Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 9 (1927)
- Issue
- Heft 2926 (21.4.1927)
- Date
- 1927-04-21
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 2926 Me«, DmmnSMg Wiener Morgenzettrmg 21. UpM 1687 die Bezirksämter angewiesen, diese« Wählern für die Zwecke der Wahl die Dokumente ansrusol-;] e n. Es wurden auch alle im RathauS befindlichen, noch >licht erledigten Heimatrechtsakte an die Bezirksämter zu- .ückgeleitet. Wer also aus dem angeführten Grunde die Lollnnente nicht besitzt, kann sie beim magistrali-- ,'chen Bezirksamt seines Wohnortes abholen. Aber auch diesen Weg kann man sich ersparen, wenn eine andere Jdentitätsbescheinigung vorhanden ist. Hier kommen insbesondere in Betracht: Anstellungsdekrete, Pässe, amtliche Legitimationen jeder Art, Dienstbotenbüch er, Dienstkarten, Eisenbahn- und Tramwaypermanenzkarten, Gewerbescheine, militärische Dokumente. fto „Bilderbuch für Wische Männer «ud Frauen". DaS Zentralwahlkomitee der jüdischen Partei hat soeben ein kleines Büchlein unter der Wiener Juvenschaft verbreitet, welches überaus instruktiv und schlagfertig den Nachweis erbringt, daß antz 24. April ein verantwortungsvoller Jude nur den Wahl- Werbern der jüdischen Partei seine Stimme geben kann, Weil für uns Juden die Einheitsliste Seipels von vornherein selbstverständlich nicht in Betratst kommt, aber ebensowenig die sozialdemokratische Liste, weil.die in diesem Büchlein enthaltenen Daten mit erschrecklicher Deutlichkeit zeigen, daß die Sozialdemokraten in Wien den praktischen Antisemitismus ebenso zu üben wissen, wie seinerzeit die Christlichsogialen. Bild 1 zeigt die Wohnbautätigkeit der Gemeinde Wien. Unter 56.000 Wohnungssuchenden sind 13.000 Juden vorgemerkt, das sind 23.2 Prozent der Wohnungslverbec. Die Gemeinde hat von den 30.000 Wohnungen aber bloß 0.8 Prozent der Wohnungen an Juden vergeben. Wahrlich, ein schönes Beispiel für die „Gleichberechtigung" der Wiener Juden. B ild 2: Me Kindcrerziehung der Gemeinde Wien. Da. sich) du, lieber jüdischer Leser, an ei,rem reizenden Bild, wie die sozialdemokratische Gemeindeverwaltung für di« Wiener Kindar sorgt, und du entnimmst der Statistik mit Befriedigung, daß nicht weniger als 222.8 Milliarden im Jahre 1926. für Jugendfürsorge« verausgabt wurden. Mer ein daneben stehendes Bildchen belehrt« dich leider, daß die bestehenden sechs Kindergärt en der jüdischen Kinderfreuitde nicht einen Heller Subvention erhalten haben und daß die Wiener Juden «nicht bloß, reichlich Steuer zahlen, sondern überdies aus ihrem Privatfäckel! 620 Millionen im Jahre 1926 ausbringen mußten, um die 300 jüdischen Kinder zu versovgen, welche der Verein jüdischer... Kinderfreund« betreut. Bild 3: Das Schulwesen der Gemeinde Wien — und die jüdischen Schulen. Me 14 tschechischen Volks- und Bürgerschule werden subventioniert, die jüdischen Schulen aber erhalten von den 14 Milliarden, die alljährlich dem Wiener Schulwesen gewidmet werden, nicht einen roten Heller. Fesrnor: ES gibt in Wien keinen jüdischen Volks- oder Bürgerschullohrer, und während im Stadtschulrat je ein Vertreter der katholischen und evangelischen Kirche Sitz und Stimme' hat, wurden ldie Juden über Antrag Sever im Kchre 1921 vom Stadtschulrat ausgeschlossen. Bild 4: Die Gemeinde Wien schafft neue Arbeitsmöglich- IHteit. Schön. Aber unter den 34.000 Menschen, die sie im Rathaus« und in den städtischen Betrieben beschäftigt, befinden sich bloß gezählte 170 Paradejuden. In diesen Belangen hat Seitz seine Vorgänger Lueger und Weißkirchner geschlagen. Damals — im Zeichen der weißm Nelke — gab es noch elf jüdisch« Konzeptsbeamte, jetzt — im Zeichen der roten Nelke — gibt es nur mehr einen einzigen. Die nämliche Bilderseite zeigt auch, wie sich die sozialdemokratische Gemeindeverwaltung dem jüdischen Sport gegenüber verhält. Eine Milliarde I- 1."I 1 Gedenlblatt für Sigmund Kornfeld. Der Manu, den matt gestern anr Zentralfriedhof in die Erde legte, war ein gelehrter und edler Menschenfreund; ein geliebter Erzieher zur Wissenschaft, wie die Trauer seiner Schüler erweist. Aber den jungen Menschen, die vor mehr als drei Jahrzehnten durch Herzls „Judenstaat" zu Zionisten wurden, mitten in der westjüdischen Assimilation, vereinsamt, dem Judentum entfremdet, also ohne jeden inneren Fundus an Wissen und Ueberlieferung, nur durch Seelennot zu Bekennern der neuen jüdischen Bewegung geworden — uns Ersten, die man in der eigenen Familie befehdete (Nicht selten kam' es zum völligen Bruch), uns Verlachten, Begeiferten, ja Bernaderten, ivar dieser Dr. Sigmund Kornfeld, Primararzt der Brünner Irrenanstalt noch weit mehr, als ein gelebter Lehrer, ein väterlicher Führer zu Kant, dem dankbarsten Schüler jemals sein kann. . Man stelle sich die innere Verfassung eines Jünglings vor, der vom Judentum so ziemlich nichts an sich hatte, ls den Willen, Jude zu sein, durch Erziehung und durch ändert schmachvolle Aeußerlichkeiten systematisch von allem "wischen entfernt worden war, der, um sich blickend, ichts sah als die nervöse Hast des israelitischen Zeitge- 'ssen, mit jeder Handlung, ja mit jeder Bewegung zu erisen, daß er sich vom Jude-Sein „gereinigt" habe. ■t eine Erinnerung cm diese Zeit traurigsten Verfalls: besten Söhne des jüdischen Volkes, die niemals zum pUchellecken, Unlierkriechen, Schöntutt zu haben waren, mden es doch für selbstverständlich, ihren Namen zu »der«, wentt sie zur Geltung kamen und dieser Nantie lendwle ans Judentum erinuierte. Auch unser späterer .ihrer Max Norh.au. Süd-Feld klingt nicht weniger schön s das gegensätzliche, aber nach den Zeitbegriffen weniger wische Nord-Au und. war für Temperament und wist des Namensträgers bestimmt bezeichnender. Aus „Südfeld" mußte „Nordau" werden, w.si auch einer dvr Stärksten, Unentwegtesten dautals so jämmerlich klein und KUNEROL noB 'yt> 7W2 .„.inmMlIllillllllj I . '«hü!1!* er rvA,,l K||j| jj Verbürgt reines Fett ans Kokos« nÜ8sen. Die Kokosnüsse werden bei der Kunerolwerke A. G.,Wien«* Atzgersdorf, gepreßt und die Er« Zeugung steht bis zur Verpackung des fertigen Fettes unter strengster Aufsicht des Herrn Bezirksrab« biners 8. Ehrenfeld zu Mattersburg. Kunerol kann daher von jedem Streng« gläubigen ohne Bedenken zur Zuberei« tung der Speisen verwendet werden. gab» ui« Gemeinde an Subventionen für Arbeitersport- und vereine und für den christlich-arischen Reichsbund. Für jüdische Turn- und Sportbewegung aber nicht einen roten Heller, ja, man hat die Subventionsgesucho nicht einmal beantwortet. Und als Dank dafür, daß der jüdische Sportverband im Jahre 1926 800 Millionen Lustbarkeitsabgabe an die Gemeinde Wien, ferner hunderte Millionen, an Warenumsatz- und Körperschaftssteuer an den Bund abgeführt hat, wurden den jüdischen Sportlern alle Gemeindeturnsäle (bis auf zwei) entzogen. So geht es in diesem lesenswerten Büchlein weiter,!mit Grazie. Aber in einer Kundgebung des Komitees werktätiger Inden" lesen »vir folgenden Satz, der prachtvoll auf die Handlungsweise der österreichischer: Sozialdemokraten stimmt:^ „Die Sozialdemokratie allein hält unerschütterlich fest an der alten revolutionären Losung der Gleichheit, alles, was Menschenantlitz trägt.. Sine „Kundgebung des geistigen Wien". Eine Anzahl von Künstlern, Schriftstellern. und Gelehrten hat anläßlich der Wahlen eine Kundgebung erlassen, in welcher sie die große soziale und kulturelle Leistung der Wiener Stadtverwaltung rühmen und sich „vor ihrem Gewissen verpflichtet fühlen...", also heraus damit, für die Machthaber dieser ©tobt, für die Sozialdemokraten sich einzusetzen. Mit allen Einschränkungen natürlich, welche sich die über dsn^ Parteien stehenden schöpferischen Geister Urlauben dürfen und die sich das Wiener Pro-letoriat, unter anderem von Fritzl Grünbaum Ö,Passtn Sie auf, schöne Frauen, passen Sie auf...") und von der schöpferischen Frau Alma Maria Mahler gefallen lassen müssen. Wir fragen die mitunterzeichneten Juden: Freud, Graf, Grünbaum, Lichtblau, Lichten st er n, Polgar, Wellesz und Werfe-l, ob sie tatsächlich im Wölkenkuckucksheim wohnen und übersehen, daß die Wiener Sozialdemokratie die antisemitischen Praktiken der CH ristlichsazialen übernommen habe, ob sie niemals etwas vom Sever« Erlaß, von der antijüdiischen He'matrechts- und Aüsfeige war, daß er nur in uMvürdiger Maskierung vor die europäische Oeffenllichkeit treten konnte. Dazu kam, daß diese ersten jungen Bekenner, des Zionismus — auch wenn ihnen das heiße Erlebnis und die kämpferischen. Jahre der ersten Propaganda dazu Zeit gelassen hätten — nicht in der Lage waren, sich in ihrem Bekenntnis durch tatsächliche „Rückkehr zum Judentum" zu stärken. Denn man kann nicht von den Urvätern erwerben, was einem die Väter zu veverben unterlassen haben. Erbe der Väter? „Ihr habt unser Herz zum Friedhof der besten Empfindungen gemacht", mußten wir mit Ludwig Börne seufzen. * In dieser Zeit der jungen Zionsfreude, die mit völliger Vereinsamung in der Familie utrd hysterischer Airfeindung bezahlt tvurde, stand Dr. Sigmurrd Kornfeld, ein damals schon bedeutender Arzt, ein innerlich gefestigter, hochkultivierter, ein durchaus ruhiger, duldsamer und milder Mann zu uns, den durchaus ungefestigten, durchaus unruhigen und kämpferischen jungen Zionisten. Prompt verkündete der Brünner Landesrabbiner von der Kanzel: „Endlich erkenttt man, wes Geistes Kind diese zionistische Bewegung ist. Hier hat sich ein Irrenarzt an ihre Spitze gestellt". Die Brünner Juden jubelten nach dieser Samstagsandacht: „Das hat er gut gesagt". Aber Kornfeld hielt zu Theodor Herz! und zu seinen jungen Bekennern von der Hochschule und gab ein herrliches Beispiel der Standhaftigkeit und des Opfermutes. Er wußte, daß sie die Macht haben, die Brünner Kultusgewaltigen, die Advokaten und Tuchfabrikanten, ihn unmöglich zu machen, ja um seine Stellung zu bringen — aber er lud Theodor Herzl ttach Brünn ein. In jener Predigt des Landesrabbiners, die den Brünner Juden ein kräftigeres Amüsement bereitete, als selbst ein Gastspiel Eisenbachs, wurde Kornfeld geraten, alle Bekenner des Zionismus in seiner Abteilung für Geisteskranke zu internieren. Als er aber in die Brünner Tuchiveisungspraxis gehört hätten, von der Judensperre fo den städtischen Aemtern, ob sie die von ihnen gepriesene ^Humanität" der sozialdemokratischen Stadtverwaltung auch den jüdischen Kindern, Waisenhäuser«, SpiWern gegenüber gewahrt sehen? 8ioe SrMnmg de» Herr« Mari«Ui«m Schreier. Wir erhalten von Herrn Maximilian Schrevech. Chefredakteur des „Tag" und „Morgen", die folgende Erklärung zu unserer am 17. April veröffentlichten Bemerkung: ,^Fch habe in der am 13. d. M. stattgefundenen Wählerversammlung des Vereines „Allgemeine Nährpflicht", in der ich als Redner auftrat, allerdings mich über We Juden gesprochen. Ich habe gesagt, daß «ich die Charakterlosigkeit gewisser Juden, welche die Einheitsliste wählen wollen, wohl verstehen kanir, aber nicht die Dummheit, die darin liegt. Ich habe mich gegen jene Inden gewendet, die für eine Partei eintretvn, in der ein Riehl und ein Schulz kandidieren. Die mir in eine« Zuschrift an Ihr Blatt in den Mund gelegte Amßerung, daß die Jüdischnationalen in der Seipel-Liste enthalten sind, habe ich nicht getan. Jchhabemich über die Jüdischnationalen überhaupt nicht geäußert. Ich konnte dies um so tveniger tun, als der Verein „Allgemeine Nährpflicht" im Sinne des großen Philosophen Popper-Lynkens begründet wurde und ich die Sympathien des Verstorbenen für die Jüdischnationalcn genau kenne. Meine Worte über die Juden scheinen demnach von dem Einsender der Zuschrift falsch verstanden worderr zu sein. Viele, die der Versammlung beigewohnt haben, haben auch, versucht, Ihren Gewährsmann über seine irrige Auffassung meiner Aeußerungen aufzuklären. Ich lege Wert darauf, daß Ihr Blatt von meiner Erllärung Kenntnis nimmt." Wir bringen diese Erllärung zum Abdruck und mhmen loyalerweise keinen Anstand, die von.uns an die uns zugegangene Mitteilung geknüpfte Kritik zurück^ ziehen. Tumult bei einem chrMchsoriale» Wahl- «mzug. Für gestern nachmittag war ein Wcchilumzng der Christlichsozialen des Bezirkes R u d o l f s h e i m angesagt. Um zirka 5 Uhr marschierten die Teilnehmer von der Sammelstätte ab. Der Zug bewegte sich durch die Gröllgaffe in die Felberstraße. Hier kam es zu den ersten Störungen durch Sozialdemokraten, welche den Zug seitlich begleiteten. In der' Johnstraße verdichteten sich die Scharen der Sozialdemokraten, die johlten, schrien, Spottlieder sangen und sich in höhnenden Zurufen ergingen, so daß der Zug in die Märzstraße ei-nbiegen mußte. Das Wacheaufgebot war zu schwach, um die Ruhestörer ab* zu-drängon. In der Schweglerstraße kam es zu argen Tumulten. Als der Zug durch die Goldschlag.stvaße zu seinem Ausgangspunkte zurückkehrte, waren bereits an 2000 Sozialdemokraten an gesammelt, die nun über die Zugteilnehmer hersielen. In dem sich entwickelndem Handgemenge wurde die Standarte den Christlichsozialen entrissen, zerfetzt und auf die Straße geworfen. Endlich erhielt die Sicherheitswache ausgiebigen Nachschub, dem es gelang, einige Gassen abzuviegeln und die sozialdemokratischen Demonstranten abzudrängen. Hiebei wurden zahlreiche Verhaftungen vorgenommen. Bier Schubwagen mußten herbeigeholt werden, um die Verhafteten abzutransportieven. Metropole den Autor des „Judenstaates" gebracht hatte, nahmen sie ihm die Möglichkeit zu solchein ärztlichen Liebeswerke. Sie intervenierten mit zielbewußtcr Beharrlichkeit beim nvälMschen Landesausschuß, der just zu dieser Zeit Dr. Kornfeld für die selbständige Leitung der Anstalt eine belobende Anerkennung ins Haus schickte und konntet: alsbald den großen jüdischen Erfolg verzeichnen, daß Kornfeld den gutdotierten und aussichtsreichen Posten verlassen und Brünn den Rücken kehren mußte. Wir blutjungen Zionisten aber sahen, welche Opfer ein so gelehrter, in seinem innersten Wesen gefcst-igter, durchaus sachlicher, von Patienten und Schülern geliebter, iveithin angesehener Mann seiner ziomstischen Gesinnung zu bringen die Kraft hat und seit: leuchtendes Beispiel zeigte uns, daß wir einer guten, ja heiligen Sache dienen- * Als mich im Vorjahre ein glücklicher Zufall wiedstrhott tmd zu längerer Aussprache mit Dr. Sigtnund Kornfeld zusammenführte und er in feinem Studienzimm-er, schon sehr müde, sehr krank, aber heroisch sein physisches Leiden verbergend, mit unvergleichlicher Klarheit votr den Erinnerungen und Begegnungen seines Lebens erzählt^ erfuhr ich, was Dr. Sigmund Kornfeld, den böhmischen Juden, den Erben eines großen jüdischen Namens, zu solchem Opfer für die junge zionistische Bewegung befähigt hatte. Schon als Student der Medizin in der schtvarz-rod» goldigsten Assimilantenzeit erkannte er, daß die berühnvtesten und objektivsten" Nichtjuden ihren Antisemitismus nicht überwunden hatten und recht ungettiert betätigten. Der große Hyrtl sprach unverblümt seinen Utrwillen darüber aus, daß er seinen ersten Assistenten, nämlich Zucker« kandl, als den Fähigstett der Amsterdamer medizinischen Fakultät empfehlen mußte. „Er konnte nicht umhin, sein Bedauern darüber auszusprechen, daß es ihm trotz aller Bemühungen nicht gelungen sei, einen geeigneten Nicht» juden zu finden, was ihm weit willkommener gewebt