maßafelier HEILIG & C* l . Telephon 78-1-86 ' J’A:r ■ _ MONATLICH S 50-- MONATLICH S 60-- 1 Frühjahrsanzug 1 Modehose 1 Frühjahrsanzug 1 Frühjahrsrock 1 Sommeranzug 1 Frühjahrsrock 1 Sommeranzug 1 Winterpaletot 1 Herbstrock 1 Herbstanzüg 1 Modehose ABONNEMENT-DAUER ZWEI JAHRE Kärnfnerstraße 9 Telephon 78-1-86 C: MONATLICH S 80 - 1 Frühjahrsanzug 2 Hosen 1 Sommeranzug 1 Winterpaletot 1 Smokinganzug 1 Modehose 1 Sportanzug 1 Ueberrock, . Kleider bleiben Eigentum des Abonnenten. — Bügeln, Reparaturen Kostenlos inklusive Abholung und Zustellung. — Garantiert beste englische Stoffe und erstklassige NaBarbeit. Lesrandationen eines Betriebsrates in den städtischen Gaswerken. Der Angestellte der stÄdtilschen Gaswevke, der gewesene Aussetzer Karl Ra Heuberger, der städtische Beleuchtungsaüfseher.^Karl Lorenz und der Aussetzer Leopold P o l t haben sich vor einem Schöffensenat unter Vorsitz des Oberlandesgerichtsrates Dr. Wetz wegen des Verbrechens der Veruntreuung, begangen durch Unterschlagung von Betriebsratsgeldern, die zur Abfuhr an den Wohnbaufonds der Gemeinde Wien bestimmt waren, zu verantworten. Der Hauptangeklagte Ratzenberger war seit dem Jahre 1918 Betriebsrat und seit 1922 Bezirksrat im 8. Bezirk. In den stÄdtilschen Gaswerken hatte er kraft seiner Stellung eine große Macht und konnte Leute für Wohnungen in städtischen Neubauten in Vorschlag bringen. Im Sommer 1924 erlegte der Monteur Karl Michalicka bei Ratzenberger einen Baustein für den Wohubausonds in der Höhe Mn ILMillionen und erhielt dafür eine Wohnung in einem Gemeindehaus. Ratzeubeyger verwendete dar Geld für sich und wurde, als seine Verfehlungen ausDamen, entlasten. Eine nachträgliche Kontrolle ergab, daß Ratzenberger leim Stellung als Betriebsrat in der gröblichsten Weise mißbraucht hatte. Für die Zeit von 1923 bis Mai 18W wurde ein Abgang von Arbeitergeldern in der Höhe von 28.990 Schilling konstatiert. So wurden beispielsweise für den erschossenen Betriebsrat Franz Birnecker 149 Schilling LeichenEollsktebeitrag und als Kosten für das Leichenbegängnis 292 Schilling verrechnet. Die Hinterbliebenen erhielten jedoch um IM Schilling weniger. Der Angeklagte Ratzenbevger bekannte sich schuldig, jedoch nicht im Sinne der Anklage. Das Faktum der Unterschlagung von 1b Millionen gab er zü und sagte, er >ei der Meinung gewesen, es habe sich um „Schmiergeld" für die Beschaffung der Wohnung gehandelt. Weiters gab er.zu, in 36' Fällen To te ni che i n e si n.g i e 11 zu haben und-hiefür rund 9Ä99 Schi King sÄ-r St-eMach'e-^t-v'ä-ge an Hinterbliebene in Rechnung gestellt zu haben. Diesen Betrag habe er mit Lorenz und Polt geteilt, damit sie ihn nicht verraten. — Vorsitzender: Sie haben eine Arbeiterin des Gaswerkes Leopoldau zweimal sterben lasten. Die Frau ist heute noch am Leben und erfreut sich guter Gesundheit. — Staatsanwalt: Mich wundert Ihre Kühnheit, soviel Leute, sterben zu lassen, und ich begreife nicht, daß man in dem Betrieb nicht daraufgekommen ist. — Angeklagter: Kontrolliert wurde nicht und dann habe ich die Geschichte ja nicht allein gemacht. — Der Zweitangeklagte Lorenz leugnete jede Schuld. Er habe lediglich die Befehle des Ratzenberger als gefügiges. Werkzeug ausgesi'chrt. Bei einer Konfrontation beider Angeklagter kam es zu heftige n Szenen. Ratzenbcrger eMärte dezidiert, daß er im Einverständnis mit Lorenz und Polt gehandelt habe. Die Verhandlung bürste drei Tage dauern. Das Verhör mit Polt wirb heute abgeführt. Nagen u. Damtißtäßndß nehmen mit bestem Erfolge „BOLUCARBON“, zusammengesetzte Tierkohle-Tabletten. Bolucarbon, von ärztlichen Autoritäten empfohlen, bestbewährt bei Blähungen- Aufstoßen, akuten und chronischen Magen- und Darmbeschwerden etc., sind ln der Apotheke C. BRADY, Wien, I., Rotenturmstraße 18, Ecke Fleischmarkt, stets lagernd, wo auch Literatur gratis erhältlich ist. Postversand überallhin. Der verkrüppelte Sohn äls Erwerbsquelle. Vor dem Bezirksgericht Fünshaus hatte sich gestern die Frau des GeineindeangesteMen Weichart wegen Beihilfe an der Uebertretung dss Bagabundengesetzes zu verantworten. Ihr 23jähriger, an beiden Beinen gelähmter Sohn wurde nämlich jeden Morgen in einem Fcchrsttchl auf die Straße geführt und dort ohne Begleitung sich selbst überlassen, um so das MitleP dev Passanten zu erregen. Dieel rief aber gwßes Aergernis beim Pnblikmn hervor, da der Krüppel schutzlos den Unbilden des Wetters syrndenlairg preisgegeben war. Die Polizei schritt ein, und das Fürsorgeamt wollte den Krüppel in die geschlossene Arnrenpflege übernehylen, wogegen sich aber die ganze Familie wehrte. Die' Angeklagte erklärte! auch vor Gericht, daß sich die ganze Familie lieber vor« giften wolle, als daß sie zulasse, daß .der verkrüppelte SoHn in die Arnlenpflege übergeben werde. Dte Frau wurde zu acht Tatzen Arrest bedrngt mit einjähriger Bewährungsfrist venr^eill. ■