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Wiener Morgenzeitung · 1927-04-20 · Heft 2925 (20.4.1927) · p. Seite 5

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
9 (1927)
Issue
Heft 2925 (20.4.1927)
Date
1927-04-20
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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Nr. 2026 Men, Mittwoch Wiener Morgenzeitung jO. April 10*; DM8 0 Der Sohn des Moses Mautner Ein Wiener Roman von Leopold Niohlor. Copyright 1037 by 2L LSwit Verlag, Wien — Leipzig Dies geschah nach einiger. Tagen. Kathi, so hieß bas neue Dienstmädchen, war von: Lande und jung und hübsch. Zu ihren Pflichten gehörte auch, dein jungen Herrn — zu einem solchen war Gustav avanciert — am Morgen das Frühstück ins Magazin zn bringen und am Abend seine Kleider zu reinigen. Am ersten Morgen, als Kathi das Frühstück brachte Und Gustav sie im vollen, freundlichen Morgenlichte erblickte, war er erstaunt und entzückt. Er stand — nicht auf seines Daches 'Zinnen — sondern im 'Magazin und mit einem Kranz Zervelat' in der Hand und zählte. Aber als Kathi das Frühstück auf den Holztisch des Magazins stellte, ließ er die Zervelat' langsam aus den Händen gleiten, starrte Kathi an und so lange, bis sie wieder das Magazin verließ. Sie schien nichts gemerkt zu haben, was ihn ein wenig verdroß. In solchen Lagen beschließt der Mensch, dem Schicksal nachzuhelfen; zunächst durch äußere Retaucheir. — Am Abend, bevor Kathi seine Kleider ins Zimmer brachte, blickte Gustav, wie zur Generalprobe, in den Spiegel. Seine Haare mißfielen ihm, denn sie strebten zu sehr und zu unregelmäßig nach auswärts; darum befeuchtete Gustav seine Haare mit Wasser, nahm eine Bürste und striegelte sie bergab. Nun glich sein Kops ein wmig dem einer gebadeten Maus, aber er war zufrieden. Nur die Krawatte Mißfiel ihm noch. Sie saß zu — indifferent. Da schlang er einen cherausfordenden, feschen Knoten, blickte wieder in den ^Spiegel und schmunzelte. So gerüstet wartete er nun. — Bald brachte Kathi die Kleider. Gustav starrte, aber Kathi schien wieder nichts zu merken und verließ das Zimmer. — Gastav erkannt bnr* er reden müsst. Aber was? Das Gefühl hätte Hm die NchtiLen "Worte gegeben: „Du g'fallst mir. Hch will dich. Willst du?" — Er wußte, so dürfe er nicht sprechen und gedrechselte Worte für diesen einfachen Wunsch zu -finden, bäzu mangelte ihm noch die Routine. Er versuchte es zwar und baute am nächsten Morgeir schöne, tönende Sähe; aber kaum Kathi im Magazin erschien, strauchchelte er auf dem glatten Boden der Konvention, wurde verlegen, wurde verlegen und schwieg. Er sah sie, bloß an. — Diese stumme Werbung währte einige Tage. Alber an einem Morgen sprach er wie ein Tollkühner: ,Leut', wenn sie -mir den Kaffee bringt, sag' ich ih-r's! Bald daraus öffnete Kathi die Tür des Magazins, Heut' is mir alleSeins!" — stellte die Tasse mit dem Kaffee — so wie jeden Morgen auf die Holztafel des Magazins Und wollte wiÄer gehen. Da rief Gustav, und erfühlte sein Her^ bis zum Halse hinauf klopfenp „Kathi!" — „Mos denn?" fragte Kathi imd mit einem Gleichmut, als erwarte sie etwa seinen Wunsch nach eurem'Glas Wasser. — „Ich Hab' was sagen wollen!" sagte er und machte ein so unglückliches Gsicht. daß Kathi freundlich fragte: „No, was denn?" Da faßte er wild ihre Hände: „Kathi! Ich Möcht' ..." — „Was wollen S' d'enn von mir. Herr Gusti?" rief sie änastücki. „A Pußl." Er versuchte, sie an sich zu ziehen. Sie wehrte sich: „Auslasien! Oder i schrei!" Sie rangen miteinander. Kathi befreite sich, lief aus dem Magazin und in die Küche. Dort sagte sie erregt, und entrüstet zn Frau Fanny: geh' net mehr ins Magazin!" — „Warum denn?" >— „Und auf d'Nacht trag' i eahm a kane Klader 1-' ' ' n Für Freunde des m m jüdischen Witzes u Demnächst erscheint: m N Jüdische Schwänke i| Sammlung ostjüdischen Volkshumors i Übertragen von MAX PRAGER und SIEGFRIED SCHMITZ m Zum erstenraale begegnen wir in dieser einzigartigen Sammlung der wahrhaft echten Atmosphäre des m i jüdischen Volkshumors, der durch die sorgsam durchgeführte Übersetzung zu origineller, unmittelbarer Wirkung kommt. m III m II H UM R. Löwit, Verlag Wien, I. Bez., Fleischmarkt Nr. 1 I m I ~ | i1,1 | JULimmim fl jatiBmiü I S5311ÜÜ I StVtTtS I (12. Fortsetzung.) in sein Zimmer!" — Jöon wem roden Sie? Dom Gusti?" — „Ja, vom Gusti. Er gibt mir ka Ruh' net!" — „Der Gusti? Der Gustevle? Der Bulb?" Und sie sah Kathi zweifelnd an und konnte es nicht fasten, daß aus Gusterl ein Gustav geworden! „Nein, so tvaS l — Wer machen S' sich nix draus, Kathi! Der Frau brauchen Sie davon nichts sagen und ich wer das schon alles richten! — So was!" — Don diesem Morgen cck> schob sich, wie eine lebendige Wand, Frau Fanny zwischen Gustav und Kaihi. Am Morgen brachte sie ihm den Kaffee, Mittag das Esten und i am Wbenb die Kleider. Er war in sicheren Händen. — Er bekam Kathi fast nicht mehr zu Gesicht, und wenn er sie j zufällig auf der Stiege oder im Hofe oder gar in der Küche traf, sah ihn Kathi so feindselig an, daß er zur Erde blickte und beschämt dachte: „Wie Hab' ich nur so dumm sein können?" — Er trauerte noch einige Zeit dem verlorenen Wentener nach und —- vergaß es allmählich. — Jedoch die Liebe geht wunderliche Wege. — An einem Abend saß Gustav in seinem Zimmer und las die Zeitung. — Diese Neigung hatte er von seinem Vater geerbt; auch das Vorlesen; nur fehlte ihm noch die Frau Sali dazu, und dann las er auch nicht die Wochenschrift, sondern die Roch immer guvenaurweksnngen kn Ungarn. AuS Budapest wird uns berichtet: In einer gemeinsamen Beratung des Präsidiums der Kultusgemeinde mit dem Rabbinat wurde u. a. auch mitgeteilt, daß die JudenauSweisungen aus Ungarn und ganz besonders aus Budapest noch immer in Uebung sind. Bon dieser AuSweifungsmaßregel werden auch Familien betroffen, die schon seit 30 bis 40 Jahren in Budapest wohnen, deren Kinder im Krieg an der Front gekämpft haben unk» selbst Familien gründeten. Die Rechtssektion der Kultusgemeinde hat eine eigene, Mteilung zur Behandlung dieser Fälle eingerichtet und wird nunmehr über Auftrag des Präsidiums sämtliche mit den Ausweisungen zusammenhängenden Daten, zusammenstellen, um so rasch als möglich bei der Regierung wegen Abstellung dieses unbegründeten rücksichtslosen Ausweisungs- Verfahrens einzuschreiten. Diese Intervention dürste allerdings nicht viel mehr Erfolg haben als alle bisherigen Versuche. Auch die Miste« haben acht Tage Sfteru gefeiert. Das Zusammenfallen des diesjährigen christlichen erste» OstertageS mit dem ersten Pestachtage wurde in diesem Blatt bereits besprochen. In der großen Oeffentlichjkeit dürfte eS aber weniger bekannt fein, daß die katholische Kirche bis spät in die neuere Zeit ihr Osterfest genau jo wie die Juden den Pestach acht Tage lang feierten. In den lateinischen Gebetbüchern der Katholiken ist auch heute noch das aus der alten Zeit übernommene Gebet zu lesen, welches am ersten Ostertag gesprochen wird und in Uebersetzung lautet: Das ist der Tag, an welchem Du die Söhne Israels aus dem Lande Aegypten, dem Hause der Knechtschaft, herauSgeführt hast. Professor Dr. Armin Hoffer betont in einem Aufsla.tz, daß sein Lehrer David Kaufmann nachwieS, daß man den Mönchen im 4. Jahrhundert n. Chr. ausdrücklich und strenge verbieten mußte, während der sieben Ostertage Mazzoth zu essen, wie sie eS im Sinne des ursprünglichen Gesetzes der Thora immer zu halten pflegten. Selbst nach dem Konzil von Nikäa wurde besonders in den Klöstern das Osterfest im Sinne des jüdischen Gesetzes sieben Tage gehalten und Papst KlenrenS XIV. muhte noch tm Jahre 1771 in den Reichsrändern der Kaiserin Maria Theresia durch einen eigenen kirchlichen Befehl die Gläubigen daran erinnern, daß die Osterfeiertage nur zwei Tage lang gehalten und auch an diese« zwei Dagen keine Mazzoth gegessen werden sollen. SeM-deputierter Dr. Felix Perl gestorben. In Warschau ist, wie von dort gemeldet wird, der Sejmdepmierte Dr. Felix Perl, Vorsitzender der sozialdemokratischen Partei Polens und Ghefredakteur chreS Zentralorganes ,LrobotniL, im ö0. Levensjahve gestorben. Dr. Perl war Jude, der jedoch jüdischen Dingen völlig gleichgültig mit der sozlawemokratifchen Doktrin gegenüberstand. Er war der Schöpfer des ZwangssonntagSruhegeietzes, das den Juden Polens schweren Schaden gebracht hat. Arbeiterzeitung. Cr erbaute sich cm den kurzen, geistreichen, leicht faßlichen, ein wenig boshaften Glossen, die damabS statt eines Leitartttels auf der ersten Seite des Blattes gedruckt waren. — Also er las und — siehe da — die Wr wurde geöffnet und es erschien — Kathi. Am linken Arm hing der gereinigte Anzug, in der linken Hand hielt sie die Schuhe und lächelte ein wenig verlegen: „Die Frau Fanny hat heut' Ausgang! Bring' i selber die Sachen!" — „Gut," murmelte Gustav, kühl wie ein Quell, und blickte wieder in seine Zeitung. Kathi ging mit den Kleidern zum Schrank und öffnete diesen. Gustav versuchte zu lesen, aber seine Neugierde war großer. Er schielle ein wenig über den Kopf der Arbeiterzeitung — dort, wo das Wichtigste, die Wonnementgebühr, gedruckt stand — hinüber, und als er merkte, daß Kathi mit dem Rücken zu ihm stand, senkte er ein wenig die Zeitungswand rmd schaute. Kathi hing die Kleidungsstücke, eines nach dem andern, bedächtig, lvie ein Auslagenarrangeur, in den Schrank; hernach faßte sie den Zipfel ihrer Schürze, wischte den Staub an beiden Türen des Schrankes und seufzte leise. Endlich wendete sie sich um, worauf Gustavs Kopf sofort hinter die Zeitung versank. Kathi ging zur Tür, faßte die Klinke, öffnete die Tür und plötzlich — stürzte sie zu Gustav hin, schlang ihre Arme um feinen Hals und küßte ihn leidenschaftlich und innig. Es währte nur einige Sekunden, und als der erstaunte Gustav ihre Küsse erwidern wollte, stieß sie ihn wild von sich und lief aus dem Zimmer. „Kathi! Kathi!" rief er und lief ihr nach. „Kommen S' doch!" — Aber sie war rasch über die Stiege hinauf zum Mädchenzimmer gelaufen, wohin er — des Aufsehens wegen — nicht folgen Niedergang der jüdische» Mittelstände». Au3 verschiedenen jüdischen Zentren kommen unS Berichte Wer die furchtbare Notlage jüdischen Mittelstandes zu. Besonders kraß trat das jetzt anläßlich des Pesfachfestes zutage. Die religiösen Vorschriften für den jüdischen Haushalt am Pessach sind mit Kosten verbunden, die der Mische Mittelstarid kaum mchr zu erschwingen vermag. Er ist daher gezwungen, die Aushilfe der Mischen Gemeinde in Anspruch zu nehmen. So mußte das WohltätigkeitSamt der' Budapest er Mischen Gemeinde feststellen, daß viele jüdische Familien, die noch vor nicht langer Zeit anläßlich.des Pessachfestes bedeutende Beträge für Beteilung armer Juden mit Mazzoth und Bargeld gewidmet haben, in diesem Jahre selbst um die Hilfe der Gemeinde bitten mußten. Allein für Mazzoth an arme Juden hat die Budapester Kultusgemeinde bis jetzt 250 Millionen Kronen ausgegeben. In Wilna wurde, wie bereits berichtet wurde, ein Drittel der jüdischen Bevölkerung in die „Pefsach-Armenlsste" wufgenommen. Nicht viel besser stcht es in Lemberg, Krakau und in — Warschau. Im Warschauer Judenviertel hat die Verzweiflung verarmter Micher Mittelständler darüber, daß sie nicht die Mittel für die traditionelle Einhaltung des Festes aufbringen konnten, sogar Selbstmordfälle veranlaßt. Nicht weniger als vier Juden, zwei Männer und zwei Frauen, haben am Tage vor 'dem Eingang des Festes ans „Pessach-Not" ihrem Leben ein Ende bereitet. Auch in Wien rveist die Statistik der Pessach-Aushilfen, so weit sich dies bisher überblicken läßt, ein erschreckendes Anwachsen der Zahl der Mischen Hilfsbedürftigen gegenüber dem Vorjahre aus. Diese Aushilfen bilden eine spezielle Judensteuer, ein großes Opfer der jüdischen Gemeinschaft für di« Erhaltung Mischer Tradition und jüdischen Volkstums. Bedeutsame Staatrsnbventio» Kr jüdische Kuttusanftalte« in Lettland. Mus Riga wird uns berichtet: Der Budgetausschuß des l-ettläudischen Sejms hat in seinen letzten Sitzimgeu für verschiedene jüdische Knlturanstalten Subventionen von rund vier Millionen Rubel votiert. Das jüdische pädagogische Institut wurde mtt 17.200 Lat, die Mischen Handwerkerschulen mit 18.700 Lat, die Fröbelkurse der Lehrerorganisation „Hamoreh" mit 3000 Lat und das jüdische Theater mit 30.000 Lat bedacht. Es liegen aber noch Anträge der jMschen Sejmdeputierten wegen Erhöhung der bisher geleisteten Subventionen für andere jüdische Anstalten vor, über welche noch kein Beschluß gefaßt wurde. Bezeichne»:)» ist, baß der sozialdemokratische Referent sich Zeigen die Erhöhung der Subvention für die jüdischen Handwerkerschulen mit der Begründung aussprach daß die in Uetracht kommenden Schulen geradezu Mufteranstaltjein mit den modumstcn Einrichtungen seien und daher kaum mehr vergrößert werden können. Man vergleiche urit diesen Landtagsbeschlüssen die Haltung der sozialdemokratischen Mehrheit hn Wien, biß dis indische Knlturwesen aushuugenr null. konnte. (Fortsetzung folgt.) IVDISCHE WEIT Mnjwrm ffllnntMp 2-SÄÄ2 leien- ' «VlUUvMIl’ 4*r|||lllvl|UUIr infolge kleiner Regien sehr preiswert nur bei der 6., Mariahilserstraße Nr. 3 8725336306

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