Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 9 (1927)
- Issue
- Heft 2918 (12.4.1927)
- Date
- 1927-04-12
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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SeHr 2 Wien, Dienstag Wiener Morgenzeitung 12. April 3927 9h. 2918 . — - —•— - :■ - - - - -—7--.—- — ' - T* Stärket den Jüdischen Wahlfonds 1 Einheitsliste und Antisemitismus Sine Rede der Bandeskauz lers Seipel. Der Bundeskanzler D r. Seip e I hat gestern in Klo st er neuburg eine Rede gehalten, in der er sich mit der Inden frage beschäftigte. Er tat dies, wie er sagte, als Führer der Einheitsfront, wobei er die antifemitifche Einstellung der christlichsozwlen und großdeutschen Parteien betonte. Diese Parteien glauben, eine Einheitsfront mit Liberalen und Demokraten bilden zu können, da doch die ''Aufgabe des Nationalrates in der nächsten Legislaturperiode, tvie Dr. Seipel wörtlich erklärte, nicht etwa die Lösung der Frage des Numerus clausus sei. Hier mußte der Bundeskanzler doch auch an den Riehl denken, dessen gesamten Lebensinhalt doch der Numerus clausus bildet, und der Redner fand die Formel, er könne niemandes ' Mitwirkung ablehncn, der guten Willens ist, die Prinzipien des Rechtsstaates zu verteidigen. Welches sind diese Prinzipien? Sind es die der Demokratie oder die des Riehl? Die Demokratie, die Seipel gegen den Bolschewismus verteidigt und für die er auch die Juden anruft, will das Recht; Riehl will den Pogrom. Uind Riehls Name (mit Schulz und den anderen) auf der Einheitsliste will doch nur besagen, daß der Rechtsstaat durch das Kompromiß mit dem Pogrom kompromittiert worden ist. Daran kann auch die bündige Versicherung des Bundeskanzlers materiell nichts ändern, „daß von seiten der der bürgerlichen Einheitsliste vereinigten Parteien während der Dauer der Einheitsfront nichts unternommen werden wird, das das Zusammenarbeiten ihrer aller unmöglich machen müßte. Ist die Wirtschafts- und Rechtsordnung wieder gefestigt und gesichert, dann tritt ohnehin eine Scheidung der Geister ein, dann werden sich die Parteien wieder nach ihren sonstigen Programmen gruppieren und nicht mehr ausschließlich nach den Gesichtspunkten der, Wirtschaftsordnung." Denn diese Einheitsfront bindet nichts als der Antimarxismus, der nur ein anderes Wort für Antisemitismus ist. Wenn das Haus brennt, sagt Dr. Seipel, ruft man den Feuer-' wehrmann-. Aber doch nicht den Riehl mit dem Gummiknüppel! Dr. Seipel ruft aber außerdem noch die Juden, denen er sagt: „Daß ich selbst als christlichsozialer Parteimann zum christlichsozialcn Prograinm stehe, weiß alle, Welt. Für ich als Bundeskanzler aber und auch als Führer' der Einheitsfront gibt es eine Iu den fr a ge nicht. Als Haupt der Bundesregierung habe ich darüber zu wachen, daß die verfassungsmäßige Gleichberechtigung aller Staatsbürger von jedermann gegen jedermann eingehalten werde. Ich habe dies bisher im vollen Umfange getan und werde esauch weiter tun. Niemand und nichts wird mich dazubringen, von dieser Linie abzugehen. Die Gleichheit aller vor dem Gesetz, ohne Unterschied der A b st a m m u n g u n d des Bekenntnisses, ist und bleibt die Richtschnur meines Handelns als Kanzler. Dies liegt ebensosehr im Interesse der Juden als der Nichtjuden. Selbstverständlich müssen auch diese die Gewißheit vollen Schutzes habend" Wir möchten fragen, ivann die Nichtjuden die Gewißheit vollen Schutzes vor den Juden vermißt haben? Di-eje Unterstellung ist wieder der zersetzende Einfluß des Riehl und es ist höchst beschämend und höchst traurig, daß dem so ist. Die jüdischen Wähler werden auch diesen sehr verklausulierten und sehr verwässerten, an Bedingungen, geknüpften Zusicherungen die jüdische Liste cntgegcnhalten. Das wird die beste Antwort auf den Feuerwehrmann Riehl sein. Nu Probegalopp für die Rationalratswahlen in RiederWerrrich Eine der Errungenschaften des Umsturzes touren die sogÄwnntcn B a u e r n k a m nt c x. u. Sie wurden in einer Zeit geschaffen, als es noch nicht foststand, ob nicht in Oesterreich auch eine Abkehr von Demokratie und Parlamentarismus eirrtreten und ob nicht nach russischem Muster mit öer Wahrung der öffentlichen Interessen Räte der Dauern, Soldaten und Arbeiter betraut werben würden. Aus den Bauernkammern wurde schließlich ein Zwitterding zwischen berufsständischrr Ztvangsgenossenschaft (nach dem Muster der Gewerbegenossenschaften) und beratender Jnteressentenkammer (etwa gleichgestellt mit den Handels- und Arbeiterkammern). In der Folge bedeutete j die Herrschaft in diesen Bauernkammern auch einen großen Einfluß auf das G c n o s s e u s ch a f t sw c s e n. In der nicderösterrcichischeu Landeslandwirtschaftskammec ist znm Beispiel die Gcnossenschaftszcntralkasse durch fünf Delegierte vertreten. Auch auf die Zollgesetzgebung und die Führung der Handelsvertragsverhandlungen wirken sich die Bauernkammern mit immer mehr steigendem Einfluß aus. Den sonntägigen Wahlen wurde um so größeres Interesse entgegcngebracht, als sic die ersteren Rückschlüsse auf deu Erfolg jener Agitation zulassen, die im Nachhang zu dem Krach der Bauern bank, an dem namhafte christlichsozialc Bauernbündler beteiligt waren, gestatten, und schien auch — obwohl das Wahlrecht in die Kammern ganz anders geartet ist als' das für den Nationalrat und Landtag — als Probe für die kommenden Nationalvats- Ivahlen gelten können. Es hat sich nun gezeigt, daß der christlichsoziale Bauernbund seine Positionen durchwegs behauptet hat. Die Sozialdemokraten haben zwar um etioa dreieinhalbtausenib Stimkncn zugenommcn, aber damit nicht einmal ihren Mandatsbesitz vermehren können. Die Groszdeut scheu und L a n d b n n d l c r, die diesmal gesondert kandidierten, verlieren ein Mandat an die Christlichsozialcn. „SnU’s Moni, Mischer!" Aus dem Komitee der werktätigen Juden. Am Sonntag vormittags hat im Cafe Kosmos in der Siebensterngasse eine Versammlung jüdischer Wähler stattgefunden, die bereits bei Eröffnung überfüllt war. Die Kandidaturen der jüdischen Liste wurden unter stürmischem Beifall von der Versammlung akzeptiert. Während der Rede des Oberbaürates S t r i ck e r machte sich eine Gruppe des von deu Sozialdemokraten gebildeten „Komitees werktätiger Juden" durch Störungs- Versuche auffällig. Die Herren hatten unter Führung des Ortsschnlrates Julius Alt an einem Tische Platz gAtommcn. Ein Vcrsaiwnlungsteiln'ehmer berloahrte sich gegen die von diesem Tische kommenden Bemerkungen. Darauf wurde , ihm von einem dcr'ddrt Sitzenden zugerufen: „Halts Maul, P o l i s ch c r!" Diese Frechheit gab Anlaß zu großer Erregung. Herr Alt erklärte, er sei nicht der Zwischenrufer gewesen. Als wieder Ruhe eintrat, setzte Oberbaurat Stricker sein Referat fort. Als er die Vernachlässigung des jüdischen Kinderfürsorgewesens durch.die sozialdemokratische Mehrheit besprach, wurde ihm von demselben Tisch aus zugerufen: „Kardinal Piffl und Oöcrrnbknner Chajes leiten eine Kinderbewahranstalt, in welcher die Kinder mit Ketten gefesselt und gepeitscht werden!" Diesen Worte folgte ein Sturm der Entrüstung. Diesmal konnte der Zwischenrufer sofort festgestellt werden. Es ist - - ein Zuckerbäcker Breuer vom dteübau. Er wurde von Stricker zurechtgewiesen, worauf Ortsschülrat Alt aufsprang und rief, daß er dieBehauptungBreuersbestätige. Es wurde ihm geantwortet, daß diese Verleumdung öffentlich angeprangert werden wird. In solchen Zwischenrufen und Behauptungen besteht die Wirksamkeit des Komitees werktätiger Juden. Die jüdischen Wähler, insbesondere die „Polifchen", denen von sozialdemokratischer Seite das Maul halten befohlen wird, mögen diese ihre Freunde erkennen, fiir die sie doch nur Stimmvieh find. Las Wahlzuckerl für Die Kleinrentner. Zinsenzuschüsse für Besitzer von Gemeindeanleihen. Die Wahlparole des Verbandes der Sparer und Kleinrentner, sozialdemokratisch zu wählen, soll belohnt werden. Gestern wurden die Verhandlungen zwischen der Gemeinde Wien und dem erwähnten Verband beendet. Das Ergebnis ist folgende Vereinbarung: Bis zum Inkrafttreten einer bundesgesetzlichen Regelung hinsichtlich der Kleinrentner tvidmet die Gemeinde Wien alljährlich eine Million Schilling. Aus diesem Betrage werden Besitzern von Teilschuldverschreibungen der Gemeinde, die diese Schuldverschreibungen vor dem 1. November 1619 erworben haben, österreichische Bundesbürger sind und ihren Wohnsitz ln Oesterreich haben, Zuschüsse zu den Zinsen det Schuldverschreibungen gegeben. Für die Beurteilung des Einzelfalles gellen die Bestimmungen der §§ 1 bis 4 des Leibrentnevgesetzes als Richtlinien, jedoch wird der Zuschuß auch gegeben, wenn die Jahreszinsen weniger als 300 Kronen ansmachen. Die Beurteilung im Eirizelfall obliegt einer vonr Bürgermeister zu ernennenden sechsgliedrigen Kommission des Gemeinderates, der auch ein Vertreter des Verbandes der Sparer und Kleinrentner angehört. Anmeldungen von Ziesenansprüchen werden schon jetzt in der MagistratSabtcilung 4 cntgegengenommcn. „An «Niere lieben gudsnl" Ein sozialdemokratischer Aufruf au die Wiener Juden. Wenn jemals, so ist bei diesem Wahlgang das schmachvolle Wort „Wahlghetto" aktuell gelvorden, und der Aufruf „An die Inden Wiens", den die österreichische Sozialdemokratie durch ihren Vermittler, das »Wahlkomitee werktätiger Juden Wiens" erläßt, ist ein trauriges Dokument, geeignet, jeden Inden, der noch auf Selbstachtung, Würde und Wahrhaftigkeit hält, mit Scham für die jüdischen Drahtzieher zu erfüllen, die diesen Aufruf verfaßt haben. Wir zitecen einiges aus dem Aufruf: „Angesichts des bevorstehenden Ringens um die Nkacht in Bund und Gemeinde, des Kampfes um Fortschritt und Freiheit, um die Festigung der republikcmi- . scheu Staatsform treten derzeit die jüdischen Forderungen zurück." Also: Ihr habt sozialdemokratisch zu wählen und dürft nicht fordern, daß die von der sozialdenrokratischen Majorität ebenso wie in der Lueger-Zeit „hochgehaltene" I u d e n r e i n h e i t der A c m t e r aufgehoben, die Gleichberechtigung der Inden t a t s ä ch l ich d u r ch g eführt wird; ihr dürft nicht fordern, daß die antisemitische H e im a t r e chts prax i Z, wie sie die sozialdemokratischen Machthaber skrupellos, üben, beseitigt wird. Ihr inüßt es freffcn, wenn wir klipp und klar die jüdischen Forderungen zurückstellen, . also des bestehende Unrecht aufrecht halten und ihr müßt doch sozialdemokratisch wählen! Nicht anders hat man die Juden behandelt, als man sie einlud, mit dem gelben Fleck behaftet, das Leopoldstädter Ghetto „Im Werd" zu beziehen. Nur war damals Bargeld das das Zahlungsmittel, jetzt ist es der Wahlzettel. Und die damaligen jüdischen Unterhändler waren wahrlich verantwortungsvoller als der Kultusrat Dr. Bader, der die Verantwortung für diesen Aufruf übernimmt. Weiters: „Niemand darf und kann uns das Recht nehmen, uns als Juden zu bekenne n," läßt die sozialdemokratische Parteileitung ihre neuesten Hausjuden ausrufen. Niemand? Die österreichische Sozialdemokratie darf und kann e§, dank der Machenschaften ihrer assimilatorischen jüdischen Führer. Sie hat als die einzige sozialdemokratische Landespartei den Juden d a s R e ch t auf die eigene Nation baren th alten, hat dem alllveltlichen Wiener Zionistenkongreß, auf dem auch die jüdische Arbeiterschaft vertreten tvar, ihr Mißachtung znm Ausdruck gebracht, indem der sozialdemokratische Bürgermeister diesem Kongreß die Begrüßung versagte. Sie hat bis zum Beginn des Wählkampfes in ihrem Parteiorgan antisemitelt und die Vorgänge an der Universität einen Kampf „zwischen Hakenkreuzlern und Hakennäslern" genannt, „der die Proleiarier nichts angeht". Nichts kann willkommener sein als die weiteste Verbreitung dieses famosen Aufrufes „An incine lieben Juden" :— tatsächlich jenem vergleichbar, den die oberste Heeresleitung der Zentralmächte in Polen von den Fliegern abwerfen ließ. Dieser Aufruf muß den Zorn und die Empörung der frech genarrten jüdischen BevöNerung Hervorrufen und er wird sie veranlassen, geschlossen' f ü r d i e „I ü d i s ch e Liste" zu stimmen. Wahlmeeting der Wischen Lnrnerschaft. Donnerstag, dm 14. d. M., findet im Lokal des Turnvereins MakkaVi, 9. Bez., Liechtensteinstrasse 20, ein W n h l m e e t i n g der jüdischen Lmnier statt. Sprechen werden: Dr. Robert Willheim, Ing. Robert Stricker. Jugendliche und Gäste willkommen. Me Lelephon-Rnmmer unserer Redaktion ist ab- 6 Uhr abends jetzt ausschließlich NitMMer 31.086. Der Kino- und Plakat-Propaganda setzet eure Ueberzeugung entgegen! Wählet nur die Jüdische Liste!