Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 9 (1927)
- Issue
- Heft 2919 (13.4.1927)
- Date
- 1927-04-13
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4 Men, Mttwoch Wiener ^Korg-«D^-ims rs. April 1997 Nr. 2919 - riskieren kann. Die Juden, die im Heiligen Lande leben werden, werden sich genau in derselben Lage befinden wie heutzutage die verschiedenen Bevölkernngsteile in den Vereinigten Staaten. Sic werden ihre konstitutionellen Rechte gesichert haben. Im allgemeinen regiert die Majorität, aber die Minoritäten werden religiöse, politisch«, bürgerliche nnd wirtschaftlich Gleichberechtigung genießen. Wenn die Juden hier in Rockaway in der Majorität ivären und zu entscheiden hätten, ob sie Juden in die Aemter einsetzen sollten, so würden sie innerhalb der legalen Grenzen des politischen Systems handeln, das in jedem zivilsiierten Lande vorherrscht. Wir stehen einem praktischen Problsn gegenüber. Die Juden Osteuropas sind höchst unglücklich. Sie sind durch den Weltkrieg und alle seine Folgen gegangen. Sie sind verarmt, und wir sind verpflichtet, ihnen beizustehen. Es gibt wenig Gelegenheiten für ihren Lebensunterhalt. Früher kamen sie in großen Mengen nach den Vereinigten Staaten, aber infolge der unglücklichen Einum nderungsquotcn, die ihnen tatsächlich die Tore Amerikas verschlossen haben, können sie dies jetzt nicht mehr. In Westeuropa bietet sich ihnen keine Gelegenheit, und auch in anderen Ländern haben sie gegemocirtig keine Chance. Jahrhundertelang haben sich die Juden danach gesehnt, ans dem Boden Palästinas zu leben. Jetzt gibt cs eine Gelegenheit oder ivenigstens die Möglichst einer Gelegenheit, daß einige von ihnen dieses Ziel ihres Ehrgeizes erreichen und dort das Leben führen können, das sie und ihre Väter erstrebten. Warum sollten sie es nicht, warum sollten sie nicht die Chance haben, welche j ene hatten, die ihre H eimat in Europa verließen und nach* den Bereinigten Staaten kamen? Ungeachtet aller anderen Erwägungen: In Palästina liegt die Hoffnung, die die Juden durch die Generosität und die Politik der britischen Regierung dank der Intervention von Dr. Weizmann erlangt haben. Wie können wir chrren das Geschenk dieser Hoffnung mißgönnen, die stets im jüdischen Herzen gewohnt hat? Während der Beschwerlichkeiten der Galuth haben unsere Väter um ihre Wiedereinsetzung in Palästina gebetet. An unserem heiligsten Feiertage erflehen nur dies. Seit Jahrhunderten sagen die Teilnehmer des Sederfestes: „Nächstes Jahr in Jerusalem." Es ist ein jüdisches Gefühl, das aus dem jüdischen Herzen nicht entfernt werden kann. Die Impulse sind vorhanden, Millionen menschlicher Wesen empfinden sie, haben sie seit ihrer Kindheit eingeatmet und eingesogen und sic niemals vergessen. Ich habe nicht die Absicht, nach Palästina zu gehen, aber einer meiner Söhne urrd seine Frau werden in kurzem die Reise antreten, um mit eigenen Augen das Lack» zu Ischen, von dem wir ausgegangen sind. Ich selbst föu «ft, um diese Reise zu unternehmen; ich beabsichtige, den Rest meines Lebens in den Bereinigten Staoäen zu verbringend Wer ich wäre nicht loyal gagenübor dem jüdischen Volke, wenn ich nrcht mit jenen sympathisieren würde, die vno-rt leben wollen. Es handelt sich nicht darum, th Herr - Ä., B. oder C. wünscht, hinüberzugehen. Es handelt sich nicht darum, ob wir die Juden, die nach Palästina gehen, begünstigen. Sie sind eben dort und werden weiter angezogen werden durch seine geheiligten Traditionen noch dann, wenn wir selbst nicht mehr aus dieser Eide weilen. Die Zeit ist gekommen, wo alle Streitigkeiten der Vergangenheit vergesien werden sollten. Zs ist unsere Pflicht — ob wir mögen oder nicht — dieser großen Bewegung beizuste- .)en, ohne Rücksicht auf irgend jemandes Lieblingstheo rien oder private Pas- /öonen. Es gibt noch eine andere Auffassung dieses Gegenstandes, die für mich von großer Bedeutung ist. Ganz gleich, ob wir wollen oder nicht wollen — ich spreche jetzt von den Nichtzionisten — verkündet die Balfour- Deklaration der Welt, daß die Juden in den Stand gesetzt werden sollen, in Palästina ihre Heimstätte aufzuschlagen, ohne daß der Status derjenigen verändert werden soll, die in irgendeinem anderen Lande der Welt leben. Niemand von uns ist verpflichtet, nach Palästina zu gehen. Das Land ist nicht groß genug für uns alle. Manche von uns können dem Zionismus mehr nützen, wenn sie dort bleiben, wo sie jetzt sind. Aber angenommen, wir würden jetzt unsere Hilfe und unsere Sympathie dieser Bewegung entziehen. Angenommen, daß die Juden der WÄt und die wohlhabenden Juden Amerikas tatsächlich sagten: „Wir wollen dies nicht, wir wollen nichts mit Palästina oder dem Zionismus zu tun haben." Was würde geschehen? Die Juden in Palästina wären nicht stark genug, um ihre Pläne durchführen zu können. Dies edle Experiment, das unternommen wurde, würde mißlingen, und die Juden Palästinas, die mutigen Chaluzim, würden zu Enttäuschung und Verzweiflung verurteilt sein, würden Bettler werden, unfähig ihren Lebensunterhalt zu verdienen, und würden der Fähigkeit beraubt sein, ihre Pläne durc^uführen, hauptsächlich wegen des Mangels an Unterstützung, die wir ihnen während des Anfangsstadimns ihrer Bemühungen hätten genxrhren sollen. Sonst stelle ich nie die Frage an mich: „Was werden die Nichtjuden sägen?" Aber in diesem Falle muß ich es tun. Was würde die Welt von einem in jeder Weise materiell gesegneten Volke sägen, wenn es feine helfende Hand von jenen mutigen Männern und Frauen zurückziehcn würde, di« Vorteil aus dem zu ziehen wünschen, was der Völkerbund den Ju-d-en gelben' Hat? Man loürde uns als unwürdig dieses Vertrauens anfehen, man ivürde uns als illoyal, selbstsüchtig, niedrigdenkend und bigott betrachten. Wenn wir unserem Fleisch und Mut den Rücken wenden — was würde die Welt von MitS denken? Niemals wieder wird eine solche Gelegenheit für das jMsche Volk kommen, ein großes Stück konstruktiver Arbeit zu fördern, das auf der Grundlage von Romantik und gesundem Gefühl aufgebaut roird. Warum sollten nrit keinen Gebrauch davon machen? Ms diesem Grunde ermahne ich meine Freunde, di« Nichtzionisten sind, dringend, alle anderen Ansichten, die sie bis jetzt hierüber hatten, beiseite , zu legen und ungeachtet der verschiedenen Richtungen Schulter an Schulter mit allen anderen Juden Juden an dem gesegneten Werk deS Wiederaufbaues von Palästina zu arbeiten." Nach einer eingehenden Polemik gegen die Kritiker deS Zionismus schloß Marshall: „Es wird gesagt, daß die amerikanischen Inden, die helfen, eine Heimstätte für Juden in Palästina zu schaffen, der.Belastung einer doppelten Nationalität unterworfen werden und daß ihre Position hierzulande weniger sicher iverden würde. Folgt dies wirllich daraus? Ich leugne dies. Wer wagt es, meine amerikanisch,2 Staatsbürgerschaft, meine Ergebenheit fttr amerikanische Institutionen in Frage zu stellen, nur weil es Inder: gibt, die eine Heimat in Palästina zu haben wünschen? Diese Tatsache kann mich selbst nicht 511m palästinensischen Bürger machen, fceöor ich dieses Privileg nicht verlange, nnd wenn ich um dieses Privileg ersuche, müßte ich auf meine amerikanische Bürgerschaf.ioerzichten. iJch habe keine Angst vor dem, was mir in den Bereinigten Staaten passieren könnte. Ich fürchte mich nicht einmal davor, daß man mich einen internationalen Inden nennen könnte. Vielleicht wäre es für alle Menschen gut, wenn sie ihre Sympathien erweitern und versuchen rvürden, jene zu verstehen, die unter anderen Umgebungen leben. Was würde aus den Massen in der ganzen Welt werden, wenn es kein Berwandtschaftsgcfühl zwischen Juden gäbe? Mit solch einem Popanz kann manuns nicht schrecken. Ich habe noch nie einen echtenAmerikaner getroffen, der einen solchen Borwurf erhoben hätte, und ich kenne viele, deren Väter von der „Mayflower stammen. Präsident Masaryk in Palästina. Besuch der Mischen NatlonalblMe! und der dedriilschen Bibliothek. Jerusalem, 11. April. Gestern um 9 Uhr vormittag besuchte Präsident Masaryk alle Abteilungen der jMschen National- und Universitätsbibliothek. Der Präsident wurde von dem Leiter des Instituts Herrn Dr. Hugo Bergmann begleitet und sprach überall seine Anerkennung über die musterhafte Anlage der Sammlungen aus. Hierauf begab sich' der Präsident zur Universität, wo ihn Rektor Dr. Magnes und Mitglieder des Professorenköllegiums begrüßten. Der Rektor informierte den Präsidenten über de» Plan der weiteren baulichen Entwicklung des Instituts sowie über das Programm der wissenschaftlichen Arbeiten und begleitete darm den Präsidenten in das anschließeirde Freilichttheater, von dem ans sich ein Panorama bis an das Tote Meer dem Auge erschließt. Der Rektor machte den Präsidenten auf die Ausgrabungen aufmerksam und führte ihn dann durch die Laboratorien. Der Präsident besuchte hierauf die Moschee zur „Himmelfahrt" und das russische Kloster am Ockberge, wo er sich in russischer Sprache mit der Aebtissin und den Schwestern unterhielt. Um halb 12 Uhr besuchte der Präsident in Begleitung des tschechoslowakischen Konsuls Dr. Frie den Oberkommissär, tvelcher gleich darauf den Besuch des Präsidenten im tschechoslowakischen Konsulate erwiderte. Am Nachmittage besichtigte Präsident M a s a r y k den englischen Militär>rcedhof am Soopus-Berge. Der Präsident, welcher vom britischen Oberkommissär Lord P lumer begrüßt wurde, legte in der Friedhofskapelle einen Kranz nieder. Sodann begab sich der Präsident zur tschechischen israelitischen Äownie, wo ihn Rabbiner Svnnenfeld begrüßte. Durch ein dichtes Spalier des akllamierenden Publikums fuhr sodann der Präsident in Begleitung des Leiters der zionistischen Palästina-Exekutive Obersten Kish und des Konsuls in die große Synagoge Jerusalems, wo er ebenfalls mit Gesängen und Gebeten begrüßt wurde. In der Synagoge wurden dem Präsidenten Oberrabbiner Kuk und zahlreiche Mtglieder der zionistischen Exekutive vorgestellt. Um 18 Uhr kehrte der Präsident ins Hospiz zurück. War»! Wer (eint VaUftlnadnttUe. Prag, 12. April. Ein Berichterstatter des „Prager Tagblatt" hatte mit dem Präsidenten Masaryk eine Unterredung. Der Präsident sagte, es sei interessant und großartig, was in Palästina die Juden unternommen haben, und zwar mit großer Aussicht auf Erfolg, da Begeisterung mtb G eldmittel reichlich vorhanden seien. Ein schwierige^ Problem bestehe jedoch darin, ob die Juden jemals die Majorität im Lande haben wer-* den. Masaryk sprach sodann über die in Palästina gegründeten Kolonien wtb meinte, daß diese auf Moral und freier Entschließung gegründeten Kooperativen große .Sympathien erwecken. gudenschvtz. Unfreier Blick, unfreies Wort; Bereitschaft, den ärmeren Bruder preiszugeben, ivenn man dadurch besser fortkommt; maßlose Frechheit wenn man gut ang^chrleben ist und sich sicher fühlt, entsetzliche Kriecherei, wenn man besorgen muß, dem „Herren" nicht zu Gesicht zu stehen, und beginnt sich sehr unsicher zu fühlen; Hausjuden, Muckertum, Knechttuin; Unaufrichtigkeit, Entwürdigung, Seelennot — alle diese traurigen Merkmale jüdischer Depravation hat die altehrwürdige Einrichtung des Judens chutzes verursacht. „Du bezahlst — ist schütze dich." Einst wurde dieser Kontrakt ganz eindeutig, aufrichtig abgeschlossen. Der Potentat, der die „königlichen Kammerknechte" schröpfte, der Adelsherr, der die Judenhäuser am Fuße seiner mächtigen Burg duldete und Schutzbriese ausstellte, die Stadtverwaltungen, welche die Juden einluden, Ghetti in ihren Stadtmauern zu beziehen — diese Vertragspartner des unstet durch Europa wandernden, hier und dort Sicherheit und Erwerbsmöglichkeit suchenden Judentums traten ihren Juden — es war ja die Zeit der eisernen Ritterrüstungen — mit offenem Visier entgegen. Für die Gesundheit der jMschen Psyche hatten diese Clara pacta ihre unleugbaren Vorzüge. Warst du ein Mensch zweiter Ordnung, Urgroßvater, so ließ man dich doch wenigstens nicht im unllaren darüber, wie die Umwelt zu dir steht. * Binsenwahrheit: die Judenemanzipation, die später kam, war keine Emanzipation vom Judenschutz. Das Verhältnis zwischen Juden und Mchtjuden wurde verlogener, verlogener, heraus mit dem Wort: schmutziger! Mit Freiheits- und Gleichheitsphrasen auf den Lippen kroch der emanzipiert« Jude unter, zahlte besser, nur heimlich, und zahlte doppelt: mit Geld und mit der Entfremdung von seinem Volke. Wer Theodor Herzls Parole richtig versteht, wer den Mann preist, der den Begriffen Judennot und Judenschicksal die zwei neuen Begriffe Judenvolk und I u d e n l a n d entgegensetzte, der weiß, daß Theodor Herzls Wollen und die von ihm begründete Bewegung in ihrem tiefsten Sinne die Emanzipation v 0 nIudenschutz anstrM, von Judenschutz der Machthaber, Parteien und Klüngel. Deshalb verlangen wir das primäre Recht auf die eigene Nation, ohne das die Reinigung der menschlichen Gesellschaft von der Schmach des barbarischen offenen Judenhasses und des die Herzen veregistenden, die Seelen krümmenden, jeden Kulturfortschritt hemmenden oder zumindest verkleinernden, maskierten Antisemitismus nicht denkbar ist; deshalb bauen wir unter der Aegyde des Völkerbundes und der öffentlich-rechtlichen Sicherung unsere Heimstätte in Palästina, weil wir nur -durch, den Besitz und die allmähliche Erhöhung eines jüdischen Gemeinwesens als Volk in der Bölkcrsamilie legitimiert sind. Kann es nach den Erfahrungen der Jahrhunderte, nach der schärferen Beobachtung und besseren Erkenntnis der Lage des Judentums, wie sie seit dom Auftreten Theodor Herzls allmählich überall durchgedrungen ist — kann es für einen jüdischen Zeitgenossen zweifelhaft sein, daß dieser österreichisctv Wahlkampf leider im Zeichen des Jud en sch utzessteht? Das Wort „Judenpunkt" hat — freilich erst seit der zionistischen Aera — einen doppelten Sinn. Bei den Antisemiten bedeutet cs „Bekämpfung des Judentums", bei den Sozialdemokraten ist es mit den bewußt-jüdischen Postulaten identisch. Beide laden die Juden ein, für sie ihre Stimmzettel abzugeben, der in diesem Falle so wertvoll ist, wie seinerzeit das Bargeld war, wenn ein Potentat, Hochadeliger oder eine Stadtverwaltung Juden gegen Bezahlung unter ihren Schutz nahmen. * Du bezahlst mit dem Wahlzettel — ich lasse die Meute der Judenhasser bis auf weiteres nicht von der Kette." Der Jude, der diesen Judenschutzpakt eingeht, ist nicht wert, den Weltkrieg überlebt zu haben, der Jude, welcher die Einheitsliste wählt, kann auch durchaus vorurteilslose Nichtjuden auf den Gedanken bringen, daß die Judenfeindschast denn doch ihre Berechtigung haben könnte, wenn Söhne und Töchter dieses Volkes solcher Felonie fähig sind. Komplizierter, verklausulierter ist der Judenschutzpakt, welchen die Partei derösterreichischen Sozialdemokraten anbietet. Beeinflußt von ihren assimilatorischen jüdischen Führern, hat die Repräsendanz des österreichischen Proletariats — kein österreichischer Arbeiter billigt es, wenn man ihn darüber befragt! — den Juden das Recht auf die eigene Nation aberkannt, unsere ■ Bemühungen um die jüdisch 0 Rdnaissanes und ihre wichtigste Tat, das Palästina-Werk totgeschwiegen oder angefeindet; hat Verrat am eigenen Programm begangen, indem sie durch gesetzliche, aus die Ostjuden zugeschnittenen Maßnahmen den jüdischen Proletarier und Kleinbürger vom Heimatsrecht ausschloß und politisch entrechtete; hat durch Ausweisungspraxis und Fernhaltung der Juden von den Aemtern -den traurigen Beweis erbracht, baß auch die Jünger der Juden Marx und Engels Sinn Und Eignung für praktischen Antisemitismus betätigen können. Ja, sie hat dadurch, daß sie mit der Herrschaft i n Wien in n i ch t ge r i n gern M a ße auch die antijüdischen Praktiken der C h r i st l i ch s 0 z i a l e n ü b e r n a h m, der „Einheitsliste" geradezu die Berechtigung gegeben das Postulat „Judenbekämpsung"