Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 9 (1927)
- Issue
- Heft 2926 (21.4.1927)
- Date
- 1927-04-21
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 Wien, DomrerSbag Wimm Mossenzethmg A. April 1927 Rr. 2926 ■ Gegen Pogromhetze, gegen Pogromhetzer und gegen die Pogromleugner! Wählet jüdischI Eis Brief Seipels. -y, Wt«, 21. AprU. Die „AlLeiier-Zoitung" veröffentlicht im Faksimile täten Brief des Bundeskanzlers Dr. Seipel an einen sonst rmbe kannten Herrn Binnen stein in Leobe-rsdorf. Der Brief ist ein sensationelle Dokument, well er auf die Ermordung des Turners Mohapel Bezug nimmt. Er lautet: Nstünralrat.!Bien, 27. 12. V28. Sehr geehrter Herr Vinnenstein! Für die Ueüerfendung der Broschüre sage ithJyae»» Hit besten Dank. Was die katholische Kirche mit Frontkämpfern imd Hakmkreuzlern 5» tim haben soll, weiß ich nicht. Mir ist keine kirchenamtliche Empfehlung dieser Organisationen bekannt. Daß sie nicht direkt verboten werden, ist klar. Denn auch die Kirche kann nicht verlangen, daß alle Christen sich nach der Art, wie es Mohapel geschehen ist, ermorden lasse». Der Ausflug der Frontkämpfer ins Triestingtal hat, soweit ich gehört habe, niemand mich nur im geringsten etwas geschadet. Wenn die Juden sich darüber öfc» klagen, daß bei Exzessen des Republikanischen Schutzbundes und ältlichen Dingen auf antisemitischer Seite heftig gegen die Juden geschrieben wird, beklage ich dies mrd verurteile es schävfstens. Aber ich kann es begreifen, daß Leute, die nicht so ruhig denken wie ich, eigentiimliche Zusammenhänge beobachten und daß es dann zu Gefühlsansbrüchen kommt. Warum kann ein Mohapel trotz vollkommenster Unschuld mrd Harmlosigkeit ermordet werden, ohne daß die Juden darüber aufschreien? Warum wird aber die bloße Existenz von Frontkämpfern und dergleichen Abwehrorganisationon zu ewigen Rekrbninationen benützt mrd aufgebauscht? Sie sehen also, wir tun am besten, ohne Nervosität auf bessere, ruhigere Zeiten zu warten und nicht selbst Unruhe zu stiften. Mit den besten Nenjahrsgrützen So vpeÄ. Man beacht, daß der Brief fast anderthalb Jahre nach dem Mord auf dem Praterstern geschrieben wor- -den Hl. >Am 1. August 1925 hatte ein be/offener Zu- HAter namens Seidl den Mohapel erslpchen. Die GerichtsverchaMung, die mit der Verurteilung Seidls zu ürr^ährrger Kerkerstrafe endete, hatte selbstverständlich auch nicht das geringste ergeben, was irgendeinen Juden hätte belasten können. Der Mord war im Verlaufe der von den Hakenkreuzzeituugen in Gemeinschaft mit der „Reichspoffc" gegen den 14. Zionistenkongreh eingeleiteten Hetze .geschehen, stand aber mit ihr in keinerlei Zusammenhang. An den Straßenecken klebten die Mordplakate, Kolporteure schrien überall: „Christliche Eltern, schützet eure Töchter vor den Juden!" Die arischen Vereine marschierten auf der RmxAraße auf und schrien im Chor: ,Huden raus!" Die völkischen Sturmtrupps stürmten das Cafe im Stadtpark. Me Pogrombestie raste damals durch Wien. Bei einem auf dem Praterstern noch dem Begräbnis des Bürgermeisters Reumann entstandenen Konflikt zwischen Kommunisten und Pogromisten wurde nun der Turner Mohapel von Seidl erstochen. An diese Tatsachen und die ungeschent betriebene Mord-kampagne muß man sich erinnern, um den Brief des Bundeskanzlers. einschätzen zu können, der, wie gesagt, anderthalb Jahre später geschrieben worden war, zu einem Zeitpunkte also, tvo die ganze Affäre bereits klargestellt worden war. Trotzdem schreibt der Kanzler als Kanzler, die Kirche könne nicht verlangen, „daß all« Christen sich nach der Art, wie es Mohapel geschehen ist, ermorden lassen". Das heißt also, daß die Juden den Mord auf dem Gewissen haben! Der Kanzler kann cs begreifen, daß Leute „eigentümliche Zusammenhänge! beobachten". Und das alles nach der Gerichtsverhandlung! Der Brief ist erstens ein Kommentar zu der Seipelschrn Interpretation des christlichsoziccken Parteiprogramms und zweitens zu der Ginschiebung der Riehl und Schulz in die Einheitsliste. Und da rechnet noch jemand damit, daß Juden diese Liste wählen sollten?! Und da bereitet man durch den niederösterreichischen Gewerbevekoin einen Ausruf an die jüdischen Wähler vor, der durch jüdische Untersthristen gedeckt werden soll! Gibt es noch Juden, die anders tvählcn können als jüdisch? Den Brief hat die „Arbeiter-Zeitung" veröffentlicht, wohl zu dem Zweck, die jüdischen Stimmen für die sozialdemokratische Partei zu ködern. Aber wenn man sich an die Mohapel-Affäre erinnert, so kommen die Sozialdemokraten nicht sehr gut weg. Die Hetze im August 1928 hatte nur darum einen so gefährlichen Charakter angenommen, weil diesozialdemokratische Partei vollkommen kühl blieb. Damals fiel ja die Erklärung des Doktor Deutsch, daß man sich um den Zionistenkongreß nicht kümmern müffe, und die Erklärung des Bürgermeisters Seitz, daß er keine konfessionelle VeranftMmg begrüße» Sinne. Diese Erllärungen in diesem Zeitpunkte waren ein« Ermunterung an den Pöbel, und nur der damalige Bundeskanzler Rcmrckk im Vereine mit dem Polizeipräsidenten Schober schützten den guten Ruf Oesterreichs. Sozialdemokraten und Demokraten blieben still und stumm, und eS waren einzig und allein die Jüdischnationalen, dick unäbläffig die Behörden an ihre Pflicht mahnten. Der Brief Seipels kommt znr rechten Zeit, um haarscharf daran zu erinnern, daß rings um uns nur Todfeindschaft herrscht. Gebt die Antwort, jüdische Wählerinnen und Wähler! Denkt an diese Vorgänge am 24. lApril und wählet di Mische Partei! Ae Wahlbewegung. Um die jüdischen Stimme». Je näher der Wahltag kommt, um so eifriger wird dev Wettlauf UM die hunderttausend jüdischen Stimmen! und UM so klarer wird es, daß der ganze Kampf sich sm seinem letzten Stddium eigentlich mir mehr um die jüdischen Stimme» konzentriert. Die Sozialdemokraten bieten alle Künste der Uebervedung auf, um die Juden an sich hercmzuziehen. Wenn die Juden nicht sozialdemokratisch wählen, so hieße das, wie gejagt wird, die Reaktion stärken. Dabei wird sUurr übersehen, daß die Reaktion und ihre antisemitischen Tendenzen sich nie so stark hätten entwickeln können, wenn ihnen die Sozialdemokratie entgegengetreten wäre. In der letzten Legislaturperiode hat es im Nationalrat keinen jüdischen Vertreter gegeben. Die jüdischen Interessen waren darum schutzlos «$crt Angriffen pveisgegeben und die Sozialdemokratie hat sich aller Pflichten einer Freiheitspcrrtei entschlagen. Sie hat selbst in ihrem Wirkungskreis, i m R a thaUs werktätigen Antisemitismus betrieben. Darüber schweigen sich auch die Hausjuden vollständig aus und sie leiern immer nur ihr Sprüchlein herab, die Juden mögen doch in der Sozialdemokratie anfgehen und politischen Selbstmord betreiben. Auch die Einheitslirste bewirbt sich Um die jüdischen Stimmen. Merkwürdigerweise mit fast dem gleichen Argument, daß nämlich die jüdischen Wähler zur Stimmenzersplitterung beitragen Und so indirekt der Sozialdemokratie zugute kommen. Diese Einheitsliste trägt, wie bekannt, ihre ganz besondere Marke durch Namen wie Riehl Und Schulz. Sie ist aber nebenbei auch noch von den Chrrstlichsozialen und -den^ .Großdeutschen gemeinsam ausgearbeitet! worden, also von antisemitischen Parteien, denen es freilich sehr angenehm wäre, wenn sich .Juden in ihr Kautschuknetz verfingen. Auch sie rechnen' mit der Vergeßlichkeit der Juden Und auf einen Eharakterzug der Assimilation, die sich geschmeichelt zeigt, wenn sie von waschechten Christen Umworben wird. Auch die Einheitsliste stellt also eine Rechnung auf, in der sie die^JudenstiMmen als einen seelenlosen Posten mitzählt, und es wird auch ein.Aufruf an die jüdische Wählerschaft vorbereitet, die.„in Verkennung der dUrch die Einheitsliste verfolgten Ziele Und v erst im rntdurch Mängel dieser Liste" Nicht in der großen Herde mitlaUfen wollen. Der Aufruf geht vom niederösterreichischen Gewerbeverein aivs und es ist beabsichtigt, ihn van einer Anzahl jüdischer Persönlichkeiten unterfertigen zu lassen, Um' die Wirkung zu sichern. Die Liste diestr Personen liegt rms vor Und wir finden dort zunächst den bereits getauften Herrn Oskar Berl. Um seine Unterschrift wäre schade, denn sie wäre für jüdische Wähler nur ein Grund zUr Heiterkeit. Wie ja überhaupt ein Appell dieser Art verpuffen mUß. Für alle Fälle aber wollen wir die jüdische Oeffentlichkeit ans diesen politischen Run vorbereiten. Daß er keinen Erfolg haben wird, daß er aussichtslos ist, davon Möge die Einheitsliste überzeugt sein. Die Ziele der Einheitsliste kann keiner „unserer Glaubensgenossen" verkennen Und die in Riehl Und Schulz verankerten Mängel sind Unmißverständliche Muke mit dem Gummiknüppel. Die Aussichtslosigkeit der jüdischen Partei spielt auch in dem hier erwähnten Aufruf ihre Rolle. Wir sind deshalb gerne bereit, diesmal dem „Abend" recht zU geben, wenn ex in einer Betrachtung über die Einheitsliste ausdlrücklich erklärt, daß in Wien 10 Prozent der Bevölkerung „Juden, Israeliten und Herren Israeliten" sind, denen mindestens fünf Plätze in der Wahlliste gebühren. Sehr richtig! Es ist hltbsch von dem sozialistischen Organ, daß es diesmal der Wahrheit die Ehre gibt. Den Juden gebührt ihre eigene Vertretung! und die hunderttausend jüdischen Wähler werden' den Sieg der jüdischen Partei sichern. Me sozialdemokratische Entstellung. Das Pensionsnormale der Kultusangestellten. Die sazialdemokva tischen Kultusmitglieder laden durch ein Flugblatt zu einer Versammlung ein, die zu dem Pensionsnormale- und den Wahlen Stellung nehmen soll. In der Einladung hteyu heißt e-, daß die Mischnationalen Kultusvorstände den Angestellten der Kultusgemeinde das Pensionsnormale verweigern, indem sie die dieSbazügAchen Arbeiten sabotieren, nichtsdestoweniger aber mit großen Versprechungen um die Stimmen für die Wahlen werben. Hiezu ist zu bemerken, daß das Penfionsnormale in der gestrigen Sitzung des Vertreterkollegiums der Kultusgemeinde endgültig verabschiedet wurde, daß jedoch der sozialdemokratische Vertreter nur einer einzigen Sitzung von den abgehaltenen vier Sitzungen beiwohnte und auch da nur teilweise an der Beratung teilnahm. So sieht Berlreterpflicht sozialdemokratischer Funktionäre aus! Re Aurfichtslokm. Um die Mischen Stimmen geht auch jenes klein« Grüppchen 'der KassechaMiberalen krebsen, das sich jetzt wieder einmal „Demokraten" nennt. Was an liberalem oder demokratischem nichtjüdischen Bürgertum in Wien noch vorhanden war, ist längst zu Dr. Seipel desertiert. Der kleine Rest von Juden, der aus nicht ganz durchsichtigen Motiven noch immer die demokratische Partei mimt, schmilzt wie Schnee unter der Sonne immer mehr zusammen. Wer die Leute sind rührig und da sie doch das U-eberlaufen ihrer christlichen Gesinnungsgenossen irch Arrtisenntenlager nicht verhindern und diese auch nicht mehr aus der Einheitsfront mit Riehl und Schulz zurück» gewinnen können, suchen sie unter den Juden Stimmen zu werben. Auch diese „Demokraten" erkühnen sich, das Märchen von der Aussichtslosigkeit der jüdischen Liste in Umlauf zu setzen. Ihr dreistes Unterfangen kann leicht an der Hand der Wahlstatistik als plumpe Wahlmache aufgezeigt werden. Die Statistik zeigt nämlich unwiderleglich, daß die bürgerliche Demokratie in unaufhalt» fantem Rückgang begriffen ist und daß im selben Maße die Stimmenzahl der jüdischen Liste wächst. Im Jahre 1920 brachte die bürgerliche Arbeitspartei in Wien noch 30.902 Stimmen aus. Außerdem gab es noch 9380 -demokratische Stimmen. Bei den letzten Wahlen im Jahre 1923 kandidierten die Demokraten überhaupt nicht mehr und alles, was demokratisch und liberal war, brachte in ganz Wien unter der Parteienbezeichnung „Bürgerlich-ldemokratische Partei" nur mehr 18.886 Stimmen auf. Der S t i m m e n r ü ckgang -dieser freisinnigen Gruppe betrug nicht weniger als 21.396 Stimme n, also weit mehr, als diese Partei im Jahre 1923 überhaupt erreicht hat. Demgegenüber waren die j üd i s ch n a t i o nal en S t immen in ständigem Zunehmen begriffen. 1920 vereinigten die jüdischen Kandidaten 18.358 Stimmen auf sich, während sie im Jahve 1923 24.970 Stimmen erhielten. Bei den Liberalen und Demokraten zeigte sich also ein Stimmenverlust von 21.396, während im gleichen Zeitraum die jüdische Wahlgemeinschaft 6612 neue Wählergewann. Die jüdische Partei ist also eine aufstrebende, sie vermehrt ihre Stimmenzahl von Wahl zu Wahl. Bon den unter demokratischer Flagge segelnden „Israeliten" hingegen war schon im Jahre 1923 nur mehr ein kleines Grüppchen übrig, die sogenannten bürgerlichen Demokraten. Ihre Führer sind jetzt eine Wahlgemeins ch a f t m i t Seipel und Riehl eingeganigen, außen geblieben sind nur mehr einige Marodeure, Jede jüdische Stimme, die ihnen zu fällt, ist verloren! Dokumrute zur Wahl mitnehmen! Der Magistrat macht nachdrücktichst darauf aufmerksam, daß die Wähler und Wählerinnen bei der Stimme, abgabe ihre Identität durch Vorweisung von Urkunden oder amtlichen Bescheinigungen erweise!» müssen. Als solche Bescheinigungen gelten in erster Linie die Persönaldokumente (Gebürts- und Trauschein). Da viele Wähler ihre eigenen und die Dokument« ihrer FamNenmitgliÄwr dem Ansuchen mn Verleihung deS Heimatsrechtes angeschkossen haben, hat der Magistrat;vr dm Wischen Wähler Mt einzig und allein der Stimmzettel mtt der Bezeichnung »Mische Partei".