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Wiener Morgenzeitung · 1927-04-17 · Heft 2923 (17.4.1927) · p. Seite 5

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
9 (1927)
Issue
Heft 2923 (17.4.1927)
Date
1927-04-17
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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Nr. 2923 Wien, Sonntag Wiener Morgenzeiturrg 11. SCpttt 1927 4kte 5 ich dich für mich begehre, sondern um dich für meinen oöfyn zu verlangen." Und er erzählte seinen Traum in der Werkstätte und .ifrl, was dem Traum vorhergegangen war. OaS ist die Geschichte der Heirat des Eleasar ben farjah, meine Getreuen. Es ist keine beglaubigte Geschichte, denn auch ich selbst habe sie nur in Handschrift gelesen; wo steht denn aber geschrieben, daß imt die beglaubigten Geschichten etwas wert sind? An der Peffachnacht. Eine Ktiegserinnerung von Josef Finkelstetn. Las dritte Krtegsjayr und der dritte Erem-Peffach titt Felde. Seit dem frühen Morgen lag das Städtchen Santa-Luzra unter dem Feuer der schweren italienischen Geschütze, und die kleinen Häuschen in Podmelec, kaum einige Kilometer vom Feuer entfernt, zitterten unter dem Ansturm des furchtbaren Getöses. Ringsum wütete der Tod und drang Überall hin: in jede Spalte, in jedem Unterstand und Felsen, wo sich die österreichischen Stellungen befanden. Wohin das Auge reichte, sah man Massen verwundeter Soldaten in zersetzten Uniformen, und von allen Seiten vernahm man Aechzen und Aufschreie, Mrou/fle und Befehle -— wahrlich ein Tanz der Hölle ... Spät nachmittags wurde der Kommandoöefehl bekannt gegeben,.wonach es den Juden, die sich augenblicklich hinter der Kawpflinie in Santa - Luzia und in den benachbarten .Stellungen befanden, anheim gestellt wurde, de« Sederabend gemeinsam in Podmelec zu feiern. Man Überließ uns sogar eine kleine „Baracke", wo wir beten und uns gemeinsam unseres FreiheitsfefteS erfreuen konnten. Wrr begannen sofort Vorbereitungen zu treffen; eine große Freude erfaßte uns, zumal der Kanonendonner endlich aufgehört hatte und bloß hie und da daS Zischen einer Gewehrkugel die Sti le durchbohrte. Zum erstenmal feit zwei Jahren dursten wir den Pessach feiern, das Fest, an dem uns sonst ungetrübtes Familienglück beschert war. Alle trafen wir unsere Anstalten: Einige richteten Tische und Bänke her, andere verwandelten sich in Köche. Ern'Jude mit langem Bart zeigte stolz sein Gebetbuch — bas einzige Exemplar im ganzen Lager — manche hingegen brachten qls „Krtegst-oMen" einige Flaschen Wein. Nun galt cs, möglichst, rasch jene jüdischen- Soldaten verständigen, die ln benachbarten Stel ungen vom erfreulichen Konrmandobefehl noch keine Kenntnis hatten. Und bald meldete sich ein blutjunger jüdischer Soldat, fast noch ein Knabe, den man geradezu von. der Schulbank geholt und ihm ein Gewehr Und Bajonett umgehängt hatte. Er freute sich unaussprechlich, daß er seinen Brüdern eine Freude bereiten, werde. Der Bursche . erhielt den schrift- WM Komrnandübefehl mnd nahm, von uns Abschied. „Spätestens in einer Stunde bin ich zurück und bringe die anderen." 1; „Gute Reist, Bruder,"r. fef ihm femaitb zu. Er lächelte uns mit seinem gütigen, kindlichen Lächeln an und entschwand unseren Blicken. ES. wurde Abend. Mystisch strömte von den Gipfeln der Berge der purpurne Abglanz der untergehenden Sonne herab. In der Baracke war alles vorbereitet: Trank, WBSOBBSBm 11111 ' '1 "in ■■ —, i— Spesie, lange Tische und Bretter zum sitzen. Ungeduldig erwarteten wir die Rückkehr des Kuriers und der Unfrrigen aus Santa - Luzia. Eine Stande verging nach der andern. Die Nacht mar etngevrochen, niemand zeigte sich., unsere Freude mar verflogen. Die einen, ermüdet von den Strapazen des Tages, schliefen ein, indem sie den Kopf aus den Tischrand lehnten, andere wieder stierten vor sick hin und schwiegen. Nur dA bärtige Jude betete heiß, daS Gebetbuch in den Händen, seinen einzigen Schah» Aber plötzlich hörten rair Schritte und Stinnnen. Sind eS endlich die Unferigen? Wir liefen rasch hinaus und erblickten einige Soldaten, die mittels einer klejnen Latern die Reste cmes Papiers beleuchteten. Fast schrien wir aus: dieser Papterfehen war jener Kommandobefehl, den unser junger Freund nach Santa-Luzia überbringen sollte. „Durch einen Kugelregen ist er vorwärts gegangen," sagte jemand von den umstehenden Soldaten, „und gleich hinter der Brücke traf ihn eine Kugel." Man fand ihn, den Zettel krampfhaft in der Hand haltend. Er starb auf dem Wege. Weiter hörte ich nicht zu. Dom Schmerz durchwühlkt, rannte ich davon, atemlos, ohne Ziel. ES ist Nacht. Bor mir zwei kleine, mit einem Dvaytverhau umgebene Holzhäuschen. Hier waren mehrere russische Gefangene, die tagsüber bei dem Brückenbau arbeiteten, untergebracht. Ich wußte selber nicht, wie ich hreher gelangte, aber plötzlich schrie ich auf: Hinter dem Stacheldraht stand eine dunkle, gebückte Gestalt; ich näherte mich und erkannte sie sogleich: eS war ein russischer Gefangener, ern Jude, mit dem ich schon früher ostmalSl gesprochen habe. Er erkannte mich ebenfalls. Mit weynrütlger Stimme erzählte ich ihm das Los deS jungen Soldaten — aber der Gefangene hörte nicht. — Wasi har tyn in später Nachtstunde zum Drahtverhau hinauNgetneben? Sehnsucht'? Oder unendliche Trauer? ES ist doch die erste Pessachnacht . . . „Bruder!" Der Gefangene schwieg. Tränen standen in seinen Augen. Tränen der Sehnsucht und grenzenlosen Schmerzes. Im Osten zeigten sich die ersten Strahlen. ES entschwand die Pessachiiacht, ein neuer Tag brach an. — Wir haben einen blutjungen jüdischen Soldaten begraben. (AuS dem Polnischen überseht von I. T.) Sitte Grubeukalastrovhe in Belgien. Brüssel, 16. April. Durch schlagende Wetter sind in der Kchlengrnbe Lev ant in der Nähe von MonS lOArbeiter getötet und 8 schwer verletzt worden. 12 Arbeiter werden noch vermißt. Man befürchtet, daß sie ebenfalls als verloren anzusehen sind. Nach den letzten Meldungen soll die Zahl der Opfer der Schlagwetter-Katastrophe 81 Tote und 9 Verletzte betragen. . ' ' gin Erdbeben in Los Angel» Kein Schaden. Los Angeles, 16. April. Gestern abends ereignete sich in der Stadt und in der Umgebung ein Erdbeben, das 2 0 Sekunden dauerte, daS aber keinen Schaden anrichrete. Sei Regen, Wind, Kälte 1 wird man leicht von Erkältung befallen. Man muß daher rechtzeitig Sorge dafür tragen, daß im Hause nie fehle der in seiner schmerzlindernden Wirkung einzig echte L_ Franz branntweln mit Menthol welcher für Massage, Einreibung, Umschläge und als Ourgelwasser gleich unentbehrlich ist. Ileberall «rfi&tiläfltcfii. Eigenartige Streilmittei. Wie aus Peking gemeldet wird, protestierten dort die Angehörigen und Freunde' eines von der Straßenbahn überfahrenen Chinesen, dem die Direktion der Straßenbahn keine Entschädigung an seine Hinterbliebnen zahlen wollte, dadurch, daß sie einfach den Sarg nahmen und ihn mitten auf die Schienen stellten. Dieses Mittel ist aber nicht neu. In noch viel eigenartigerer Form wurde es im Jahre 1606 von den Angestellten der Straßenbahn in Kairo angewendet, die mit ihrer Direktion wegen einer von ihnen geforderten Zulage in Differenzen geraten und in den St.eiik getreten waren. Am ersten Tage des Streiks gelang es der Direktion, den Straßenbahnverckehr mit Freiwilligen im Gange zu erhalten. Am zweiten Tage aber erschienen die streikenden Straßenbahner, jeder mit seinem Gebetsteppich unter dem Arm. Auf diesem ließen sie sich mitten Wischen den Schienen znm Gebet wieder und sichten Allah und den Propheten an, er möge ihnen doch in ihrem Kampfe gegen die Direktion beistehen und ihnen zu der geforderten Zulage verhelfen. Sobald ein Straßenbahner von den Polizisten aufgefordert wurde, den Platz zwischen den Schienen zu räumen, nahm er ruhig seinen Gebetsteppich und ging, um wenige Schritte weiter ihn wieder über die Schienen zu breiten und seine Anrufungen Allahs und des Propheten fortzusetzen. Angesichts der Zahl der Straßenbahner, die mit ihren Teppichen die Schienen bevölkerten, war die Polizei machtlos. Der gange Straßewbahnverkehr stockte, und nachdem die gläubigen Moslem vier Tage lang auf den Schienen die Hilfe Allahs und des Propheten herabgefleht hatten, war die Direktion mürbe geworden. Sie gewährte den Straßenbahnern die geforderte Zulage, die, nebenbei gesagt, sich in sehr bencheidenen Grenzen hielt. deutschlands verwandt ist, hat sich'in verschiedensten jüdischen Gemeinden immer in der Zeit vor Pessach eingebürgert. In Mtschenwälve (Ritschewoll) war es Vorschrift, daß der Rabbiner, Chasan und Schamnres vor Pessach zu' den einzelnen Gemeindenvitgltedern ihre Kinder herumschickten, um-Eier einzusammeln.' Der Rabbiner, der dieses als Mißbrauch betrachtete und seine Kinder nicht dazu schicken wallte, wurde infolgedessen - als ein böser Ketzer angesehen. In Gollantsch (Gollancz) wurde ein Knabe von sechs bis sieben Jahren bestimmt,' der am Pessachfeste die Haftara vortragen mußte- Dafür bekam er von jeder Familie und Lezeichnenderwüise auch von einigen christliche« Familien je fünf Bisacht Eier geschenkt, die dr dann mit dem Lehrer teilte, bei dem er gelernt hatte. Zu den besonderen Bräuchen an Pessach gehört es auch, daß der Hausherr auf dem „Hesfebett" thront, das ihn M den „König" des Hauses und der Familie erscheinen läßt. Das ist sehr ernst gemeint. Umso fröhlicher ist der Humor, der auch vor der ernsten Pessachfeier nicht haltgenracht hat. Im 15. Jahrhundert finden wir züerst-allerlei Bräuche angedeutet oder bezeugt, die sich zum Teile festgesetzt haben, zum Teile wieder verschwunden sind, und an die gerade der Humor gern anknüpft. Damals kam zuerst der Brauch auf, bei der Erwähnung der zehn Plagen das Glas Wein ein wenig zu neigen und bei jeder Plage wippend ein paar Tropfen hinauszuwerfen. Oder man nimmt gar den kleinen Finger, urn beim Nennen jeder Plage, „Damm" (Blut), „Zefardeia" (Frösche), „Kinnim" (Ungeziefer) usw., einen Tropfen hinausznschlerchern. Wer Bylksbräuche beobachtet hat, weiß, daß hier nichtjüdischer Aberglaube hereinspielt. Man soll die bösen Geister nicht rufen, nicht nennen, ohne zugleich eine abtvehrende Bewegung zu machen. Dieser Brauch hat sich bei den aschkenasischen Juden seist dem 16. Jahrhürrdert, von Deutschland aus durchgesetzt. Hier knüpfet der Boltshumor an,, indem er erzählt, daß Herr R. in Witzenhausen eben dabet ist, feierlich die zehn Plagen herzusagen und sorgfältig darauf zu achten, daß kein Familienmitglied vergißt, bräuchgemäß den Wein auszuschütten, als gerade in diesem Augenblicke Frau R. schnell in dir Küche gerufen wird: „Die Kneidelech brennen an". Herr R. will keineswegs, daß seine Frau um den S'chuß >?mmt, den diese vermeintliche heilige Handlung mit sich bringt, Maffsiir sein tumero rechen) urlU er auch nicht. So nimmt, er kurz entschlossen seiner Frau Weinbechsr zu sich heran und stippt den Finger abwechselnd in seiner Frau und in sein Glas ein, um dabei zu rezitieren: „Damm fer mir, Damm fer meine Frau, Zefardeia fer mir, Zefardeia fer meine Frau, Kinnem fer mir, Kinnem fer meine Frau!" Ein anderer Brauch, der damals aufkam, aber sich nicht durchgesetzt hat, ging umgekehrt ursprünglich auf einen Scherz zurück. In einer Anmerkung der Prager Haggada von 1537 ist bei dem Bilde, am Rande, das den Juden mit der Lattichstaude als Bitterkraut darftelU, bemerkt: „Bei den Worten .Dieses Bitterkraut' ist es vielfach Usus, auf die Frau zu zeigen. Denn man weziß ja: Ein böses Weib ist Wterer als der Tod." In der handschriftlichen illustrierten Pessach-Haggada in der Münchener (Königlichen) Hof- und Staatsbibliothek, die Moritz Schwarz beschriebe« hat, ist dieser Volkswitz bei Maror (Bitterkraut) zur bildlichen Darstellung gelangt. Mann und Frau sitzen auf einer Bank und lächeln eiiurnbet an. Der Mann legt seiner Frau'die Hand auf den Kopf, um auf diese M.üfe zu zeigen, daß sie das Bitterkraut ist. 2. Am meisten wirkt äußerlich das Pessarhfest mit feinen vielfachen Vorschriften aus die Küche ein. Dadurch, daß kein Brot genossen oder auch nur vorhanden sein darf, daß nichts Gesänertes benützt wird, daß die Mazzgh die Stelle des Brotes vertritt, daß ganz fromme Juden nicht einmal geweichte Mazzah genießen, ist der ganze Küchenzettel gründlich verändert. Und wie beim fleischigen, so bei Juden, das an keinem Freitag abend und Sabbat mittag fehlen darf, Lockschenjüuch, d. h. Nudelsuppe, ist, so ist sie am Pessachfeste unmöglich Ebensowenig kann man das beliebte Chridke, das heißt Einlauf, in die Bouillon tun, weil ja auch dazu Mehl notwendig ist. Bereits damit ist aber der Küchenzettel gründlich verändert. Und wie beim Fleischigen, so bringt das „ milchige Essen seine Besonderheiten. Schon das Holen der Milch ist anders. Man muß mit dem pessachdiggen Topfe zum Kühstalle gehen, um in ihn direkt cimnekken zu lassen. Ein ganz besonderes Fest ist das für die jüdische Jugerrd in den kleinen Städtchen. Am Sabbat gibt es im Jahre manche Art Scholet, Apfel-, Lockschen- und Kartojfelscholet und manche andere Art, die den großen jüdischen Dichter Deutschlands dazu vermocht haben, Schiller zuzumuten, sicher zu dichten: „Schalet, schöner Götterfunke, Tochter aus Elysium", hätte er Schalet je gekostet. Im Osten wird diese Stelle durch die Kuggel oder Kaul vertreten, die aus Mehl oder Nudeln mit vielen Eiern und Mickerfett hergestellt ist und die zu ihrer „Ausreifung" des stillen Schmorens im Schabbesofen von Freitag mittag bis Schabbes mittag bedarf. Dafür ist sie trotz ihres hohen Fettgehaltes doch verdaulich. Die aber darf ebensowenig wie der sonst so beliebte Farfel (sephardisch: Kaßkassu) wegen des dazu notivendigen Mchles am Pessach genossen werden. Alles muß mit Mazzah und mit Mazzahmehl zubereitet sein. Und so wie gleich das erste Gericht am Pessachabend „Eier in Salzwasser" aus der gewöhnlichen Ordnung heransfällt, so ist alles, was mau an Pessach speist, von der sonstigen Regel durchaus abioeichend. Auch das an Pessach gebrauchte Geschirr ist ganz anders, als das im Jahre sonst benützte. Da es nur einmal im Jahre zum Vorschein kommt, so hält es viel länger als das andere. Man ersetzt es auch nicht im ganzen durch ein volles Service, sondern kauft im letzten Augenblicke, wenn man sieht, was doch fehlt, noch ein oder das andere Stück hinzu. So ist das Geschirr oft altväterlich und um so altmodischer, als man vielfach noch dabei das von Eltern und Großeltern ererbte aus alter Anhänglichkeit und Pietät benützt. Die merkwürdigsten Formen und Farben kommen zum Vorschein, ungleichmäßig und verschieden, und verleihen dem Feste einen altertümlichen rmd um so heimlicher und intimer anmutenden Charakter. Und ganz entsprechend sind die Gerichte, die mit diesem Geschirre aufgetischt werden. Alles ist mit Mazzahmehl oder auch mit Kartoffeln und Kartoffelmehl angesetzt. Da ist zuerst einmal der Lejkech (jüdisch-deutsche Form für Lebttrchen), der als Biskuit dem Ei und Kartoffelmehl feinen Ursprung verdankt. Die Kncidclech(Knödelchen) führen auf das Mazzahmehl ihre Entstehung zurück. Sie sind erst richtig, lucim die Hausfrau sich überzeugt hat, daß sie beim Hinmitnn in die kochende Brühe zwar untergehen, aber sofort wieder austauchen und - oben schwimmen. Je leichter, um so größer der Stolz der

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