Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 9 (1927)
- Issue
- Heft 2921 (15.4.1927)
- Date
- 1927-04-15
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
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•e-c-tfe 4 Wien, Freitag Morgerrzeituug M PMftim-Arbeit der amerMuWm Süden. dar RriWrsjeK tritt in den Hintergrund. — Bermindrttes Zntereffe an enrüjMchs« Angelegenheiten- — Sie Anklagen gegen die englifche Berwaitung. Der Prersident der Zionistischen Organisation dlmerckas, Herr Louis Lipsky, der zwecks Teilnahme an der außerordentlichen Beratung der Zionistischen Exekutive gegenwärtig in L o n d o n weilt, sprach sich in einem Interview mit dem Vertreter der Jüdischen Telegraphen-Agentur über die Rolle der amerikanischen Inden im Aufbau Palästinas aus. Er sagte: Die Atmosphäre des Friedens und der freundschaftlichen Zusammenarbeit, die jetzt unter den verschiedenen Gruppen der amerikanischen Judenheit, die sich noch im vergangenen Jahre bekämpften, herrscht, wird sicherlich die diesjährige Kampagne des United Pa lest! ne Appeal sehr wohltätig beeinslussen. Wir erwarten in diesem Jahre eine Amayme der Geldeingängc um ungefähr 30 Prozent. Die Juden New Jorks werden statt der im vergangenen Jahre zustandegebrachten 1,100.000 Dollar in diesem Jahre mindestens anderthalb Millionen Dollar beitragen. Auch in anderen Zentren, wie zum Beispiel Boston und Chicago, sind die Geldeingänge stark gestiegen. Interessant ist, daß die Zunahme der Geldeingänge nicht auf die Erhöhung der einzelnen großen Beiträge, sondern aus die Vermehrung der Zahl der Beitragenden zurückzuführen ist. Immer mehr amerikanische Juden beginnen sich für Palästina zu interessieren Das Jnteresse'an dem jüdischen KolonisaUonswerk in Rrrtzlond, fuhr Herr Lipsty fort, scheint seit kurzem nachzulassen. Obwohl kein Zweifel darüber besteht, daß daS Experiment fortgeführt werden wird, steht es doch nicht mehr im Vordergrund des jüdischen Interesses. Die Z i o n i st e n wollen niemanden daran hindern, zu versuchen, den russischen Juden an Ort und Stelle zu Helsen. Der geschlossene Frledenspakt wird eine allgemeine Zusammenarbeit im Gefolge haben. Der überwundene Konflikt hat jedenfalls das Ergebnis gehabt, ein richtigeres Gefühl für Proportion hinsichtlich der palästinensischen und der ruffischen Kolonisation zu wecken. Ms objektive Tatsache mutz festgestellt werden, daß im allgemeinen das Jntereffe der amerikanischen Inden an europäischen Angelegenheiten im Abnehmen begriffen ist. Die amerikanische Judenheit ist innerlich und äußerlich gewachsen, sie mutz sich um die eigenen Institutionen bekümmern. Das American Jewish Committee, eine in erster Linie zum Schutze der Interessen der europäischen Juden begründete Körperschaft, ist ettvas paffiv, und der American Jewish Congreß, der aktiver ist, findet nicht die notwendige finanzielle Unterstützung Man hält die Zeit für gekommen, da sein Himmelblau ernst nehmen. Wedekinds Tochter Pamela spielt mit, sie' kann etwas werden, wenn sie tveniger sein will. Süß, toie. verlangt, süßer als vom Dichter geahnt, spielte Karin Evans die Unschuld aus Lüneburg. (Neben Achaz, der, was er nicht hat, doch überzeugend-glühend dazu tut.) Ihr Schweigen ist das Holdeste, was man zurzeit in Berlins Theatern erleben kann. Und das Leidenschaftlichste: Argentina,' die Spanierin, die Tänzerin aus Leibeslust und Blutdrang, ohne den Intellekt (oh, welche Erlösung!), ohne Ideen (Terpsichore erwacht vom Starrkrampf!), ohne rhythmische Gymnastik, ohne Raumgestaltung, Raumaufteilung, ohne Kunftgetverbe. Sie tanzt! Endlich eine, die wieder tanzt! (Nach der Pawlowa!) Sie tanzt Spanien mit Liebe, Eiferfttcht, Stierkamps, alter Tradition, ewig neuer Koketterie, das spanische Volk tanzt sie, die heiß-kalte starre Landschaft, himmlische Gärten, Felseneinöden, Carmen und Micaela, Goya und Greco. Im Kastagnettenschlagen allein gibt sie Tragödien und Herzensdramen. Man jauchzte ihr, an fünf Abenden, fanatisch zu. Reaktion auf die Wigmännerei und Jdesnöalletts, auf die Turnübungen mit unterlegter Metaphysik und die Nacktparodien auf die Antike. Ebenso jubelte man die siebzehn Wiener Sängerknaben an, die mit der Reinheit ihres Gesanges, der Musikalität ihrer Durchführung, mit dem Zauber ihrer Hellen Jugend sofort Berlin gewannen. Da ging Oesterreich in lieblichster Sicht ans: in seiner Singfreudigkejit, seiner Hingabesähigkeit an Schönheit und Kunst, seiner seelichen Durchlichtung. Noch dem Preußischsten mußte das Herz aufgehen, wenn diese klaren Stimmen —Traum von Donatello! — anhuben. Und schnell noch, ehe die Osterwoche anbricht, rief Mischa Elman in die Philharmonie, nach mehr als Jahrzehnt zurückgekehrt auf das Podium unvergessener Triumphe, und ist inzwischen der große Virtuose geworden, der in Kunststücken des Flageoletts ebenso brilliert, wie er die Chaconne in kristallener Klarheit schichtet oder Mendelssohns altes Konzert ins Hochmusikalische hebt. Die Eleganz seines Tones ist noch größer als seine Süßigkeit, die Leichtigkeit seines Bogens wunderbar. Und nun: Ostern! Stille Woche! Berlin leert sich, »ych die Aylle blüht auf Potsdamerplatz, Kurfürftendamm tmd & Theaterfoyers. dir europäischen Juden ihre Interessen selbst in die Hand nehmen müssen. Der Grundton des Mischen Lebens in Amerika ist amerikanisch. Englisch ist jetzt die Hauptsprache der jüdischen Bevölkerung. Ein englischer Redner kann in jeder Versammlung amerikanischer Juden verstanden werden, während ein Mischer Redner in dieser Hinsicht scharfe Grenzen findet. Die früheren Einwanderer fühlen sich als Amerikaner, der Modus ihres ganzen Lebens ist amerikanisch. Erstaunlich ist es, zu welchem Reichtum es russische und polnische Inden in Amerika gebracht haben. ES gibt Zehntausende von Juden, deren jährliches Einkommen fünf- bis sechstausend Dollar beträgt. Die früheren Einwanderer rücken von der Nerv Aork City nach dem Westen vor und nehmen wichtige Positionen im Handel und in der Industrie der amerikanischen Union ein. Es besteht kein Zweifel daran, daß die amerikanischen Juden es in der Macht hätten, Palästina aufzubauen, wenn ihr Interesse am jüdischen Nationalheim wach gerüttelt wäre und wenn mau sie darauf Hinweisen könnte, daß sich die Lage in Palästina ständig bessere. Leider sind die Nachrichten, die aus Palästina nach Amerika gelangen, n i ch t s e h r ermunternd. Palästina, sagte Lipsky weiter, wird jetzt Amerika nicht allein durch die Presse, sondern auch durch die Tausende amerikanischer Juden, die Palästina besuchen, näher gebracht. Alle aus Palästina Kommenden sprechen in hohen Tönen der Begeisterung über das Land und über die jüdische Arbeit darin. Es ist aber die allgemeine Ansicht — und dies ist auch die Ansicht der amerikanischen zionistischen Führer — daß die Lage in Palästina wirtschaftlich wie politisch weit davon entfernt ist, zufriedenstellend zu sein. Es ist für jeden Besucher klar, daß die Palästina-Regierung . nicht alles tut, was sie vermag, um den Palästina-Ausbau.zu fördern. Die britische Regierung handelt nicht edelmütig gegenüber den Juden und der jüdischen Arbeit in Palästina. In der Durchsi'chrung der gemeinsamen Ausgabe bleibt sie ihren Teil schuldig. Es ist eine unerträgliche Lage, daß die zionistische Exekutive soviel Energie und Aktivität darauf verwenden muß, um die Hindernisse aus dem Wege zu räumen, während dies Äne klarsehende Regierung aus eigenerJnitiative viel leichter zu Wege bringen könnte. Bis nicht unsere Arbeit in Palästina vollkommen reorganisiert ist, wird es schwer fallen, das Interesse der amerikanischen Juden an den palästinensischen Angelegenheiten wach zu halten. Uebrigens tragen die Amerikaner jahraus jahrein zu den zionistischen Fonds bei und mochten endlich greifbare Resultate sehen. Ich kann nicht sagen, daß wir Amerikaner von der Idee der Kollektiv-Siedlung in Palästina begeistert sind. Diese Form hat den Lebensstandard tief heruntergedrückt: es ist der Standard des Hungerns, des möglichst kleinen Verbrauchs bei gesteigerter Leistung. Die amerikanischen Juden haben hierfür kein Verständnis. Wir wollen die Juden Palästinas auf einen höheren Standard sehen. Der erprobte Hungerleider („experienced starver") der Kwuzah ist nicht unser Ideal, und diese Form kann nicht die Basis des Palästina-Aufbaues sein. Das.ganze System muß geändert werden. Der privaten Initiative muß mehr Spielraum gewährt werden: dem Individuum muß Gelegenheit gegeben werden, seine Leistung wie sein Lebensniveau zu steigern. Es muß in unseren Methoden eine radikale Aenderung Platz greifen. Die amerikanischen Juden sind an jedem gesunden wirtschaftlichen Unternehmen in Palästina interessiert. Wir haben zum Beispiel soeben die Unterbringung von 7 Prozent Mortgage Bank-Bonds in die Wege geleitet und haben bereits solche im Werte von 160.000 Dollar verkauft. Sie haben auf dem Markt eine große Zukunft, da sie von Finanz-Sachverständigen als eine sehr gute Kapitalsanlage gesehen werden. Der Zehent ln AMua. London, 11. April. (I. T. A.) Colonel Wedgwood ftagte im Unterhaus den Staatssekretär für die Kolonien, ob in Palästina Orangen-Plantagen von der Leistung des Zehent ausgenommen sind. Unterstaatssekretär Ormsby Gore erwiderte: Orangen-Plantagen sind von der Leitung des Zehent nicht ausgenommen. Eine auf der Obsternte der letzten vier Jahre basierte Aufstellung zeigt, daß die Steuer auf Orangen und Zitronen weniger als 10 Prozent betrug. Colonel Wedgwood fragte weiter, ob die Anregungen der Mehrheit der Allgemeinen Zehent-Kommission für Palästina akzeptiert wurden und ob die Verbesserung im Jahre 1027/28 Platz greifen wird. Ormsby Gore erwiderte: Der Mehrheits- und der Minderheitsbericht des Komitees wurden Ende Jänner in Palästina veröffentlicht, um zunächst den Eindruck in der Oessentlichkeit abzuwarten. Ta definitive Anregungen noch ausstehen, kann über die künftige Entscheidung noch nichts ge¬ 15. April 1027 SK. SM sagt werden. So wichtig es sei, daß in möglichst kurzer Zeit eine inoderne Getreidestener eingeführt werde, so unerläßlich ist es auch, daß der öffentlichen Meinung vor der endgültigen Entscheidung Gelegenheit gegeben wird, zu der Frage Stellung zu nehmen. Samts Marshall in Palästina. Wie uns aus Tel A w i w berichtet wird, ist dort die Ankunft James M a r s h a l l s, des Sohnes von Louis Marshall, avisiert worden. James Marshall, der das Ehrenamt eines Sekretärs der auf Grund des Marshall-Weizmann- Abkommens zu entsendenden Studienkommission bekleiden wird, wird in Palästina die Ankunft der Kommission abwarten. Sine Senwnftration der Mischen Aechtsanwötte in tzaisa. Aus Haifa wird uns berichtet: Da die Negierung sich trotz Einspruches der jüdischen Rechtsanwälte und Kaufleute sich weigerte, beim Haifaer Friedensgericht einen jüdischen Richter anzustellen, haben die jüdischen Rechtsanwälte sich verpflichtet, bei allen Interventionen vor Gericht ausschließlich die hebräische Sprache anzuwenden. Da der arabische Richter dieser Sprache nicht mächtig ist, soll durch diese Demonstration das Verhalten der Negierung ad absurdum geführt werde». Elektrische Straßenbahnen in Transiardanien. Der transjürdcmische Korrespondent des „Carmel" berichtet, daß Ingenieur Nutenberg eine Konzession für die Erbauung von elektrischen Straßenbahnen in Amman und anderen Städten Transjordanions erhalten hat. Telephonistinnen kür Sernfalei JöctfMjir in elf Sprachen. Das Telephonamt von Jerusalem sucht schon seit geraumer Zeit eine Anzahl von Telephonistinnen, ohne genügend Kräfte für diesen Posten finden zu können. Dres ist jedoch nicht etwa durch den Mangel an Bewerbern begründet, sondern vielmehr dadurch, daß eine Jerusalemer Telephonistin ein wahres Sprachengenie sein mutz, wenn sie allen an sie gestellten Anforderungen gewachsen sein willl. Die Kenntnis der englischen, hebräischen und arabischen Sprache gilt als selbstverständliche Voraussetzung zur Erlangung dieses Postens. Doch nicht genug hiermit, sollen die Bewerberinnen auch noch Nachweisen, daß sie der französischen, deutschen, griechischen, spanischen, italienischen, russischen, rumänischen und endlich der armenischen Sprache an Wort und Schrift mächtig sind. Mer im alten Babylon. Dr. E. Huber berichtet in der „Umschau" vo-n der ausgedehnten. B r an i n d uftr i e, deren sich das alte Babylonien erfreute. Neben dem au§ Scheffels Liede von: Schwarzen Walfisch zu Askalon bekannten Dattelwein, war Bier das einzige alkoholische Getränk, das man in Babylon kannte. Dafür gab es aber nicht weniger als 16 verschiedene B i e r s o r t e n, die sich durch Geschmack, Färbung (hell und dunkel) und Stärke wesentlich voneinander unterschieden. Im Geschmack dürfte dieses babylonische Bier freilich dem heutigen nicht sehr ähnlich gewesen sein, da es regelmäßig mit bestimmten aromatischen Drogen, Sasifran, Zimt usw. angesetzt war. Den Hopfen als Aroma- und Konservierungspflanze scheint die altbabylonische Zeit noch nicht gekannt zu haben; in der spätbabylonischen Epoche jedoch wurde der Hopsen schon eigens im Lande gezüchtet« um dem Bier beigegeben zu werden. Von den Babyloniern haben die Armenier und die Kaukasusvölker das Hopfenbier kennen gelernt. Die babylonische Bierbrauerei, in der frühesten Zeit Wohl nur Hausbrauerei, entwickelte sich aber sehr schnell zum blühenden Gewerbe. Unter König Hammurabi, also etlva 2800 v. Ehr., sind die Brauereien bereits ein wichtiger Bestandteil des babylonischen Wirtschaftslebens. Sport und Hygiene. Englische Beobachtungen über die Lebensdauer. Frauen leben länger als Männer, so lautet in England die stalistische Feststellung über die durchschnittliche Lebenszeit der beiden Geschlechter, die mit statistischen Ziffern unterstützt wurde. Der aus London vorliegende Bericht besagt, daß in England die durchschnittliche Lebenszeit bei Geburt für daS männliche Geschlecht mit 56.58 und flir das weibliche mit R0.74 Jahren berechnet werden könne. Besonders seit dem Jahre 1618, als in England die Gesetzgebung der öffentlichen Gefundheitspflege große Beachtung zuzuwenden begann, sind die Bitalilätsziffern im Steigen begriffen. Im Zeiträume von 1910 bis 1924 erhöhte sich die Lebenszeit der Männer um acht Jahre. Dagegen sollen die Frauen nach dem gleichen statistischen Nachweis die Männer um durchschnittlich vier bis fünf Jahre überleben. In der englischen Oesfentlichkeit herrscht die Meinung vor, daß das weibliche Geschlecht gegen Krankheitsanfälle widerstandsfähiger ist als das männliche, mich sind die Frauen nicht so sehr beruft lichen Unglückssüllen ausgesetzt. In Beantwortung einer parlm mentarifchen Anfrage stellte der britische Gesnndheitsminister fest, daß in den letzten fünf Jahren in England 449 Peoonen starben, die hundert oder mehr als hundert Jahre alt waren. Von diesen waren 327 Frauen, also im Verhältnis zu den Männern drei zu eins. Dr. Charles Thomson, Präsident deS Belehrungskomitees im Neichsinftitut für Hygiene, erklärte hiezu, daß ein wichtiger Grund für die Lsbensverlängevuug i