Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 9 (1927)
- Issue
- Heft 2920 (14.4.1927)
- Date
- 1927-04-14
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 2920 Wen, Donnerstag bes-eh.'. Zwei^ähr!g.' St.uerz.hlung vor d^rr Wahl) Frauen und Angestellte b:t Gtemcinbe fyahen fein passives Wahldfjt usw. Alle Anträge der Opposition für eine zeitgeäste Mahlrcform inurdm aügelehnt oder verschleppt. So i ht di? „Demokratie" uns rer jüdischen Demokraten auS. .Zirllich dcmolralisch gesinnte Wähler werden deshalb am M. April für die Jüdische Liste stimmen und -',4 dahin eifrig dafür werbe»! ,Lwri". „zugereifte." Aus dem Wahttexikori der Demokraten. Man schreibt uns: Im Cafe City, in dar Berggaste, hielten die „Demokraten" am Montag abends eine Versammlung ab. Die Redner zeigten ihre demokratische Weltanschauung in der Form von beleidigenden und unsachlichen Behauptungen gegen die jüdische Liste. Als eine Frau Grünfeld in der bekannten Art der „bodenständigen" jüdischen Antisemiten von den Zugereisten sprach, ward es den anwesenden jüdischen Studenten zu Hunt. Sie meldeten sich zum Wort und wandten sich gegen die Demokraten, die ohne ein produktives Programm und ahne moralisches Recht bei den Juden Wähler suchen, da sie sie doch bei dcn christlichen Deutschen nicht finden können. Das energische Auftreten der jüdischen Studenten übte denn auch seine Wirkung, und die meisten der Anwesenden erklärten, nur für die jüdische Liste zu stimmen. eine Rede des Prozessors llde. . * Die zehn Gebote. Professor Ude, der von den katholischen Kreiscm oerfolgte steirische Theologe, hat gestern vor einer Massenversammlung in Wien seine erste und einzige Rede halten. Er kann nicht als Führer seines Wirtschaftsvereines kandidieren, da ihm dies von der kirchlichen Behörde verboten worden ist, und es ist nicht ohne Wert sestzustellen, daß dieser Mann von einer Richtung mundtot gemacht werden soll, die sonst gegen die Juden den Vorwurf der starren Intoleranz und des „Staates im Staate" erhebt. Es ist aber auch die Zuflucht der Schützer dieser Wahlordnung, die nur die großen Parteien gelten lassen will und jede Individualität in den Pferch der Partei! sperren will. Professor Ude wurde mit stürmischen Ovationen empfangen und mit einem mächtigen Blumenstrauß beschenkt. Seine Rede, die sich in der Hauptsache gegen die antimarxistische Einheitsfront wandte, brachte den christlichen Wählern eine Erkenntnis, die ja wieder verblassen wird. Wer sie wurde ausgesprochen: Die poli ische Moral und das Zusammenleben der Menschen muß sich auf den zehn Geboten aufbauen. Diese zehn Gebote sind der ewige geistige Schatz des jüdischen Volkes und vielleicht deshalb richtet sich jede Politik, der Marxisten tvie der .Antimarxisten, gegen das Judentum. Ude fordert, religiöse Aufrichtigkeit Er verlangt Wahrheit und feste Gesinnung. Jeder muß das, was er ist, ganz sein; sonst ist er ein Heuchler und ein Lump. Gegen diese Maxime der Ehrlichkeit sündigen alle Parteien, die insgesamt, Sozialdemokraten und Christlichsoziale, seit acht Jahren allem Problemen der armen Menschen, der Kleinrentner, Beamten und Pensionisten, tatenlos gegenüberstehen. Die Ausführungen Udes wurden mit starkem Beifall ausgenommen. Morgen werden alle, die ihn hörten und feine fanatischen Aufrichtigkeiten bejubelten, wieder zu den Fronten von rechts und links laufen und die zehn Wiener Morgenzettrmg KUNEROL Verbürgt reines Fett aus Kokos« missen. Die Kokosnüsse werden bei der Kunerolwerke A. G.,Wien* „ Atzgersdorf, gepreßt und die Er* zeugung steht bis zur Verpackung des fertigen Fettes unter strengster Aufsicht des Herrn T* •’irksrab* biners 8. Ehrenfeld zu bjuiiursbtirg. Kunerol kann daher vo.. jedem Streng* gläubigen ohne Bedenken zur Zuberei* tung der Speisen verwendet werden. Gebote iit alle Winde schlagen. Hakenkreuzver, die in der Versammlung waren, machten sich durch antisemitische Witzeleien bemerkbar. Ude reflektierte scharf und energisch: „Es ist noch viel ärger, wenn ein Christ die Christen beschwindelt!" Am Schlüsse teilte Dr. Ude noch mit, daß man es versucht habe, ihn von seiner Agitation durch Geldangebote abzubringen. Nun erhob sich am Saalausgange ein großer Lärm. Ein Mann zieh Dr. Ude der Lüge. Die Versammlung brach hierauf in stürmische Hochrufe auf Ude aus. Dr. Ude forderte die Versammlung auf, sich von dem Zwischenrufe nicht stören zu lassen. Unter stürmischen Beifall beendete Ude seine Rede. Nach ihm sprach der Pogromist O rel, während dessen Ausführungen die Leute davonliefen. * Professor Dr. Ude erhielt vom bischöflichen Ordinariat in Graz die Mitteilung, daß ihm die Erlaubnis zur Kandidatur für den Nationalrat, um die er bisher nicht angefucht hatte, nicht mehr erteilt werden könne. sewel Wer llde. Jir einer Frauenversaimnlung auf der.Landstraße kam gestern abend der Bundeskanzler Seipel auf die Persönlichkeit des Professors U d e zu sprechen und sagte u. a.: Die christttchsozrale Partei stehl mit dem Rücktritt Prof. UdeS in gar keinem' Zusammenhang. Auch das feinerzeitige Redeverbot ist nicht von ihr verwirkt worden, sondern war eine i n ne rki rch li che A ngele genhe l t. Wenn man uns schon nicht glaubt, daß wir aus anderen idealen Gründen uns nicht in parteipolitischen Angelegenheiten hinter kirchliche Autoritäten verschanzen, so möge man wenigstens glauben, daß wir klug genug sind, um nicht jemand, der einmal gegen uns austritt, zum Märtyrer zu st e m» peln. Den Rücktritt von der Kandidatur hat, wie ich lese — ich habe keinen Grund an der Nichtigkeit dieser Meldung zu zweifeln — Professor Ude Wft eindeutig begründet. 14. April 1927 Seite B Das kirchliche Gesetzbuch verlangt, daß jeder katholische Geistliche zur Kandidatur um ein Abgeordnetenmandat und zu dessen Annahme die Erlaubnis seines Bischofs, das heißt des Bischofs der Diözese, der er angehört, und des Bischofs, in dessen Jurisdiktionsbereich sein Wahlkreis liegt, braucht. Selbstverständlich gilt diese Bestimmung auch für mich und ich habe seit 1919 noch vor jeder Wahl und zwar, bevor die Kandidatenlisten aufgestellt worden sind, ordnungsgemäß um die notwendige kirchliche Erlaubnis angesucht. Jüdische Studenten und Studentirme«! Nur noch zwei Wochen trennen uns von den Wahlen. Habet ihr, vergessen, daß ihr an den Hochschule n schutzlos dem Antiftmit'.smus ausgeliefert seid? Wisset ihr nicht, daß ein Gesetz foi Vorbereitung ist, das euch zu rechtlosen akademischen Bürgern erniedrigt? Begreifet ihr, daß nur bewußt jüdische Vertreter, auf jüdisches Programm gewählt, eure Interessen vertreten können? Ihr dürft nicht untätig abseits stehen, wenn mit eure Rechte und um eure Ehre geht. Wir. fordern euch auf, euch vollzählig in den Dienst der jüdischen Sache zu stellen und an der Wühlarbeit tatkräftig tetlzunehmen! Werbet für die „Jüdische Liste"! Das Wahlkomitee der jüdischen Student, nschaft. * Anmeldungen zur Mitarbeit werden cntgegengenommen: a) Mensa aoademioa judaica, 9. Bez., Zimmermannplatz 8, bei Frl. Braunstein, täglich von 12 bis 5 Uhr. b) In der Lese- und Redehalle jüdischer Hochschüler, 9. Bez., Türkenstraße 9, täglich von 4 bis 10 Uhr. c) Im jüdischen Wahlbureau, 2. Bez., Taborstraße 1, während des ganzen Tages. d) Im jüdischen Agitationslokal, 9. Bez., Glasergasse Nr. 4 a (Souterrain), täglich von 3 bis 6 Uhr. » an die Wische Mend Biens! Seid ihr als Z i o n i st e u an den Wahlen interessiert oder nicht? Ueberlegt das selbst, nachdem ihr die Ausführungen eurer Freunde gehört habt. Erscheinet alle in den Mischen Jugendversarmnlungen, in welchen Studenten zu euch sprechen werden! Das Wahlkomitee der jüdischen StudentenschaA, * Jüdische Jugendversammlungen finden statt: . Donnerstag, 8 Uhr, in der Lese- und Redehalle Mischer Hochschüler, 9. Bez., Türkenstraße 9. Redner: Doktor Sam. Schmer ler, Moses Landau. Die Versammlung im Cafe Dödlingerhof fällt aus. Bei der jüdischen Wählerversammlung, die heute abends im Gasthaus P r a y e r in der Silbergasse (Döbling) stattfinbrt, wird Herr Chaim Gelber über die Jugendsrageu referieren. Samstag, präzise 8 Uhr, Lese- und Radehalle Mischer Hochfchüler, 9. Bez., Türkenstraße 9, Mädchenversammlung. Redner: Chaim G e l b e r, Dr. S. Schmer ler, M. Landau, Jakob Stark. Was erführt der Arzt aus den Büchern des Zokevhus Flavins? Ein Beitrag znr Mischen Geschichte der Medizin. Von Prof. Dr. Max Neuburger. 3.*) Der „Aussatz"und der Auszug aus Aegypten. Die Zaraath-Krankheit, der „Aussatz" der Bibel, ist nach neueren Forschungen ein Sammelbegriff, der außer der Lepra eine Reihe von Dermatosen in sich schließt. Josephus (Jüd. Altert. II, 12, 3) erwähnt eine Form, die wie der Kalk der Wand, also gleichmäßig glänzend, aussieht. Sehr interessant sind nachfolgende Bemerkungen, denen geradezu historische und apologetische Bedeutung zukommt, weil man in gehässiger Weise den Auszug aus Aegypten zu einer Vertreibung der Hebräer wegen des ihnen anhaftenden „Aussatzes" gemacht hatte. „Die Aussätzigen", sagt Josephus, „sonderte Moses 'für immer von der Gemeinschaft der Gesunden ab, da sie mit niemand Umgang haben durften und in nichts von Toten unterschieden. Wenn aber jemand durch Gebet von Gott die Befreiung von dieser Krankheit erlangte und sein gesundes Aussehen wieder erhielt, so dankte er Gott durch Opfer . . . daher machen sich diejenigen lächerlich, welche behaupten, Moses sei selbst mit dem Aussatz behaftet gewesen und deshalb aus Aegypten geflohen, und auch die Hebräer hätten am Anssatz gelitten, und er hätte ste darum, nachdem sie aus Aegypten ausgewiesen, nach Chamna geführt. Somit ist es klar, daß nur der Neid ein solches Gerede verschuldet hcOm kaum" Mit diesen Ausführungen wollte Josephus besonders den gehässigen Ausfällen des alexandrittischeu Grammatikers Apion begegnen, der sich auf die Historiker Manetho Chair.mon und Lysimachos stützte. Diese hatten nämlich sich selbst un!ei i milder widersprechende Berichte über den Auszug der H.brüer ans *) Siehe „Wiener Morgen,Murig" vom IN. und lS. April 1937. Aegypren Hinterlagen uno bcttielöeu mit der angeblichen Austreibung Aussätziger aus dem Nillande in lügenhafter Weise in Beziehung gebracht. In der Schrift gegen Apion spricht.Josephus im allgemeinen über die mosaische Sozialhygiene mit berechtigtem Stolz und rühmt es, daß in der Lebensweise des jüdischen Volkes nichts der Willkür des Einzelnen überlassen geblieben ist. „Wird uns auch", ruft er aus, „unser Reich-- tum, unsere Heimat und was wir sonst Gutes haben, entrissen, das Gesetz wenigstens bleibt uns unzerstörbar, und kein Jude kommt so weit von seinem Vaterlande weg und fürchtet einen erbitterten Tyrannen so sehr, daß nicht seine Scheu vor dem Gesetz noch größer wäre!" Noch einmal weist er den gehässigen Vorwurf des Apion zurück, daß die Hebräer ihres Siechtums wegen aus Aegypten ausgewiesen worden seien und hebt hervor, daß sie freiwillig und von Gesundheit strotzend in ihr Heimatland zurückkehrteu. Die Reinheitsge setze. Die Reinheitsgcsetze, denen objektiv ein hoher hygienischer Wert zugesprochen werden muß, behandelt Josephus mit einer gewissen Anpassung an den hellenischrömischen Leserkreis, wobei gelegentlich eine rationalistische Erklärung zu geben versucht wird. Als besonders wichtig führt er an: die meist dauernde Ausschließung der Aussatzkranken, die vorübergehende Isolierung der ain Samenfluß (Gonorrhöe) Leidenden, der Menstruierenden bis zum 7. Tag, der Wöchnerinnen bis zum 40. bezw. 80. Tag, sowie derjenigen, welche ein Leichenbegängnis besorgt hatten. Den Reinigungsakt. welcher aus einem Bottbade, einem für den Einzelfall vorgeschriebenen Opfer, Besprengung mit Sühnwasser, bestand, erheischte schon die Pflicht, sein P.ssahopfer im Tempel zu schlachten und es in Reinheit zu essen. Jeder mußte also darauf sehen, mindestens zu dieser Zeit „rein" zu sein; Aussätzige, Gonorrhöische, in der monatlichen Reinigung begriffene Weiber und anderweitig Verunreinigte durften an dem Passahopser> nicht teilnehmm. Den Priestern machte Moses doppelte Reinheit zur , flicht, sie mußten keusch und enthaltsam sein, sich des Weins enthalten, solange sie ihren Dienst versahen, sie durften keine Dirne, keine Sklavin, keine Kriegsgefangene, keine Schmkwirtin ehelichen. Auffallende Abnormitäten des Körpers begründeten die Uu-- tauglichkeit zum priesterlichen Beruf. — Was die Beschneidung anlangt, so weist Josephus, um dem Spott Apions zu begegnen, darauf hin, daß die ägyptischen Priester sich alle beschneiden ließen. Auch berichtet er in Uebereinstimmung mit dem Makkabäerbuch, wie sich die Assimilanten eines Kennzeichens zu entledigen gesucht hatten, das die jungen Männer in den griechischen Ringschulen der Verspottung aussetzte. Die Speisegesetze, z. B. das Verbot, Blut zu genießen, sucht Josephus zu erklären und hinsichtlich der Sabbatruhe sagt er von seiner Epoche: „Es gibt keine gniechrlsche oder barbarische Stadt, wo nicht unser Brauch, am siebenten Tage die Arbeit rühm zu lassen, Eingang gefunden hätte." Heilmittel. Nicht ohne Interesse sind manche Angaben pharmakologischen Inhalts. Josephus beschreibt z. B. die Gewinnung des Asphalts aus dem Toten Meer und sagt, der harzige Stoff diene auch zu Heilzwecken und werde vielen Arzneien beigemischt. Schon im Papyrus Ebers kommt der Asphalt unter dem Namen „Stein vom Munde des Wassers" in mehreren Salbenrezepten für Alopecie, für Unterleibskrankheiten, Gebärnintterleidm vor. Dioskurides, der größte Pharmakolog des Altertums, sagt: Der jüdische Asphalt verdient den Vorzug vor dm übrigen. Von den Landesprodukten Palästinas fanden namentlich Balsam, Myrrhe, Terebinthen und Honig sehr bedeutende arzneiliche Verwendung. Schon Jakob gab sie seinen Söhnen als Geschenke für Aegypten mit. Aus ägyptischen Tempelrezepten und aus Bibelstellen geht hervor, wie sehr das Myrrhenharz geschätzt wqr. Die Beherrscherin von Aethiopien, Königin von Saba, soll dem Salomo die ersten Pflanzen des Opobalsams, der jetzt noch in unserem Lande ivächst, geschenkt haben. -*• Bei Jericho wächst die Palme und gedeiht der Opobalsam, aus dessen Früchten, ivenn sie mit einem scharfen Stdn