Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 9 (1927)
- Issue
- Heft 2921 (15.4.1927)
- Date
- 1927-04-15
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 90% known words query
- IRI
…/2979076-2981905-2982009--29730-3017886- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Nr. 2921 Wien, tTtnnlg Wt««er Msrge»zetttmg 15. Aprtt 1927 Seite 8 . „ HMe Slaientn int 6MltnUmei I Nur n^ch wenige Tage trennen uns von den Wahlen. Habet ihr vergessen, daß ihr an den Hochschulen schutzlos dem Antisemitismus ausgeliefert seid? Wisset ihr nicht, daß ein Gesetz in Vorbereitung ist, das euch -u rechtlosen akademischen Bürgern erniedrigt? Begreifet ihr, daß nur bewußt jüdische Vertreter, auf jüdisches Programm gewählt, eure Interessen vertreten können? Ihr dürft nicht untätig abseits stehen, wenn es um eure Rechte und um eure Ehre geht. Wir fordern euch auf, euch vollzählig in den Dienst der jüdischen Sache zu stellen und an der Wahlarbeit tatkräftig teilzunehmen! Werbet für die „Jüdische Liste"! Das Wahlkomitee der jüdischen Studentenschaft. » Anmeldungen zur Mitarbeit werden entgegengenommen: a) Mensa academica judaica, v. Bez., Zimmermannplatz 8, bei Frl. Braunstein, täglich von 12 bis 5 Uhr. b) In der Lese- und Redehalle jüdischer Hochschüler, 9. Bez., Türkenstraße 9, täglich von 4 bis 10 Uhr. c) Im jüdischen Wahlbureau, 2. Bez., Taborstraße 1, während des ganzen Tages. d) Im jüdischen Agitationslokal, 9. Bez., Glasergass« Nr. 4 a (Souterrain), täglich von 3 bis 6 Uhr. An me jüdische Zugend Wiens! Seid ihr als Z i o n i st e n an den Wahlen interessiert oder nicht? Ueberlegt das selbst, nachdem ihr die Ausführungen eurer Freunde gehört habt. Erscheinet alle in den jüdischen Jugendversammlungen, in welchm Studenten zu euch sprechen werden! Das'Wahlkomitee der jüdischen Studentenschaft. * Jüdische Jugendversammlungen finden statt: Samstag, präzise 3 Uhr, Lese- und Rcdehalle jüdischer Hochschüler, 9. Bez., Türkenstraße 9, Mädchenvers a m m l u n g. Redner: Chaim Gelber, Dr. S. Schmerler, M. Landau, Jakob Stark. Vorladungen in Wahlangelegen, heilen. eine Wslikdewiig tu dir Wischet BW«. Jene Gesinnungsgenossen, welche Vorladungen KNM Magistrat in Wnhlangelegenheiten erhalten haben, mögen sich bestimmt vorerst im Zentralwahllokal („Wiener Morgenzeitimg", 8. Bezirk, Taborstraße 1) einfindm Die Wählleitung. Monarchistische Propaganda in Polen. Warschau, 14. April. (Tsch. P. B.) Wie die Blätter melden, entfaltet die kürzlich gegründete monarchistische Bauernorganisation eine rege Propagandatätigkeit In zahl-, reichen, stark besuchten Bauernversammilungen ttmüfct Entschließungen für die Ausrufung des Königtums in Polen angenommen. ^tt aeliis nuvmti f/Htt» •Tunt w1' Strltseel-Rezept. 10 dkg Battar rührt man sebaa* min, lügt 1 Bi n. 2 Löffal Zucker dann; trenn Masse aohaumi«, gibt man «in zweites Bi nnd wieder 2 Löffel Zucker, rührt nochmals. Nun ", Kilo Mehl, mit 1 Päckchen Dr. Oetkers Backpulver vermischt , dazu uud >/, Päckchen Dr. Oetkera Vanllllniucker. von einer halben Zitrone die Schale nnd so viel Milch, als der Teig erfordert. Will man den Stritzel bester haben, kann man Botinrn, Mandeln nnd Citronat oder Araneini hineingebon. In gut geheizter Rühre goldgelb backen. kitte. adh»üit>«te Tagesbericht. Mach und Astern. Eine historische Betrachtung. Die Regeln zur Bestimmung des christlichen Osterfestes sind von zwei Faktoren abhängig, und Mar vom Verhältnis des Osterfestes zum Ostervollmond und von der Bestimmung des Ostervollmondes selbst. In diesen Fragen dcr Festordnung spiegelt sich der historische Prozeß ab, durch den sich die christlichen Gemeinden von der Synagoge der Juden ablösten. Der Anfang dieses Prozesses ist uralt und sein Verlauf allmählich. „Das christliche Pascha", behauptet E. Schwartz in seinem Buche — Christliche und jüdische Ostertafeln, Berlin 1905 —, „ist mitnichten als Feier des Leidens und der Auferstehung des Herrn geschaffen, sondern es ist seinem Ursprung nach das jüdische Fest des Pascha und der Azyma, das als jüdisches Fest in den ältesten Christengemeinden festgehalten ist." Durch die Zerstörung des Tempels und die Abschaffung der Opfer wurde der Prozeß der Verchristlichung des Pessach' erleichtert. Die Christen hielten ebenso wie die Juden daran fest, daß das Pascha an den. Mondlauf gebunden sei, Schon frühzeitig begann die Kirche im Gegensatz zur Synagoge die Verlegung des Festtages. Dagegen dauerte es lange, bis sie sich in der Bestimmung des Vollmondes von dem jüdischen Festkalender freimachte. Die Berechnung des Mondes war der tftxf fhrtnö. In manchen Provinzen uM einzeln Sekten hat sich der alte Brauch, Ostern am Sonntag nach Pessach zu feiern, bis in die Zeit des Theodosius erhalten. Die führenden Kirchen der beiden Reichs-Hälften, Alexandrien und Rom, fingen int 3. Jahrhundert an, Osterzyklen aufzustellen. In Alexandrien begann man unter Dionysius die sechsundsiebzigjährige Periode des Kalippus cinzuführen. Diese Periode wurde in vier Zyklen zu je neunzehn Jahren zerlegt. Man konnte sich für die Ansetzung der Ostervollmonde mit einem neunzehnjährigen, sich stets wieder erneuernden, Zyklus begnügen. Daher wird dieser alexandrinische Zyklus der Neunzehnjährige genannt. Dieser ist weder mit dem Metonschen.Zyklus noch mit der jüdischen neunzehnjährigen Schaltperiode identisch. In Rom wurden damals andere Zyklen — ein hundertzwölfjähriger und später ein vierundachtzigjähriger — eingeführt. Nachdem auch die Zyklen in Rom und Alexandrien aufgekommen waren, hielt sich die Beobachtung des Osterfestes nach alter Sitte noch lange Zeit. Sobald die Kirche durch Constantin zur Weltherrschaft gelangte, forderte sie im Konzil zu Nicäa, 325, daß Ostern im ganzen Reich an einem und demselben Tage gefeiert werde. Ihre Spitze richtete sie damit besonders gegen den Gebrauch, den Ostersonntag nach Pessach zu bestimmen. Diese Abhängigkeit der Kirche sollte nun von der nur geduldeten Synagoge aufhören. Aus den Dokumenten des nieäaischen Konzils geht hervor, daß im Anfang des 4. Jahrhundert, nur die Diözese Oriens das Zentrum der alten Beobachtung des Osterfestes war. Diese Bestimmung, daß das christliche Osterfest nie mit dom Pessachtag zusammen fallen darf, hatte seine Gültigkeit nur bis zum Jahre 1582. In diesem Jahre nämlich wurde in der Triedentinischen Kirchenversai.imlung der bis zu dieser Zeit in Gebrauch gewesene Julianische Kalender mit Zustimmung der überwiegenden Majorität der anwesenden Kirchenfürsten abgeschafft und der Gregorianische Kalender eingesührt. Mit Annahme dieses Kalenders wurde zugleich der Beschluß des Konzils von Nicäa aufgehoben. So fielen in diesem Jahrhundert Ostern mit dem ersten Tag Pessach zusammen in den Jahren: 1903 am 12. April, 1923 am 1. April, in diesem Jahre am 17. April, 1981 am 19. April nnd 1994 am 27. März. Rabbiner Dr. A. H. Teller. 8öS Häuser verbrannt. Ein Rleseildrand in der Moldau. Bukarest, 14. April. In der Gemeinde Buhns! in der Moldau ist heute nachts ein großer Brand aüsgebrochen, der zur Stunde noch immer andauert. Bisher sind mehr als 200 Häuser den Flammen zum Opfer gefallen. Der Materialschaden beträgt 40 Millionen Lei. 81 Stunden ln der Luft geblieben. Ein neuer Weltrekord im Dauerflug. New Bork, 14. April. Die beiden amerikanischen Flieger A e o st a und Chamberlain sind im ganzen 51 Stunden 12 Minuten in der Luft geblieben und haben damit den bisherigen Weltrekord im Dauerslug um volle 6 Stunden geschlagen. Franröfisch-Berlin. Bon Kurt Münzer. SDfrm kann jetzt in Berlin von acht Uhr abends bis ein Uhr nachts in Paris sein. Zuerst fährt man in den Wmiralspalast. Das ist das RiesenhauS mit Cafe, Restaurant, Bar, Tanzraum und den Bädern, die die Nacht über geöffnet sind, römische Bäder mit all und jedem Luxus, wo man die erste halbe Nacht sich abmassieren läßt, ausschwitzt, abwäscht, um für die zweite Hälfte frisch zu sein. In diesem selben Haus ist auch Hallers Revue- Theater, der ehemalige Eispalast, ein tiefes Parkett mit breiten Logen, und in den Rängen bunt beleuchtete Tische für Sekt, Wein — wenn es sein must, auch Mokka und Bier. Und dort spielen jetzt die Franzosen. Eine richtige echte übliche Pariser Revue — nicht die herrliche der Mistmguette! — ist da eingezogen, „Bive la femme", und gibt also den Berlinern die Illusion, am sündigen Fuße des kirchengekrönten Montmartre zu sei«. Aber sonst? Haller macht das großartiger, viel üppiger, sogar viel witziger. Er hat dieselben Soloattraktionen, und seine Girls sind schöner gewachsen, präziser in der Leistung, geschulter im Tanz, begabter und koketter. Der Faden, an dem diese 35 Bilder aus Paris aufgereiht sind, ist der Frauenleib. Viel hat nicht Platz auf ihm, manchmal uichts weiter als ein Feigenblatt. Versuch zu Idee, Handlung ist nicht einmal gemacht, .es sind gute, oft ausgezeichnete Barietenummern und dazwischen Ballettapolheosen: Schmuck, Federn, Blumen, Japan, Spitzen. — Nun, man weiß ja. Und diese Balletts mit dem ganzen Pariser Vorstadtkitsch ausgezogm, unter den fünfzig Tänzerinnen nicht fünf begabte oder schöne. Und was sich da paradiesisch unter rieselndem Wasser und ähnlich bloßüellt, ist wirklich eine Bloßstellung. Alle Illusionen gehen zum Teufel. Aber — da ist ein halbes Dutzend Solisten, eine schöne Sängerin, dann Jenny Golder, dann dr:i hinr.üßende Tänzer, Teufelskerle, Allcrweltskönner, witzig, grotesk, göttlich leicht, eine Spitzentäuzerin mit letzter Kunstfertigkeit. Jedenfalls: es ist Paris — gleichviel aus welchem Winkel. Man hört nur gebrochenes Deutsch und jubelt darob. O, wie ist — anfang des Frühlings — den Berlinern Berlin über! Darum um elf ein Zanken um die Taxis. Wettkämpfe ums Auto, gellendes Streiten um einen Zweisitzer. Ml dies im bunten Lichtflirren der Friedrichstraße, in diesem verwirrenden Poschiwara Berlins, während Louis stehen bleiben und feixen, während ihre MÄ»- chen mit heißem Blick in Nebenstraßen locken, kleine Jungen, der Nachwuchs der Kaschemmen, den Autoschlag aufreißen und die diebische Hand Hinhalten. Man jagt nach dem Westen zurück, von wo man kam, an den Zoo, in die stille baumreiche Hardenbergstraße, in die der Tiergarten duftet und technische und Kunsthochschulen ihre gewaltigen Komplexe strecken. Dort, im Rer.aissancecheater, agieren auch Franzosen, „Tu verras Montmartre", ein Kabarett von Pariser (etwas defekten) Kanonen, verblichenen Stars, . gewesenen. Prominenten. Allein Lucien Bayer, der unsterbliche Dichter des Valencia-Textes, verklärt die Bühne mit Charme, Geists Verve, Humor. Immerhin: es ist doch Pariser Atmosphäre im Theater, Lust vom Boulevard Montparnasse mit seinen Nebenstraßen, wo das witzige Volk von Paris seine bezaubernden kleinen Revuen und Ueberbrettl hat, wo nachts die südliche Seele Frankreichs ausbricht und den Fremden allein durch ihre Melodie und Glut berauscht. In dem süßen Theaterchen Berlins ist man wirklich traumversetzt in die Rne de la Gaiete oder da herum. Die Franzosen Berlins, tadellos, still, kultiviert, sitzen da und fühlen sich heimisch. Mer sie verabsäumten, insgesamt zum Mschiedskonzert der Caffaret zu kommen, dieser großartigen Klavierspielerin, die die männliche Kraft ihrer Auffassung und Darstellung mit frauenhaftem Timbre verklärt. Sie ist klassisch mit den Klassikern und impetuos, schlagfertig, diss. renziert mit den Modernen. Si^ i-l ein pikanter Gegensatz zu Erny Lamadin, die . in der klassischen Singakademie an neuer Musik Bravour und Kraft bewies. Eine resolute Pianistin, die ihr Draufgängertum künstlerisch zügelt. Die Sensation ihres Kon-. zertes aber: . . . Asta Nielsen, der unsterbliche Stern, auch wenn man ihn nicht leuchten läßt, immer noch das - einzige weibliche Filmgenie, vor dem die großen Gesellschaften sich fürchten. Sie kam in den Saal, und fast erlosch die Musik. Wir haben keine zweite Schauspielerin auf der Leinwand, von deren bloßem Da-sein schon so viel Bezwingung, Bewegung, Berückung ausgeht wie von ihr... Rüm, ist man schon deutsch versucht man es wenigstens französisch Bernauer und Oesterreicher, die in gottverlassener Stunde beschlossen, einmal uns tragisch zu kommen, bieten Scribe, Dumas (Vater und Sohn), Augier, alle Sensationsdramatiker Frankreichs auf und fabrizieren „Das zweite Leben". Im Komödierchaus kann Man es schaudernd über sich ergehen lassen: Zugkatastrophe, Ehebruchs gefärbtes Haar, Spielsalon, Kinderszene, Wiedererkennen, Uebermoral als Folge von Untermoral, Schlagansälle, falsche Totenscheine. Nichts fehlt dem „Zweiten Leben" als: das Leben. Es ist so viel Papier, daß ich das meine schonen will. Ach Dumas. -Ihn: glaubte man doch noch das größte Theater. Wer lachte, wenn seine Heldinnen litten und an Gift starben! Deutschland vertritt zurzeit in Berlin — wenngleich mit geistiger Einstellung, die über das Deutsche hinausreichen soll — Carl Sternheim. Seine „Schule von Uznach", längst bekannt durch Aufführungeu hier und da, ergötzt durch gutes Spiel im Königgrätzersttaßen-Theater, das die Bergner mit ihrer „Treuen Nymphe" verlassen hat. Vielleicht sott es auch nur Satire sein, daß Sternheim der Große, der Unentwegte, der Einzige, ins Familienblatt steuert, seine Mädchen, alt und jung, unter die Haube bringt. Vielleicht macht er sich lustig über den Mfall der Dichter von der unentwegten Literatur. Nun, so schlägt er die berühmten zwei Fliegen mit einem Schlage: er bleibt der literarisch hochwertige Witzbold und hat doch den Erfolg bei denen, die seinen Goldschnitt und f