Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 9 (1927)
- Issue
- Heft 2923 (17.4.1927)
- Date
- 1927-04-17
- Page
- Seite 15 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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Wien, Sonntag Wtaaar Morgttrzattttng 17. April 1SL7 Sette 1Ü üilur die Jüdische Partei kann eure Interessen vertreten! Wählet nur Jüdisch! JÜDISCHE WEIT Lee Stier Bei de« kaukasischen Juden. Der Sederäoend, dieses schönste Familien,est der Judm, wird in seinen "Hcmptzügen 'in allen jMschen Familien in gleicher Weise gefeiert. Doch gibteS einzelne Ge-« Bräuche, die ausschdich in bestimmten Ländern Üblich sind, deren Ursprung stdoch nicht feststehl. To b^eht bei den kaukasischen 'Juden Mr folgende interessante ^Scherbrauch: Inden iübrscheu'Städt>Ln des Kaukasus pflegen "die ^üdisichen 'FaMiUen im Kaust eines jüdischen Gelehrten gemeinden Tch/rr Au «e-rrichten, der Chacham liest die Hagadah, Übersetzt die einzelnen Aätze, knüpft an sie Erinnerungen und Erläuterungen, wähveUtzdiie übrigen'dem "Vortrag still lauschen. Während dies Vortrages schleicht sich ein Jüngling von der I!af,elrurBe unbemerkt aus der Stube, zieht draußen ein altes, verstaubes Gewand an, nimmt einen Sack auf dnt Liüchn, einen Stock in die Hand, um als! Wanderer px gelten. 'Wenn der ' Chacham AU der "Stelle in der Hagadah ^komint, die lautet: „Wehi scheamda. (und sie, die Thora, stand unseren Vätern und uns bei), klopft der „Wanderer" von draußen an die TÜr und ruft durch die verschlossene Tür ins Zimmer: er sei ein Jude, komme "von weit cher und möchte mit Juden zusammen das Pessachstst stier«. Der Chacham unterbricht den Vortrag und ruft hinaus, der „Wanderer" Möge beweisen, daß er die Wahrheit spreche. Der Chacham stellt an ihn Fragen, nioher er komrnie, was er gesehen habe, und der „Wan-« betier", noch immer hinter geschlossener Tür, antwortet im Singsang der Aagadah-Melodie, er "komMe aus Jerusalem, der Weg .sei wert und» u.nsrcher, Räuber hätten ihn wrSerKolt überfallen, erIei ihnen aber Mcklich Mtvonwn Und .so lange herunrgeirrt, bis er "in diese Stadt gekommen sei, wo Jupen.Mhmn und das Pessachstst feiern. Nun wird ihm die Tür ^geöffnet, der tvandernde Jude im verstaubten Gewand wird mit AUHel ausgenommen und ausgefvazt, wie es in Jerusalem sei, ob die heiligen Stätten noch stehen und ob es noch lange dauern werde, bis Jerusalem wieder m den 89ef$ des jüdischen Volkes gelangen werde. Und der „Wanderer" erzählt die Wunderdinge aus der heiligen Stadt und von der frohen Koffnung, We dort herrsche, und der Sehnsucht, die zerstreuten.Brüder Israels wieder aufzunehmen, ftM Kfrt alter Fracht wieder zu erstehen. Daiw letzt Ver iWrchaM, ste'udig bewegt, die Erzählung der H'agadH fort. Amstellnng der Arbeiien MW« Krkegsttttifett in Amerika. Aus Newyork wird unS berichtet: Seit einigen Tragen ist hier pim Ausstellung der Arbeiten jüdischer Kriegs waisen aus Europa zu sehen, die sowohl von Juden alsi »urch von Nichtjuden außerordentlich stark besucht ist. Die in ibi.ei* 'Ausstellung gezeigten Objekte wurden von Mischen Kriegs- und Pogromwaistn im Alter zwischm 13 und 18 Jahren, "Mädchen chnd Knaben, 'hergestellt. "Man sicht in einer Reihe von "Sälen alle denkbaren Arbeiten von der einfachsten Handarbeit bis^cm.feinsten "Gewebe uB> von der primitivsten Tischler-, Schlosser- und Mechanikemrbett bis zu ben feinsten kompliziertesten Werkzeugen. In einem Zimmer ist sehr stilvoll eine ganze synagogale Heimindustrie zu sehen — alles Arbeit dieser armen Juden-' kinder, die im KviM und in der Nachkriegszeit ihre' Eltern verloren.haben oder deren Eltern, verschollen sind. Dur Schul.« chan, die Bundedläde, die Talesfim, die Vorhänge, Decken, selbst die „Hcm!d", mit welcher beim Verlesen der Thora d:v Text gezeigt' wird, das alles wurde von diesen Waisenkindern, erzeugt. Ein Parochet trägt die emgestickte Inschrift in! hebräischer Sprache: „Gewidmet den Waisenvätern, handgestickt vond m.WaisemNädchen der Gewerbeschule in Lntbrg zuni Zeichen der Dankbarkeit für ihre wohltätigen Brüder in Nordamerika." Betrachtet inan diese Arbeiten, so denkt mau Unwillkürlich!rn die gairze jammervolle Volkstragik deSJudentlkms, aber mm''schöpft aus diesen Arbeiten auch Mut und Hoffnung für die Zukunft. Jnnner wieder finden'sich Juderr, die zur Rettung unserer"^Jugeild "gerne opfern, Umi sie brauchbar für das jüdische Volk zu MÄHen. Diese Ausstellung hat Propagandazwecke. Denn nur ein ganz geringer Teik ldfer jüdischen Kreigsuiü> Pogromwaisen konnte bisher, in so praktischer Meise erfaßt Und gesunden Berufen zugeführt werden. Der tiefe Elndmük, den die Ausstellung auf all« Besucher nrächt, -läßt .hoffen, "daß die amerikanischen Juden Iber jüdischen'Maisenerfiehung'ln Europa noch größere Opfer Prinzen werden, als es bisher der Fall Uta*. '*•’ Leiephon-Rummer nnferer Aevattion ab 6 Uhr abend» jetzt aus» festlich Nummer 31.08«. Bei den Mischen Matrosen in Venedig. Drin im Ghetto von Venedig gibt eS eigentlich keine Matrosenkneipen mehr. Der Faechino, der mich führt — erzählt W. Gy. im „Uj Kelet" — macht mich darauf aufmerksam. daß alle die Männer, die hier herumstehen, ungeachtet ihres stechenden Blickes und ihrer hervorsreh enden Backenknochen, Juden sind. Ich betrachte sie und habe die Empfindung» daß diese Menschen in der ganze,i langen Zeit, seitdem sie oder ihre Vorfahren weiß Gott woher nach Venedig gerieten, sich kaum geändert haben mochten. Breitschultrige, stämmige Männer, sitzen sie dort auf den Stufen längs des Kanals, schauen in die Luft, weil sie keine Avbett haben. Ich setzte mich neben sie hin und bemerkte, daß der und jener ein kleines goldenes Anmlett mit hebräischen Buchstaben um den HalS trägt. Ich schrieb dem Wetter keine größere Bedeutung zu, staunte mehr über die Tätowierungen auf ihren Händen und auf der Brust. Sie selbst beginnen das Gespräch. Sie interessieren sich für das Leben der Juden in anderen Ländern. Ich kläre sie auf und richte dann selbst Fragen an sie: „Wozu tragt ihr dieses hebräische Amulett?" „Weil" — antworten gleich zwei auf einmal — „weil es uns vor den Gefahren des Dämons der Nacht, der Lilit, beschützt." Die Erinnerung an den Dämon Liltt reicht bis ins Alteertmn zurück. Auch die Propheten erewähnen die Liltt. Die Kenntnis von diesem Dämon dürfte von den Wssyrem zu den Juden gelangt sein. Liltt bedeutet „Wind" und war bei den Assyrern die Verkörperung des Wetters. Ihre Waffe ist der Blitz. Sie ist es.die die Meteore zur Erde schleudert. Bei den Juden hat die Rolle dieses Dämons bereits eine Wandlung erfahren. Hier erscheint sie in den Häusern der Wöchnerinnen in der Neumondnacht und würgt die Neugeborenen. Es gibt auch heute noch Gegenden, in denen dieser böse Geist durch Gebete verjagt wird. Die babylonischen Juden waren die ersten, tvelche gegen Lilit und ihrem Begletter Alabatru Amulette verwendeten. Bei den Babyloniern galt der Glaube, daß Liltt als Wind während des Tages in die Häuser der Neugeborenen dringe, während die Palästinenser daran glaubten, daß sie in der Nacht erscheine, vor dem Bett des Kindes stehe und Gott bitte, den Schleier der Zukunft des Kindes und seiner Neigungen zu lüsten. Die palästinensischen Juden glaubten die Lilit damit zu vertreiben, daß sie in ihren Gebeten ihr das BW der Engel entgegenstellten. Die Juden im Ghetto von Venedig schützen sich gegen Lilit nicht nur durch Amulette, sondern schreiben, wenn die Geburt, eines Kindes bevorsteht, auf die Pfosten der Türen die Worte: „Adam — Ehawa via Lilit." Nach -dem Volksglauben war Lilit das Weib Adams, bevor er Eva kennen lernte. Die Matrosen erzählten ängstlich, aber mit tiefer Überzeugung, daß aus dem Gesicht der Mutter, währendes GebärenS immer die Tierkrallen Silits zu sehen sind. Daher kommt es, daß alle diejenigen, die sich -mit der Wöchnerin befassen, Wein trinken und gepfefferte Speisen essen, was Lilit -nicht verträgt, weshalb sie das Haus schleunigst verläßt. Ueber die Lilit gibt es eine ganze Anzahl Sagen unter den Juden des venezianischen Ghettos. Eine dieser Legenden lautet: Dem Dogen Dandolo sollte ein Kind geboren werden. Die Mutter litt sehr schwer, aber das Kind kam nicht zur Welt und allgemein glaubte man, daß Mutter und Kind zugrundegchen würden. Niemand kannte den Grund des Uebels, als ein zufällig durch Venedig reisender jüdischer Schiffer von dem Fall hörte, sich im Palast des Dogen meldete und Lilit aus dem Hause vertrieb. Das Kind kam Mcklich zur Welt, der Doge beschenkte den jüdischen Schiffer fürstlich und gestattete ihm, sich in Venedig dauernd mederzulassen. Aber der Jude wollte nicht allein, sondern nur mit einem „Minjan" zu zehnt in der Stadt leben, worauf er die Bewilligung erhielt, noch nenn Juden nach Venedig zu bringen. Von diesen erstem Minjan stammte auch der jüdische König von Venedig. So glauben es die Matrosen. Die allerdings weiß eS anders. Bas Schiichivrrbai in Norwegen MMnt. Die „Neue Zürcher Zeitung" meldet: Die norwegifche Regierung hat mittels Stichentscheid ihres Präsidenten mtt fünf gegen vier Stimmen einen Antrag angenommen, daß der König das Recht haben soll, Dispens von der Vorschrift zu erteilen, daß die Schächtung nur an vorher betäubten Tieren vorgenommen werden dürfe. Die vier Stimmen der Minderheit wurden für den Vorschlag des Landwirtschaftsministers abgegeben, es sei die Schächtung nur unter der Bedingung der vorausgegangenen Betäubung des Tieres zuzulassen, . ivelchß Bestimmung in ihrer praktischen Auswirkung auf ein Verbot des SHäch--- tenS überhaupt hätte hinauslaufen müssen. Kn »geistiges Molch" über den Zkonismns. Eine interessante Veranstaltung luird am 18. April Ln Newyork stattfinden. Die zionistische Studenten- Organisation von .Amerika „Awukah" hat ein. Debatter- Team der englisch-jüdischen Studentenschaft zu einem großen öffentlichen g e i st i g e n Match eingeladen, in welchem beide TeamS, bestehend aus den anerkanntestnr Debattern der jüdischen Studentenschaft EnglaiLs und Amerikas, über Bedeutung und die Möglichkeit des Zionismus eine öffentliche Debatte abführerr werden DaS englische „Team" ist bereits in Newyork angekommen und itmtbe von einem großen Gnpfangskomitee herzlich empfangen. Bei dem BegrüßungsaLend im Rathaus von Newyork hielt Bürgermeister Walker eine große Rede, Ln der er die Bedeutung solcher geistiger Turniere hervochob und der Veranstaltung ein gutes Gelingen wünschte; unter allgemeiner Heiterkeit schloß er mtt der Bemerkungdaß er als Amerikaner selbstverständlich wünsche, daß Ln diesem Wettkampf um Ideen die mnerikanische „Awukah" Siegerin bleibe. Auch andere Vertreter der Behörden hielten Begrüßungsanspracheir. Sett der Ankunft der englisch-jüdischen Student^: fanden bereits einzelne Debattenabende der Studenten, gewissermaßen als Vorgefechte, statt. Me Hauptschlacht soll, wie LerettS berichtet, am 18. April in der Columüia- UniversitäL Unter dem Vorsitz von Morris Samuel abgeführt werden. SeHUHMOÖELLHAUS LEOPOLD JELUNfrK K Mir zeigen dl» den richtigen 8tU der Qualität*, acbuhe,' wie sie jetzt Un Frühjahr getragen -werden. Diese Aoawabl zeigt einen ungewöhnlich. vornehmen Geschmack und entspricht der individuellen und diskreten Note des Herrn, VIL & U B.G GAS SE S.