Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 9 (1927)
- Issue
- Heft 2921 (15.4.1927)
- Date
- 1927-04-15
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 Wien, Freitag Wiener Morgenzettnns rs. April iss? Rr. 2921 Stärket den jüdischen Wahlfonds! Forderungen der palästinensischen Araber. Bon Dr. Fritz Loowenstein. Jerusalem. Die arabische Presse ist im allgemeinen über die Vorgänge im zionistischen Lager in großen Zügen richtig informiert. Sie kennt Jabotin skd und den Revisionisnms, sie verfolgt die innerer: Auseinandersetzungen des Jischuw. Weniger vertraut ist sie mit den Numrcen, die es bei uns in der Zluffassung über die arabische Frage und das politische Zukunftsbild des Zionismus gibt. Es fällt keinem Araber ein, auch nur ün mindesten daran zu zweifeln, daß die Juden nach der Mehrheit in: Lande strebeil, und daß sie ein dieser Mehrheit entsprechendes Uebergewicht in: Lande erstreben, ohne daß darin an uno für sich eine Unterdrückung der Araber gesehen werden muß. Das ist auch keineswegs erforderlich, unr die immer lvicderholte Krmdgebung zu verursachen, die Araber wiirden nienrals der Etablierung einer jüdischen Majorität im Lande zustinimen können, auch wenn diese jüdische Mehrheit den Arabern alle erdenklichen Sicherheiten aitböte. Für ein Volk, das heute noch entweder 80 Prozent der Gesamtbevölkerung ausmacht, ist dieser Standpunkt ein ganz natürlicher. Erst dann werden sich die Araber mit uns versöhnen, rvenn sie aavon überzeugt siM daß es nicht in ihrer Macht steht, die Erreichung der Mehrheitsbildlmg zu verhindern. Daß sie in der augenblicklichen Krise von dieser Ueberzeugmrg tveiter entfernt sind, als etwa vor zivei Jahren, nimmt nicht Wunder. 2lnf diese von mir schon wiederholt dargelegten Verhältnisse werfe-r Vorkommnisse der letzten Zeit, die übrigens ernes pikanten Beigeschmacks nicht entbehren, interessante Streiflichter. Die bekannte arabische Zeitung „Fa lest in" veröffentlichte ein Gespräch Mit einem „f ü h r e n d e n d etc t- ' scheu Zionisten". Die Zeitung betont einleitend, daß sie seit 16 Jahren den Kamps gegen den Zionismus führe. Diese» Kampf, bei dem alte Araber einig wären, hätte einen ersten Erfolg gebracht, nämlich des ChurchillscheWeißbuch! (Man erinnert sich hierbei daran, daß dieses selbe Weißbuch angeblich ein hohes Dokument Herbert Sa- Muelscher Staatskunftsein sott, und daß bedauert würde, daß die darin enthaltenen Erklärungen über das jüdisch-arabische Verhältnis uns aufgezwungen werden nmßten mihi nicht aus freier'Initiative vom'ZionistenkrMgreß ausgesprochen wurden.) Nun, fährt das arabische Blatt fort, begannen' astch . die'- Zionisten einzusehen, daß ihr PIän Unausführbar sei,' und' suchten nach .einer beiden Völkern genehmen Lösung der Frage, worin also ein deutlicher Verzicht aus den bisher erhobenen .Herrschaftsanspruch enthalten sei. Das also sei der zweite Sieg der Araber! Nun berichtet die Zeitung über die Unterhaltung mit dem führenden deutschen Zionisten. Dieser habe den Vorschlag der deutschen Zionisten mitgeteilt, daß Juden und Araber je ein Parlament haben sollten, ein oberster gemeinsamer Rat solle bestechen, die beiden nationalen Sprachen sollten gleichberechtigt sein, in Bezirken mit jüdischer Mehrheit sollten Juden, in solchen mit arabischer Mehrheit Araber die Beamten sein. Das seien die Vorschläge der deutschen Zionisten, die heute besonders für einen Modus vivendi mit den Arabern einträten. Auf' die Frage des deutschen Zionisten, wie sich die Araber zu.derartigen Vorschlägen stellten, habe die Redaktion entschieden zum Ausdrucke gebracht, daß sie diese Vorschläge ab lehne,, obwohl sie die in diesen Vorschlägen sich ankündigende Meinungsänderung im zionistischen Lager nicht verkenne. . Eines Kommentars bedarf diese Angelegenheit toohl tnchl.. Sie zeigt von neuem, daß für die vielleicht durchaus veruüniiiaen Vorschläge einer Aussöhnung mit den Arabern, die Zeit noch nicht gekommen ist, weil die Araber noch nicht glauben, zu irgend welchen Zugeständnissen genörigt zu sein. Denn der „binational.e Staat" erfordert vor allem von den Arabern.Verzicht auf die Stellmrg der herrschenden Natron im Lande Und bei den Arabern ist kerne Neigung de vorhanden. Nicht unerwähnensloert sott aber bleiben, der führende deutsche Zionist, ist. Da zurzeit der Präsident der Zionistischen Vereinigung für Deutschland, Herr Kurt Blumenfeld, in Palästina weilt, vermuteten weite Kreise, daß er derjenige war, der der Rcdats tion des „Falestin" die Ansichten des deutschen Zionismus, mitgeteilt hat. Aber diese Vermutung ist unrichtig; in Wahrheit war der deutsche Zionist, von den: „Falestin" berichtet, ein — Revrsiomst , Korrespondent einer bekannten Tageszeitung, selbst durchaus kein Anhänger dieser Ansichten! Das hat freilich der „Falestin" nicht zum Ausdruck gebracht. Inzwischen hat ein anderes arabisches Organ, dev „Alis Ba" Gelegenheit genommen, dasselbe Problem au Hand eines Llrtikels von Robert Weltfch in New-Pale sti ne zu behandeln. Deutsch verstehen nur sehr weniss * Araber, so daß vermutlich hie von der Mehrheit der deutschen Zionisten verfolgte Politik den arabischen Kreisen ziem!- lich unbekannt geblichen ist. Englisch dagegen beherrschen toohl alle Redakteure,. wenn es auch zweifelhaft ist, ob sie die zionistischen Blätter in englischer Sptachr im allgemeinen verfolgen. Nach Wiedergabe des Inhalts des genannten Artikels äußert sich das Blatt folgendermaßen (wir folgen der Uebersetzuug im „Dawar vom Freitag, den 1. April): „Unsere Ansicht Über diese Vorschläge ist, daß die Zionisten noch immer viel verlangen, wenn auch in diesen Vorschlägen eine erkennbare Konzession gegenüber dem Gedanken in seiner ursprünglichen Form liegt. Wir sind damit einverstanden, daß die Kolonieleitungen (gemeint sind natürlich die jüdischen Kolonien) nur ans Juden zusammengesetzt sind, aber wir werden niemals dem zustünmen, daß in den gemischtnationalen Städten die Inden dieselben Rechte haben sollen, wie die Araber, obwohl die letzteren die Mehrheit haben und seit Jahrhunderten ansässig sind. Ebenso werden wir niemals dem zustimmen, daß zwei nationale Versammlungen, eine jüdische und eine arabische, geschaffen werden sollen, und diese gleiche Rechte haben sollen. Ebenso ist es ausgeschlossen, daß das Hebräische mit dem Arabischen gleichberechtigt sein soll und daß die Juden im gleichen Maße wie die Araber in den hohen Regierungsstellen tätig sein sollen. Denn die Araber sirw die Herren des Landes und die Juden sind anzusehen wie die arabischen Emigranten in Amerika, und ist es jemals einer Regierung, etwa der amerikanischen, eingefallen, den arabischen Einwanderern die Rechte zu gewähren, die die Bürger des Landes genießen? Niemand von uns ist dagegen, daß die Juden mit uns in Frieden leben, aber unter der Voraussetzung, daß sie auf den grundsätzlichen zionistischen Gedanken verzichten. Sie mögen mit uns leben und die Rechte einer Minderheit genießen, aber sie sollen nicht mehr verlangen, als ihnen nach der Zahl im Lande zukommt. Negierung, Parlament und Sprache müssen arabisch-national sein und die Juden sollen alle die Rechte haben, die jede andere Minderheit hat. D i e Einwanderung muß - natürlich gänzlich aufhören. Denn es wird den Juden doch nicht einfallen, zu glauben, wir würden dem zustimmen, daß sie einmal die entscheidende Mehrheit im Lande werden." Die Antlvort ist eindeutig. Mau sieht in dm so ehrlich gemeinten Versuchen, eine Ba'iZ zur Verständigung. zu fitw den, nur Schwächezeichen, auf die mau mit einem unem bittlicheu „Nein" antwortet. Keine weitere Einwanderung^ Das ist die Kardinalforderung für die Versöhnung. Die Araber wissen ganz genau, daß eine jüdische Minderheit im Laude, wie sie h'eukbesteht, dem Lande wirtschaftlichen Nutzen bringst, chne die politische Herrschaft der. Araber zu gefährden. Da es Nientändrn in der Zionistischen Organisation gibt, für den dieser Vorschlag diskutabel wäre, sollce eigentlich klar sein, daß uns nur eins zu tun übrig bleibt: Zusammenschluß aller Kräfte, um' nach Ueberwindtmg der gegenwärtigen Stagnation mit größter Be'chleunigung einzuwandern und zu kolonisieren, um uröglichst schnell bei den Arabern den geistigen Umstettungspro'zeß zu erreichen, von dem allein die Aussöhnung abhängt. Schlägt maul heute 'dein Araber gleiche politische Rechte für beide Nationalitäten vor, so kann er darin nichts sehen, als Herrschaft der Minderheit über die. Mehrheit. Werden wir ihm! dieselben Vorschläge machen, wenn wir gezeigt haben, daß wir entschlossen sind, zur Majorität zu werden, daß wir auch imstande sind, es.zu tun, und daß wir, gerade als Majorität, bereit sind, dem Araber Gleichberechtigung mit uns! zuzuerkennen, dann wird die Basis zu einer Aussöhnung gefunden fein. Die „Poale Zion" verlangen von der Sozialdemokratie Rücksicht auf Judentum und Zionismus. Die jüdische sozialdemokratische Arbeiter-Organisation -'Poale. Zion hat eine Erklärung ausgearbeitet, für die jetzt Unterschriften, geßmftnelt 'ttxrdrn,': und» die. sich an die ,Hy-. ziäldemokratie Deutschösterveichs" weud-st. In der 'Erklärung werden an die Sozialdemokratie Forderungen gestellt, die! eigentlich selbstverständlich sind: Sie solle die jüdischen Minoritätsrechte schützen und das jüdische Palästinawerk fördern. Die Sozialdemokratie hat beides bisher, nicht nur nicht getan, sondern geflissentlich unterlassen. Das und die ( Motive sind zu gut bekannt, als daß man. darüber, noch viel Worte verlieren müßte. Die österreichische Sozialdenrokratie wird auch in Zukunft ihre Haltung nicht ändern und sollte sie den Poale Zion Versprechungen gemacht haben, so sind das eben Wahl zu sagen, wie sie in solcher Zeit , M.Dutzenden gemacht werden. Darüber , geben sich wohl auch die Poale Zion keinen optimistischen Hoffnungen hm. Interessant! ist nur, daß sie mit dem Elaborat ihrer Erklärung die vollständige Erfolglosigkeit ihrer bisherigen Bemühungen selbst seststelten. Sie sind nicht imstande gewesen, die Parteileitung zur Anerkennung der primitivsten Demokratie zu bewegen und wie die Erklärung zeigt, haben sie trotz jahrelanger Arbeit nicht einmal unverbindliche Versprechungen erreicht. Aber-sie leisten jetzt;' dieser selben Parteileitung Schützenhilfe, indem.sie so und so vielen Leuten einreden wollen,' die Unterschrift hätte' den Wert, die Haltung der Partei zu ändern, allerdings unter der Voraussetzung, daß diese Leute sozialdemokratisch wählen' werden. Das ganze ist ein Wahlmanöver, mit der sozialdemokratischen Partei verabredet, und wir warnest davor, diese.Komödie mitzuspielen. Wählet nur die jüdische Liste — das wird ein weitaus kräftigeres Mittel sein, die Sozialdemokratie zur Demokratie zu bringen und die jüdischen MinoritätSrechte zu schützen. In der unbeobachteten Provinz. In Wien sind die Sozialdemokraten in Betreff der Juden höchst vorsichtig. Sie haben den Redakiionscintisemiren der „Arbeiter-Zeitung" vis zürn 25. April beurlaubt. Was sonst zu tun ist. bleibt Aufgabe der werktätigen Faktoren. In der Provinz ist das anders. Dort kann ungescheut und offen gesprochen werden. So lesen wir in der „Grazer Tagespost" vom 11. April einen Bericht über eine Wähierversammlung der Sozialdemokraten in Straß am 8. April. Die Versammlung war von büpgerliHsn Parte: anbequemen. So erklärte also der sozmlbeiukl« kratische Referent, Landesrat Machold, selbst Antisomit zn sein. Was wir den Werktätigen und den Wiener Juden mitteilen. MWe WSHlerverfamMlunsM. Morgen, Samstag, den 16. April: 5 Uhr nachmittags, Machstke Hadat-H, 2. Bog., Schiffamtsgasse 20. Redner: Dr. Israel W.aldmann, Komm.- Rat Max Markus. b Uhr nachmittags, Livias Chen, 2. Bez., Hollandstraße 2. Redner: Dr. Heinrich Glanz. 5 Uhr nachmittags, Mechisch Jeschuah, 2. Bez., Josesinengasse 7. Redner: Samuel Kantor, Dr. Israel Taubes. 5 Uhr nachmittags, Sadagora-Klans, 2. Bez., Herminengasse 8. Redner: Dir^ Josef B o ckse n b a u m, David Nebe nzah l. Somttag, den 17. April. 4 Uhr nachmittags, Machstke Hadath, 2. Bez., Schisfamtsgasse 20. Redner: Kamm.-Rat Max Markus, David Nebenzahl. v 4 Uhr nachmittags, Livias Chen, 2. Bez., Hollandstraße 2. Redner: Wolf Herzberg, Dr. Israel Waldmann. 4 Uhr nachmittags, Mechisch Jeschuah, 2. Beß., Josesinengasse 7. Redner: Bezirksrat P l a s ch k e s, Dir. Josef Bo ckse n bäum. 4 Uhr nachmittags, Sadagora-Klaus, 2. Bez., Hermmengasse 8. Redner: Samuel Kantor, Dr. Heinrich Glanz. 6 Uhr nachmittags, Äethaus. Beth Jzchok, 2. Bez., Wohlmuthstrcche 21. Redner: Dr. Leopold Plaschkes. Montag, den 18. April. '8 Uhr abends, Bethaus Ennsgasse 17. Redner: David Nebenzahl. * An die Sprengelleiter! Diejenigen Sprengelleiter, welche ihr Material noch nicht abgeholt haben, wollen unverzüglich in unserem Zentralwahlbureau, Wien, 2. Bez., Daborstraße 1—3 (Telephon 43-3-19, 44-0-39), das Material in Empfang nehmen. Me Wahlbevegimg. Was doch die Wahlen bringen! Wählern besetzt und ihnen müßte sich die einberufendv Werbet und agitiert für die Jüdische Liste! Trauet Reinen Versprechungen von nichtiildlscher Seite! Wählet Jüdisch!