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Wiener Morgenzeitung · 1927-04-17 · Heft 2923 (17.4.1927) · p. Seite 7

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
9 (1927)
Issue
Heft 2923 (17.4.1927)
Date
1927-04-17
Page
Seite 7 (sequence 7)
Language
German
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Nr. 2998 Men,'Sonntag Wiener Morgenzettung EGm 19S7 Schattenrisse. Von Armin L. Wegner. .Dämmerung. ^uq lieb« die (Dämmerung. Sie ist mein bester Freund; ober . . . soll ich sagen, blaß, sie «in Weib ist?^An jedenr Tage komnck sie zu mir, einmal früher, einmal später; aber nnnrer komnrt sie. Sie kommt mit ihrem Schatten, mit ihrer Milde, ihrer Lautlosigkeit; sie wie sine treue ^Nelichte. ^Schon! von weitem lächle ach ihr zu; wir tauschen Unsere 'Grüße aus, flüsterir 'miteinander, 6mr haben" uns nn'iner etwas zu eräub!en.^n ihrem blässe nLicht sverliarn dieDmge "chv buntes Kleid, nackt Petzen sie, bis der graue Schleier sie lvieder verhüllt yi fv> sie zu reden beginnen. Es ist stGrut, was die Dinge zu reden wissen; 'ich habe Märchm von «ihnen gehört, glanzvoller und schrecklicher als alle Märchen, die Kinder' zu hören bekamen. , Und 'wenn das Schweigen laut wird und in! di« Winkel beS Hauses sich «innistet, kann ich Gesichter 'im^ Zwielicht sehen, Gesichter von Menschen, *die icks liebtT, 'die einmal m dieser grauen Stille^u mir traten Um» an meiner 'Schulter lehnten. Aus den Schatten heraus fühle ich die Liebkosung:»! ihrer'»Hände, das ^Geflüster ihrer Worte; ich kann durch Hr Antlitz schcNlen wie durch eine 'Maske. > Manchmal schne ich /mich nach diesen Schatten, wie ich mich nach.den Umarmungen der Geliebten Mne, aber es will mir Hetzer möglich scheinen, daß ich den Kuß der FraUenlippe entbehren könllte, 'als die grau? Stille, die denk ,Abend vorangeht — denn es gibt nichts, das. ich so .liebe Wie die Dämmerung, nicht den Tag mit seiner grellen Gewißheit, nicht dell Morgen mit fröfteTitbent Erloschen, auch nicht den Albend, der 'mir den 'Schlummer bringt, ja nicht einmal öle Nacht, 'die doch reich ist all >Dunkel und blaßschimmernben "Sternen, i *'Der Künstler.; »In emern Varten sununte ein Schwarm' Alltags fliegen. Ammer von einem Ende des Zaunes flogen sie zum andern; täglich war es dasselbe.Spiel. * Ein Knabe, der im Gartell stand, schaute ihnen zu, lüstern nach hohen sZielen, und sagte: „Jhx Leben ist so eintönig und leer an .Schönheit; ich will ihren Tagen einen Anhalt geben." i . i ’j•(,_!.! Kr begann em Med zu 'singen -von 'der Bitternis Und der Lust des Lebens, und feine Stimme war von so wunderbarer Macht, daß selbst die Vögel, die auf dem Eistnpraht über der Aamikanbs saßen. Ml wllvden und ihm lauschten. I Die Alltags fliegen aber 'summten tveiter, 'ihrkleinen, aschgrauen .Flügel zitterten und verdunkelten das Licht. Da pflückte der Knabe ihnen die schönsten Blüten! von den Beeten, brach die. reifsten Frücht» von den Bäumen und hielt sie ihnen «empor ... Sie aber achteten nicht auf seine Worte, schwirrten ihm Unr das Haupt, und ihre eintönige, sinnlose Melodie drang schm zu ^)hren. 'Da glaubte er, ihre Stimme zu perstehen. „Uns dürstet," summten sie, „uns dürstet!" Er lief .an derr Brunnen des G u ms, um! 'Wasser zu holen; aber;er war le.v bis auf den Grund. Erschaute sich um voll Verzweiflung, und als er wieder bas Summen über seinem Haupte hörte, brachte cr ihnen das letzte Opfer, denn er wllllte ja ihr Leben mit Schönheit füllen. Er nahm ein Msser Und durchschnitt sich eine Ad r; aber .es schmerzte ihn so, daß er laut aufschrie. Und ir nahm eine Schale, ließ sein Herzblut hineinfließen! und reiche sie ihnen. . DieAltagsfliegen aber summten weiter... weiter von einem Ende des Zaunes bis zum andern; ohne Aufhören taumelten sie 'in EneM "trunkenen 'Tanz 'durch das gelbe Sonnenlicht. Und während der <Knabe aus den Uoden sank, entkräftet durch den Blutverlust und zum Sterben matt, kam der Hund deS Nachbars in den Garten getan,fem Unter einer Latte deS ZauneS zwängte er sich hindurch und sein Fell war grau vom Staub der Straße. Schaum stand vor den Lippen, während er mit bebender Nüster den Fuß einer alten Eiche beroch und niederhvckte ztmfcfjieu ihren Wurzeln, die halb verdorrt weit aus dem Erdboden emportraten. In diesem Augenblick verlieh den Knaben das Leben; aber sein brechendes Auge konnte doch noch sehen, wie die Fliegest inne hielten in ihrem Tanz und vor Freude summend sich niederließen auf den häßlichen Unrat des Tieres. Die Rose. Einmal, als ich Unser Haus verließ, traf ich auf der Straße einen großen Auflauf von Menschen. Ich wollte seitwärts vorübergehen, unbekümmert um jenen Gegenstand, der die Nengier des Volkes erregt hatte, als ein entfernter Bekannter aus der Menge heraus mir zuwinkte. Ich trat heran in dem Glauben, irgend etwas zu finden, das ineine Augen erfreuen würde, vielleicht «in Denkmal, das errichtet rvurde, oder wenigstens einen nn- Befauuteu Gegenstand, den Vertreter eines fremden Bolkes »oder sonst etwas, das di« Neugier der Menge erragen sonnte. Aber ich fand nichts als eine arm«, mit dem Kot der Straße bedeckte Frau, die besinnungslos am Boden lag, weil eilt Wagen ihr über dm Fuß gefahren war; eine graue Scheuester hatte sich helfend über sie gebeugt. Die Menge stand untätig daneben, voll Nengier und Erwartung; die Kinder baten ihre Mütter, sie in die Höhe zu heben, damit sie auch etwas sehen könnten, und aller Blicke hingm begierig au der breiten Blutlache, die aus dem zerbrochenen Glied auf die Steine ^wpfte. nach Ostern ieder HÄMS WM Mir ekelte. Ich knöpfte mich fester in den Mantel Und ging fort. Nach einigen Schritten aber blieb ich überrascht stehen. Bor mir lag eine weite, grüne Rasenfläche, und in der Mitte, ganz allein, stand eine große, dunkelrote Rose. Seltsam: die Rose stand ganz allein. ßitt Flugzeug obgestürzt. Der Führer tot, der Passagier schwer verletzt. Äslenau (im Erzgebirge), 16. UpM. Heute nachmittags stürzte das Flugzeug „D 1044", das auf einem Flug von Leipzig nach Annaberg im Erzgebirge begriffen rvar, auf der Gelenauer Höhe ab. Bon den beiden Insassen tvar der Füh rer sofort tot, während der Passagier schwer verletzt wurde. Die Ursache des Absturzes ist noch unbekannt, da der Schwerverletzte noch nicht vernehmungsfähig ist. Sie sprechende Bibliothek. Ms. Sttgttt SmMlRtdim U fietltn. Seit 1920 besteht in Berlin ein an die Staatsbibliothek angegliodertes Institut, das den schlichten Namen „Lautabteilung" trägt. In Wahrheit ist cs aber eine sprechende Bibliothek, die heute in der Welt einzig dasteht und berufen ist, sich zu dem interessantesten Museum der Welt, zu einem Stimmenmuseum der Völker zu entwickeln. Es ist die erste Lautbibliothek der Erde, unter Leitung des genialen Begründers und Schöpfers, des bekannten Berliner Sprachforschers Professor Wilhelm D o e g e rt. Sie ist in sechs kleinen Zimmern der Berliner Staatsbibliothek, dieser an Areal größten, an Bändezahl drittgrößten Bibliothek der Welt untergebracht, in welcher 3000 Schall platten, die Anfänge einer im Wachsen begriffenen Sammlung, in großen Schränken aufbewahrt sind, um die Stimme der Gegenwart für künftige Jahrtausende in ihrer Lebendigkeit zu erhalten. Auf seine Initiative wurde Prof. Doegen beauftragt, an die Spitze einer wissenschaftlichen Kommission die deutschen Kriegsgefangenenlager aufzusuchen, um die Sprache der verschiedensten Bolksstämme auf der Platte festzuhalten. Nun entstand eine neue „Hilfswissenschaft", die mit der Einweihung der Lautabteilung an der Staatsbibliothek im Jahre 1920 die Genugtuung erlebte, als eine ernste Wissenschaft anerkannt zu werden. Wenn man bedenkt, daß es auf der Erde etwa 3000 Sprachen gibt, von denen viele dem Untergang entgegengehen und von denen die wenigsten dem Sprachforscher ohne weiteres zugänglich sind, so kann man sich von dein großen wissenschaftlichen Wert der Schöpfung Professor DoegenS eine Vorstellung machen. Mit unendlicher Mühe gelang es ihm, das Gebiet der Sprachforschung fast aller Länder zu erschließen und insgesamt 250 I d i o m e auf phonogvaphifchem Wege aufzunehmen. Welche Bedeutung es für die Sprachwissenschaft hätte, daß man alle Laute und Sprachen, gesammelt auf der Lautplatte, besitzen könnte, daß die tote Bibliothek durch diese Ergänzungswissenschaft Leben erhielte, ist kaum zu ermessen. Man bedenke nur, wie ungeheuer weit Altertum und Mittelalter, die wir uns nur mit unserer Phantasie vorstellen können, in Raum und Zeit von uns entfernt liegen. Damit wird es nun anders. Die Zukunft wird uns sehen, ja hören können, und sogar der Klang unserer Stimme wird ihr kein Geheimnis sein. Die Zukunft wird hören, daß es heute 27 englische Mundarten gab und wird den baskischen Spvachzweig hören, der als die vielleicht älteste jSprache Europas nur'noch in dem südwestlichsten Winkel Frankreichs und einigen Teilen Spaniens gesprochen wird. Die Aufnahmen werden auf versilberten oder vergoldeben Kupferplatten festgehalten, die nach der Meinung der Techniker 10.000 Jahre Vorhalten dürften. Diese Originalplatten sind in den Kellern der Staatsbibliothek verwahrt, und für wissenschaftliche Zwecke werden gewöhnliche Abzüge in den Verkehr gebracht. Mit einem von Prof. Doegen selbst konstruierten, geistvollen Apparat kann man gewisse Stellen der Platten wiederholen lassen, so daß man die sprachlichen Eigenheiten einer Stimme oder eines Bolksstammes genau zu analysieren imstande ist. Doch hört man in den Raumen Prof. Doegens unseren europäischen Ohren seltsam klingende Musik, die ungewöhnlichen Genuß bereiten. Man hört den langgedehnten Abendgesang des Muezzin, das ergreifende Klagelied des Koreaners, dessen Frau im Meer ertrank; man hört baskische Liebeslieder, Madagassenchor mit Harmonikabegleitung, die verträumten Flötenklänge der Beduinen, die wilden Trommelsignale der Neger; man hört armenische Klagelieder, die frommen Gesänge der Brahmanen, jiddische Sabbathlieder, Ruderlieder vom Kongo, die wie das Jazzband klingen, lettische Hochzeitsmelodien, Siogesmärsche der Indianer, die Schwermut der russischen Balalaika, den schottischen Dudelsack und serbische Zigeuner: man hört musikalische Urkunden aus aller Welt. Man hört ferner das Spiel berühmter Musiker und Virtuosen, man hört die Stimme berühmber Männer. Doch werden von diesem Institut die sprachlichen Urkunden der Gegenwart auch schriftlich niedergelegt. Außer, den Originalplatten enthält dieses sprechende Museum für jede Platte nicht nur eine phonetische Wiedergabe und eine Uebersetzuwg ins Deutsche, sondern auch die betreffende Schriftsprache, wozu noch — wenn es sich um ein besonderes Schriftsystem handelt — die persönlichen Schriftzüge des Sprechers und eine wissenschaftlich korrekte Aufzeichnung des Experimentators hinzugefügt wird. Das sind die Anfänge einer neuen Wissenschaft, deren Entstehung überall in der ganzen Welt den größten Widerhall gefunden hat. Der Direktor des Instituts selbst, Prof, Wilhelm Doegen, der seit 1882 in Europa überall DovtragSreisen unternommen iwb besonders in HollanH Schweden und in der Schweiz begeisterte Mitarbeiter für die Idee gewonnen hat, ist im Begriffe, binnen kur^ zem eine Uebersoereise anzutreten, um auch in Amerika Borträge zu halten und an Ort und Stelle feine Forschunastätigkcit fortzusetzen. Dv. Nicolas Tkir<rnya44 §BerKch. Hungersnot in Marokko- Paris, 16. April. Nach einer Meldung aus Rabat ist im Süden MaroNoS eine Hungersnot ausgebrochen. Der Gouverneur von Marollo, Steeg, ist nach Marakesch abgereist, um dort Anordnungen für die Unterstützung der Notleidenden zu treffen. 6itt flüchtiger »auttosfler. ‘vHuv Zürich wurde das Sicherheitshureau telMaphisch ... Kenntnis gesetzt, daß von dort der 33jährige Bmrkkafsier OskP Keßler nach iünterschlagung einer Summe von560.000 Schweizer Franke» durchgegangen ist. Auf seine Ergreifung! 'ist eine Pränlie von 1000 Franken auSgesetzt. ,

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