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Wiener Morgenzeitung · 1927-04-13 · Heft 2919 (13.4.1927) · p. Seite 2

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
9 (1927)
Issue
Heft 2919 (13.4.1927)
Date
1927-04-13
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 Wien, Mittwoch Wiener Morgenzeitttttg 13. April 1927 * Nr. 2919 iMAUi NikSkl mit Ul BMW! M i Mt WW Mlülleil! VW WD! WSSSVWnWWWWWVSWWWWMWmWSVWnWSWWWWVWWWS Ae werktätigen Hansjudev. -—v, Die», 13. April. Ein an die Juden Wiens gerichteter sozialdemokratischer LKrsmf ist erschienen n^rd wird in Massen verschickt. €5csmj Berbreitrmg gehört mit in das immer umfangreicher werdende Kapitel von dem Geldaufwand, mit dem die sozialdemokratische Partei mn die Mandate kämpst. Äe Propaganda ist tatsächlich in amerikanischen Dimensionen gehalten. Riesenhafte Plakate an allen Tafeln und Ecken, Gratiskinovorstellungen, Freilichtaufführungen, elektrische Wandelschriften; neue Zeitungen sind entstanden, sterbende Blätter aufgefrischt worden. Woher kommen diese Gelder, die schon in die Hunderte von, Milliarden laufen müssen? 50.000 bezahlte Agita? toten sind Ln Dienst gestellt worden. Die Briefträger seufzen viermal des Tages unter der Last der Flugblätter mrd Zweckschriften, in denen das Volk der Wähler belchtt wich, es dürfe, könne, müsse, solle unbedingt und unter allen Umständen nur diese eine Pattei wählen. Das wird jetzt auch den Juden gesagt. Die sozialdemokratische Partei tut das nicht selbst. Sie läßt sich in ihrer Hochnäsigkeit nicht so herab, daß sie an die sonst wegdementierten, vernadetten, bespuckten Juden, diese klerikale, kapitalistische, Oesterreich verratende Bande, direkt das Wort richtet. Nein, sie hat ihre Hausjuden. Der polnische Schlachziz und der magyattsche Magnat suchten und fanden immer für chre Schmutzgeschäfte den jüdischen Faktor, und je besser er mit den jüdischen Sitten und Anschauungen vertraut war, um so eifttger tat er die befohlene Pflicht. Er hatte allerdings ein sehr starkes moralisches Motiv: Gehorchte er nicht, dann flpg er mit , Frau und Kind auf die Straße. Die Faktore unserer soteU Schlachta haben dieses MottvnW. Sie folgen rinem inneren Antrieb. Der DÄchstoß in den Rücken üst ihre Freude. Sie sind Faktor? und nennen sich heuchlerisch „Komitee werktätiger Juden". Bon ihnen kommt der Mässenauftuf, der den jüdischen Wähler zur Lüge bringen soll. Dem jüdischer Warm. und der jüdischen Frau wird gesagt, daß die ecklgemeLn-en -jüdischen Forderungen, übet die die jüdische Bevölkerung noch nicht eindeutig entschieden. habe, ein internes Problem der Juden bilden. Das ist hohe Zirkuskunst. Hier ivird so getan, als obdie zionistischen PalLstinavrobleme aufgewllt. ttriitben. Aber in diesem Wahlkampf 'gcht es um ganz andere Fragen, um Fragen der jüdischen Existenz in Oesterreich selbst, um Fragen, die von den Zionisten aufgeworfen wurden, tudl'. doch nur Zionisten sich um die jMschen Dinge kümmern, die aber jeden Juden, welcher Stellung immer, üuf das lebhafteste interessieren. Wir kämpfen um. daS gleiche Recht - als Bürger, um die Ausbildung unserer. Jugend, um unsere politische und wittschaftliche Position. Wir . kämpfen gegen die Zurücksetzung in Verwaltung, Schule, Amt und Gerichtgegen jedwede Aeußerung des Antisemitismus. Darüber hätte die jüdische Bevölkerung noch " nicht eindeutig entschieden? Ja wozu leitet diesen Tblsttlf die Bemerkung ein, daß für uns Juden ,-noch mehr". als die bloße Verteidigung wirtschaftlicher Intern essen aus dem Spiele steht? Es ist sehr wohl richtig, daß uns die. Einschränkung der menschlichen und politischen Freiheiten droht,, und darum haben wir unser« Forde-. rungen saut und. klar zu erheben und zu vertreten; darum, weil es sich um unsere menschlichen und politischen Freiheiten handelt, wollen wir sie selbst schützen und sichern. Wenn nicht ich für mich bin,, wer denn? sagen die Sprüche der Väter. Die sind aber klerikal. Wer kämpft für unser Recht.? Im Jahre 1923 , das ist leider wahr — ist uns die jüdische Vertretung geraubt worden. Die Partei des zersetzenden Einflusses gemeinsam mtt der Partei der Freiheit hatten es nicht als eine Verletzung der menschlichen und politischen Interessen angesehen, 25.000 jüdische Wähler und Wählerinnen zu entrechten. Der Ausruf behauptet, daß alle jüdische Wahlwerbung der antisemitischen Reaktion Mandate zugesührt hat. Das. ist eine dumm-dreiste Erfindung. Aber die Tatsache besteht, daß damals der Mische Vertreter, für den 25.000 Personen gestimmt hatten, cruf Grund des famosen Wahlgesetzes als nicht gewählt gelten mußte und daß deshalb die Judenschäft als, solche ohne Vertretung blieb. Bon 1923 bis 1927. Was hat aber die Partei, die „für Verbreitung der allgemeinen Bildung und für die Freiheit der Hochschule kämpft", wie der Auftuf faktormäßig rühmt, was hat diese Pattei innerhall» dieser Frist für die Verteidigung des Mischen Rechtes getan? Sie hat jüdischen Schulen kein Geld, jüdischen Turnvereinen kein Lokal gegeben. Sie hat bie 'jüdische Vertretung im Stadtschulrat streichen wollen. Sie Nit den Hochschulskandal gewichten lassen, so sehr, daß :.uch ihre eigenen Parinassimilcmten zu Schaden gekommen sind. Der Antrag Leuthner, der den jMschen Auslandsstudenten rechtlos macht, ist wohl Lein so besonders philoscmitischer Akt; die generelle Ausweisung jüdischer Flüchtlinge, die Ablehnwlg jüdischer Hcimatrechtsgesuche, jülinge, die Ablehnung jüdischer Heimatrcchtsgesuche, jüdischer Beamter, jüdischer Wohnungswerber das hätten sicherlich die Christlichsozialen und die HakcNkrtuzler auch nicht anders gemacht. Der Zionistenkongreh war eine konfessionelle Angelegenheit, die der Herr Bürgermeister nicht mit seiner Anwesenhett bcchrte; gegen die Rcümustudenten ließ der Herr Landeshauptmann aus Scheu vor der Autonomie die Polizei nicht einschreiten; die Mischen Professoren und Dekane wurden nur in den Interpellationen der Sozialdemokraten erwähnt, sonst aber ohne wirksamen Schutz gelassen, den mtt Arierparagrapheu geschmückten Turnerkongrch der Hakenkreuzler begrüßte die sozialdemokratische Stadt durch einen offiziellen Atter. Darüber soll in diesem Wahlkampf nicht entschieden werden? Nein, sagt der Aufruf. Seine Bekenner ulnd Anfettiger schrtten: „Halt's Maul, Polischer!" Seine Bekenner reißen in der Leopoldstadt die Affichen für die jüdische Liste herunter, erzählen von Rosenkranz, Hakenkreuz und Zionsstern, von Chajes, der Kinder fesseln und prügeln läßt... O, sie sind sehr für die menschlichen und politischen Freiheiten, diese lverktätigen Hausjuden, die Profoßen der roten Garde. Eswttd ihnen nichts nütze», was sie an Verdrehung und Entstellung befehlsgemäß zu lttsten haben. Die jüdische Liste wird die Antwort sein. Die Wahlbewegung. Die Wahllokale. Der Wiener Magistrat wird in den nächsten Tagen in jedem Hause eine Drucksache zustellen lassen, aus der zü ersehen ist, wo das Wahllokal für dieses Haus sich befindet. Dieser Zettet ist an einer allen. Hausbewohnern leicht zugänglichen Stelle (Hausflur usw.) anzuheften. Er darf erst nach dem 24.' April entfernt werden. Es wird aufmerksam gemacht, daß die Unterlassung der Anbringung oder das vorzeitige Entfernen dieser Drucksache mtt Geldstraf e n bis ,zu hundert Schilling oder mtt Arrest bis zu.vierzehn Tagen belegt wird. Dark Prof. Me ümlMüe»? Unter den. kleineren Gruppen, die noch für die cnttisemittsche Einheitsfront gewonnen wsden sollen, befindet sich auch die Ude-Parte^ die in Steiermottk einige Chancen besitzt. Die Bemühungen der Einheitsliste gehen nun dahin, die selbständige. Wcchlbewerbung der Ude- Leute zu verhindern. Wie das chttstlichsoziäl« „Neuigkerts-Welt-Blatt" erfahrt, wird Professor Ude bei den kirchlichen Behörden um die Zustimmung zu seiner Kandidatur, ansuchen müssen, da er als katholischer Priester zu. ttnex^B^verhpW um ein Mandat die Einwilligung des Ordinariats eiNhölen muß, in dessen Juristikttpnsgebiet er lebt. Die Entscheidung hat Bischof Dr. Pawlikvwskr zü treffen. Sollte ein' Wer- ' bot der Kandidatur Udes erfolgen, so wird an seine Stelle als Listenführer 'des. Mp:-V^b<ncheSder Wiener Rechtsanwalt Dr. Eduard Liszt trete».' Jüdische WSHlerversammlimgr«. Heute Mttwoch. (Begiuu 8 Uhr abends.) Leopoldstaüt. Cafe Fetzer, 2. Bez., Praterstraße 8. Redner: Dr. Israel W al d m a n n, Dr. Josef L ö w e nherz. — Hotel Guth, Hollandstraße 14. Redner: Bezirksrat Plaschkes, Dr. Leopold Plaschkes, Oberbauvat Robert Stricker. ' — . Restaurant „Goldener Stern", Gr. Sperlgasse 37. Redner: Gemeinderat De. Leopold Plaschkes David Nebenzahl. Landstraße. Cafe Lovrana, Löwen-gasse 30. Redner: Kommerzialrat Max Markus, Dr. Leo GoldHammer- Dr. Desider Friedmann. Mattahils. Cafe Dobner, Getrejdemarkt 1. Retz-ner: Bezirksvat Dr. Weiner, Dr. Israel Wal dm a p n, Dr. -Max Schnabel. Josefstadt. Bereinsheim, Bennovlatz 1 a. Redner;. Bezirksrat Moritz Kohn, Dr. Max Bernhardt, Professor Dr. Heinttch Glanz. Alsergrund. Restaurant Weißmann, Seegasse 7. Redner: Dt. David. Roth bl um, Bezivksrat Dr. Weiner, Dr. Josef Löwen herz. Brigittenau. Restaurant Goldenes Schiff, Treust*. 74. Redner: Oberbaurat Robert Stricker, Dr.. Israel Wald ma n n. Morgen Donnerstag. (Begiun 8 sihr abends.) Leopoldstadt. Cafe Edison, Vereinsgasse 15, Ecke Dcmvingafse. Redner: Gemeinderat Dr. Plaschkes David Nebenzahl. — Zentralkeller, Taborstraße 8a. Redner: A. M. Ehrli ch, Dr. Leypold Plaschkes, Obexbaurat Robert Stricker.Verein „Rasche'Hilfe", Josefinengasse 7. Redner: Dr. Leopold Plaschkes, David Neben za hl. Alsergrund. Saal des Turnvereins Makkabi, Liechtenstei-nstr. 20. Versammlung der jüdischen Turnerschast. Referent: Ing. Oöerbaurat Robert Stri cker. Döbling. Gasthaus Payer, Silbergasse. Redner: Ing. Freundlich, Dir. Altmann, Alfred Weitzhut. Brigittenau. Restaurant Hacker, Rauscherstr. 5. Rtt>- ner: Dr. Plaschkes, David Nebenzahl. WahlmreNg der füdlfchen rurnerschaft. Donnerstag, de» 14. d. M„ findet im Lokal des Turn« Vereines Makkabi, 9. Bez., Liechtensteinstrahe 20, ei« Wahlmeeting der jüdische« Turner statt. Sprechen wird Oberbaurat Ing. Robert S t r i cker. Jugendsiche Gäste willkommen. Mische Studenten und Studenttnnen! Nur noch zwei Wochen trennen uns bon gen Wahlen. Habet ihr vergessen, daß ihr an den Hochschulen schutzlos dem Antisemitismus ausgeliefert seid? Wisset ihr nicht, daß ein Gesetz in Vorbereitung ist, das euch zu rechtlosen akademischen Bürgern erniedrigt? 'Begreifet ihr, daß nur bewußt jüdis ch t Derivate r, auf jüd if ch es Pvogramm g ewä.h,l^ eure Interessen vertreten fönnen? Ihr dürft nicht untattg abseits stehe», wenn es um eure Rechte und um eure Ehre geht. Wir fordern euch auf, euch vollzählig in den Dienst der Mischen - Sache zu stellen Md an der Wahlarbett tatkräftig teilzunehmen! Werbet für die »Mische Listet. Das Waylkomttee der Mischen Mudentenschast. - ■ - .. # .. , Anmeldungen zur Mitarbeit werden entgsgeugswmmen: a) Mensa aeademica judaica, 9. Bez., Zimmermamrplatz 8, bei Frl. Braunstein, täglich von 12 bis 8 Uhr. b) In der Lese- und Redchalle jüdischer HochschUer, 9. B^., Tüttenftraße 9, täglich von 4 bis 10 Uhr. c) Im jüdischen Wahlbureau, 2. Bez., Taborstvaße i, während des ganzen Tages. \ d) Fm jüdischen Agitationslokal, 9. Bez., Masevgafle Nr. 4a (Smttemtin), täglich von 8 bis 6 Uhr. »n We Wische SMO Melv! Seid ihr aÄ Zionisten an den Wahle« intereffrort oder nicht? Ueberlegt das selbst, nachdem ihr die Ausführungen eurer Freunde gehött.habt. Erscheinet alle in den Mischen Fugendbersanrmlungen, in welchen Studenten zu euch sprechen werden! Das Wahlkomitee der Mischen Studentenschaft. Jüdische Jugendversarnmlungen finden statt: Heute Mittwoch, 6 Uhr, im Saale der zionistischen Sektion, 3. Bez., ZittuSg..33. Redner: Ähaim Gelber, Leo Me n c z e r. Morgen Donnerstag, 8 Uhr, in der Lese- und Redehalle Mischer Hochschüler, 9. Bez., Wrkenstmtze 9. Redner: Dr. Sam. Sch me r ler, MoseS Landau. 6 Uhr, im Cafe DAlingerhof, 19. Bez., BillroMmße 49. Redner: Ehaim Gelber, Frau Franka Ritter mann. Samstag, präzise 3 Uhr, Lese- und Redehalle Mischer Hochschüler, 0. Bez., Dürkensttaße 9, M ä d ch e n v e r s a >m m >l u n g. Redner: Ehaim Gelber, Dr. S. S ch m e rke t, M. La n dau, Jakob Stark. ' ■ Gegen Pogromhetze, gegen Pogromhetzer und ■ gegen die Pogromleugner! Wählet Jüdisch! Hl

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