Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 9 (1927)
- Issue
- Heft 2922 (16.4.1927)
- Date
- 1927-04-16
- Page
- Seite 7 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. SVSS 16. April 1Ö27 Seit« 7 wWRVf Der Sohn des Moses Mautner Bin Wiener Romen von L*opokl Btofcter« Oopultfil tfvr lf & Mett fall* M» - Wf^B (&• TöttfttzMW) „Kr HMss!" Das hätte August nicht fa&n foÜtit Ein Wort und «s löste in dem Buben et» ganze- Gewebe Erinnerungen. „ZU Haus'!" Ja, als er noch ju Haufe war, da hatte er sein Bett, sein eigenes Bett: Weich und warm- Und Mein; und schlafen konnte et bisieben, manchittto! sogar bis halb acht Uhr! Und dann kam gleich die MW mit einem weißen Kaffee und einem Kipfel, einem großm Kipfel! — Dies altes Hatte er weggeworfen, urck wofür? — Die Mette ist eine bittere Frucht; sie nützt wenig und doch nagt der Mensch lange an ihr. — „Zu Haus'! Wenn er noch zu Haus' sein könnt«," dacht« Gustav; wie gerne wäre er jetzt mitten in der Nacht nach Hause gelaufen: „Mutter! ,Ich Hab' mirS überlegt! Ich will doch lieber studieren!" Aber er wußte: dazu war'S zu spät und er fühlte sich darob noaßlos unglücklich. — Die Kinder sind wie die Verliebten: Nur Sonne — keine Wolken. Ms wenn das jemals gewesen wäre! Und wieder klang, wie aus einer düsteren Wolke, di« Stimme SugusiS: „Na, was iS denn? Willst dih neht Nieverlegen?" Gustav entkleidet« sich und stieg inS Bett. Es fröstelte ihn. Er setzte sich im Bette auf, zog die Beine zum Oberkörper und sah in die Luft. „Jetzt wird ^schürfen!" sagte August, „tu dih nur strecken nach der Decken!" Er griff über Gustav zwn Tisch hinüber, auf dem di« feudjtettbe Lampe stand, schraubte den Docht herunter, Ries b'aS Licht MS einer düsteren Wolke, die Stimme Augusts: „Na^ waÄ Aber Gustav konnte nicht schlafen. — So beginnt eS. So fängt's an: Der Kampf um die. Existenz; mit der Schlaflosigkeit fängt's an. Di« hatte Gustav» bisher nicht gekannt. Zu Katts« war er in sein! Bett gestiege^, hatte die M^en geschlossen und — geschlafen. — Macht nichts mein "Sohn! Nur nicht verzagen! Du mußt das Leben überwinden und ertragen! Muttersöhnchen, Dutzendware gibts genug! Willst du. etwas bedeuten ünd das Leben einmal reuelvS genießen; dann Mußt du leiden, mein Sohn! — — Schade, daß diese Philosophie bloß den Alten, den Angelangten gefällt unb die Jugend davon nichts hören will; denn Gustav war verzweifelt Und weinte still irk die Nacht hinein. — ES - war lange nach Mitternacht, da klopfte er leise an. Der Freund und Tröster aller Bedrückten: Der Schlaf. Nicht zum erstenmal. — Er hatte schon öfter ins Zimmer geblickt und war immer von der Sorge verdrängt worden; aber «diesmal nahm er dm Kampf auf. Mt einer Entschlossenheit, daß die alte, graue Dame aus dem Zimmer fuhr — ging er zum Bette, setzte sich auf die Kante und hüllte Und huschelte den Jungen lind und liebevoll in sich 10. Kapitol. DeS Menschen Kurz ist ein zähes Ding. Es wird getreten, zuckt, leidet, richtet sich wieder auf,- Und mit der ' Lins Klars ÜdsrsivdtlivKs GESCHICHTEDERKUNST bietet die Zeit, die ktäftig und M alles ins Gekeife der Gewohnheit zwängt, wird das Herz fester, härter und fühlt nicht mehr dag Leid. „Man gewöhnt sich," nennen 'es die Menschen. — Auch Gustav hatte sich gewöhnt. -1- Ein halbes Jahr ist feit Gustavs Eintritt vergangen und er, mit dem nimmermüden Uhrwerk des Geschäftes schon ein wenig vertraut, ordnete sich als kleines Rädchen ein. Nür im Handwerkmäßigen, dem rein Manuellen, das Geschick erfordert, blieb er zurück. Das liegt in der Rasse. Mr Ändert sind ungeschickt. Wir denken und grübeln zu viel und dieses talMudifche Erbstück hat unsere manuellm Fähigkeiten im Lauf« der.Jahrhunderte verkümmert. Statt lttstig zuzugreifm, wie die anderen, grübeln wir: „Ob und wie 'und wann uttd weshalb?"- „Was spekulierst denn so vül, wanns' d' a Würstel wegbrahn sollst?" polterte 'Gustavs Mentor, Herr August. „Mas denkst denn so vül nach? Da schau her:. In -der jMitt'n druckstmit'n Dahm einer und dann drahft's umadttm und unten zwickst'S o. verstehst?!" — „Ja," sagte Gustav Und Wiederholte im Geiste das eben Gehörte; aber er war gründlich und grübelte deshalb: „Warum sagt er in der Mtt'n drehen und. unten zwicken?" Durch dieses tiefe Sinnen verwechselt« er aber die Lehre seines Mentors und zwickte in der Mitte und drehte untm, wodurch eine Form entstand, die August entrüstet zurückwies : „Dehß haßt du a Würstel? Dehß is a Krüppl!" Er riß ihm die Mißgestalt aus den Händen, warf sie an die Betonwand ttnd rief ärgerlich ztt feinen Kollegen: „Wann ih's erm ncht schon zwanzgMal zahgt HO', haß ih Veidl! — aber jedsm'al macht erP verdraht! A so a Viech!" Augusts Kollegen lachten und Gustcw. errötete. „Ih bin ka Viech!" rief er. ,>JH Hab' lvas g'ternt!" — „Halt die Gosch'n! — G'lernt hat er was! Schau' erm an — Aussig'schnrisfen hab'n. s' dih aus die Schttl'n!" Diese unzarte Reminiszen; | kränkts Gustav nM> er schwieg. Dann nahm er das Wurstel, das wie eine Fliege an. hier Betomvand klebte und versuchte eS noch einmal. „Geh'! Matter neht dehß Würstel!" rief August. „Treff'n ttthrstes ja eh neht!" Unb wieder riß er es ihm Ms der HmÄ» — „Was wähnst denn? Is dir ja nix g'schchngn! — G'lernt hat er was! Ja! — Da schau kihrbr Mr, dah'd was lernst!" und er wiederholte die. Instruktion: „Also in der Mitt'n mit'n Dahm einer und dann..."-— Gustav erzeugte wieder eine unmögiche Form. Da verlor August, die Meduld: Also mih hältst ' du neht für ahn Narrn! Du wüllft.neht!" — „Ader nein. Ich will ja!" „Ah! dih kenn ih! Ih kenn dih besser als,meine alt'n Schlapf'n, du Senrmelhund du! Aber jetzt.." er nahm von den schlangengleichen' Strängen, die auf der Dafek lagen, ein Stück, hielt es Gustav vor das Gesicht Und rief: „AhnMol zahg ih dir's notz und a zweitsmol zahg ih drr's ah — tonb wannst es da.m noh net kannst.. er hob seine ungeheure Hand,, „zahg ih dir was anders!" r ' ...■■■—■ ■■ ■ i Ins iüdisdke Maus das iüdisdke (Statt g Versicherungs -Abschlüsse bietet FÜR AT .T ,F. »WWWWWWWWWWW Versicherungs -Abschlüsse bietet ■ besonders günstige Bedingungen: 8 § Gemeinde Wien § j Städtische VersiGtiernnysanstalt | g Direktion: g 8 Wien, Tuchlauben 8, 8 8 Tel.67-5-40 S m ® 8 FILIALEN U. GESCHÄFTSSTELLEN IN AL- 8 ■ LEN ORÖSSEREN ORTEN DER REPUBLIK g g jjS ILMHHaKBnaBBBBaSIHfiSiBSHaSBfiSKBSlBIIESBaK In diesem Augenblick kam Herr Bernhard in das Wurste ümmer und dadurch blieb Gustav diesrnal vor Schlägen bewahrt. Mer im Laufe der dreijährigen Lehrzeit hat er die Hände Augusts und auch die der mrderen Gehilfen oft genug gefühlt. — Herr Bernhard kam ins Wurstziimner und als er Gustav erblickte, rief er entrüstet: „Gusti! Warum bist du noch da? Warum ziehst du dich nicht an? Halver zwölfe is! Du weißt doch, daß dtt die Rest ablösen sollst!"-„Es tä ja noch lZeit!" sagte Gustav. — „Zeit is! UM zwölf Uhr sollst du Pie Resi ablösen und bist noch nicht nngezogen und bis du in die Alserstraße kommst und bis die Resi, nach Haus komnrt! Na! S'wird heut wieder zwei Uhr, bis wir zum Essen kommen! — Warum gehst du immer so spät? Jeden Tag dasselbe! Ich versteh' dich nicht!" Es war auch schwer , zu verstehen. Täglich Mußte Gustav, aus dem Wurstzimmer, Ms dem Raume, der ihm eigentlich mehr Roheit als Freude brachte, förmlich getrieben werden .Niemand begriff es.. Mm hielt es für eine Laune öder Faulheit. Die. Erwachsenen — sie sind so weit , von der kindlichen Seele — Urteilen rasch. Nur seine Schwester ■ Berta — sie lvar bloß drei Jahre älter als Gustav {— ahnte etwas. „Sag' Mir, Gusti?" fragte sie einmal,- „war- uM laßt du dich jeden Tag so treiben? Warum willst du . nie ins Geschäft gehen?!" — „Berta, ich lvill ja. Ich wer^ >- nur nicht-fertig." — „Wer geh', Gusti, das is doch nicht :: wahr! Was du an dem Wurstziimner hast, versteh' ich nicht? : Schau' | Ich an deiner Stell', ich Macht' jeden Tag ttnt eine Stunde früher hineingehen ins Geschäft. Hast du denn ahn .. Schaden, wenn du inf Geschäft bist? Brauchst doch nichh so schwer arbeiten drin! Warum bist du so dumm? OdeU . — hast du einen anderen Grund? Sag' mir, warium red'st - du! Nix?" — „Berta!..." Wer mehr sagte er nicht und) konnte nicht mähr sagen, denn seine Schwester hatte an ein : Geheimnis gerührt, das Gustav vor sich Und aller Welt; verbergen wollte: Seine Unglückliche Liebe zur Selcherei;; feine Neigung zum Handwerk, dem er, der unbeholfene Bursche nicht gewachsen war. Das sollte und durfte niemand wissen, weil :etden Spott fürchtete. — (Fortsetzung folgt.) wmmmüümmmmmmmmmmmBaeBammmmummnammaummmmnMm\Mnn im i i—bcaaanun«^ Entwicklungsgeschichte | VOIKSWIRTSCMFT WWWBW8>8i»MWLWW>!»W»8>W»»»>W» TOS Robert West in folgenden Btadsa ItaheitiBebe RensiBssnce Nordisdie Refemationekmst Bwoeb RnkakA nag fmfdvfi aivavav unu MHivurv Gmultuien-Bknd« in f%! Yomehmetinsatattfe. J . kV Schilling pro Bnid BUCHHANDLUNG R.LÖWIT, WIEN, I. ROTENTURMSTRASSE Nr. 221 ■ tittii inmin TriTT-ihrn-T—^7—~L‘ SrhWer $affbmw der Sfterreichischen Hnndeledilim» Im Februar 1927 erreichte die Einfuhr nach Oesterreich «inen Werl von 331 Millionen Schilling, was gegen den Jänner 1327, wo sie 202 Millionen Schilling betrug, eine Erhöhung um rund 14 Prozent bedeutet. Im Februar 1023 hatte die Einfuhr nach Oesterreich. 217,4 Millionen Schilling betragen, sie ist also heuer im Vergleich zum Vorjahre ebenfalls gestiegen. Die A u ssuhr im Februar 1987 -betrug 144,7 Millionen Schilling gegenüber 186 Millionen Schilling im Jänner dieses Jahres und 1M,7 > Millionen Schilling im Februar 1926. Demnach beträgt im Februar 1927 der Einfuhrhb er schuß 86,3 Millionen Schilling, mit welchem Betrage die Handelsbilanz Oesterreichs passiv ist. Im Jänner d. I. hatte das Pasftvum nur 66,2 Millionen Schilling, im Februar 1926 86,7 Millionen Schilling betragen. Gegenüber dem Vormonat ist vor allem die Einfuhr vyn Nahrungsmitteln und Fertigwaren gestiegen; im Export hgt die Uusfuhr von Rohstoffen und Halbfabrika-. ten eine Erhöhung erfahren. : , Auswertung der Lonau-Iampsschisf-PrioritAen Zwischen der Donau-Tampfschifsahrts-Gcsellschast und dem. Kurator der Markprioritäre wurde nach langwierigen Verhandlungen ein Uebereinkotmrien getroffen, wonach d-en. Prroritüren für je 400 Mark Nominale neue, biw nen 30 Jahren verlosbare Obligationen zu 50 Schilling attsgefolgt werden. Das entspricht einer etwa siebenprozentigen A N f w" e r t n n g der Prioritäten. Polens Amerlka-Anlelhe. Verwendnttg uns Kontrolle. Warschau, 15. April. Der stellvertretende Ministerpräsident Bartel gab irr einer Preisebesprechung Anfklä- ■ rttngett.über die Haltung der Regierlmg in Suchender An- 'leihe. Er betoilte, der polnische Finanzplan sei dem! . Sejm ttnd dem Senat llllterbreitet und nachdem er dem!Berichte des amerikanischen Sachverständigen Kcmmercr angepaßt worden >vax, den amerikanischen Bankiers nrit-- geteilt worden. Dieser Plan gründe sich ans die strikte , Ausrechterhaltung des Budgetgleichgewi chtes und; attf die Stabilität der W ä h r n n g. Die Regienucg, lvünschq ztt diesem Ziele zu gelangen durch Beseitigung des gegenwärtigen Bimonetari3m!us vermit-- tels Ersetzung der Schatzscheine durch Noten der Bant von Polen Und.Geldmünzen, ferner durch Vermehrung des Aktienkapitals der Bank von!