Mannheim
Compact Memory

Wiener Morgenzeitung · 1927-04-14 · Heft 2920 (14.4.1927) · p. Seite 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
9 (1927)
Issue
Heft 2920 (14.4.1927)
Date
1927-04-14
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2979076-2981905-2982008--29718-3017873
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

5dte-2 WrvK, LwMWkskOg 14. April 1927 ÄölORET tötogAeUIEttUWA Ne Unkultur -er Entju-mg. Bon F. Hellerckerg. Für die ungcheuerlichen Zumutungen, Vre an die Angehörigen des jüdischen Volkes in diesem Wahllampfe von verschiedener Seite — leider auch von Menschen jüdischen Stammes — gestellt wurden, gibt es nur eine, einzige Erklärung. Es sind die Folgen eines nun schon die dritte Generation hindurch wütenden Entjudungsprozesses, die sich hier in ihrer abstoßenden Widerlichkeit zu enthüllen beginnen; sie sind es, die diese früher unmöglich geglaubte Haltung so vieler Nichtjuden zur jüdischen Bevölkerung und di? erbärmliche Einstellung mancher Juden zu sich selbst bedingen. Es ist d-4e: Unkultur, der Assimilation. Mrs wird von der jüdischen Bevölkerung in diesem WMkampf verlangt? Zunächst seitens unserer Feinde von rechts, der ch-riMchfozial-hakenkreuzlerischen Einheitsfront. Man sollte meinen, mit diesen hätten wir Juden uns nicht weiter auseinoUderzufetzen. Sie sind unsere erklärten Feinde, die unsere Zurückdrängung mtb Entrechtung auf ihre Fahne geschrieben haben. Sie wenden sich an Bevölkerungsschichten, bei denen sie die gleichen Gefühle unserem Volke gegenüber vorcmssetzen, wir dagegen an unsere Angehörigen, und der Kampf wird — wie das übrigens bei. arisch-germanischen Heroen selbstverständlich sein sollte — mit offenem Visier geführt.- Aber nein, diese treuherzige Offenheit hat man uns gegenüber heute, nicht mehr notwendig. Mein Gott, früher, als der Entjudungsprozeß noch nicht so weit fort geschritten war, als noch nicht so viele rrnseres Volkes jedes nationalen Kultu rbewußtseins, jeder jüdischenWürde entkleidet waren, da konnte man uns höchstens totschlagen, vertreiben — nicht aber moralisch bespucken. Ae Zumutung, daß wir irgendwo, als freie Bürger irgendeines Landes, freiwillig diejenigen zu unseren Vertretern wählen, die ans unsere Erniedrigung und Beleidigung unseres Menschentums ausgehen, wäre njmmondan eingefallen. Heute wird nns auch diese Erbärmlichkeit zugetraut. Freilich glauben wir nicht an den Erfolg dieses Beginnens. Die Auffassung, daß diejenigen Angehörigen unseres Volkes, die einer bürgerlichen Weltanschauung huldigen, ausgerechnet der antisemitischen Einheitsfront ihre Interessen anvertrauen können, ist schon darum ein Unsinn, well diese gar keine Bürgerlichen im wirklichen Sinne dieses Begriffes umfaßt. Daß die Christlichsozialen eine bürgerliche Partei seien, ist — bürgerlich gesprochen — emc rein sozialdemokratische Behauptung. Es war Doktor Renner, der zu den Wahlen des Jahres 1923 in einem tiefgründigen Artikel darzulegen versuchte, daß die Christlichsozialen „ihren Charakter gewandelt" hätten und Seipel „ber Judenliberale in der Soutane" sei, für welche ©ftnbe wider den Geist Luegers „früher oder später das Urteil über ihn wird vollzogen werden". Man braucht wohl nicht erst , an den Programmpunkt vom „zersetzenden Mischen Einfluß" zu erinnern, um nachzuweisin, daß Dr. Renner seinem Nachfolger im Bundeskanzleramt bitter unrecht getan hat. Die Christlichsozialen sind ebenso, wenig heute eine bürgerliche, wie sie jemals eine sozialistische Partei tvaren. Sie sind eine reaktionär-klerikale, antisemitisch-monarchistische Partei, die noch jedes demagogische Schlagwort — komme es von welcher Seite immer — gegen den freien Handel, gegen die freie Betätigung des Kapitals am lautesten mitgebrüllt haben. Man darf sich auch durch ihr, übrigens vor den Wahlen einigermaßen gedämpftes Auftreten gegen den Mieterschutz nicht irritieren lassen. Gerade der Mieterschutz ist heute keine Angelegenheit einer einzelnen Klasse. An ihm ist das Bürgertum in nicht geringerem Mgße interessiert als die Arbeiterschaft. Ja bei sehr vielen bürgerlichen Geschäftsleuten ist der Mieterschutz überhaupt die Voraussetzung der ganzen Existenz. Die sehr in Betracht kommende Differenz zwischen der teueren Lokalmiete von einst und dem billigen Zins von heute ist ein wesentlicher Faktor ihres kaufmännischen Bestandes. Vom drohenden Gespenst des „MsgeMetetwetdeW" gar nicht zu reden. Eine bürgerliche Regierungspartei hätte nie die Hetzjagden gegen die Kaufmannschaft, r^n -sensationellen Fried- Prozeß mitgemacht. Wer als Bürgerlicher der christlichsozialen Partei seine Stimme gibt, begeht vor allem eine ebenso unverzeihliche Dummheit an seinen bürgerlichen Klassenipteressey wie — wenn er zufälligerweise Jttde ist — ein Verbrechen an den Angehörigen seinesVolkes. Und damit erledigen sich hier auch alle anderen'Parteien und Parteichen,, die in die antisemitische Einheitsfront gegangen sind oder zu gehen bereit waren, Me die bürgerlichen Demokraten et tutti quantr. Denn, sage mir, mtt wem du in eine Einheitsfront zu gehen bereit warst, und ich werde dir sagen, wer du bist. Wer mm zu unseren Freunden von links, der offiziellen österreichischen Sozialdemokratie. Bon dieser Seite wird uns das ganze Jahr hindurch versichert: ,Hhr mißversteht uns. Was wir gegen euch tun, tun rmr unter Zwang. Wir müssen auf die Stimmung der zahlenmäßig überwiegenden Volksschichten Rücksicht nehmen, die nun einmal von gewissen antisemitischen Instinkten nicht frei sind. Wenn wir diese vor den Kopf stoßen, liefern wir sie dem Einfluß der Gegner aus, Ihr müßt es daher begreifen, daß wir uns für euch nicht exponieren, keine „Judenschutztruppe" sein können. Im Interesse des größeren politischen Einflusses und Aktionsfähigkeit unserer, der einzigen sozialfortschrittlichen Partei in diesem Lande muß uns das Hemd naher sein als der Rock." Wenn wir aber zu Wahlzeiten die Herren beim Wort nehmen und erklären: „Für euch sind wir also bloß der Rock, der euch nicht so nahe sein kann wie das Hemd. Auf gut deutsch: Wir sind für euch trotz allem Internationalismus doch nur eine Minorität, auf die eine Volkspartei nicht immer im gleichen Maß« Rücksicht nehmen kann wie auf die Angehörigen des Majoritätsvolkes. Ihr könnt euch ,im Interesse des politischen Einflusses der Partei für uns nicht exponieren. Nun, dann wollen wir eben selbst nach dem Rechten sehen. Wir wol-' len die politischen Angelegenhriten der jüdischen Minorität, die als solche eben mchr wie jede andere Vvlksschichte eines verstärkten, wachsamen öffentlichen Schutzes brixrrf — in die Hände, jüdischer BertMer legen." O, da werden wir des Verrates an der Idee des Fortschrittes, des Sozialismus, der Ktasseninteressen des Prvlotariats beschuldigt und in manchen Bezirken, wo man ' kontvollos über uns reden kann, sogar der Bettgemeiwschuft mit Seipel und Ri-chl bezichtigt. . Man begreife, was uns. diese unsere Freunde antun! Für jede andere Minorität.wird nach, .dem Programm der österreichischen Sozialdemokratie' — ja dieser zu allererst — freie politische Betätigung als. Minorität durch eigene polllische Vertreter geftnderi. Nur ivir Juden, müssen jeder Benachteiligung, jedem Rechtsraub an unseren Angehörigen zusehen und sollen nicht das Recht haben, in den maßgebenden öffentlichen Mrperschasten unsere eigene Stimme zu erheben, sollen, wie Entmündigte oder Verbrechet, nur auf Umwegen, durch die Vertreter anderer Volksschichten, .unsere Beschwerden Vorbringen können, wenn diese so liebenswürdig sinh, sie anzuerkennen und unsere Wünsche nicht mit denen ihrer Mandanten im Widerspruch finden. Sind wir auch in den. Augen der österreichischen Sozialdemokratie nur Menschen minderen Rechtes, so - lange wir nicht. völlig rin die anderen Völker aufgegangen sind? Bedeutet auch; für sie unser bloßes Dasein — besonders wenn wir Ostjuden sind — eine „Provokation zum Antisemitis- -mus"? Es sind ja vielfach Menschen jüdischen Stammes,; die diese merkwürdige Haltung unserem Volke gegenüber ' an den Tag legen. Wir haben als einzige Erllärung für die demütigen- .den Zumutungen, die wir als Juden in diesem Wahli kampf erleben, die Unkultur der Assimilation angeführt. Was ist darunter zu verstehen? Wenn jemand eine fremd« Sprache — etwa die chinesische —sich anrignet, um in dieser mit dem Volke, das diese Sprache spricht, sich leichter verständigen^ zu können, so ist das gewiß keine Assimilation. Wenn die; Intellektuellen eines Volkes sich bemühen, in den Geist; einer ihnen bis dahin ferne gelegenen Kultur .rinzu- ' dringen, die Schätze etwa der indische» Philosophie sich anzurignen, um sie ihrem eigenen Volke zugänglich zu machen, so ist das ein Zulernen, ein Erweitern der eigenen Kulturbasis, aber noch lange keine Assimilation. Wem: aber die Angchörigen eines Volkes in der Nachäfferei anderer, iveil mächtigeren Völker von der Kultur HreS eigenen Volkes nichts mehr wissen wollen, ihre Kinder nicht nur ausschließlich in der Sprache, Lebensart und Denkgewo'hnheiten eines anderen Volles erziehen, sondern in bezug auf di» Kultur ihres Stammvolles sie als wahre Ignoranten heranwachsen lassen, so haben wir es mit der Assimilation zu tun, wie sie im Leben der jüdischen. Familien West- und Mitteleuropas leider allzu oft zu beobachten war. Wenn nun diese natiorial-kulturelle Ignoranz der Heranwachsenden Generationen solche Formen angenommen hat, daß düse mit den Angehörigen ihres Stammvolkes gar keine Gemeinschaft mehr haben wollen, sich der Eingewanderten, die noch den alten Volkstypus repräsentieren, als armer Vettern schämen und Mhig zusehen, wie diese von jedem politischen Gassenbuben im Parlamente beschimpft, wie sie ihrer Rechte beraubt werden, ohne sich für sie „zu exponieren", wenn in der „völkerbefreienden Sozialdemokratie" die Heimatrechtspraxis eines Richter und die Mrrisendmachung eines Sever zur führenden Richtschnur werden konnten, ohne daß allen jüdischen Sozialdemokraten die Schamröte ins Gesicht gestiegen ist — dann hat uns die Unkultur der Assimilation ihre abstoßende Fratze enthüllt. Es ist dann kein Wunder, wenn in Zeiten politischer Entscheidungen dieser Gelteration jede Ungeheuerlichkeit gegen ihr eigenes Volk zugemutet wird, ja, daß diese Zumutungen rm Verhalten mancher Bolksgenossin selbst ihre traurige Rechtfertigung finden. Für die Angehörigen des jüdischen Volkes, die nicht ihre eigenen Kinder verlieren, sie nicht als Menschen ohne Rückgrat heranwachsen lassen wollen, die sich selbst nur in dem Ausmaße achten, als sie den anderen zum Verwechseln ähneln, ihr eigenes Volk aber aus Unwissenheit hassen und verachten, gibt es Nur einen Ausweg — den politischen Zusammenschluß, das energische öffentliche Eintreten für jüdische Interessen, um ein jüdisches kulturelles Leben rvieder zu ermöglichen. Wenn toir nur rin kleines Häuflein in dieser Stadt wären, wir müßten uns zusammentun, um als organisierte Einheit auftretrir zu können und nicht vereinzelt der völligen Ohnmacht zu verfallen. Mer wir sind unser mehr als 200.000, davon 100.000 Wähler. Es müßte mit dem Teufel zugehen, wenn es uns nicht — früher oder später — gelingen sollte, die politische Tribüne auch der Nationalversammlung zu erobern. Wersich der jüdischen Volksgemeinschaft zugehörig weiß, hat für die jüdische Lüste nach Kräften einzutreten. Die Wahlbewegung. Die „Demokraten" aus dem Kriegrdsade. , Dienstag fand im 2. Bezirke, und zwar im Spielz i m m e r des Cafe „Orient", wieder eine Versammlung der „demokratischen Liste" statt. Dieser Liste sind nicht weniger als sechs verschiedene „Parteien" ange schlossen, darunter der „Unpolitische Verband der Lebensmittelhändler": („Unpolitisch" soll also wohl ^Demokratisch" bedeuten.) In Wirklichkeit heißen die „Demokraten" w jedem Bezirke anders. In der Inneren Stadt neüpen sie sich --,Bürgerlich^Demorvaten", in , der Leopoldstadt ^Demokraten", in Währing „Ängestelliengrupp^ und so weiter. Daraus erklären sich die vielen „Parteien", die in Wirklichkeit nicht einmal eine richtige Partei ergeben, da die arischen Gruppen zwar Kandidaten, aber keine „demokratischen Wähler" liefern. In der nicht gerade zahlreich besuchten Versammlung lvurden unsere Argumente gegen die Sozialdemokraten verwendet, außerdem aberden Sozialdemokraten vorgeworfen, daß sie Wohnungen aus dem Erträgnisse der Wohnbausteuer bauen. (Diese verhältnismäßig geringe Steuer wird von uns nicht kritisiert.) Herr Dr. O r nstein erllärte, daß sich namentlich die „bodenständigen Juden" nichts verleiten lassen dürfen, für nationaljüdische Kandidaten zu stimmen. Nun, seit wann ist Herr Dr. Ornstein bodenständig? Soviel uns bekannt ist, stammt er aus Ungarn, so wie die meisten seiner Anhänger. Ungarn ist aber daS klassische Beispiel für die Unrichtigkeit seiner Ausführungen. Dort gab es keine Jüdischnatio-- nalen, und trotz oder vielleicht gerade wegen der widerlichen Assimilation der Juden an die Magyaren ist »ine starke christlichnationale Bewegung entstanden Dafür sehen wir in der Tschechoslowakei-wo mehr als die Hälfte der Juden sich bei der Volkszählung und bei den Wahlen zur jüdischen Nationalität fe* kannte, rin friedliches, weit gesünderes Neben- Und Mitrinanderleben von Juden und Nichtjuden. Auch der Präsident der tschechoslowakischen Republik spricht mit Achtung von den nationaljüdischen Bestrebungen. Noch rin Argument haben die Demokraten. Sie rechnen zwar nicht damit, daß. sie diesmal siegen, aber die Stimmenabgabe soll die Einleitung zur Reorganisition der /Demokratischen Partei" sein. Wir glauben aber, daß die „Reorganisation" auch nach den Wahlen Zeit gehabt hätte. Gegenwärtig werden nur einige allerdings wenige — Wähler verwirrt: Herr Dr. Ornstrin bemängelte es auch, daß die Jüdischnatkonalen gegen die Hakenkreuzler kämpfen, während feine Partei für den Frieden eintrete. (DaS wüte aber ein fauler ^Wieden.) Im übrigen seien er und sein« Freunde immer für die Demokratie eingetreten. Wie ist eS denn aber in der Kultusgemeinde, wo seine Anhänger vorläufig rwch die Mehrheit haben und ein ganz midemokratisches Wahlrecht Gegen Pogromhetze, gegen Pogromhetzer und gegen die Pogromleugner I Wählet Jüdisch I

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.