Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 9 (1927)
- Issue
- Heft 2919 (13.4.1927)
- Date
- 1927-04-13
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 2919 Wien, Mittwoch Wiener Morgenzeitung 13. April 1927 Sei te 3 Wische Mhlerversammlmrgerr in den westlichen Bez rken. Die Wahlbewegung in den westlichen Bezirken Wiens ist in vollem Gange. Donnerstag, den 7. d. M., fand, wie bereits kurz berichtet, im Saale der «Glocke", 7. Bezirk, Neubaugasse, eine Massenversammlung statt, die Wer alle Erwartung gut verlief. Hunderte Menschen konnten wegen Ueberfiillung des großen Saales keinen Einlaß mehr finden. Es sprachen Bezirksrat K o h n. Dr. Bernhardt, Dr. Felix und Oberbaurat Ing. Stricker, welch letzterer von der Versammlung mit stürmischen Ovationen begrüßt wurde. Stricker führte aus, daß es eine Iudensrage in Oe st erreich gibt, die nur durch eigene jüdische Mandate gelöst werden kann. Alle anderen wahlwerbenden Parteien lehnen nach der Wahl das Eintreten für jüdische Interessen ab. Die Zuhörer folgten den Ausführungen der Redner mit vollster Zustimmung. Unsere Kandidatur in den Bezirken Mariahilf, Neubau und Josefstadt ist in dieser ersten Massenversammlung mit ganz außerordentlicher Begeisterung ausgenommen worden. Samstag, den 9. d. M., fand unser zweite Massenvesammlung statt. Es sprachen Dr. Desider Friedmann und Gemeinderat Dr. PlaschkeS. Dr. Friedmann sprach zunächst über das alte und neue Oesterreich und seine Wahlgeometrie. Die Uneinigkeit der Juden im Wahlkampf bringe es mit sich, daß die Juden, die ein Zehntel aller von Wien zu vergebenden Nationalratsmandate und Gemeinderatsmandate zu besitzen hatten, von den nichtjüdischen Parteien umworben werden. Der Antisemitismus verschiedener Richtung hat sich in der „Einheitsliste" gefunden. Die Sozialdemokraten a b e r k ü m me rnsichnichtumjüdischeFragen und in der Praxis sind sie gleichfalls antifemet i s ch. Verantwortlichkeit der Volksbeauftragten in jüdischen Fragen können nur die Kandidaten der jüdischen Liste garantieren. Die Christlichsozialen als programmatisch antisemitisch rollen in der Wahlzeit die antisemitische Fahne ein. Sie, deren Programm im wesentlichen ein dem Judentum feindliches Kulturprogramm ist, werben um Mische Stimmen, indem sie an angebliche Gemeinsamkeiten unserer Wirtschaftsinteressen erinnern. Die Sozialdemokraten aber, die im Wesen ein den breiten jüdischen Massen entgegengesetztes Wirtschafts- Programm vertreten, werben um rmfere Stimmen, indem sie an unser Kulturgefi'rhl appellieren, das sie jedoch in Wahrheit auch verletzen. Gemeinderat Dr. Leopold PlaschkeS führt u. a. aus: Eine Schande für das Wiener Judentum ist das Auftreten der Union deutschösterreichischer Juden gemeinsam mit antisemitischen Persönlichkeiten zum Stimmenfang jüdischer Wähler, wobei nur ja nicht die Wahlwerbung in Mischen Namen erfolgen darf. Ausführlich setzt sich Gemeinderat Dr. Leopold Plaschkes mit der antisemitischen Praxis der österreichischen Sozialdemo k r a t e n auseinander, die zum großen Teil den halbjüdischen Führern derselben zuzuschreiüen ist. der Heimatrechtspraxis, in der „Judeneinheit" der sozialdemokratischen Gemcindebeamtenschast, in der Verweigerung der unserem Kinderfürsorgewesm, unserer Jugendbildung «nd unserem Schulwesen rechtmäßig zukommenden Förderung, in der Ausschaltung d«S Rabbiners im Stadtschulrat erweist sich die österreichische Sozialdemokratie als ebenso antisemitisch alS die deklariert antisemitischen Parteien. Nur di« jüdischen Mandatare verbürgen uns die Zukunst deS jüdischen Volkes in Oesterreich, damit aber auch unsere Mtarveit an der Wiederaufrichtung des jüdischen Volkes in der ganzen Welt durch dm Aufbau Palästinas. Die Versammlung gab durch begeisterte Zustimmung den einhelligen Willen kund, ihr Schicksal durch eigene Vertreter in ihre eigenen Hände zu nehmen. DaS jüdische Wahlkomitee für die westlichen Bezirke macht die Bevölkerung auf eine Irreführung eines „Komitees der werktätigen Juden" aufmerksam. Es will im jüdischen VereinSheim Wählerfang für die Sozialdemokraten betreiben, indem es Wahlplakate erläßt, auf denen der Mische Wähler auf die Wahrung jüdischer Interessen aufmerksam gemacht werden soll. In dem Wahlaufruf des „Komitees werktätiger Juden" heißt es jedoch ausdrücklich, daß es jüdische Interessen zurckstellen will. Die Herren wollen aus der Uebersiedlung des Riehl m unseren Wahlkreis Kapital schlagen» übernehmen aber keine Verantwortung vor dem jüdischen Wähler in jüdischen Fragen. Einzig und allein die jüdische Liste ist und bleibt die berufene Vertretung der Judenschaft Oesterreichs. Das zionistische Ideal. Boa Loal» Marshali. Louis Mars-all hot rat 13. MLr» auf einem Meeting der vereinigten Palästina- Aktion in Far Rockawah eine Rede gehalten, die uns jetzt vorliegt, und die wir auszugsweise folgen lassen. Die Rede des Joirtt- Fübrers scheint uns bedeutsam, weil sie trotz aller Reserve gegenüber dem JudenstaatS-Gedanken doch eine gewisse Annäherung deS nichtzionistischen Kompazijzenten Weizmann an die ziomsii che Auffassung des Judenproblems ausdrückt. Es wird abzunra t.n sein, ob MarshallS Worte auch von den Gruppen akzeptiert werd:n, in deren Namen er das Abkommen mit dem P.ä i enten der zionistischen Weltorganisation unterzeichnet hat. Es gibt zahlreiche und verschiedene Standpunkte und viele Traditionen in bezug auf das Judentum, aber in seinem Wesentlichen ist das Judentum eine Sache. Es ist eine große Einheit. Unsere Aufgabe ist es, wie ein Mann zu stehen für die große Idee: ein Gott, ein Volk und ein Judentum, Der Zionismus hat in den letzten 25 Jahren Wunder vollbracht, indem er den jüdischen Gedanken unter unserer Jugend in der ganzen Welt gelveckt hat. Er hat eine Renaissance des jüdischen Lernens und der jüdischen Gelehrsamkeit hervorgebracht und das Hebräische rvieder zu einer lebendigen Sprache gemacht. Ec hat Tausenden von uns, die unserer Geschichte früher gleichgültig gegennbcrstanden, etwas gegeben, für das es sich lohnt zu leben und zu sterben. Warum sollte man ein solches Ideal picht als allen Juden gehörend anseh en? Der Zionismus hat di' Grundlage für die Universität in Jerusalem geschaffen, die hoffentlich einstmals einer der großen Lehrstühle der Welt werden wird. Ueberall sind die Juden hierdurch idealistischer geworden. Der Zionismus hat in vielen, die uns sonst verloren gegangen wären, das Judentum wiÄererweckt. Zweifellos gibt es Theorien im Zionismus, die nicht alle von uns akzeptiert werden können. Das ist aber auch nicht notwendig für eine Union mit denjenigen, die wirklich den Wunsch haben, in Palästina eine jüdische Heimstätte zu erbauen und es zu seinem einstigen Leben und seiner früheren Schönheit zurückzuführen. Ich würde mich vor mir selber schämen, wenn ich dem Zionismus oder seinen Idealen opponieren würde, nur weil es solche gibt, die keine Verwirklichung dieses Traumes wünschen. Manche sagen: „Wir haben keine Verwendung für den politischen Zionismus; roir wünschen keinen Judenstaat." Das ist ein . ganz besonderer Standpunkt, aber «r ist gänzlich unwichtig, wenn wir uns mit der Frage befassen, ob Palästina wieder aufgebaut werden soll. Es. liegt keinerlei Gefahr vor, daß noch in unseren Tagen ein Judenstaat errichtet werden könnte. Niemand glaubt, daß dies gegenwärtig praktisch durchführbar ist Diejenigen von uns, die ein ererbtes Gefühl für Palästina! haben, das jahrhundertelang ün Unterbewußtsein eines jeden Juden gelebt hat, sind zufrieden, andere dadurch! in den Stand gesetzt zu haben, im Lande unserer Väter zu leben und dort wirtschaftlich unabhängig zu werden. Niemand ist verpflichtet, MitgliB» eines Staates zu . werden, der nicht existiert und noch viele Jahre lang nicht Musik in Berlin. Von Kurt Münzer. Ueberall wo ln der Welt Musik gemacht wird, hat man jetzt einer Frau Dank zu sagen, einer soeben siebzig Jahre alt gewordenen: Luise Wolfs, der Inhaberin der größten Konzertagentur, Wolfs u. Sachs, in Berlin. Vom Anfänger bis zum Vollendeten, Solisten und Dirigenten, Orchester und Quartette: alle müssen vor dem Namen Wolfs Dankuitb Ehrenmal errichten. Wer irgendwie Musik liebt und tätigt, kennt sie, Luise Wolfs, seit Jahrzehnten im künstlerischen Geschäft der Firma akttv. Daß Berlin heute die größte Musikstadt der Welt ist, Patin jeder Größe, jedes Ruhms: die Stadt dankt es dieser Konzertdirektion. Oft sieht man sie, Frau Luise, still und freundlich in der Loge sitzen, wenn ihre LiebAngr konzertieren. Was für ein wundersames Leben dieses: ständig von Musik umströmt, für Musik werbend, arbeitend, selbstlos sich einsetzend, fördernd, Erfolg erzwingend. Ein , Leben mit den Schwierigsten der Menschen: Künstler! > Musiker! Eitelkeit gehört zum Ruhm. Mit eitlen Menschen! verhandeln, verkehren, sie menschlich lieügewinnen: es ist ein großes, tapferer Leben, das der Luise Wolfs. Jetzt, wv Furtwängler in Amerika verwöhnt wird, Ist rnan hier mn Erfolg bemüht. Das ist gut. Man bekommt die Dirigenten anderer Orchester im Reich zu hören, den Nachwuchs oder schon Fertig-, denen Dirigentensessel in Berlin aufgestellt ioerden sollten, warn es nicht schon so voll von ihnen. Jetzt hat E u g e n P a p st (aus Hamburg) die Philharmoniker mit seiner gesammelten Kraft, seiner gezügelten Inbrunst, mit einem Kunstwillen, der sich sofort dem Orchester mitteilte, überaus schön spielen lassen. Mahlers „Fünfte", die erste, rein iustrumentale Symphonie des Meisters, der von Jahr zu Jahr tiefer ins Volk rvächft, herrlicher unserm Verstehen aufgeht. Es ist leicht, diese „Fünfte" 8U einem großartigen Effektstück herauszuarbeiten, nicht nur der geistig-musikalische Gehalt ermöglichte es, auch formal fordert es fast dazu heraus mit seiner! Choralsteigerungen, seinem Adagiettogesang und den unerhötten Einfällen des Scherzos. Aber Papst entwickelte die Steigerungen tief musikalisch aus dem ganzen Satz, überfiel nicht mit Ueberraschungen, sondern legte das organische Gewächs dieser höchsten Musik bloß. Unter ihm spielte eine unbekannte junge Ellen Pallon Saint-SaenS Klavierkonzert. Mit einer Kraft, Ueberlegenheft, musikalischen Sicherheit und Durchdringung, die dem alten Bravourstück unerhörte Wirkung verlieh. Noch vor dreißig Jahren waren derartige Klavierbegabungen selten, heute hört rnan jede Woche einen großen Virtuosen, der noch dazu — mck oer Geistigkeit des modernen Menschen — wahre Musikalität in der Bravour entwickelt. Solch ein fertiges klavieristisches Phänomen ist diese junge schmale Jüdin. Ihre mageren Finger könnten den Flügel nicht so in Klang und Stimmung bringen, wenn nicht energiegeladene Seele bis in die Spitzen sie erfüllte. Das Klavier ist überhaupt der Liebling der heutigen Musik. Vielleicht weil von allen Soloinstrumenten es allein Fülle, Reichtum des Orchesters hergibt, weil es allein selbständig für sich besteht und keiner begleitenden Vielfalt bedarf. Felix Dyck bewiL, daß er moderne Stücke (Busoni, eigene Kompositionen, Balal'irew) besonders fertig, vorzüglich abschatttert, klanglich reich darstellt. Er ist einer von den vielen, die alles könttnr, doch den Funken, nicht haben. Vielleicht nicht die Persönlichkeit. Am Schluß wartete er mit einer Paraphrase über ein altes Lied auf, drei Klaviere, vier Frauenstimmen; es war im Klang zauberisch, aber großer Apparat wird doch nur für eine Niedlichkeit vertan. Der Funke springt über, wenn Walter Rummel Chopin spielt. Im Verborgenen spielt. Nicht nur in ejnem unglücklichen Pompsaal des Zoo, sondern unter Ausschluß. des»Publikums. Und was entgeht ihm! Man kann heute von keinem andererr Chopin so hören wie von Rummel, so entsentimentalisiett, fast herb männlich, mit süßer, doch ernster Kraft, mit einer Leidenschaft, die vielleicht mehr Rummel als Chopin ist. Aber hat einer die Fülle, darf er sie nicht Mitteilen? Hat einer ureigene Persönlichkeit, soll er nicht reproduzierend sie entfalten? Und es geschah nicht auf Kosten Chopins. Man hat diese Walzer, Preludes, Mazurken, diese Trauermarsch-Sorrate noch nie ähnlich großartig, rhythmisch vehement, dynamisch erhöht gehört! Die As-Duv-Polonäse, in diesem Winter von ri'.elen Großen gespielt, wurde bei Rummel ein Musikgemälde heroischen Stils. Die „Mühle" fand — zum ersten Male! — eine Gestaltung, die ihr Schöpfer hätte hören nrüssen. Unerhörte Technik verschtvand ganz unter der musikaAschen Gervalt, der man sich ausgeliefert fand. Ein unvergeßlicher Abend unter so vielen schönen und besonderen! Dieser Eindruck eines ungewöhnlichen Könnens verstärkt sich, tvenn man am nächsten Abend Jascha Spiwakowsky hört. Berlin, zäh und schwierig zu begeistern, bestätigte ihm den Wiener Erfolg. Man erlebte eine Musikalität, die sich an der Grenze von genial und genialisch marrifesttert. Eine Nuance mehr, und es wäre Entfesselung statt grade noch gebändigter Urkraft. Spiwakowsky baute Brahms' F-Moll-Sonate (was für ein opus ö!) so grandios auf, daß das Werk zum ersten Male völlig ausgedeutet und dargestellt schien. In der ganzen Schönheit und Größe seiner Jntuitton erklang es. Wie reiner Musiker dieser Mann ist, der rnät 25 hält, was ex mit 15 versprach, sah man in der zweiten Hälfte deS Progrannns, die leider — zur Begeisterung des Saals — aus lauter Zugabestückchen bestärk, die er ausgezeichnet exekutiette, aber ohne den Glanz und die seelische Erfülltheit, mit der er große Musik nachschafst. Er ist den größten pianistischen Aufgaben geistig gewachsen; das vollendet Technische versteht sich von selbst. Ganz mädchenhaft daneben spielt Margarete Mit Mozart, lieblich kraftvoll, rein und durchsichtig. Begleitet von dem fragwürdigen Kammerorchester Michael Taubes, dessen Trompeter aus einem Bach'schen Brandenburgischerr humoristische Strawinsky'sche Blaseffekte holte. Fünf Orchcsteretüden von Milhaud ließen die junge Künstlerin dann noch ihre Verve und Treffsicherheit zeigen, Stücke von. reizvollem Klang urck charakteristischem Rhythmus, lebendig im Geist der neuen Form, nicht spekulativ ersonnen, Ronrantik von heute. Claudio Arrau ist nun aus einem,Wunderkind zum jungen Mann geworden, von Mädchen schwärmerisch bejubelt. Mit Recht: er hat etwas vom großen Virtuosen, vom Podiumheld und Tastendämon, wenn er Li szt (H-Moll-Sonate) mit betörend ein Clan nur so hinlegt und in Strawinsky (Petruschka-Suite) den Flügel entfesselt. Er hat nicht die musikalische Substanz anderer, die allein zur Seele spricht; deshalb läßt auch sein Chopin kühl. Aber er blendet und betäubt. So hat er sein Spjel immer gewonnen. Ebenso gewinnt es überlegen der Norweger B i r> gib Hammer, der in modernen nordischen Sachen (Abgesang deutscher und französischer) technisch brilliert, aber mit dem lieber! Grieg und den: lieberen Sinding auch zurückgebliebene Damenherzen rührt. Dazwischen klingt glockenhaft EmmiLeisners Alt, zwei Sturzen BrahmS, bei ihr nicht zuviel. Eine Stimme von Herz zu Herz, ebenso gesühlsroie klanggesättigt. Am selben Abend trillert die F ran eil lo-Kaufmann, unverändert frisch, klar, sicher in einem Konzert von Erich Ochs, der aus Buenos Aires herbeieilte, um das Sinfonieorchester zu leiten. Eine Neuheit von Emanuel Moor war keine; spurlos geht doch die Zeit an vielen vorüber. Aber Winfried Wolf spielte Liszts ungarische Orchesterfantasie: die Jugend am Mavjex, die Knospe eines Künstlers, mit Ernst der Hingabe und Anmut des Anschlags den Saal gewinnend. Urck nun: die Wiener Sängerknaben! Klxiber rüstet sich gerade, mit ihnen im Staatliche S^anspielhaus die Berliner zu erobern. -