Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 9 (1927)
- Issue
- Heft 2925 (20.4.1927)
- Date
- 1927-04-20
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6 Wien, Mittwoch Wiener Moegenzeltung 20. AprU 1927 Nr. 2925 Bühne und Kunst. Spenttheater. Neu einftndiert: „Der Postillon von Lonjumean". Die Romanze vom Postillon, der so schön und froh;jc und so schön und froh das hohe C schmettert, hat einst das Helle Entzücken unseres Opernpubliknms hervorgerufen. Heute nach so manchen Wandlungen im Stil und Geschmack unserer Oper wiegt das harmlose Werkchen von Adolphe Lharles Adam aus dem Jahre 1846 doch ein bißchen zu leicht, um einen ganzen Abend lang zu interessieren. Geiviß versteht sich Adam auf beste französische Lustspielmusii — hat er doch mehr als fünfzig, mit Ausnahme seiner „Nürnberger Puppe" längst vergessene Opern und Ballette geschrieben — sein „Postillon" hat Rollen, hat Ensembles und wirksame Ntschlüsie, wenn auch das dreimalige Hochzeitmachen zu gleichförmig wirkt. Indes st der „Postillon", der seine Frau am Hochzeitstage sitzen läßt, ihr dann, ohne sie zu erkennen, als Tenor der Großen Oper wieder begegnet und sie ein zwe'tesmal heiratet, für unsere Zeit gar zu naiv. Um diese Naivität zu rechtfertigen, dazu gehören vor allem naiv-raffinierte Schauspieler, die unsere Oper nicht hat, übrigens auch ein kleines Theaterchen, in welchem nicht Adams Zierlichkeiten in alle Winde zerr'lattern wie in unserem riesigen Opernhaus. In der von Kapellmeister Reichenberger ein wenig schwerfällig geleiteten Neueinstudierung sang Herr P a t a k y den Postillon schön und froh, mehr ungarisch als französisch, zuversichtlich im Vollbesitz seines hohen C. Sehr gut war Herr Norbert als Bijou und Frau Gerhart brillierte in ihren Koloraturen. Herr W e r n i g k war ein namentlich schauspielerisch tüchtiger Marquis von Corcy. Dieser Pariser Opernintendant, der so viel Spürsinn fite junge Talente verrat, hätte nicht nur Herrn Pataky, den Postillon, sondern auch Frau Gerhart, die im Ziergesang so erfahrene Madelakne, für sein französisches Hoftiheater sogleich verpflichten und beide im richtigen, leichten Lustspielton, den unser.Operniheater längst verloren hat, unterweisen muffen. flb. »Fnnteuii 47". Modernes Theater. Louis Berneuils fruchtbare Produktion liefert ni.entals Dutzendware. Seine Komödien scheinen von zartester Hand gesponnen; sie entwickeln sich unauffällig, wie öon ungefähr, und doch sitzt der anscheinend nur so en passant geschürzte Knoten der Derneuil'schen Handlungen inüner fest. Die Erfindungsgabe dieses Franzosen, der die deutsche Bühne bereits um eine Serie anmutiger Lustspiele bereichert hat, ist stets originell. Er schafft amüsante Herren, witzige Situationen und sein geistreicher Djolog fit niemals bissig, die Satire lebt sich in den Nebenfiguren ans. Eine feine Mischung von Esprit und Sentinwntalrtät, ein Dust von anmutiger Heiterkeit und Poesie kmyeichnet Berneuil, der trotz seiner bühnensicheren Hand eben ein Dichter ist. ,Lauteui1 47" hat in Men schon einmal amüsiert. Die gefeierte Diva erinnert sich in einem bedürftigen Momart dis jugendlichen Anbeters im Parkett, der ihrem allabendlichen Auftreten en suite huldigt. Aber in der Gardewbe der Künstlerin erscheint auf Befehl ein schon ältlicher Ro«, der gerade zur kritischer Zeit zufällig den Fauteuil des jugendlichen Schwärmers eingenommen hat und wird tarn der Diva seufzend ins Schlepptau genommen. Als dann der Originalfauteuil austaucht, muß er sich mit der 18jährigen Tochter der Diva abfinden, ivas Berneuil schließlich mit einem Lächeln löst, das in nachdenkliche Stmümmg getaucht ist. Im Modernen Theater traf man den Ton sehr glücklich. Marietta Weber hat prächtige Uebergänge. Sie gab die Schauspielerin entre deux ages sehr wirkungsvoll. Camilla Webers ungekünstelte Frische wirkte erquickend. Arektor Körners reife Kunst tat der notwendigen Jugendlichkeit seiner Rolle keinen Abbruch. Die Herren Behal, Falkenhausen und Frau Hermann warteten mit humorvollen Typen auf. Berneuils Stück wurde vom Publikum», wie immer, sehr herzlich ausgenommen. a. s. Theodor Däubler in Wien. Der begannt« Dichter Theodor Däubler hot sich über Einladung des Kulturbundes bereit erklärt, den Vortrag „Dos fünfte Jahrhundert in Athen", welchen er vor kurzem an der Hochschule für Politik in Berlin gehalten hat, auch in Wien zu kalten. Der Bortrag findet Freitag, den 22. April, um H8 Uhr abends im Vortragssaal, 1. Bez., Annagasse b. statt. Gäste willkommen! Rosa Sucher gestorben. Sonntag ist in Achweiler di« ehemalige preußische Kammersängerin Rosa Sucher, eine der berühmtesten Sängerinnen ihrer Zeit, im Alter von 78 Jahren gestorben. Grrre Kolostalstatue August Strrndderqo. In Stockholm wurde dieser Tage ein von dielen repräsentativen Persönlichkeiten Unterzeichneter Aufruf veröffentlicht, in dem zu Beiträgen 'für die 'Aufstellung skner Koloffalstatue August Strindberas von Carl Eldh aufgefordert wird. DaA Hauptgewicht der der Einsammlung wird auf Einkronenstücke gelegt. Am dm Theatern. Burgtheater. Morgen, H8 Uhr, „Das Genie und sein Bruder". (Abonnement erste Gruppe.) Operntheater. Morgen, H8 Uhr, „Turandot". Die Titelrolle fingt zum erstenmal Frau Jeritza (italienisch). Akademietheater. Morgen, m Uhr, „©tief* mam a". Deu t'sches Volkstheater. Das Schauspiel „Der Patriot" wird heute zum letzten Male aufgesührt, weil Mlhelm Klitsch eine größere Gastspielreise ins Ausland antritt. — Donnerstag und Freitag: „D e r G a r t e n E d e n." Abbazia Hotel-Pension Royal In schönster Lage am Meeresstrand, sonnige Zimmer mit schönster Aus* sicht, Bäder im Hause, Vorzügliche Küche. — Komplette Pension von Lire 35*— aufwärts. Nerichtsfaal. Sin sensationeller Weinsiilscherprozeb in Graz. Aus Graz iürb uns berichttt: Vor Schö,f.^ finale unter dun Vorsitz des Oberlandesgerickfiscaics Doktor O s u st i t f ch begann heute der sensationelle Strafprozeß gegen den Weingroßhändler Franz Pezzi und seinen Kellermeister Alois K u st a t s ch e r aus Bozen, die beschuldigt sind, in den Jahren 1923 und 1924 in Graz im großen Stile Weinfälschereien durch Zusatz von Glyz rin, Zitronensäure, Chlorammonium, Ammoniaksalz, Kochsalz, Speisesoda und Pottasche betrieben zu haben. Außerdem ist Pezzi anderer Betrugsfakten beschuldigt. Die durch die Fälschungen erzielten unaufgeklärten Wein bifferengcit betrugen in den Jahren 1923 und 1924 fast eineinhalb Millionen Älter. Die Ueberprüfung der Bücher der Firma ergab im Jahre 1923 gegenüber einem ausgewiesenen Reingewinn von 620 Millionen Kronen eilten solch-en von 12.4 Milliarden. Der von den Buchsachverständigen für das Jahr 1923 er- Der Sfterreichisch'lschechlschr Handelsvertrag. Wiederaufnahme der Verhandlungen erst nächste Woche. Prag, 19. April. Die Handels-vertragsverhandlungen mit Oesterreich werden nach den in Prag bestehenden Dispositionen wahrscheinlich erst im Laufe der nach st en Woche wieder aufgenommen werden, da man bestrebt ist, zunächst die Verhandlungen mit Ungarn zum Abschluß zu birngen. In diesen Verhandlungen ist einstweilen eine Pause eingetreten, da der ungarische Verhandlungsleiter erkrankt ist. Begebung der österreichischen Refuudiernngsanlk-he? Noch im April? Wie eins gut informierte Stelle rnfitt'-ilt, besteht Lej den Banken die Absicht, noch in diesem Monat einen Teil der von ih.^n übernommenen Refundiermngsanleihe freihändig zu begeben. Das Syndikat der Finanzinstitute, das ausschließlich den Barkauf der Obligationen zu besorgen hat, hat beschlossen, ehestens mit dem Verkauf zu beginnen. Die Ausgabe der Obligationen erfolgt zum Kurse von 96 bei einnr 6,5 p r o z e n t igen Verzinsung und einer 15jährigen Laufzeit. Ae erste AwglelAmte der zeaUaldmk. Am 1. Mai ist dte er>w Ausgteichsrate der Zentralbank Deutscher Sparkassen zur Liquidation fällig. Es heißt, daß die notwendigen Bargeldmittel — es handelt sich um ungefähr 40 Millionen Schilling — bereits zur Verfügung stehen. Dieser Betrag rekrutiert sich angeblich aus den Eingängen der Zentralbank und aus den Einzahlungen für die Refundierungsanleihe. Sowohl die Forderungen der Beamten, sowie der vom Staat vorgelegte Betrag von acht Millionen Schilling find bereits zurückgezahlt worden. E SU zentralsparkaffe der Gemeinde Wien hat in den letzten Jahren einen ganz beden.-enden Aufschwung genommen. Der Einlage, nstand, der am 1. Jänner 1923 S. 951.814 betrug, hat am 31. März d. I. S. 246,891.250.— erreicht. Welche gewaltige Bedeutung der Zenttalsparkasse als Kreditgeber in für Industrie und Gewerbe zukommt, zeigt die Entwicklung ihrer Kroditgeschäftszweige: Stand cvm 31. Dezember 1923: Hypolhcdarkredite 4,167.213, Wechselkredite 1,636.742, Kredibvereinsdarlehen 255.696 S.; am 31. Dezember 1924: Hypothekarkredite 17,002.699, Wechselkrvdiite 2,701.320, Kreditverelnsdarlehen 2,267.627 S.; am 31. Dezember 1926: Hypothekarkredite 83,783.143, Wechselkredite 11,785.072, Kreditvereinsdarlehon 8,790.880 S.; am 31. Dezember 1926: Hypothekarkredite 56,075.796, Wechselkredite 21,129.449, Kreditvereiukdarlehen 11,441.627 Schilling. Die Zahl der Kreditkonti! stieg in den Jahren 1928 bis 1986 von 537 tzypoth'karkreditkonvi auf 4253 und von 161 Eskontwechsel auf 3700. D e Zahl der Kreditvereinsmilgvieder stieg während dieses Zeitraumes von 916 auf' 3322. In der obigen Aufstellung sind die Renovierungsdarlehen (Hypothekardarlehen zur Instandsetzung von rerynete Bruttogewinn pro Liter Wein ergab 214 Pro zent, jener pro 1924 129 Prozent. Der revidierende Kellereiinspektor wurde von Pezzi in raffiniertester Welse getäuscht. Der Strafprozeß ist auf fünf Tage anbr räumt. Der Gepäckszuschlag der Taxichauffeure. Die Wiener Autobetriebsgeseüschaft hatte gegen ihren Lohnchanffeur Franz I a n k a die Anzeige wegen Betruges erstattet, weil er einen Gast mit größerem Gepäck auf die Hohe Warte gefördert hatte, ohne den Gepäckszuschlag einzuschalten. Bei der Polizei gab Janka an, das Gepäck sei nicht so groß gewesen, daß er den Gepäckszuschlag hätte einschalten müssen. Abgesehen davon, habe er aber schon deshalb keinen Betrng begangen, weil er ans der Sache keinerlei Vorteil aeaen habe, denn den nicht eingeschalteten Gepäckszuschlag e der Gast auch nicht bezahlen müssen. Zur Verhandlung vor dem Bezirksgericht Fünfhaus (OLGR. Dr. Nehoda) war der Beschuldigte nicht erschienen. Der Geschäftsführer der Wiener Nutooetriebsgesellschaft Rudolf Falk verwies darauf, daß das Nichtcinschalten des Gepäckszuschlag ein häufiger i Mißbrauch seitens der Chauffeure sei, die sich von den Fahrgästen persönlich für das Gepäck eine Gei bühr bezahlen lassen. Um dergleichen zu verhindern, lasse die Gesellschaft ihre Chauffeure von bestimmten Organen unauffällig überwachen. OLGR. Dr. Nehooa verurteilte den Angeklagten zu drei Tagen A r r e st, verschärft durch ein hartes Lager. Verordnungen muß man nicht kennen. Der Straßen- Verkäufer F a b e r, der einen Patent-Emailkitt vertreibt, hatte sich vor dem OLGR. Dr. Nehoda zu verantworten, weil eine Familie nach dem Genuß von Speisen, die in einem mit diesem Kitt geklebten Gefäß zubereitet worden waren, an leichter Bleivergiftung erkrankt war. Zu seiner Verantwortung gab der Beschuldigte an, daß er die Verordnung, die im Rahmen des Lebensmittelgesetzes die Verwendung von Blei für Tuben verbietet, in denen mit Lebensmittel in Berührung kommende Gegenstände verpackt werden, nicht gekannt habe. Der Richter sprach den Beschuldigten mit der Begründung frei, daß man von einem Staatsbürger nicht die Kenntnis sämtlicher Verordnungen verlangen könne. Wiener Häusern) mit S. 24,053.736 Darlehenssta.wd und 5558 Darlehenskonti nicht inbegriffen. Polen« AmerilaAnleihe. Die Ae.Handlungen abgeschlossen. Paris, 19. April. Wie „Matin" berichtet, hat Polen die Pariser Verhandlungen mit Amerika wegen Aufnahme ,iner 70 - M i l l i'v n e n - D o l l a r - A n l e i h e zur Stabilisierung seiner Währung und zum Wiederaufbau seiner Wirtschaft abgeschlossen. In einigen Tagen wird der Abschluß offiziell bekanntgegeben werden. Die englische Kohle. Aus London wird berichtet: Die Außenhandelsziffern für März diieses Jahres zeigen sowohl beim Export wie beim Import eine starke Steigerung. Die Ausfuhr stieg um 9,17 auf 62.,114 Mill. Pfund, die Einfuhr um 19,672 auf 113,524 Mill. Pfund. Die Ausfuhrziffer ist die höchste seit März vorigen Jahres. Der Kohlenexport betrug 4,819 Mill. Tonnen. Die Kohlenoinfuhr betrug 102,443 Tonnen. Die Kohlenförderung übersteigt nach den letzten Berichten bereits das vor dem Streik ausgewiesene Niveau. Die Midland Bank steht sich deshalb veranlaßt, in ihrem neuen Monatsbericht zur Lage der englischen Kohlenindustrie Stellung zu nehmen. Das Institut bezeichnet den WaLisex Distrikt, der die größten Fortschritte in dcr Wiederevschlichung der alten Absatzmärkte zu verzeichnen hatte, und wo die Preiskurve, die sich in den letzten Monaten in so scharf absteigender Richtung bewegte, wieder in leichtem Aufstieg begriffen ist, als den Lichtpunkt der englischen Kohlenindustrie. Der Ausbruch des amerikanischen Kohlenstvciiks hat die oben gekennzeichnete leichte Befestigung im Walfier Distrikt herbeigeführt, da einige größere Aufträge nach Kanada getätigt werden konnten, wo sonst amerikanische Kohle vorherrscht. Gibt dieser Ausblick für Wales zu einem vorsichtigen Optimismus Anlaß, so liegen die Verhältnisse in den östlichen Bezirken Englands weniger günstig, speziell da sich die neue Konkurrenz der Kohle aus Polnisch-Oberschles-ien in empfindlicher Weise auf den Exportmärkten fühlbar macht. In Schottland haben die meisten Gruben Feierschichten eingelegt, während in North Cumberland und Durham teilweise nur 2 oder 3 Tage gearbeitet wird. Der Berichterstatter der Midland Bank ist der Auffassung, daß die nächste Zeit zeigen wird, ob man sich zur Einschränkung der Produktion oder zu einem Kohlenkriegmit dem Kontinent, speziell mit Deutschland, entschließen wird. Leickte AbKckvrÄchnns der Lira. Die Lira, die bereits während der Feiertaasünttrvrechung eine Abschwächung erfahren hatte, tendierte auch nach Wiederaufnahme des offiziellen Berkchrs aus den internationalen Devisenmärkten schwächer; sie ging in Zürich vom letzten offiziellen Kurs 26.18V* auf 25.97Va zurück. Auch der Leu war bei 3.80 Parität Zürich etioas abgefchwächr, ebenso Devise Madrid, die von 92.10 auf 91.85 mch. In den übrigen Devisen ergaben sich keine nennenswerten Kursv-ränderungen. Der SchN'ing nottert unverändert 73.10. Nem Liksernngsbejtimmungen für einige Attien. Ad .estern sind ausschließlich Schillingaktien lieferbar in Wiener Bank-Berein (Schluß 35 Stttcy. in Elbemlihl (Schluß 60 Stück. Die bisher aufgegebenen Orders in Elbemühl wurdertz storniert). Steirische Eskompte-Bank (Schluß 50 Stüch. AuS-!f ik= VOLKSWIRTSCHAFT